Das irische Wetter

25/08/2018

Meine Palme die keine ist

Eigentlich erstaunlich, dass ich dem irischen Wetter bislang noch keinen Artikel gewidmet habe. Wo es doch so viele Klischees zu bereinigen und Phänomene zu erklären gibt…Anstoβ hierfür gab mir letztendlich die Palme in unserem Garten bzw. der Besuch meiner Freundin aus Schweden, die ihre Verwunderung zum Ausdruck brachte, dass es im doch recht “kühlen” Irland Palmen gibt. Und auch ich war nach unserem Hauskauf damals erfreut, stolzer Besitzer einer eigenen zu sein, die trotz unermüdlichem “Laubabwurfs” und zum Ärgernis meines Mannes unter meinem persönlichen Schutz steht. Tatsächlich sieht es an der Küste südlich von Dublin bei schönem Wetter aus wie an der französischen Riviera – dank der Cordyline australis, die in Irland und auch Groβbritannien weit verbreitet ist. Dieser aus Neuseeland stammende Baum, der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Europa kam, sieht einer Palme zum Verwechseln ähnlich und wird im Volksmund auch oft als solche bezeichnet. Genau genommen ist der sogenannte Kohlbaum nicht einmal im Entferntesten mit der Palme verwandt. Mit anderen Worten, es gibt leider keine natürlich wachsenden Palmen in Irland, aber es sieht zumindest so aus. Wenn ich meine “Palme” im Vorgarten behalten will, lasse ich das meinen Mann besser nicht wissen…

Exotische (Pflanzen-) Paradiese in Irland

Bleiben wir zunächst bei subtropischen Pflanzen, die es tatsächlich in Irland gibt. Und nicht nur die – selbst Gewächse aus der Arktis und Nordamerika gedeihen auf dem Grünen Fleckchen Erde inmitten des Atlantiks (Quelle: www.ireland.com). Genau dieser ist auch das Geheimnis oder besser gesagt der warme Golfstrom, dem Irland – insbesondere an der südlichen Westküste, das milde Klima zu verdanken hat. Selten sinken die Temperaturen im Winter unter null Grad und die sommerliche Durchschnittstemperatur liegt bei etwa 20 Grad (Quelle: www.irland.com). Wer geballt “Exotisches” in Irland sehen möchte, dem sei Garnish Island empfohlen. Das Inselchen vor der Halbinsel Beara ist von Glengariff aus per Boot zu erreichen und schon die Überfahrt ist ein Erlebnis. Der Robbenfelsen beherbergt eine beachtliche Kolonie photogener Seehunde und die Insel selbst wartet mit allerlei subtropischen Pflanzen auf, die den Eindruck erweckt, man sei irgendwo am Mittelmeer (Quelle: www.garnishisland.com).

Auch in der Landschaft des Burren im County Clare, dessen Name von dem irischen Wort Boíreann abstammt, das soviel wie “felsiger Ort” bedeutet, findet man trotz des kargen Erscheinungsbildes jede Menge mediterrane Gewächse, die dort unter ca. 900 verschiedenen Pflanzenarten und mit subpolaren Exemplaren im Einklang wachsen. Letztere haben wir ausnahmsweise mal nicht dem Golftstrom, sondern eher den Lichtverhältnissen im Burren zu verdanken. Vereinfacht ausgedrückt reflektiert das Kalkgestein das Licht und lässt die „Arktisblüher“, Überbleibsel der letzten Eiszeit, sich wie zu Hause fühlen. Es hat also auch indirekt irgendwie etwas mit dem Wetter zu tun.
Was meine Eltern in Deutschland mühevoll im Topf heranzüchten, gedeiht hier mal eben so auf, wie es scheint, unwirtlichem Geröll. So findet man zum Beispiel im Burren Nationalpark insgesamt 23 von insgesamt 27 in Irland vorkommenden Orchideenarten.

Mein persönlicher Favorit sind die übermannshohen Rhododendronbüsche, die zumeist in einem auffälligen Pink erstrahlen und wie “Gestrüpp” am Wegesrand wachsen. Deshalb muss auch jeder, der uns zur Rhododendronblüte (ca. Mai – Juli) besuchen kommt, mit mir in den Botanischen Garten nach Kilmacurragh, wo es eine Rhododenronallee gibt. Der Ableger des National Botanic Gardens in Dublin liegt beinahe ein wenig versteckt in den Wicklow Mountains und bei uns quasi um die Ecke. An sonnigen Wochenende kann es dort schon mal richtig voll werden, weil viele die ausgedehnten Wiesen mit Blick auf die Berglandschaft für ein Picknick nutzen. Unter der Woche oder in der Nebensaison ist man dort mitunter der einzige Besucher und man bekommt auf jeden Fall einen Platz in dem gemütlichen Café. Einer meiner absoluten Lieblingsorte :-)!

Aus dem “Sprachkästchen”

Aber nun zurück zum Wetter. Eigentlich wollte ich diesen Abschnitt wie folgt beginnen: “So wie die Eskimos ca. 100 verschiedene Worte für Schnee haben, gibt es in Irland ein ähnliches Repertoire um die unterschiedliche Intensität des Regens auszudrücken”. Das musste ich aber verwerfen, denn meine Recherche hat ergeben, dass es ein Irrglaube ist, dass die Inuit so viele Ausdrücke für Schnee haben. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass eigentlich die Schotten Rekordhalter der meisten Schneebezeichnungen sind. Insgesamt 421 sollen es sein und das, obwohl es in Schottland eher selten schneit (Quelle: www.focus.de). Das als kurzer Exkurs und Begründung warum dieser Abschnitt stattdessen nun wie folgt beginnt:

So wie die Schotten 421 verschiedene Wörter für Schnee haben, existiert in Irland ein Wortreichtum für den “flüssigen Sonnenschein”(liquid sunshine), womit wir schon bei Nummer 1 wären. Im Gegensatz zu Schnee in Schottland, ist man auf der Grünen Insel bekanntlich reichlich mit Niederschlag gesegnet. Doch ob man sich dafür in Regenkluft hüllt, hängt davon ab, ob es “runtereimert” (bucketing down) oder nur “spuckt” (spittin’). Drizzle (Niesel) ist nervig für die Brillengläser, aber noch nicht genug, um einen Schirm oder einen Anorak hervorzuholen. “Feuchter Regen” (wet rain) klingt doppelt-gemoppelt, aber die Iren wissen dann, dass man besser nicht das Haus verlässt bzw. sich wasserfest einpackt. Aber es gibt auch dazu noch eine Steigerung und neben “bucketing” ist das mein Favorit, da das Wort schon so klingt, als ob der Regen gegen die Fensterscheibe peitscht: “lashing”. Auf diverse Zwischenstufen und genaue Beschreibung der Tropfenform verzichte ich an dieser Stelle.

Was der Regen mit einem macht

In der Regel regnet es in Irland mindestens 1x am Tag, irgendwann und irgendwo. Manchmal scheint bei uns im Vorgarten die Sonne und im Garten hinter dem Haus regnet es. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dass man selbst bei strahlend blauem Himmel immer einen Regenschirm und eine Jacke einpackt. Wie oft habe ich mich anfangs darauf verlassen, dass bei keinem einzigen Wölkchen am Himmel der Regen an diesem Tag wohl ausbleiben wird und wurde eines besseren belehrt. Und wenn man das weiβ, lebt man gut damit. Denn so schnell wie der Regen kommt, geht er oft auch wieder, es sei denn “it’s down for the day” – es regnet sich ein.

Regnet es in Irland mal länger nicht bzw. herrschen eines Nachmittags auβergewöhnlich hohe Temperaturen in einem ansonsten verregneten Sommer, gibt einem der Arbeitgeber auch schon mal “Hitzefrei”. So erging es mir zumindest vor 2 Jahren als wir in unserem unklimatisierten Büro im Dachgeschoss in der Dubliner Innenstadt fast zerflossen wären. Pünktlich zum Wochenende gab es in diesem verkorksten Sommer wieder Regen und kühle Temperaturen. Unsere Chefin lieβ uns daher an einem besonders heiβen Tag früher gehen mit den Worten “Sonne in Irland muss man nutzen”. Und irgendwie ist das ein Motto, das man hier tatsächlich lebt und was vielleicht auch erklärt, warum manche sonnenhungrige Iren trotz krebsroter Haut dennoch nicht gewillt sind ihren Sonnenplatz aufzugeben.

Auch ich plane meinen Tag um, wenn trotz gegenteiliger Wettervorhersage (was meiner Meinung nach in 90% der Fälle so ist) auf einmal die Sonne scheint. Mein Mann amüsiert sich jedes Mal, wenn ich dann noch schnell eine Extra-Ladung Wäsche wasche, denn immerhin ist “Grand drying weather” (gutes Trockenwetter) und das ist wohl ein Standardsatz irischer Hausfrauen. Anpassung ist alles!

Am Ende will ich noch kurz eine wilde Theorie aufstellen. Die Iren sind ja allgemein als ausgeglichenes, lebensfrohes Völkchen bekannt, mit einer “Mañana-Mentalität” ähnlich der spanischen. Könnte das daran liegen, dass man einfach flexibel bleiben muss, um den Sonnenschein auszunutzen oder, was noch wahrscheinlicher ist, Dinge wegen des Regens aufzuschieben? Ein kurzer Regenschauer lässt sich im Pub gut aussitzen. Wenn es dann doch länger dauert, muss man sich beschäftigen und bei Laune halten. Nur trinken wird schnell langweilig und so kommt eine Gitarre oder Blechflöte ins Spiel (die passt sogar in die Hemdtasche und geht bei Regen nicht kaputt), um für Unterhaltung zu sorgen. Auch Geschichten erzählen oder ein wenig Klatsch & Tratsch austauschen kann ein beliebter Zeitvertreib sein, wenn man sich vor einem Regenguss unterstellen muss. Ob der Regen die Iren zu dem gemacht hat was sie sind oder ob sie sich einfach von nichts aus der Ruhe bringen lassen, ich weiβ es nicht.  Ihr “Geheimrezept” könnte jedoch so manchem gestressten Urlauber helfen. Also ab auf die Insel und die Regenjacke nicht vergessen!

Beste Reisezeit für Irland

Abschlieβend noch ein paar Tipps zu welcher Jahreszeit man Irland meines Erachtens(!) am besten besuchen sollte und zu welcher lieber nicht. Die Saison beginnt in Irland um die Osterfeiertage herum, wo auch die meisten Sehenswürdigkeiten wieder ihre Tore öffnen. Und tatsächlich finde ich den April herrlich, um nach Irland zu kommen. Die Natur erwacht zum Leben, der strahlend gelbe Ginster ist zumeist schon in voller Blüte und in den letzten Jahren kletterten die Temperaturen da bereits in angenehme Höhen. Ebenso ist der Oktober der perfekte Ausklang der Saison – mit weniger Touristen, dafür einer traumhaften Farbenvielfalt in der Natur. Abraten kann ich auf jeden Fall vom August! Erfahrungsgemäβ schleppt sich der Sommer gerade noch vom Juli in die erste Augustwoche und von da an scheint er erst einmal eine Pause einzulegen – zumindest kam es mir in den letzten 3 Jahren so vor. Zudem ist es der Monat, in dem die meisten Einheimischen ihren Urlaub – nicht selten in Irland – verbringen und somit dürften auch die Hotelkapazitäten vielerorts am Limit sein. Wer sich jetzt denkt, je ruhiger desto besser – erkunde ich doch Irland im Januar/Februar – auch der sei gewarnt. Vielleicht ist es zum Teil das Stimmungstief nach der magischen Weihnachtssaison, aber die ersten Monate des Jahres zählen für mich zu den trögsten überhaupt. Aber so wie die Intensität des Regens und das was man aus schlechtem Wetter macht, ist auch das Ansichtssache und wie sagen sowohl irische als auch deutsche Mütter so schön: “Du bist ja nicht aus Zucker!”

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