„Mein“ Gott und die Welt

13/06/2017

Ich bin nicht gläubig oder sollte ich eher sagen, noch nicht? Denn vielleicht ist es für mich an der Zeit, alte Ansichten zu revidieren. Normalerweise werden die Sichtweisen der Kirche oft als verstaubt und nicht mehr ganz zeitgemäß betrachtet. Für mich persönlich sind sie jedoch völlig neu. Und auch das Konzept einer „höheren Macht“, die Dinge leitet und nicht kontrollierbar ist, finde ich nicht mehr so abwegig wie noch vor ein paar Jahren.

Ich wurde in der ehemaligen DDR geboren und da war Religion nicht gerade an der Tagesordnung. Meine Eltern legten Wert darauf, uns christliche Moralvorstellungen als Bestandteil der abendländischen Kultur mit auf den Weg zu geben, aber der Fokus lag dabei mehr auf historischen Aspekten als auf spirituellen. Passierten unvorhersehbare Dinge, war von Schicksal die Rede, aber ich kam nicht auf die Idee, mich bei „jemandem“ zu bedanken, geschweige denn um Hilfe zu bitten. Das fällt mir nach wie vor schwer, aber meine streng atheistische Teenager-Meinung von damals scheint langsam zu bröckeln.

Immer öfter stelle ich mir die Frage, was eigentlich so falsch daran sein kann, sich mit seinen Ängsten und Nöten an eine höhere Macht zu wenden, wenn es einem Hoffnung und Kraft gibt. Und, ist es wirklich immer nur Glück, wenn alles „rund läuft“ ohne großes Zutun?  Oder andersherum, wenn einem trotz Bemühungen gewisse Sachen nicht gelingen und man später feststellt, dass man nur vor etwas bewahrt wurde, das nicht gut für einen gewesen wäre. Und würde einem der Gedanke eines vorbestimmten Weges nicht auch helfen Gegebenheiten zu akzeptieren, die man nicht ändern kann ohne deswegen ewig mit dem Schicksal zu hadern? Zu wissen, dass nur das, was für einen bestimmt ist, einen glücklich machen und ausfüllen kann bzw. dass alles was geschieht einen Sinn hat? Und ist es dann nicht auch nur fair, sich mal „irgendwo“ zu bedanken für das was man erreicht hat, wovor man beschützt wurde und wohin es einen geführt hat? Ob man diesen Dank an das „Schicksal“ richtet oder sich tatsächlich an (einen) Gott wendet, sei erst einmal dahingestellt.

Spiritueller Laie trifft auf sattelfesten Katholiken

Diese Gedanken kommen nicht von ungefähr, sondern inzwischen ist Religion ein Teil meines Alltages: mein Mann ist Katholik und das nicht nur laut Taufschein. Er lebt seinen Glauben aktiv mit allem was dazugehört. Und um ehrlich zu sein bin ich manchmal etwas neidisch, wie viel es ihm gibt und wieviel Kraft er daraus schöpft. Warum sollte ich mich also nicht auch einmal darauf einlassen?

Ich werde von ihm wiederum um meine Intuition beneidet; angeblich hätte ich einen viel besseren Draht zu Gott, sagt er. Und das hat ebenfalls seine Gründe: trotz meiner Angst vor großen Entscheidungen und davor  Verantwortung zu übernehmen, habe ich bereits etliche lebensverändernde Schritte gewagt; einzig und allein auf einem „Bauchgefühl“ basierend und oft entgegen aller Warnungen anderer und jeglicher Schwarzmalerei. Zugegeben, ich habe mich mit den meisten davon sehr schwergetan, aber letztendlich immer einzig und allein darauf vertraut, dass es sich richtig anfühlt. Und mein Mut wurde belohnt – mit vielen positiven Wendungen in meinem Leben, die mir einfach so zugeflogen zu sein scheinen.

Wer(s) glaubt…

Also entweder bin ich so clever und weiß immer, was das Richtige für mich ist oder es gibt tatsächlich einen Gott. Einen Gott, der es mir mit nur einer Jobbewerbung ermöglicht hat, in mein Traumland auszuwandern. Einen Gott, der mir bei der doch recht bescheidenen Auswahl an bezahlbarem Wohnraum in Dublin geholfen hat, die Wohnung zu finden, wo mein jetziger Ehemann als Nachbar wohnte und uns kurz darauf auf romantische Art & Weise zusammenbrachte. Einen Gott, der mir ohne mein Zutun zu einem Karriereschub verholfen hat, welcher mich wiederum davor bewahrte, meine eisernen Reserven restlos aufzubrauchen und somit in meiner neuen Wahlheimat bleiben zu können. Einen Gott, der mir nach unglaublich kurzer Suche das perfekte Auto und mit dessen Hilfe mein Traumhaus quasi vor die Füße gelegt hat, von dem ich nicht einmal gehofft hatte, es irgendwann zu besitzen. Keine endlose Suche und Kampf um Gebote beim Kaufpreis, was hier Standard ist. Nein, einfach so, die allererste Besichtigung, Blick auf’s Meer inklusive.

Auch mir werden ab und zu Steine in den Weg gelegt, so ist das nicht. Die Organisation unserer Hochzeit, zum Beispiel, lief nicht ganz so reibungslos ab. Im Gegenteil – alle unsere Pläne wurden von Problemen mit den Formalitäten durchkreuzt. Doch auch hier hat uns der scheinbare Rückschlag und die Absage unserer „Traumhochzeit“ die wohl spontanste Hochzeit in der irischen Geschichte beschert, die rückblickend betrachtet viel mehr in unserem Sinne war als die zuvor angedachte, perfekt durchorganisierte Riesenfeier.

Und ich könnte jetzt noch eine Weile so weitermachen mit Aufzählungen großer und kleiner glücklicher Fügungen in meinem Leben. Oft hört man dann „es hat halt so sollen sein“, was mich wieder zu meinen Anfangsfragen zurückbringt: Wer oder was bestimmt, ob einem etwas ohne große Anstrengung gelingt oder man sich daran die Zähne ausbeißt und es letztendlich doch erfolglos bleibt? Gibt es also diesen einen vorbestimmten Plan und demnach etwas Überirdisches, was einen lenkt und einem ein gutes Gefühl bei Dingen gibt, die „richtig“ sind und Gewissensbisse bzw. Zweifel bei falschen Entscheidungen?

Ich habe jedenfalls das Gefühl, genau dort angekommen zu sein, wo ich zum jetzigen Zeitpunkt in meinem Leben sein soll. Alles fühlt sich richtig und gut an. Ich denke das ist einer der Gründe, warum ich derzeit verstärkt nach einer Antwort suche, wer oder was mich hierher geführt hat.

Der Glaube kommt nicht über Nacht

Mein „Experiment“ läuft seit ca. 2 Jahren: mein Mann und ich gehen gemeinsam in die Kirche und ich mag unser „Sonntagsritual“. Anfangs habe ich noch gewitzelt und wollte mir eine Art „Pilgerpass“ zulegen, in dem ich dann einen Stempel für jede neue Kirche bekomme, in der ich einen Gottesdienst besucht habe. Inzwischen betrachte ich es mit ein wenig mehr Ernsthaftigkeit, was konkret für mich erst einmal heißt, dem Ganzen offen und unvoreingenommen gegenüberzustehen, ergo Vorurteile abzustreifen. Die Predigten sind tagesaktuell, regen zum Nachdenken an und bieten eine hervorragende Diskussionsgrundlage für meine Fragen rund um Religion und Glauben, die mein Mann danach jedes Mal geduldig beantwortet.

Wir haben uns katholisch trauen lassen. In erster Linie habe ich einer kirchlichen Hochzeit zugestimmt, weil ich wusste, wieviel es meinem Mann bedeutet. Andererseits konnte ich auch für mich persönlich nichts finden, was dagegen gesprochen hätte.

Theoretisch bin ich also schon irgendwie auf einer spirituellen Reise. Bei der praktischen Umsetzung steht mir mein rationeller Dickschädel noch ein wenig im Weg.

 

Passend zum Thema habe ich kürzlich diese interessante Reportage in der ARD gesehen.

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