Als Tourist in der Heimat unterwegs

27/07/2018

Vom Rucksacktouristen zum “Pack-Esel”

Als ich dieses Jahr unseren Urlaub plante, war alles anders. Ich war nie wirklich ein Weltenbummler gewesen, aber anstelle eines schicken Hotels durfte es schon gern mal ein Zelt bzw. Hostel sein und statt eines Autos das Fahrrad. Auβerdem musste nicht alles bis in kleinste Detail geplant oder vorgebucht sein. Am Morgen aufstehen mit nicht mehr als einem groben Plan wohin die Reise gehen sollte, war selbst für mich unspontane Person im Urlaub ein willkommenes Abenteuer.

Beim ersten Familienurlaub mit Kleinkind kann gar nicht genug geplant werden. Alles sollte gut organisiert und so wenig wie möglich dem Zufall überlassen werden. Uns auf ein passendes Reiseziel zu einigen, war da eindeutig die kleinste Herausforderung. Denn was bietet sich besser an als ein Heimatbesuch, bei dem man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt: Ich kenne mich aus und wir ersparen uns die Eingewöhnungsphase; ich zeige meinen beiden Männern meine Heimat, von der sie bislang noch nicht allzu viel gesehen haben; und zu guter letzt besteht die Hoffnung auf ein paar Abende für meinen Mann und mich zu zweit, sobald sich die Groβeltern auf das Enkelkind stürzen.

Eine gröβere organisatorische Hürde stellte hingegen die Frage des Gepäckumfanges dar. Ich hatte mich stets damit gerühmt mit leichtem Gepäck unterwegs zu sein. Alles was auf Reisen nicht absolut notwendig war, blieb zu Hause. Doch selbst wenn ich diesem Grundsatz beim Familienurlaub treu blieb, kamen wir nicht mit weniger als drei Koffern aus. Immerhin kam mir meine Fähigkeit des minimalen Packens zu Gute und unser Reisegepäck fiel überschaubar aus.

Auf völlig unbekanntem Terrain bewegte ich mich allerdings, als es um das Finden einer geeigneten Unterkunft ging. Während ich eher etwas schlichtes, verschlafenes im Sinn hatte, warf mein Mann ein, dass es auf jeden Fall genügend Unterhaltungsmöglichkeiten für uns und den kleinen Racker geben sollte. Denn bei allem Fokus auf kinderfreundlich sollte die Woche, bevor es zu meiner Familie ging, auch für uns Urlaub und ein Tapetenwechsel zum heimischen Garten sein.

Nun war es also an mir die Interessen unserer Kleinfamilie in einem einzigen Ferienobjekt zu vereinen, darüber hinaus die Verwandschaft mit einem angemessen langen Aufenthalt zu bedenken und das alles unter Berücksichtigung vertretbarer Fahrtzeiten bei sommerlichen Temperaturen. Das war trotz jahrelanger Erfahrung in der Reiseplanung meine gröβte Herausforderung.

Wir lassen die Kuh fliegen

Ende Juni war es soweit – nach einer mehr oder minder anstrengenden Anreise kamen wir gegen Abend im Dorfhotel Fleesensee an der Mecklenburgischen Seenplatte an. Auf dem Weg zu unserem Apartment – das Gepäck nebst Kind im eigens dafür zur Verfügung gestellten Bollerwagen im Schlepptau (geniale Idee!) – legten wir direkt einen Stopp an dem hübschen, selbstbedienbaren Kinderkarussell ein. Das erste Highlight für unseren Urlaubsneuling. Unsere Ferienwohnung war sehr geräumig, stilvoll eingerichtet und absolut kindersicher. An Schlafen war trotz fortgeschrittener Stunde mit unserem überdrehten Kind jetzt nicht zu denken. Was soll’s, wir hatten Urlaub und so war auch für uns noch ein erstes Highlight in Form eines gemeinsamen Begrüβungscocktails an der Bar drin.

Das “Erwachen”, im wahrsten Sinne des Wortes, kam am nächsten Morgen beim Frühstück als eine tanzende Kuh die Kinder zum “Clubtanz” abholte. Mein Mann und ich schauten uns schmunzelnd an und ohne dass wir auch nur ein Wort sagen mussten, wussten wir was dem anderen durch den Kopf ging: Statt langer Partynächte und lauter Musik am Abend gab es nun einen fast ebenso hohen Lärmpegel am morgendlichen Familienbuffet und das “Abrocken” erfolgte zu eingängigen Kinderliedern unter Anleitung eines überdimensionalen Maskottchens. Unserem Sohn gefiel’s…

Unterschiedliche Auffassungen von “familienfreundlich”

Um gleich bei den Vorteilen eines Familienhotels zu bleiben, Kinderbetreuung war im Dorfhotel inklusive! Die Chance, für die sonst bei diesem Thema so unentspannte “Mama”, das im Urlaub mal ganz entspannt auszuprobieren. Gesagt, getan – Junior ging am Vormittag für 3 Stunden in den Kid’s Club und die Eltern endlich mal wieder nur als Paar in die angrenzende Therme. Alle waren begeistert, selbst die Betreuerin vom so artigen 1-Jährigen und der wiederum von Spielsachen & Co.

Euphorisch meldeten mein Mann und ich uns auch gleich für den nächsten Tag zum Squash spielen an. Auf dem Weg dorthin klingelte das Handy und die Kinderbetreuerin war dran, im Hintergrund unverkennbar das aufgebrachte Weinen unseres Zwerges. Könnte er schon sprechen, hätte er uns sicherlich verklickert, dass “familienfreundlich” nicht hieβ, dass Aktivitäten fortan ohne ihn stattfänden. Und so gab es uns ab sofort im Urlaub wieder nur im Dreier-Pack.

Verkehrte Welt

Während in Irland eine Hitzewelle das Schlauchverbot auslöste (Leute waren angehalten ihre Nachbarn zu verpfeifen, wenn sie ihren Garten bewässerten), kamen wir strandtechnisch an der Müritz so gar nicht auf unsere Kosten. Neben Wanderungen, Tierparkbesuchen und Bummeln an diversen Hafenpromenaden, hatte ich uns natürlich u.a. Kleckerburgen bauend am Seeufer gesehen. Das kühle Wetter machte uns jedoch einen Strich durch die Rechnung und erst pünktlich zu unserer Abreise aus dem Feriendomizil kroch die Sonne wieder aus ihrem Versteck. Nicht nur dass ich mich wochenlang vorm Urlaub umsonst gesorgt hatte, wie wir es wohl bei 30 Grad ohne Klimaanlage in einem Ferienhaus aushalten würden; nein, wir hatten auch noch die einzige Woche in Irland verpasst, in der es mal wärmer als in den meisten Teilen Europas war. Aber unser Deutschland-Trip war ja noch nicht vorbei und wir freuten uns nun auf den Besuch bei meiner Familie.

Die Geschichte mit der Kartoffel

Um unsere lange Fahrtstrecke ein wenig aufzulockern, schaute ich mich nach passenden Sehenswürdigkeiten en-route um. Nach Möglichkeit sollte es etwas sein, das man als „Tourist“ unbedingt gesehen haben muss, wenn man in Deutschland unterwegs ist. Während ich noch grübelte, was sich da auf halber Strecke zwischen Meck-Pomm und meiner Heimat Nordsachsen wohl anbot, tauchte das Schild für die Autobahnausfahrt Potsdam auf und ich beschloss meinen beiden Iren das Schloss von Sanssouci zu zeigen. Mich selbst hatte es schon als Kind immer wieder begeistert und ich erinnerte mich, dass es auch bei meinen Eltern meist auf der Agenda stand, wenn ausländische Gäste zu Besuch waren. Perfekter Ort und perfektes Timing also für einen Stopp. Gedanklich bereitete ich mich darauf vor, stolz die Rolle des Reiseleiters zu übernehmen und meinem Mann ein paar Fakten über die Geschichte meines Heimatlandes anhand dieses herrlichen Bauwerkes näherzubringen. Ein paar zusammenhangslose “Brocken” und Jahreszahlen schossen mir in den Kopf, nichts womit ich jemanden hätte beeindrucken können. Dann fiel mir die Geschichte mit den Kartoffeln ein, die immer verstreut auf der Grabplatte Friedrichs des Groβen im Schlosspark lagen. Auf die Frage hin, warum das denn so sei, antwortete ich meinem Mann wie aus der Pistole geschossen “Na weil er sie erfunden hat”. Und erneut waren wir uns einig, dass ich als Touristikerin wohl die schlechteste Reiseleiterin überhaupt bin.

Loslassen

Trotz meiner verstärkten Übersetzertätigkeit am Familientisch war der Besuch bei meinen Eltern für mich zwanglos und entspannend. Die Temperaturen waren inzwischen wieder in sommerliche Höhen geklettert und der paradiesische Garten meiner Eltern bot genügend Platz zum Zurückzuziehen. Auch das Gefühl, dass ich ständig die Augen nach unserem agilen Zwerg aufhalten musste, fiel langsam von mir ab. Sobald ich mich nach ihm umschaute, stellte ich beruhigt fest, dass Oma und Opa sich ganz vertieft mit ihm beschäftigten. Es war ungewohnt für mich einfach so aufstehen zu können und mich kurz vom Junior zu entfernen, ohne die Umgebung nach möglichen Gefahrenquellen abzuscannen. Mit der Zeit wurde ich mutiger und am Ende schafften mein Mann und ich es sogar zweimal abends allein auszugehen. Danke nochmal an die Groβeltern!

Wenn die Heimat nicht mehr das Zuhause ist

Wenn ich in meiner Heimatstadt Torgau unterwegs bin, habe ich oft das Gefühl ein Gast in einer gewohnten Umgebung zu sein. Andererseits ist es wie eine Reise in die Vergangenheit, die an jeder Ecke Erinnerungen hervorbringt.

Als mein Mann und ich abends zum Essen ausgingen, steuerte ich wie selbstverständlich auf die Sparkasse am Markt zu, die 24 Stunden geöffnet hat und mir früher öfter zu einem letzten Absacker verhalf, wenn ich als Teenager auf Kneipentouren mal wieder nicht genug Bargeld dabei hatte (sie lag praktisch auf dem Weg zwischen meinen Stammkneipen). Erst als sich die Tür nicht wie gewohnt öffnen lieβ, bemerkte ich das Schild, dass die Filiale bereits seit 2017 geschlossen war. Eigentlich keine groβe Sache, aber ich war ganz kurz wie vor den Kopf gestoβen. Sie war quasi eine Institution für mich, in der ich oft noch schnell Geld gezogen hatte, obwohl ich schon spät dran war, um mich mit einer Freundin auf einen Kaffee zu treffen. Nicht selten hatte ich hier verdutzt auf meinen Kontoauszug geschaut um die eine oder andere Abhebung aus den frühen Morgenstunden nachzuvollziehen. Manchmal ging ich nur hinein, um nicht in der Kälte warten zu müssen oder die verspiegelte Wand für einen letzten Check vor dem Ausgehen zu nutzen. Und jetzt war der kleine, eigentlich unbedeutende Raum mit dem Geldautomaten in der Mitte zu. Und das schon seit fast 1 Jahr, was demnach bedeutete, dass ich schon länger nicht mehr vor dieser Tür gestanden hatte – wie die Zeit vergeht!

Für den Moment hatten wir aber genug Geld dabei, um in einem meiner ehemaligen Stammlokale noch einen Drink in der Abendsonne zu genieβen. Der Biergarten mit dem herrlichen Blick über die Elbe war wie immer. Allerdings sah ich, nicht wie sonst, auch nur ein einziges bekanntes Gesicht, abgesehen mal von den Kneipenwirten. Wenigstens hörte ich um mich herum den mir vertrauten Dialekt. Ich wendete mich den Leuten am Nachbartisch zu um sie etwas zu fragen. Als ich ihre Antwort akustisch nicht auf Anhieb verstand und sie bat sie zu wiederholen, hörte ich plötzlich jemand anders sagen: “Du musst Englisch sprechen, die verstehen dich nicht.”. Mir verschlug es im wahrsten Sinne des Wortes kurz die Sprache und die noch nicht einmal richtig zustande gekommene Unterhaltung war abrupt beendet. Noch nie war ich mir mehr wie ein Tourist in meiner eigenen Heimatstadt vorgekommen als in diesem Moment…

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