Troubleshooting beim Familienausflug nach Belfast

05/01/2020

Wir fahren nach Belfast hinein und kommen an der sogenannten Friedensmauer vorbei. Ein 8-Meter hohes Konstrukt aus Beton mit einem aufgesetzten Eisengitter. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich es für die Absperrung eines Betriebsgeländes halten. Vor dem geschichtlichen Hintergrund Belfasts jedoch, lässt mir ihr Anblick immer noch einen kalten Schauer über den Rücken laufen.

Obwohl 1998 mit dem Good Friday Agreement ein Waffenstillstand besiegelt wurde, werden die Durchgänge der Mauer abends nach wie vor geschlossen, um die ‘unionist’ und die ‘nationalist’ Viertel voneinander fernzuhalten. Auf der einen Seite befindet sich die Shankill Road, welche überwiegend von protestantischen Anhängern (unionists) bewohnt ist. Die Falls Road auf der anderen Seite ist katholisch geprägt (nationalists).

Belfast – Zwei Welten

Als wir gegen Mittag durch die geschäftige Innenstadt von Belfast fahren, ist von dem Konflikt, der in den 1970er und 80er Jahren seinen Höhepunkt hatte, nichts mehr zu merken. Überall hängt bunte Weihnachtsbeleuchtung. Mit „Happy Christmas Belfast“ grüßt die nordirische Hauptstadt ihre Gäste. Die Atmosphäre ist festlich. Kreuz und quer huschen die Menschen durch die Fußgängerzone, wahrscheinlich auf der Suche nach den letzten Weihnachtsgeschenken. Ich bin erstaunt wie sich manche herausgeputzt haben. Ich frage mich, ob sie auf dem Weg zu einer Weihnachtsfeier sind oder noch von der Nacht davor „übrig geblieben“. Eine junge Band beschallt die Einkaufsmeile mit weniger weihnachtlichen Rock Songs. Doch die Last-Minute-Shopper sind guter Dinge und belohnen die durchgefrorenen Straßenmusikerinnen großzügig mit Kleingeld.

So nah und doch so fern

Wir kreisen das dritte Mal um die City Hall auf der Suche nach einem Parkplatz. Für mich ist das Rathaus das beeindruckendste Gebäude der Stadt. Wahrscheinlich ist es auch das beliebteste Fotomotiv der Weihnachtssaison. Wenn es am Abend im Lichterglanz erstrahlt, wirkt die neo-barocke Fassade fast wie ein Palast. Darauf hatte ich mich besonders gefreut: den Weihnachtsmarkt auf dem Rathausvorplatz inmitten festlicher Kulisse. Im Vorbeifahren habe ich bereits einen kurzen Blick auf die farbenfrohen Buden erhascht.

In der obersten Etage eines brechend vollen Parkhauses ergattern wir endlich einen der letzten Parkplätze. Nun beginnt das übliche Prozedere. Das Aussteigen aus dem Auto mit Baby und Kleinkind nimmt etwa genauso viel Zeit in Anspruch wie die Parkplatzsuche selbst. Während „Team Boys“ dank Papa schon abfahrbereit im/am Kinderwagen ist, kämpfe ich noch mit einer übervollen Windel an der Babyfront. Ein kompletter Outfitwechsel steht an. Mausi ist nicht happy, kullert und pullert über den Beifahrersitz. Zum Glück habe ich dieses Mal daran gedacht Wechselsachen für die Kleine einzupacken und nicht wieder die Hälfte des Wickeltascheninhaltes vergessen.

Die Enttäuschung des Tages

Als „Team Girls“ auch endlich gestiefelt und gespornt ist, kommen die Jungs bereits von einer ersten Erkundungstour auf der Suche nach einer Toilette zurück. Dabei haben sie eine enttäuschende Entdeckung gemacht. Das Ziel unseres Tagesausfluges, der Belfaster Weihnachtsmarkt, endete bereits am Tag zuvor. Es ist der 23. Dezember und die Buden werden gerade abgebaut. Gemeinsam mit anderen verwunderten Besuchern stehen wir wenig später vor verschlossenen Toren. Bei unserer Planung hatten wir nicht im Entferntesten daran gedacht, dass der Weihnachtsmarkt bereits einen Tag vor Heiligabend schließen würde.

Plan B: Kinderfreundliches Sightseeing

Das Wetter ist schön und so bummeln wir erst einmal zur Waterfront. Wasser kommt bei unseren Kindern immer gut an. Unterwegs kommen wir an der Albert Clock und dem Big Fish vorbei. Meine Reiseleiter-Qualitäten lassen zu wünschen übrig, aber immerhin weiß ich von meiner Arbeit bei diversen irischen Reiseveranstaltern, was es in Belfast zu sehen gibt. Ich denke, dass diese beiden Monumente etwas für unseren 2,5-jährigen Entdecker sind. Doch weder dem schiefen Uhrturm noch dem überdimensionalen Steinfisch schenkt er viel Aufmerksamkeit. Wenn es nach ihm ginge, würde er den ganzen Tag Steine ins Hafenbecken werfen. Als plötzlich ein Typ in einem Weihnachtsmannkostüm kiffend auf einem Skateboard vorbeibraust und ho ho ho ruft, staunt er dann aber doch nicht schlecht.

Wir beschließen den St. George’s Market anzusteuern. Immerhin gibt es dort etwas zu essen. Nach Wasser der zweite Erfolgsgarant bei unserer kleinen Raupe Nimmersatt. Jedoch scheinen wir heute kein großes Glück mit Märkten in Belfast zu haben. Denn auch der Viktorianische Indoor Markt hat nicht geöffnet.

Ausweichlösung Essen gehen

Zurück in der Fußgängerzone halten wir nach einem familienfreundlichen Restaurant Ausschau. In unserem Fall heißt das Hauptsache viel Platz für Kinderwagen & Co. Unsere Wahl fällt auf das Bullitt Hotel nahe der Victoria Street. Obwohl wir eine gefühlte Ewigkeit auf das Essen warten müssen (doch nicht so familienfreundlich…), macht unser Großer super mit. Ganz zivilisiert beschäftigt er sich mit den mitgebrachten Spielsachen. Ich bin jedes Mal stolz, wenn wir ihn nicht, wie andere Gleichaltrige, mit Videos auf dem Telefon ruhigstellen müssen.

Ein Problem nach dem anderen

Als ich kurz vorm Gehen unsere Mausi auf meinem Schoß anziehe, wird es plötzlich warm auf meinem Knie. Sofort dämmert es bei mir. Wie eine Lawine rattern mir diverse Gedanken durch den Kopf. Die Windel ist undicht. Sie muss so schnell wie möglich raus aus den nassen Klamotten. Sie trägt bereits ihr Wechseloutfit. Wir können sie bei der Kälte nicht nur in eine Decke einwickeln. Die eventuell inzwischen getrocknete, erste Garnitur liegt auf dem Armaturenbrett im Auto. Während mir also tausend Probleme und keine Lösung in den Sinn kommen, springt mein Mann John bereits auf um etwas zum Umziehen für sie zu kaufen. Daran hatte ich natürlich auch schon gedacht, es aber direkt wieder verworfen. Das geht gegen meinen Grundsatz ihr nie ungewaschene Sachen anzuziehen. Angesichts mangelnder Alternativen jedoch die einzig sinnvolle Lösung.

Super Daddy im Einsatz

Etwa 20 Minuten mit einem nassen Baby auf dem Arm und dem zum Glück immer noch geduldigen großen Bruder, warten wir auf Papas Rückkehr. Gut dass er losgegangen war um die Sachen zu kaufen. Ich hätte mir nicht helfen können und trotz Zeitdruck in mindestens zwei Läden Preisvergleiche angestellt und versucht das perfekte Outfit zu finden. John hingegen treibt unter minimalem Zeitaufwand einen farblich zur Strickjacke passenden, preisreduzierten Strampler in der richtigen Größe auf.

Erleichtert ziehe ich der Kleinen bereits die Sachen aus, als ich John auf die Restauranttür zukommen sehe. Nur um dann panisch festzustellen, dass ich auch die Windeln beim letzten Trockenlegen im Auto liegengelassen hatte. Super Daddy muss also nochmal ausfliegen, um Windeln zu kaufen. Er „charmt“ sich seinen Weg an die Spitze der Supermarktschlange und kehrt auch das zweite Mal innerhalb weniger Minuten zurück.

Der Weg ist das Ziel

Als wir das Restaurant verlassen, ist es bereits dunkel. Bloß gut, dass wir außer des geplatzten Weihnachtsmarktbesuches keine Agenda für unseren Trip nach Belfast hatten. Und so nehmen wir es gelassen. Ich wollte lediglich ein wenig Weihnachtsstimmung genießen und das tun wir nun bei einem Bummel durch die hell erleuchteten Straßen.

Ich erinnere mich an die letzten Male, die ich in Belfast gewesen war. Das erste Mal mit einer sehr guten Freundin. Wir waren beide Studentinnen, hatten im Hostel übernachtet und die politischen Sehenswürdigkeiten wie die Murals und Friedhöfe bei einer Black Cab Tour erkundet. Die folgenden Male war ich beruflich in Belfast unterwegs. Auf einer Info-Tour für einen Reiseveranstalter, für den ich heute noch gelegentlich arbeite, hatte ich das damals neu eröffnete Titanic Belfast besucht. Ich war bei einem Gala-Dinner im Rathaus und durfte im berühmten Europa Hotel hinter die Kulissen schauen. Ich hatte in chicen Hotels übernachtet, war abends in Belfast ausgegangen und im berühmten Crown Liqour Saloon eingekehrt. Selbst den St. George’s Market kannte ich zu Genüge von einer Messe, an der ich dort vor 3 Jahren teilgenommen hatte. Ich habe also das touristische Belfast gesehen.

Heute war nicht der Tag um Sehenswürdigkeiten „abzuarbeiten“. Heute war der Weg das Ziel. Der Plan war es, keinen Plan zu haben und einfach eine schöne Zeit mit der Familie zu verbringen. Das ist uns auf jeden Fall gelungen, auch wenn alles anders gekommen war als erwartet.

Ein fast perfektes Happy End

Auf dem Heimweg verirren wir uns als wir auf der Suche nach einer Raststätte die Autobahn verlassen. Es wäre kein Familienausflug der Paynes ohne sich mindestens einmal – meistens auf der Suche nach etwas zu Essen – zu verfahren. Die Kleine stillend und mit einem nun zurecht ungehaltenen 2-Jährigen auf dem Rücksitz, stranden wir irgendwo im Nirgendwo auf einer dunklen Landstraße. Dank Navi bleibt es bei einem kurzen Umweg. Dieser ist wenig später vergessen als wir die familienfreundliche Raststätte ansteuern, an der wir am Morgen schon eine Pause gemacht hatten. Unser Großer – bereits im Schlafanzug – stürmt begeistert auf die Spielecke zu. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir uns die „Zwischenstation Belfast“ ohnehin sparen können. Er quiekt vor Freude als er die Gummirutsche heruntersaust. Das Ende eines perfekten Tages.

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