Weihnachtszauber in der Ferne

16/12/2018

Weihnachten in der Ferne war für mich als Kind undenkbar. Es musste zu Hause und nur in Familie gefeiert werden. Wenn wir über die Feiertage das Haus verlieβen, dann nur zum traditionellen Spaziergang durch den Winterwald. Schnee gab es zwar nicht immer, aber zumindest auf die klirrende Kälte konnte man sich in unseren Breitengraden fast immer verlassen.

Die liebe Tradition

Erst als Erwachsene wurde mir bewusst, wie wichtig mir Tradition, insbesondere um die Weihnachtszeit herum, offensichtlich schon immer war. Ich liebte unseren Weihnachtsschmuck, der jedes Jahr aus verstaubten Kisten hervorgeholt und immer am gleichen Ort aufgestellt wurde. Alles hatte seinen Platz. Der bunte Klingelbaum stand auf dem Küchentisch und lieβ bei jeder Mahlzeit sein blechernes Bimmeln ertönen. Auf die Weihnachtsbaumspitze gehörte ein schon etwas abgegriffener Engel, den ich wegen seiner weiβen Haare nach einer alten Tante getauft hatte. Von meinen Lieblingsweihnachtsbaumkugeln blätterte allmählich die Farbe ab, aber auch sie fanden jedes Jahr wieder ihre Daseinsberechtigung am Baum. Neue Dekoration war bei mir ebenso wenig willkommen wie spontaner Besuch über die Festtage, der den “familiären Ablauf” unterbrach.

Veränderungen sind nicht mein Ding

Im Laufe der Zeit veränderte sich unser Weihnachtsfest. Mal waren es groβe Einschnitte wie das 1.Weihnachten ohne Opa. Mal nur kleine, kaum wahrnehmbare praktische Anpassungen, dass nun der Weihnachtsbaum in einer anderen Ecke es Wohnzimmers stand. Als Oma starb, ging mit ihr auch die Tradition des adventlichen Plätzchenbackens. Fast krampfhaft versuchte ich dennoch an gewohnten Familienritualen festzuhalten.

Die Sicht auf die Dinge

Den Adventskalender aus leeren Klopapierrollen, den Oma immer für uns gebastelt und der jedes Jahr an der Flurtreppe gehangen hatte, bastelte ich nun selbst. Ich bat meine Eltern den Baum wieder an dem Ort aufzustellen, wo er früher immer gestanden hatte. Nach wie vor bestand ich darauf beim Weihnachtsbaum schmücken die russichen Märchenfilme anzuschauen, die wir als Kinder so gemocht hatten. Doch Weihnachten war nicht mehr nicht mehr dasselbe. Ich schob es darauf, dass mein geliebter Klingelbaum, der für mich zum Fest dazu gehörte wie ein echter Baum, das Zeitliche gesegnet hatte.

Was ich auch tat um unsere “Weihnachtstradition” aufrecht zu erhalten, die kindliche Aufregung und das Entgegenfiebern auf den Heiligabend kamen nicht zurück. Ich konnte das Weihnachtsfest einfach nicht mehr mit Kinderaugen sehen – was sicherlich daran lag, dass ich nun kein Kind mehr war. All die “magischen Dinge”, die ich sonst in der Vorweihnachtszeit gesehen hatte, waren der nüchternen Sicht eines Erwachsenen gewichen.

Neue Traditionen

Vor 2 Jahren brach ich mit der Tradition “Weihnachten im Elternhaus”. Nicht weil ich nicht mehr mit meiner Familie feiern wollte, sondern weil ich nun eine eigene Familie hatte. Ich realisierte, dass der Weihnachtszauber für mich nur zurückkommen konnte, wenn ich das Leuchten in den Augen meines Kindes suchte und nicht darauf beharrte, Vergangenes wieder heraufzubeschwören. Ich lernte Weihnachten wieder mit anderen Augen, wenn auch nicht mit, sondern in Kinderaugen zu sehen.

Eins für dich eins für mich

Nun steht das 3. Weihnachten “in der Ferne” vor der Tür und wir sind auf dem besten Weg unsere eigenen Traditionen zu etablieren. (Auf der Suche nach einem Klingelbaum, wie wir ihn damals hatten, bin ich zwar immer noch, aber inzwischen gibt es auch anderen Lieblingsschmuck). Im ersten Jahr galt es zunächst die “Grundregeln” festzulegen – was wird “Deutsch” und was wird “Irisch” gemacht. Ich habe den Klorollen-Adventskalender eingeführt, mein Mann die mit kleinen Geschenken gefüllten Strümpfe (Stocking) am Kamin. An die Bescherung am 25. morgens musste ich mich erst gewöhnen. Dass wir den Weihnachtsbaum nun bereits am 1. Advent schmücken, kam mir allerdings sehr entgegen. An Heiligabend gehen wir zum Singen in die Kirche. Das hatten unsere Groβeltern bereits mit uns gemacht als ich noch nicht einmal wusste, worum es da eigentlich ging. Und so schlieβt sich für mich der Kreis aus alten und neuen, deutschen und irischen Traditionen.

Der Zauber ist wieder da

Die Magie von Weihnachten besteht für mich nun darin, eine ganz besondere Zeit mit der Familie zu verbringen – der “alten” und der “neuen”. Ebenso wie alte Erinnerungen aufleben zu lassen und neue zu schaffen.

In diesem Sinne wünsche ich meiner Familie in Deutschland und Irland sowie allen Lesern ein frohes Weihnachtsfest und bis dahin noch eine besinnliche Adventszeit!

P.S. Wem als Erwachsener auch der Glaube an den Weihnachtszauber abhanden gekommen ist, dem möchte ich den Film “Polarexpress” empfehlen. Meine Schwester schenkte ihn mir vor ein paar Jahren und nun weiβ ich auch warum…

One Comment

  1. Hallo Silvia, ich habe nun die Tanzschule in Berlin abgemeldet, da Du bei den Ir(r) en angesiedelt hast! Viele Grüße aus Eilenburg! 😎

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