Wie kinderfreundlich ist Irland?

24/09/2018

(Dieser Artikel ist losgelöst von dem kürzlich in Irland eingeführten Abtreibungsgesetz. Bitte lest hierzu meinen bereits erschienen Artikel Life is Life.)

Als ich vor reichlich viereinhalb Jahren nach Irland kam, war diese Frage für mich noch nicht relevant. Inzwischen ist sie es. Allerdings hätte die Antwort nun keinen Einfluss mehr auf irgendeine meiner Entscheidungen. Denn während ich diese Zeilen schreibe, krabbelt unser kleiner Sohn gerade zu meinen Füβen herum.

Die Frage beschäftigt mich nach wie vor. In dem folgenden Artikel habe ich daher meine persönlichen Erfahrungen während und nach meiner ersten Schwangerschaft in Irland zusammengetragen. Von der medizinischen Versorgung bis hin zur Kinderbetreuung. Ich hoffe damit potenziellen Irland-Auswanderern hilfreiche Tipps zu geben. Es würde mich auβerdem freuen, wenn ich damit vielleicht sogar einen Meinungsaustausch derer anrege, die es betrifft.

Medizinische Versorgung während der Schwangerschaft

Als ich mich das erste Mal richtig mit dem Thema auseinandersetzte, recherchierte ich zunächst Kosten für Kinderbetreuung in Irland. Ich war geschockt. Mir war sofort klar, dass sich Kind und Karriere hier nur schwierig bis gar nicht vereinbaren lassen. Doch da stand ich erst am Anfang meiner Schwangerschaft. Alles was zu diesem Zeitpunkt für mich zählte, war eine vernünftige medizinische Versorgung.

Ich hatte keinerlei Bedenken bezüglich medizinischer Standards in Irland. Ebenso wenig wusste ich, was auf mich zukommen würde. Alles war neu für mich. Das wäre es auch in meiner Heimat Deutschland gewesen. Und so war es ein glücklicher Zufall, dass eine Freundin von mir in Deutschland zur gleichen Zeit schwanger war. Neben den Freuden und Ängsten werdender Mütter, konnten wir demnach hervorragend Parallelen zwischen beiden Gesundheitssystemen ziehen.

Duale Betreuung

Anders als in Deutschland gibt es in Irland die duale Betreuung. Sobald der Hausarzt die Schwangerschaft bestätigt hat, sucht man sich eine Geburtsklinik aus. Die regelmäβigen Untersuchungen finden dann abwechselnd zwischen Hausarzt und dem Krankenhaus statt. Das hat den Vorteil, dass man mit dem Ort der Entbindung bereits vertraut ist. Anstelle nur einmalig an einer “Hausführung” teilzunehmen, steht man in Kontakt mit dem medizinischen Personal und kennt sich schon mal im “Labyrinth der Flure” aus.

Theoretisch bestens gerüstet

Zum Zeitpunkt meiner Schwangerschaft war ich nicht krankenversichert. Das heiβt mir stand lediglich die gesetzliche Krankenversorung (public health care) zur Verfügung. Dennoch hatte ich Zugang zu diversen kostenfreien Angeboten wie dem klassischen Geburtsvorbereitungskurs (inkl. Windelwechselwettbewerb für die werdenden Väter). Ein Physiotherapiekurs bereitete mich zusätzlich auf die körperlichen Strapazen der Geburt vor. Zumindest in der Theorie.

Ich war ein absoluter Neuling was Babies anging. Weder hatte ich in meinem Leben schon einmal eine Windel gewechselt, noch auf Kinder von Freunden aufgepasst. Mein Mann hatte mir da einiges voraus. Dennoch waren wir beide gleichermaβen dankbar für das groβzügige Kursangebot. Vom Baby-Sicherheits-Training für zukünftige Eltern bis hin zur alternativen Geburtsmethoden wie dem Hypnobirthing lieβ das Beratungs-Repertoire nichts zu wünschen übrig.

Hebamme inbegriffen

Ebenfalls als positiv empfand ich, dass die Hebamme im “Gesamtpaket” enthalten war. Sie übernahm im Krankenhaus den Groβteil der Untersuchungen. Ich musste mich weder selber um eine kümmern, noch extra für sie bezahlen. Zwar war nicht garantiert, dass ich jedes Mal auf die gleiche Hebamme traf, aber meistens war das der Fall. Und dank einer sehr ausführlich geführten Krankenakte, gingen keine Informationen verloren. Welche Hebamme bei der Geburt meines Sohnes Dienst hatte, war mir in dem Moment schnurzpiepegal. Ich habe mich jedenfalls bestens aufgehoben gefühlt.

Warum das Rad neu erfinden…

Sobald ich nach der Geburt aus dem Krankenhaus entlassen wurde, informierte man die zuständige Gemeindeschwester. Diese kam in den folgenden Tagen ins Haus, um zu schauen, ob es mir nebst Kind gutging. Auβerdem hatte ich die Gelegenheit, jede Menge Fragen und mitunter auch Ängste mit der sogennanten Public Health Nurse zu besprechen. Das war nicht nur im Rahmen der Hausbesuche möglich, sondern jederzeit telefonisch oder während einer wöchentlichen Sprechstunde. Stolz berichtete ich meinen Eltern von dieser tollen “Erfindung”, die es hier in Irland gab. Meine Mutti entgegnete mir schmunzelnd, dass sie bereits zu DDR-Zeiten von dem Konzept der Gemeindeschwester Gebrauch gemacht hatte, als ich “frisch geschlüpft” war. Schade, dass es das so in Deutschland heute nicht mehr zu geben scheint.

Erstes Kind, was nun

Ich war überzeugt, dass ich nicht der Typ für “Mami-Freundschaften” war. Und schon gar nicht für vormittags nach einer Kinderwagen-Rallye beim Kaffee zu sitzen und Rezepte für zuckerfreie Muffins auszutauschen. Ich hatte mich getäuscht. Inzwischen habe ich einen kleinen Kreis sehr netter Mamis (und Babies) um mich herum. Und ja, der Austausch gesunder Rezepte bleibt da nicht aus. Als Vollzeit-Mama sind mir diese Zusammenkünfte inzwischen sehr wichtig geworden. Und so kann auch ich es nur weitergeben, wie es mir als werdende Mutter empfohlen wurde: Rausgehen und sich ein Mami-Netzwerk aufbauen! Für mich war die örtliche Stillgruppe die perfekte “Kontaktbörse”.

(Alb-)Traum Stillen

Als ich das erste Mal von einer „Breastfeeding-Support-Group“ hörte, fand ich den Namen etwas irreführend. Es klang so nach Selbsthilfegruppe und mir war nicht klar, wie diese beiden Dinge zusammenpassten. Inzwischen weiβ ich es. Dabei konnte ich mich glücklich schätzen, dass mir das Stillen von Anfang an keinerlei Schwierigkeiten bereitet hatte. Es spielte eine groβe Rolle, dass ich mich beim Stillen in der Öffentlichkeit hier nie unwohl oder herablassend beäugt gefühlt habe. Im Gegenteil, für (diskretes) Stillen ist man mir oft mit Respekt oder einfach ganz normal begegnet. Bei einem unserer “Notfallstopps” in einer Einkaufspassage brachte mir eine Ladeninhaberin sogar ein Glas Wasser als sie mich stillend auf der Bank sitzen sah. Eine der freundlichen Gesten, die mir positiv in Erinnerung geblieben ist.

Klatschend durch die Morgenstunden

Der Tag muss für mich langsam und vor allem ruhig beginnen. Warum, um Himmels Willen, fangen alle musikalischen Mutter-Kind-Aktivitäten schon morgens 10 Uhr an? Vielleicht sollte ich in diesem Zusammenhang noch erwähnen, dass wir mit einem Langschläferkind gesegnet sind. Ob das angeboren und eher anerzogen ist, wissen wir nicht. Jedenfalls ist auch unser Kleiner nicht allzu “amused”, wenn die Jalousien bereits vor 8 Uhr geöffnet werden. Ein kurzes Grummeln und mit einer Handbewegung das Kuscheltier über’s Gesicht gezogen, sind meist die zu erwartenden Reaktionen. Dabei bin nicht ich diejenige, die zur allwöchentlichen Spielegruppe gehen möchte. Doch spätestens wenn uns meine Freundin mit ihrer stets gutgelaunten Tochter am Tor erwartet, ist die Morgenmuffel-Laune verflogen. Dann sind wir bereit den Vormittag fröhlich klatschend mit Gleichgesinnten zu verbringen.

Der Sprössling will unterhalten werden

Spielegruppen aller Art sowie Aktivitäten für Kinder jeder Altersgruppe gibt es bei uns in der Gegend zur Genüge. Der Fokus liegt auf der Gemeinschaft, dem Kontakte knüpfen und natürlich auch dem Erfahrungsaustausch (womit wir wieder bei den Kochrezepten wären). Die Organisatoren – einige davon ehrenamtlich – sind mit viel Eifer und Einsatz dabei. Zwar kann ich nicht für ganz Irland sprechen, aber wage dennoch zu behaupten, dass es diesbezüglich ein sehr gutes Netzwerk gibt. Nicht alle Angebote sind kostenlos, sondern mitunter recht kostenintensiv (Musikgruppen, Schwimmkurse etc.). Bei uns im Ort sind es bespielsweise die Kirchengemeinde und die Bibliothek, die für einen kleinen Obulus bzw. kostenfrei, Unterhaltung für Kleinkinder anbieten. Am besten informiert man sich über soziale Netzwerke was es so gibt oder verlässt sich auf die altbewährte “Mama-zu-Mama Propaganda”.

Horrende Kosten für Kinderbetreuung

Heikel wird es beim Thema Vollzeit-Kinderbetreuung. Kürzlich las ich einen Artikel in der Irish Times mit dem Titel “Hohe Kosten für Kinderbetreuung zwingen Frauen sich aus der Arbeitswelt zurückzuziehen”. Und tatsächlich lohnt es sich kaum bei monatlichen Betreuungskosten von ca. €1000 wieder ins Berufsleben einzusteigen. Als ich mich während der Schwangerschaft nach Krippenplätzen umschaute, lag das günstigste Angebot bei €950. Dort gab es dann allerdings eine Warteliste. Das teuerste war €1650 pro Monat; 2 – 3 weitere Kinderkrippen lagen irgendwo dazwischen.

Karriere vs. Vollzeit-Mami

Für uns war daher schnell klar, dass die Karriere bei mir den Kürzeren ziehen würde. Sowohl finanziell als auch logistisch hätte eine Vollzeit-Kinderbetreuung für uns keinen Sinn gemacht. Ich denke, dass es vielen Frauen mit niedrigem bis mittlerem Einkommen in Irland so geht. Um das noch einmal deutlich zu machen: Ich hätte verkürzt arbeiten gehen müssen, um unser Kind unter Berücksichtigung meines Arbeitsweges pünktlich in die Kinderkrippe bringen und abholen zu können. Teilzeit hätte weniger Gehalt bedeutet. Nach Abzug meiner Monatskarte für den Zug wäre am Ende des Monats etwa soviel übrig geblieben, wie wir für einen Kinderkrippenplatz gezahlt hätten. Obendrein hätten wir wahrscheinlich noch eine Haushaltshilfe gebraucht. Denn wenn ich schon über 40 Stunden pro Woche von meinem Kind getrennt bin, möchte ich die verbleibende Zeit nicht mit putzen verbringen. Schlussendlich noch draufzahlen? Ich denke diese Rechnung ist einfach…

Günstigere Alternativen

Oft höre ich von Bekannten, dass sie dennoch auf ihr Gehalt angewiesen sind. Oder einfach nach ihrer Elternzeit gern wieder ins Berufsleben einsteigen möchten. Sie stehen jedoch vor dem gleichen Problem. Es bleibt kaum Geld übrig, wenn das Kind professionell betreut werden soll. Viele lassen den Nachwuchs daher tagsüber bei den Groβeltern oder anderen Verwandten. Auch Au-pairs und private Childminder sind eine günstigere Alternative. Allerdings scheint es zunehmend ein Problem zu sein, dass Frauen aus o.g. Gründen nicht an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren.

Aus dem Gröbsten raus

Ist das Kind aus dem Gröbsten raus, entspannt sich die finanzielle Lage erst einmal ein wenig. Ab dem 3. Lebensjahr besteht Anspruch auf einen staatlich geförderten Vorschulplatz mit dem ECCE Programm. Aber auch dieser umfasst nur die Betreuung am Vormittag von 9 – 12 Uhr. Es liegt auf der Hand, dass auch das der Mutter keinen Wiedereinstieg in den Beruf ermöglicht. Die Einschulung erfolgt dann mit 4 oder 5 Jahren. Die Grundschulbildung ist in Irland gebührenfrei. Das heiβt aber nicht, dass keine weiteren Kosten auf die Eltern zukommen. Die durchschnittlichen Kosten für ein Grundschulkind 2018 betragen €830 pro Jahr (Quelle: Zurich.ie). Für ein Kind in der Sekundarstufe (ab 12 Jahren) muss man mit durchnittlich €1.495 im Jahr wieder etwas tiefer in die Tasche greifen. (Stand 2018, Quelle: Zurich.ie).

Kinderfreundlich, ja oder nein?

Ich denke die (medizinische) Versorgung während und nach der Schwangerschaft ist in Irland nicht das Problem, wenn es um obige Frage geht. Wohl aber die hohen Kosten für die Kinderbetreuung. Heiβt das im Umkehrschluss, günstigere Kinderkrippen würden ein kinderfreundlicheres (Ir)Land bedeuten?

Ich denke genau das Gegenteil ist der Fall. Hohe Krippenkosten bedeuten, dass sich Kind und Karriere nicht (gut) vereinbaren lassen. Meiner Meinung nach wirken sie sich nicht negativ auf das Kind aus. Dass ich quasi gezwungen bin mit unserem Kleinen zu Hause zu bleiben, hat nur Vorteile für uns beide. Wir verbringen täglich wertvolle Zeit miteinander. Ich erlebe seine ersten groβen Meilensteine mit. Ich bringe ihm Dinge so bei, wie ich sie für richtig erachte. Ich bin da um ihn zu trösten, wenn es ihm nicht gutgeht. Ich denke, das ist das Beste für unseren Sohn. Diese Zeit, in der es sich für mich finanziell  nicht lohnt wieder arbeiten zu gehen, ist auch die einschneidenste in der kindlichen Entwicklung. In dieser Zeit 100% für mein Kind da zu sein, ist  ziemlich kinderfreundlich, oder?

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