Leben wie die Carmeniter – Familienurlaub in Irland

Verwirrt von der Überschrift und drauf und dran mich auf den vermeintlichen Tippfehler aufmerksam zu machen? Dranbleiben und weiterlesen, denn ich habe mich nicht verschrieben! Ein wenig geht es in diesem Artikel auch um Spiritualität, aber einem Klosterorden sind wir in unserem Familienurlaub im Co. Sligo nicht beigetreten. Dennoch haben wir einen neuen, sehr inspirierenden Lebensstil für uns entdeckt. Aber alles der Reihe nach!

Familienurlaub Sligo_Carrowkeel

Familienurlaub im eigenen Land

Genauso wie vielen anderen blieb auch uns in diesem Jahr nichts anderes übrig, als den Familienurlaub im eigenen Land zu verbringen. Aufgrund der nach wie vor bestehenden Quarantäneregeln bei der Einreise nach Irland, wussten wir frühzeitig, dass unsere Deutschlandreise diesen Sommer ins Wasser fallen würde. Abgesehen von der Enttäuschung meine Familie nicht sehen zu können, gab es Schlimmeres als den Familienurlaub auf der Grünen Insel zu verbringen. Und so freuten wir uns auf einen Tapetenwechsel ohne großen Reiseaufwand und unseren ersten Familienurlaub zu viert.

Während hier viele vom sogenannten “Staycation-Trend” sprechen, also den Urlaub zu Hause zu verbringen, sahen wir unseren Trip nach Sligo durchaus als richtigen Urlaub an. Immerhin reisten wir einmal quer durch Irland und blieben eben nicht zu Hause, wie der Begriff eigentlich vermuten lässt. Das aber nur zur Begrifflichkeit.

Bevor es jedoch soweit war, galt es zunächst eine geeignete Unterkunft zu finden und das ziemlich auf den letzten Drücker. Da wir gemeinsam mit Freunden fahren wollten, deren 2 Kinder im gleichen Alter wie unsere beiden waren (3 Jahre + 11 Monate), kam nur ein geräumiges Ferienhaus mit 4 Schlafzimmern in Frage. Eine echte Herausforderung in Zeiten des “Staycation”-Boom.

Ich lasse mich taufen!

Schon wieder eine Überschrift zum darüber Stolpern, ich weiß.  Dabei bleibe ich voll und ganz beim Thema “Familienurlaub in Irland”, versprochen!

Denn es stand in der Tat im Zusammenhang mit unserem Urlaub, dass ich endgültig die Entscheidung traf, mich in nächster Zukunft taufen zu lassen. Schon viele Male zuvor hatte ich mich mit verschiedenen Dingen hoffnungsvoll an eine ‘höhere Macht’ gewandt. Dabei ging es nicht nur um so nichtige Sachen wie einen Familienurlaub, sondern lebensverändernde ‘Wünsche’. Dinge, die mich entweder verzweifeln ließen oder die ich mir sehnlichst erhoffte. Als im vergangenen Jahr ein Wunder geschah, wofür ich besonders inständig ‘gebetet’ hatte, geriet mein Gotteszweifel ins Wanken.

Gebete erhört!

Als es nun Mangels passender Unterkunft düster für unseren spontanen Familienurlaub aussah, sandte mein Mann ein Stoßgebet zum Himmel. Er war ausgebrannt von der Arbeit und brauchte dringend eine Auszeit vom Home Office. Auch ich hatte mich nach Wochen des Lockdowns auf einen Ortswechsel und die Zeit mit unseren Freunden gefreut. Enttäuschung machte sich breit, als sich so absolut nichts finden ließ.

Nach tagelanger, erfolgloser Suche, bei der meine Freundin und ich diverse Buchungsportale nach einem Selbstversorger-Cottage durchkämmt hatten, tauchte wie aus heiterem Himmel dieses Traumhaus auf. Zu schön um wahr zu sein, dachte ich mir. Genau das was wir gesucht hatten (eigentlich noch besser) und ausschließlich verfügbar für die 4 Nächte, in denen wir reisen konnten. Davor und danach komplett ausgebucht, weswegen ich eher eine technische Panne als eine glückliche Fügung vermutete.

Doch Johns Gebete waren erhört worden! Mit der Buchungsbestätigung, die kurze Zeit später hereinflatterte, war es besiegelt. Es ging zum Familienurlaub nach Ballymote im Co. Sligo!

Nun war es an mir meine Seite der ‘Abmachung’ einzuhalten. Das freie Traum-Ferienhaus war dabei nur das Zünglein an der Waage meiner Tauf-Entscheidung. Und das sollte nicht das einzige Wunder unseres Familienurlaubs bleiben. Zeit meinen Gotteszweifel endgültig abzulegen!?

Leben wie die Carmeniter_Carmen's & Robert's PlaceLeben wie die Carmeniter_Carmen's & Robert's PlaceLeben wie die Carmeniter_Robert's Garten EdenLeben wie die Carmeniter_Robert's Garten Eden

Ankunft im Paradies

Die Überschrift ist keine religiöse Metapher, sondern eine ziemlich treffende Beschreibung unserer Ankunft in Ballymote und somit der Beginn unseres Familienurlaubs. Nach einer entspannten, knapp 3-stündigen Fahrt durch die irischen Midlands erreichten wir unser Ferienhaus. Wir waren bereits zuvor im Co. Sligo unterwegs gewesen, aber die ländliche Gegend um Ballymote gefiel mir besonders gut. Als wir die Autobahn verließen, ging es über kurvige Landstraßen weiter, die von grünen Büschen und kleinen Steinmauern eingerahmt waren. Rechts und links wechselten sich Schafe und Kühe friedlich grasend auf den saftigen Wiesen ab. Im Kontrast zur flachen Weidelandschaft stand eine für Irland verhältnismäßig hohe Gebirgskette, auf die wir schon seit einer Weile zugefahren waren. Nach einem kurzen, aber kräftigen Regenschauer war die Luft frisch und roch ein wenig nach Landwirtschaft. Abgekühlt hatte es sich aber nicht und es versprach eine laue Sommernacht zu werden. Der perfekte Start in unseren Familienurlaub.

Träumen erlaubt

Es ist ja nicht gerade so, dass wir in einer geschäftigen Großstadt lebten. Wir waren extra auf’s Land gezogen, um von der Natur umgeben zu sein. Unser gemütliches Seebad Greystones schien sich jedoch allmählich in eine mittelgroße Stadt zu verwandeln. Überall schossen neue Wohnsiedlungen und Einkaufszentren wie Pilze aus dem Boden. Zu schnell und zu viel für meinen Geschmack.

Als wir uns 2016 auf Haussuche begaben, hatte ich bereits von einem einsamen Landhaus geträumt. Aus Vernunftgründen entschieden wir uns gegen die Einöde, was gut und richtig war. Aber man wird ja noch träumen dürfen. Und da sehe ich mich weit ab von der Zivilisation in einem Landhaus im Grünen.

Unser Airbnb in Ballymote war genau solch ein Traum von einem Landhaus.

Abendessen im Gewächshaus

Bei unserer Ankunft waren unsere Freunde bereits da und herzlich von unseren Gastgebern in Empfang genommen worden. Zum Abendessen versammelten wir uns um den langen Tisch im gemütlichen Wintergarten, der gleichzeitig als Gewächshaus fungierte. Zwischen duftenden Tomaten- und Gurkenpflanzen tauschten wir die ersten Neuigkeiten aus. Unsere Großen waren viel zu aufgeregt, als dass sie auch nur einen Bissen hinunter bekommen würden. Dabei war ihnen noch gar nicht so richtig bewusst, dass sie die kommenden 4 Nächte zusammen in diesem tollen Anwesen verbringen würden. Familienurlaub mit “Freundschaftsbonus” sozusagen.

Familienurlaub in Carmen's & Robert's PlaceFamilienurlaub in Carmen's & Robert's PlaceFamilienurlaub in Carmen's & Robert's Place

Willkommen im mediterranen Irland

Die Tür, die von der gemütlichen Küche in das Gewächshaus – die sogenannte Orangerie – führte, war mit Weinreben gesäumt. Statt unserer flugs gekochten Spagetti naschten die Kinder lieber die süßen Trauben vom Türrahmen. Auch den Weg zur Terrasse hinaus konnte man sich sozusagen “freinaschen”. Dort standen einladend zwei gemütliche Sonnenliegen vor der Natursteinwand. Der Freisitz hatte beinahe mediterranen Charakter, wozu die 2 Olivenbäume und der üppige Feigenbusch beitrugen. Aber wer brauchte schon das Mittelmeer, wenn beim Familienurlaub in der ländlichen Idylle Irlands alle Annehmlichkeiten bis hin zum sommerlichen Wetter zusammenkamen?

Der Garten (Eden)

Der Herr des Hauses, Robert, hatte mit dem Garten, der unser Gästehaus und sein eigenes miteinander verband, ein wahres Kleinod geschaffen. Alles war außerordentlich gut gepflegt ohne dabei abgezirkelt zu wirken. Überall grünte und blühte es. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen ging es für unsere Großen sofort auf Erkundungstour nach draußen. Dort hatten sie jede Menge Platz zum Herumtoben und keine Möglichkeit zu entwischen. Abgesehen davon, dass die nächste befahrene Straße ohnehin fast 1km weit weg war. Somit konnten wir in Ruhe zu Ende frühstücken bzw. ungestört das Essens-Chaos ihrer jüngeren Geschwister beseitigen.

Überhaupt hatten wir an an diesem Morgen keine Eile diesen wunderbaren Garten zu verlassen. Erst gegen Mittag entschieden wir uns zum Strand aufzubrechen, um das gute Wetter zu nutzen. Das musste man in Irland, da man nie wissen konnte, wie lange es anhalten würde. Viel Zeit uns vor unserem Familienurlaub über Aktivitäten in der Gegend zu informieren, hatten wir nicht gehabt. Die Wahl fiel auf Aughris Head am Wild Atlantic Way, was die erste Empfehlung auf der von unseren Gastgebern bereitgestellten Liste war.

Traumstrand Aughris Head

Wir wurden nicht enttäuscht. Trotz unseres späten Starts waren wir einige der ersten, die an dem herrlich breiten Sandstrand eintrafen. Bald sollte sich dieser mit Schwimmern und Sonnenanbetern füllen. Doch wir waren allen zeitlich einen Schritt voraus. Zunächst entflohen wir der Mittagshitze in die angrenzende Beach Bar, um erst einmal die hungrigen Mäuler zu stopfen. Als das Pub dann immer mehr Ausflügler anzog, verkrümelten wir uns frisch gestärkt an den Strand. Besser hätten wir es nicht planen können, selbst wenn wir es versucht hätten.

Familienurlaub Sligo_Aughris HeadFamilienurlaub Sligo_The Beach BarFamilienurlaub Sligo_Aughris HeadFamilienurlaub Sligo_The Beach Bar

Irische Atlantik-Premiere

Zum Strand in Irland keine Badesachen mitzunehmen, ist eigentlich nichts ungewöhnliches. Zumindest nicht für mich. John hatte seinen Neoprenanzug dabei und freute sich auf die kühlen Fluten. Dass das Wasser hier so viel wärmer sein würde als bei uns an der Ostküste, hatte ja keiner ahnen können. Das konnte auch ich mir nicht entgehen lassen. Nach kurzem Zögern hüpfte auch ich trotz fehlender Badebekleidung durch die seichten Wellen. (Nein, nicht in deutscher FKK-Manier, sondern mit improvisierter Körperbedeckung!)

Zwar war ich bei einem Surf-Trip vor 6 Jahren schon einmal im irischen Atlantik gewesen, aber da hatte mich ein Neoprenanzug vorm Erfrieren bewahrt. Deshalb war das wohl meine Bade-Premiere in Irland und ein weiteres Wunder unseres Familienurlaubs.

Der perfekte Abschluss eines perfekten Tages

Als wir nach diesem herrlichen Strandtag wieder an unserem Ferienhaus ankamen, hatte Robert schon den urtümlichen Steingrill im Garten angeworfen. Während sich das Feuerchen warm knisterte, bereitete die Dame des Hauses (übrigens eine Deutsche!) leckeren Kartoffelsalat und andere Köstlichkeiten vor. Die Kinder wurden mit Feuerholz holen beschäftigt, während wir in aller Ruhe einen Schwatz mit unseren Gastgebern hielten.

Als es dunkel wurde, eröffnete sich uns ein klarer Sternenhimmel, der an diesem einsamen Fleckchen Erde durch nichts getrübt (oder vielmehr beleuchtet) wurde. Ebenso wie die absolute Stille, durch die lediglich das leise Muhen der Kühe auf dem Nachbarfeld und unser schallendes Gelächter tönte. Dank des milden Sommerwetters saßen wir bis weit in die Nacht hinein in kurzen Sachen im Freien. Eine absolute Seltenheit in Irland! Noch ein Urlaubswunder oder doch nur der Golfstrom, der uns an der irischen Westküste diese grandiose Spätsommernacht bescherte?

Top-Tipp für Kinder und Erwachsene

Für den nächsten Tag hatten wir uns ein nahegelegenes Vogelreservat mit Flugshow als Ausflugsziel ausgeguckt. Es war gar nicht so einfach die Kinder aus dem Garten loszueisen, wo sie eifrig damit beschäftigt waren ‘Salat’ aus Roberts Himbeersträuchern zu machen. Als wir endlich alle im Auto hatten, schlief unser Großer auf der kurzen Fahrt bis zum eagles flying ein und wachte auch während der äußerst unterhaltsamen Flugshow nicht auf. Aber auch danach gab es noch Gelegenheit die “Harry-Potter-Eule” und andere imposante Raubvögel aus nächster Nähe zu betrachten.

Nichtsdestotrotz waren eher die Tiere mit Fell im angrenzenden Streichelzoo das Highlight für die Kiddis, wo wir ausgiebig viel Zeit verbrachten. Und so kamen auch am zweiten Tag unseres Familienurlaubs alle auf ihre Kosten. Ein großes Dankeschön an das Team von eagles flying, das den Nachmittag auch für uns Erwachsene zu einem echten Erlebnis gemacht hatte. Absolut empfehlenswert für Groß und Klein!

Sligo aus der Vogelperspektive

Der Trip zum Vogelreservat war nur schwer zu toppen. Und dennoch fanden wir, dank Roberts Empfehlung, einen weiteren und auf ganz andere Weise beeindruckenden Ort. Dieses Mal sahen wir Sligo aus der Vogelperspektive.

Es ging zu den Hügelgräbern von Carrowkeel in den Bricklieve Mountains. Aber Achtung, es gibt ein weiteres Carrowkeel, das sich in etwa gleicher Entfernung, aber entgegengesetzter Richtung von Ballymote, unweit vom Megalithenfriedhof Carrowmore, befindet. Unsere Freunde hatten das schmerzlich erfahren müssen, als sie das falsche Carrowkeel ansteuerten und die doppelte Strecke mit nörgelnden Kindern auf dem Rücksitz zurücklegen mussten.

Doch es lohnte sich allemal! Ebenso die kurze, kinderwagenfreundliche Wanderung zum Fuße des Hügels, auf dem sich drei intakte, über 5000 Jahre alte Ganggräber befanden. Von hier aus bot sich uns – trotz eingetrübter Sichtverhältnisse –  ein atemberaubender Blick über die Seen und grünen Felder von Sligo.

Carrowkeel Hügelgräber Irland

Newgrange in Miniatur

Um zu den Grabhügeln aus Stein zu gelangen, mussten wir den Gipfel des Hügels erklimmen. Das war mit ein wenig Kraxelei verbunden, aber mit den Kindern (allerdings ohne Kinderwagen) durchaus machbar. In einer Linie erbaut, ragten die drei steinernen Kuppeln aus dem Gras heraus. Eine vorbeigehende Wanderin erklärte mir, dass Carrowkeel nicht die einzigen, auf einer Bergspitze erbauten Megalithengräber in der Gegend seien. Sie zeigte auf den uns gegenüberliegenden Berg, auf dem ich in der Ferne einen weiteren Steinhügel ausfindig machen konnte. Dabei handelte es sich um Knocknarea, das Grab der Königin Maeve, auf 320 Metern Höhe.

Was für ein Juwel wir mit Carrowkeel inmitten in der einsamen, irischen Natur entdeckt hatten. Während sich in Newgrange Schlangen von Besuchern bildeten, um einen Blick durch die berühmte Dachluke zu werfen, lernten unsere Kinder auf abenteuerliche und ganz ‘un-touristische’ Weise einen viel magischeren und ebenso spirituellen Ort kennen. Daumen hoch für die Tauglichkeit als Familienurlaubs-Ziel.

(Anm.d.R.: Wie bereits in “Verlassen in Irland” beschrieben, ist es für mich schwer nachvollziehbar, wie sich mancherorts ein Massentourismus herausbildet, während anderswo ein ebenso großes (touristisches) Potenzial einfach so sich selbst überlassen wird. Zum Glück!)

Selbstversorger-Wellness

Und wieder endete der Tag wie er schöner nicht hätte enden können. Zumindest für die Mädels unserer kleinen Reisegruppe. Denn wir hatten uns für eine Massage in unseren eigenen vier Airbnb-Wänden eingebucht. Dazu wartete unsere Gastgeberin in einem gemütlichen Zimmer in der oberen Etage auf uns. Die entspannende Ganzkörpermassage war ein wahrer Genuss. Bei der indischen Kopfmassage konnte ich sogar die Geräuschkulisse unserer lärmenden Kinder ausblenden, die John zeitgleich unter vollem Körpereinsatz ins Bett brachte.

Wo gibt es das schon? Eine Wellness-Behandlung vor Ort, in einem Selbstversorger-Familienurlaub? Ein würdiger Abschluss unseres unvergesslichen Kurztrips.

Die Nachwirkungen

Als wir am nächsten Tag zu Hause ankamen (die Kinder hatten die gesamte Fahrt über durchgeschlafen), waren wir tiefenentspannt. Einmal mehr wurde uns bewusst, wie sehr wir beide diese Auszeit gebraucht hatten. Trotz des üblichen Familienurlaubs-Chaos mit kurzen Nächten und jeder Menge Trubel hatten wir unsere Batterien aufladen können. Wir strotzten geradezu vor Energie und Inspiration.

Unsere Ankunft zu Hause in Wicklow wurde von monsunartigem Regen begleitet, der für mich spürbar das Ende unseres Familienurlaubs einläutete. Als John die Haustür öffnete, merkte er an wie klein unser Haus im Vergleich zu Carmen’s & Robert’s Country House Retreat war. Unser Ehebett wirkte gegen die Himmelbetten im Ferienhaus geradezu mickrig. Aber es war gar nicht so sehr die Größe gewesen, die mich an unserer Unterkunft in Ballymote so beeindruckt hatte. Es waren die vielen, liebevollen Details und gemütlichen Rückzugsorte, die dem modernsierten Farmhaus seinen ganz besonderen Charme verliehen. Auch wir wollten unser Haus “carmenisieren”, wie wir es scherzhaft in Anlehnung an die Dame des Hauses nannten.

‘Carmanter’ geht es nicht

Bei Carmen hatten wir uns tatsächlich noch einiges abgucken können, was Dekoration und vollendete Perfektion anging. Zwar waren wir mit Kleinkindern im Hinblick auf delikate Zierobjekte etwas eingeschränkt, aber das konnte meiner Euphorie für den neu entdeckten Wohnstil keinen Abbruch tun. Das was Carmen  und Robert geschaffen hatten, ging weit über eine zweckmäßige Ferienunterkunft hinaus. Es fehlte an nichts und dennoch war alles ganz praktisch durchdacht. Verschiedene, perfekt aufeinander abgestimmte Einrichtungsstile vermischten sich hier zu einer Oase der Erholung und zum Seele baumeln lassen. (M)Ein absoluter Traum von einem irischen Landhaus!

Leben wie die Carmeniter_Charming LandhausFamilienurlaub in Carmen's & Robert's PlaceLeben wie die Carmeniter_Charming LandhausLeben wie die Carmeniter_Charming Landhaus

Ich werde ‘Carmeniter!’

Selbst Carmens und Roberts Lebensstil war im Einklang mit dem, was ihr Zuhause vermittelte. Ein Leben, das ich vorher nur aus romantisierten Rosamunde-Pilcher-Filmen kannte. Ursprüngliches Landleben, verbunden mit angenehmem Komfort und Rückbesinnung auf das Wesentliche. Dazu gehörten der wöchentliche Ausflug zum Bauernmarkt, um lokale Bio-Produkte einzukaufen, selbstgebackenes Brot, Obst und Gemüse aus Eigenernte sowie frische Gartenblumen überall im Haus. Ihren gesunder Lebensstil, gepaart mit einer eben so gesunden Einstellung zum Leben und in dieser paradiesischen Umgebung waren erstrebenswert. Die interessanten Gespräche mit Carmen und Robert sowie unser kurzer Aufenthalt in dieser ganz eigenen kleinen Welt haben mir das erneut bewusst gemacht.

Familienurlaubs-Fazit

Unser Familienurlaub in Sligo hat mir so viel mehr als nur eine tolle Zeit mit Familie und Freunden beschert. Nämlich meine eigene Sauerteigkultur mit der ich seitdem stolz backe, so wie Carmen. Nein ganz im Ernst, die wenigen Tage gaben mir so viel Auftrieb und Inspiration wie schon lange nicht mehr.

Die geselligen Nächte mit unseren Freunden am Lagerfeuer, in denen wir so viel gelacht haben. Auch mal ‘Quality Time’ unter Erwachsenen zu haben, bei der es um andere Dinge als nur die Kinder ging. Bei sommerlichen Temperaturen bis spät im Garten zu sitzen, umgeben von all den herrlichen Gerüchen (einschließlich dem des Grills!). Die gemeinsamen Aktivitäten, an denen jeder seine Freude hatte. Eine so wunderschöne Region Irlands besser kennenzulernen und Neues über Land und Leute zu erfahren. Das Gefühl bei eigentlich Fremden so herzlich willkommen und aufgenommen worden zu sein. Wir kommen wieder, ganz bestimmt!




Bekannte in der Fremde – Wir sind Greystones

“Bekannte in der Fremde” ist mein erster Gehversuch in der Welt des Journalismus. In meinem Blog drehte es sich bislang um meine Person und mein Leben als deutsche Auswanderer-Mami in Irland. Kürzlich versuchte ich mich zudem an zwei Fotoprojekten rundum Bäume und verlassene Orte. Neben dem Schreiben zwei weitere Interessen von mir. In diesem und den folgenden Blog-Posts soll es nun um Menschen und ihre Geschichte gehen.

Die ‘Blow-Ins’ (= Die ‘Hineingeschneiten’)

Genau genommen geht es um Menschen, die ebenso wie ich aus einem anderen Land nach Irland, und insbesondere in meinen Wohnort Greystones gekommen sind. Warum gerade Irland und aus welchen Beweggründen haben sie ihr Heimatland verlassen? Ein Thema, was mich schon immer interessiert hat und das ich nun zum Gegenstand einer kleinen Blog-Serie unter dem Namen “Bekannte in der Fremde” machen möchte. Ich konnte dafür “Greystonians” aus unterschiedlichen Ländern gewinnen und freue mich sehr ihre Geschichte erzählen zu dürfen.

Außer dass wir alle “Bekannte in der Fremde” sind, haben wir einen gemeinsamen Lebensmittelpunkt: unsere Familie. Zumindest haben wir uns (fast alle) über die Kinder kennengelernt und das allein verbindet. Es ist nicht verwunderlich, dass wir uns im familienfreundlichen Greystones gefunden haben. Einem attraktiven Küstenstädtchen im County Wicklow, reichlich eine halbe Autostunde südlich von Dublin gelegen.

Ein paar Worte zu Greystones

Bevor wir Ende 2016 nach Greystones zogen, war ich genau zweimal vorher als Besucher in dem Örtchen am Meer gewesen. Beide Male war ich den Küstenwanderweg vom Nachbarort Bray bis nach Greystones gelaufen. Auf halber Strecke, vom Bray Summit aus, hat man einen herrlichen Blick über die Dublin-Bucht. Beide Orte sind gut  mit der DART, dem irischen Pendlerzug, von Dublin aus zu erreichen. Das habe ich mir bei meinen Dublin-Aufenthalten oft zu Nutze gemacht, um der geschäftigen Hauptstadt kurz für einen Spaziergang an einem der umliegenden Strände zu entfliehen.

Die Haupt-(Straßen) Attraktion

Das einzige woran ich mich in Greystones so richtig erinnern konnte, war das Gastro Pub Burnaby auf der Hauptstraße. Auf dem Freisitz hatte ich damals einen kühlen Cider nach der Wanderung auf dem Küstenweg genossen. Damit war ich in bester Gesellschaft, denn viele nutzten den Cliff Walk oder Greystones als Wochenendausflugsziel.

Obwohl Greystones etliche Restaurants und für jeden Geschmack etwas zu bieten hat, reihen sich die meisten Besucher in der stets langen Warteschlange vor dem Happy Pear ein. Da gibt es nicht nur gesundes Essen, sondern die Besitzer selbst haben mit ihren vegetarischen Gerichten und Kochbüchern (inter-)nationale Berühmtheit erlangt.

Neben den kulinarischen Highlights ist der Strand die Hauptattraktion von Greystones. Während es in der windgeschützten Bucht ‘The Cove’ dank zahlreicher Sonnenanbeter und Schwimmer oft eng wird, ist am grobkörnigen Strand von Greystones genug Platz für alle. Der ehemals verschlafene Fischerhafen hat sich inzwischen zu einer modernen Marina mit exklusiven Immobilien gewandelt. Mondän zum Flanieren, zum Wohnen ein bisschen zu viel Beton in meinen Augen (wortwörtlich!).

Wohnen wo andere Urlaub machen

…sagt mein Mann John jedes Mal, wenn wir in Greystones unterwegs sind. Mehr ist dem eigentlich nicht hinzuzufügen. Wir haben das Meer auf der einen und die Berge auf der anderen Seite. Den 501 m hohen Berg The Great Sugar Loaf können wir fußläufig erreichen. Mit dem Wicklow Mountain Nationalpark haben wir eines von Irlands Wanderparadiesen direkt vor der Haustür.

Unsere Umgebung bietet genau das, was Deutsche wohl als ‘typisch irisch’ bezeichnen würden: Küste, malerische Hügel und Seen, ein paar Schafe hier und da, sowie tiefgrüne Wälder. Während das allein schon Grund genug ist nach Greystones zu ziehen, gibt es zudem viele Angebote und Aktivitäten für Kinder. Neben Wander- und Naturparadies also auch eins für Familien.

Kleinstadt – Multikulti

Wer sind nun also diese Menschen, die in Greystones leben und um die es in “Bekannte in der Fremde” gehen soll? Es sind Menschen, denen man häufig im Ort begegnet. Zumeist haben sie Zeit für ein kleines Schwätzchen oder rufen zumindest ein freundliches “How are ya?” über die Straße. Sie nehmen am gesellschaftlichen Leben teil und bringen sich ein, wo sie können. Ich denke, ich kann Greystones getrost als “multikulti” bezeichnen. Und das ganz ohne die Anonymität einer Großstadt. Stattdessen kennt man sich untereinander. Das vermittelt ein großartiges Zusammengehörigkeitsgefühl, was mich hier besonders heimisch fühlen lässt.

Zuhause ist da wo das Herz ist

Bevor jede einzelne “Bekannte in der Fremde” in einem Blog-Artikel “Rede und Antwort” steht, noch ein paar Worte über mich. Das meiste findet sich allerdings schon in den Geschichten auf meinem Blog oder unter der Rubrik Über mich. Als ich 2008 das erste Mal Fuß auf irischen Boden setzte, wusste ich noch nicht, dass ich hier einmal dauerhaft landen würde. Viel ist passiert, bevor ich im Januar 2014 den Schritt des Auswanderns wagte. Nun kann ich mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass ich die Insel nicht wieder verlassen werde (außer um Familie & Freunde zu besuchen und zum Reisen natürlich).

Das Schicksal, oder wer da auch immer seine Finger im Spiel hatte, hat es gut mit mir gemeint und mir in Irland den Weg geebnet. Ich hatte einzig und allein auf mein Bauchgefühl vertraut und war, entgegen jeglicher Vernunft, nach Irland gegangen. Der Rest ergab sich ganz wie von selbst. Das soll nicht heißen, dass es immer einfach war. Aber die Steine, die mir in den Weg gelegt wurden, konnte ich mühelos beseitigen. Es sollte wohl so sein.

Warum Irland?

Diese Frage habe ich bereits in einem Blogartikel unter dem selben Titel beantwortet (als Gastbloggerin bei Die Blaue Banane). Während es darin um meine anfängliche Motivation des Auswanderns ging, gibt es inzwischen für mich noch viel mehr Gründe in Irland zu bleiben: Meinen liebevollen irischen Ehemann John, zwei halb-irische Kinder (für John sind sie 100% irisch) und unser Traumhaus im Co. Wicklow.

Beruf vs. Berufung

Dass ich bereits in Deutschland für den irischen Tourismus tätig war, half natürlich ungemein bei der Jobfindung in Irland. Als ich vor 6 1/2 Jahren auf die Insel zog, hatte ich einen festen Arbeitsvertrag bei einer großen irischen Incoming-Agentur in der Tasche. Wenige Monate später bekam ich ein noch besseres Angebot und wechselte zu einer kleineren Firma.

Nach der Geburt unseres ersten Kindes wurde mir schnell klar, dass ich nicht wieder in meinen alten Job zurückkehren wollte. Genau genommen kann ich mir bis jetzt keine andere Tätigkeit vorstellen als Vollzeit-Mama zu sein. Seit über 3 Jahren bestreiten wir nun schon unseren Alltag als eine Home-Office-Familie. Gelegentlich übernehme ich kleinere Projekte für meine ehemalige Arbeitgeberin in Deutschland.

Emotionaler Rückblick

Die Entscheidung nach Irland auszuwandern habe ich ganz bewusst getroffen, weil ich mich als Studentin während eines 6-monatigen Praktikums in die Insel verliebt hatte. Ich wollte also nicht zwangsläufig weg aus meiner Heimat, sondern einfach nur in Irland leben. Es war kein Umzug der Liebe wegen (abgesehen von der Liebe zu Irland) und nicht aus beruflichen Gründen. Zu diesem Zeitpunkt war ich so ungebunden wie nie zuvor in meinem Leben. Das hat sicherlich alles dazu beigetragen, dass ich mich hier so gut eingelebt habe.

Denn egal was mich erwartete, ich war “aus freien Stücken” nach Irland gekommen. Mein Aufenthalt war an keinerlei Bedingungen gekoppelt und ich stand dem Ganzen offen gegenüber. Nichts desto trotz war auch für mich aller Anfang schwer. Oder besser gesagt schwergängig, vor allem was das Kontakte knüpfen anbelangte. Der innere Schweinehund, den es zu überwinden galt, war leider nicht in Deutschland geblieben.

Fragen beantwortet

Wenn man über das Auswandern nachdenkt, hat man oft viele Fragen im Kopf. Ich hoffe mit meiner Serie “Bekannte in der Fremde” einige davon beantworten zu können. Schlichtweg indem Menschen mit einer ähnlichen (Auswanderer-)Geschichte ihre Erfahrung teilen.

Zum anderen ist es eine tolle Gelegenheit für Leute aus Greystones ihre Mitmenschen besser kennenzulernen und einem vielleicht schon bekannten Gesicht eine Geschichte zuzuordnen.

Zu guter letzt finde ich es schön, dass meine Familie und Freunde in Deutschland erfahren, wer hier Teil meines alltäglichen Lebens ist und mir in der Ferne ans Herz gewachsen ist.

Was mich angeht, habe ich bereits zuvor ein paar typische Auswandererfragen beantwortet. Ob ich noch einmal nach Irland auswandern würde, steht ebenfalls auf meinem Irland-Blog.

Coming Soon

Dann bleibt zu meiner Person eigentlich nichts weiter zu sagen und wir können uns direkt meiner Landsmännin und Freundin Anja als erste “Bekannte in der Fremde” widmen. Als wir uns das erste Mal begegneten, machten wir eine freudige Feststellung, die uns das Kennenlernen sogar noch erleichterte. Mehr dazu und zu Anjas Geschichte im nächsten Artikel!

Wenn du selber in Greystones lebst, ursprünglich aus einem anderen Land kommst und gern bei “Bekannte in der Fremde” mitmachen möchtest, dann schreib mir eine Nachricht oder hinterlasse einen Kommentar unter dem Artikel. Ebenso bei individuellen Fragen rund ums Auswandern, das Reisen in Irland oder dem Alltag als (Vollzeit-) Mami. Auch Kritik oder das Ergänzen eigener Erfahrungen sind willkommen.

Viel Spaß beim Lesen von “Bekannte in der Fremde”. Coming soon!




 

VERLASSEN IN IRLAND

Als ich vor ein paar Wochen anfing diesen Artikel zu schreiben, wusste ich nicht, dass Irlands Sehenswürdigkeiten im wahrsten Sinne des Wortes verlassen sein würden.  Bei der Wahl des Titels hatte ich keineswegs eine Pandemie im Sinn. Vielmehr sollte es um Orte gehen, die für immer verlassen sind. Verwaist und zerfallen. Geheimnisvolle Hüllen einstig glanzvoller Gebäude. Ruinen. Mauerreste.

Trotz der Ausnahmesituation, in der nun alle touristischen Attraktionen auf der Insel wie ausgestorben sind, soll es nach wie vor um meine Lieblingsruinen gehen. Es ist eine Katastrophe, dass die Tourismusindustrie zum Erliegen gekommen ist. Dabei hätte doch ein kleiner Dämpfer ausgereicht. Ich denke profitgierige Hotels und Anbieter von Dumping-(P)Reisen haben ihre Lektion gelernt.

Fotos © Sylvia & John Payne, Hartmut Wallburg

WHAT'S THE STORY?

Ich mag Altes. Mein Mann sagt, das sei der Grund, warum ich ihn geheiratet habe. Obwohl er damit nicht ganz Unrecht hat, hatte ich dabei eher alte Gebäude im Sinn. Was alt ist, hat eine Geschichte. Und die ist es, die mich interessiert. Von einem verlassenen Ort geht eine ganz eigene Energie aus. (Von meinem Mann auch, aber der bleibt hier außen vor.) Ich mag es mir vorzustellen, wie ein Ort ausgesehen haben könnte, bevor er zur Ruine wurde. Wie lange liegt er wohl schon so da? Unter welchen Umständen wurde er verlassen? Und dann sind meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt.

GRUNDSTEIN GELEGT

Als Kinder besuchten meine Schwester und ich mit meinen Eltern zahlreiche antike Stätten, vornehmlich in der Türkei und in Griechenland. Einige davon wahre Touristenmagneten. Andere wiederum hatten kaum eine touristische Infrastruktur und waren nahezu menschenleer. Trotz ihrer historischen Bedeutung lagen sie unbeachtet und verlassen da. Auf mich hatten diese einen besonderen Reiz. Schließlich machte sie ihre geringere Popularität nicht weniger interessant. Damit legten meine Eltern und insbesondere mein Papa den Grundstein für mein Interesse an verlassenen Orten.

KINDLICHE FANTASIE

Angefeuert von meiner kindlichen Fantasie und Büchern, malte ich mir Szenarien aus wie diese Ausgrabungsstätten wohl in ihrer vollen Blüte ausgesehen haben mögen. Ich stellte mir vor, wie die Menschen vor tausenden von Jahre den gleichen Boden beschritten wie ich jetzt. Wie die Sonne auf ihrer Haut brannte und sie genauso die Zikaden zirpen hörten. Spielte es dafür eine Rolle, ob ich mir sie in ihren historisch korrekten Gewändern vorstellte? Für mich nicht. Woran ich mich erinnere, ist ein Gefühl. Keine geschichtlichen Fakten, die man jederzeit irgendwo nachschlagen kann.

WENIGER IST MEHR

Manchmal bevorzuge ich es, mir ein eigenes Bild zu machen als die Geschichte eines Ortes in einem Museum auf dem Silbertablett serviert zu bekommen. Rekonstruktionen und Ausstellungen können informativ sein, aber kurbeln nur selten meine Fantasie an. Verlassene Orte sprechen für sich, auch wenn nicht jeder Besucher die gleiche Geschichte ‘hört’. In Irland gibt es viele Sehenswürdigkeiten, die es trotz großer Besucherzahlen schaffen, ihre Atmosphäre zu bewahren. “Touristenfallen” hingegen, haben weder eine Atmosphäre noch wollen sie lediglich den Besucher informieren.

NACHHALTIG

So wie grasende Schafe in saftigem Grün, gehören auch Ruinen zu Irlands Landschaftsbild. Manch einer kann es kaum fassen, dass die hier einfach so herumstehen. Ganz ohne Eintritt oder Souvenirladen. Vermarkten kann man fast alles, aber wirklich nachhaltig ist das nicht. Manchmal reichen, wie ich finde, ein Wegweiser und ein Toilettenhäuschen aus. Alle Fotos in diesem Artikel sind an verlassenen Orten entstanden. Einige davon haben keine touristische Infrastruktur, was sie in meinen Augen sogar attraktiver macht. Meine Vorstellungskraft kann sich besser entfalten, wenn nicht jede Minute ein neuer Reisebus ‘ausgekippt’ wird.

 

FLUCH…

Vor nicht allzu langer Zeit war ich selber im Tourismus tätig und habe dazu beigetragen, tausende von Touristen pro Jahr in großen Gruppen nach Irland zu bringen. Schon bevor ich als Vollzeit-Mama zu Hause blieb, habe ich mich mit der Massenvermarktung im irischen Tourismus nicht mehr so richtig wohlgefühlt. Auf der einen Seite setzten mich die Kunden unter Druck, um Dumpingpreise herauszuschlagen. Auf der anderen Seite standen die irischen Leistungsträger, die mit dem erneuten Wirtschaftsboom plötzlich der Bustouristen überdrüssig geworden waren. Oder schlichtweg an die Grenzen ihrer Kapazitäten stießen.

…& SEGEN

Richtig angestellt ist Tourismus eine wichtige Einnahmequelle, insbesondere in weniger favorisierten Regionen des Landes. Aber ich habe das Gefühl, dass Irland das Konzept von Nachhaltigkeit und moderatem Wachstum missachtet. Stattdessen gilt der Grundsatz “Je mehr und schneller, desto besser”. Besucherzentren, die in Hoch-Zeiten wie Pilze aus dem Boden schießen, sollten nicht die ursprüngliche (meist natürliche) Attraktion überlagern. Viele kommen nach Irland, weil sie die Ursprünglichkeit schätzen. Unberührte Natur und Authentizität. Attribute, die mit dem Massentourismus verschwinden. Sind sie einmal zerstört, ist der Schaden irreversibel.

DILEMMA

Ich sollte mich freuen, dass sich der Massentourismus auf eine Handvoll von Sehenswürdigkeiten beschränkt, die in jeder Reisebroschüre beworben wird. Keine Frage, auch ich wollte genau diese zuerst sehen, als ich Irland das erste Mal besuchte. Nach ein paar Jahren, die ich nun hier lebe, fühle ich mich nahezu verpflichtet, stattdessen ein paar Insider Tipps zu teilen. Es ist ein Dilemma – einerseits möchte ich, dass meine verlassenen Lieblingsplätze ‘verlassen’ bleiben. Andererseits sind sie zu schön um nicht gesehen zu werden. Zum Glück liegt es nicht in meiner Macht weder das eine noch das andere zu bewirken.

WÄNDE SPRECHEN

Die Ruinen in meinem Artikel habe ich zufällig entdeckt. Ich bin nicht aufgrund von Empfehlungen oder einem Reiseführer auf sie gestoßen. Dementsprechend hatte ich den Überraschungs-WOW-Effekt auf meiner Seite. Völlig unvoreingenommen konnte ich mich meinen Gedanken über die mögliche Geschichte es Ortes widmen, möge sie wahr sein oder nicht. Ganz ohne Nachbauten, die der Fantasie auf die Sprünge helfen. Einfach nur Steine, wie sie einst von ihren Erbauern errichtet wurden. Authentischer geht es kaum. Doch was macht einige Ruinen Irlands populärer als andere? Eine Frage, die ich mir bislang noch nicht beantworten konnte.

FRIEDHÖFE

(Alte) Friedhöfe haben mich schon immer besonders fasziniert. Die keltischen Hochkreuze machen sie in Irland regelrecht zu einer Sehenswürdigkeit. Berühmte Beispiele sind Glasnevin, Monasterboice, Rock of Cashel und Clonmacnoise (letztere beinhalten einen ganzen Gebäudekomplex). Trotz hoher Besucherzahlen ist es ihnen gelungen, die Würde und den Ursprung der Stätte zu bewahren. Zwei weniger bekannte Friedhöfe, die mich mindestens genauso beeindruckt haben, sind der Hill of Slane, Co. Meath und  The Old Burial Ground in Delgany, Co. Wicklow.

HILL OF SLANE

Der Hill of Slane war eine echte Überraschung. Auf einem grünen Hügel tat sich vor uns auf einmal ein großes Areal historischer Ruinen nebst einem Friedhof auf. Unmittelbar daneben grasten ein paar Kühe. Diese und ein freundlicher Herr in Gummistiefeln waren die einzigen Lebewesen, denen wir dort begegneten. Offensichtlich war keiner von beiden, so wie wir, an den beeindruckenden Mauerresten und Grabstätten interessiert. Eine Sehenswürdigkeit, wie ganz selbstverständlich, in das Alltägliche integriert und somit wirklich typisch irisch.

DELGANY

Von einer geschäftigen Straße aus betraten wir durch ein Mauerloch den Old Burial Ground in Delgany. Wie einen geheimen Garten, würde ich seine Atmosphäre beschreiben. Statt gestochener Rasenkanten und geharkte Wege erwarteten uns hochgewachsenes Gras und Wildblumen. Als einzige Besucher sahen wir uns in aller Ruhe um. Die halb verwitterten, schwer leserlichen Grabsteine gingen bis 1700 zurück. Eine Bank unter einem riesigen Baum spendete Schatten und lud regelrecht zum Verweilen ein. Kann man sich einen schöneren Ort der Stille für die Verstorbenen und Besucher vorstellen?

BALTINGLASS

Klöster sind für mich der Klassiker unter den Ruinen. Wie Friedhöfe sind sie Orte der Ruhe und inneren Einkehr. Für mich haben sie sogar etwas majestätisches. Irland ist voll davon und selbst als Ruinen verlieren sie ihre Aura nicht. Mit meinen Eltern im Schlepptau fuhren wir an einem regnerischen Tag in Richtung Baltinglass Abbey. Wir hatten uns zu fünft in unseren Kleinwagen gequetscht. Die Panoramaroute durch die Berge dauerte doch länger als erwartet. Bei der Ankunft waren wir leicht genervt und vor allem hungrig. Sicherlich ein Grund dafür, dass sich mir die Schönheit des ehemaligen Zisterzienserklosters  nicht auf den ersten Blick erschloss. Bei näherem Betrachten und noch später auf den Fotos taten sich jedoch wunderschöne Details auf. Mit seinen verzierten Steinen ist die Abtei aus dem 12. Jahrhundert eines der schönsten Beispiele romanischer Architektur in Irland. Und keine Menschenseele da, um sie zu bewundern.

LUST AUF RUINE?

Wann immer mir nach dem Besuch einer Ruine zumute ist, brauche ich nur den Fuß vor die Tür zu setzen und stehe schon fast vor dem Kindlestown Castle. Nicht selten spielen wir mit unseren Kindern auf der Wiese davor Ball oder beobachten den Sonnenuntergang. Schnell vergisst man dabei, dass es sich um ein historisches Gebäude aus dem 9. Jahrhundert handelt. Als Nationales Denkmal ist es Teil des Delgany Heritage Trail. Ebenfalls bei uns in der Nähe, im schönen County Wicklow, befindet sich Belmont Demesne. Als Teil eines Waldareals mit herrlichen Wanderwegen und Ausblicken befindet sich dort die Ruine des gleichnamigen Hauses. Sie ist eher unspektakulär anzusehen. Bereits halb von der Natur zurückerobert, scheint sie und ihre Umgebung allerdings Eindruck auf diverse Filmproduzenten gemacht zu haben. Unter anderem wurde hier King Arthur gedreht, wonach nun das angeschlossene Café benannt ist.

BUCH TIPP

Zu guter letzt möchte ich passend zum Thema noch ein Buch empfehlen. Geschrieben hat es Tarquin Blake. Mein Mann schenkte es mir mit folgenden Worten in den Einband geschrieben: „To my beautiful wife. On her first birthday as my wife. One day we will build a home of our own. Your husband.“ (Anm. d. Red.: Nur 3 Wochen später haben wir unser Zuhause gefunden.) Diese rührenden Worte haben mich zum Nachdenken angeregt. Die Ruinen, die der Autor in seinem Buch Abandoned Mansions of Ireland beschreibt, nannte tatsächlich einmal jemand sein Zuhause. Seine großartigen Fotografien zeigen, wie die Natur die nun verlassenen Herrenhäuser langsam wieder für sich einnimmt. Und natürlich hat jedes Gemäuer seine eigene Geschichte. Bevor ich sie lese, lasse ich jedoch auch hier zunächst die Bilder auf mich wirken und tauche ein in meine Fantasiewelt aus eigenen Geschichten, wie ich es schon als Kind getan habe.

 

 

Kleine Bilder, von links nach rechts, horizontal: Glen of the Downs (Co. Wicklow); Baltinglass Abbey (Co. Wicklow), Belmont Demesne (Co. Wicklow); Hill of Slane (Co. Meath); Cathedral of St. Peter & St. Paul, Glendalough (Co. Wicklow),  Monasterboice (Co. Louth); Selskar Abbey (Co. Wexford); Cathedral of St. Peter & St. Paul, Glendalough (Co. Wicklow), Famine Wall, Ballina (Co. Mayo); Old Burial Ground, Delgany (Co. Wicklow); Hill of Slane (Co. Meath); Old Burial Ground, Delgany (Co. Wicklow); Baltinglass Abbey (Co. Wicklow); Kindlestown Castle (Co. Wicklow)

Bildrechte © Sylvia & John Payne, Hartmut Wallburg

 




WENN BÄUME SPRECHEN KÖNNTEN

...was würden sie sagen?

Würden sie uns verraten, dass kleine Feen und Kobolde in ihnen wohnen? So wie sie in der irischen Folklore und in Legenden vorkommen? Könnten sie sich an die Geschichten erinnern, so wie sie sich tatsächlich zugetragen haben? Wer weiß. Da wir uns auf die Überlieferungen verlassen müssen, wie sie von Generation zu Generation weitergegeben wurden, werde ich den Bäumen meine Stimme leihen und euch einen kleinen Einblick in die irische Mythologie gewähren.

Baum- & Waldfotografie © Sylvia & John Payne

HERZ ÜBER VERSTAND

Vorher ein paar Worte, warum Bäume auch in meinem Leben eine Rolle spielen. Wenn mich vor Jahren jemand gefragt hätte, wo ich leben möchte, hätte ich sicherlich gesagt am Meer. Noch heute denke ich, ja das klingt toll, ein Haus am Meer. Es hört sich nach jedermanns Traum an. Insbesondere für jemanden wie mich, der weit weg vom Meer aufgewachsen ist und für den es lange unerreichbar schien. Nun habe ich es durch einen glücklichen Umstand direkt vor der Nase. Höre ich jedoch auf mein Gefühl, schlägt mein Herz für den Wald. Für knorrige, moosbewachsene Bäume. Ich liebe es, wenn die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach flimmern. Der Geruch von feuchtem Waldboden, der sanft jeden Schritt abfedert. Ich würde mich nicht als Naturmensch bezeichnen. Aber meine Eltern haben mir in jedem Fall die Liebe zu Bäumen mitgegeben.

IM WALD GEBOREN

Ich habe das Gefühl,  dass wenn man jung ist, immer von dem weg möchte, was man hat. Je älter man wird, desto wohler fühlt man sich in der Nähe dessen, was man kennt und lieben gelernt hat. Mein Name Sylvia bedeutet “die im Wald Geborene“. Und der ist auch ganz treffend. Mein erstes Lebensjahr verbrachte ich mit meiner Familie in einem Haus am Waldrand. Das nächste Dorf war etwa 1, 5 km entfernt. Unsere Adresse war einfach “Haus am Wald”. Das klingt sehr abenteuerlich, aber bewusst kann ich mich daran selbstverständlich nicht erinnern. Meine Mama hat mir jedoch erzählt, dass sie mit mir im Kinderwagen jeden Tag durch den Wald spazieren gegangen ist. Ich hätte immer ganz interessiert nach oben geschaut, wie die Baumkronen wackelten und an mir vorüberzogen, bis mir die Augen schwer wurden und ich schließlich einschlief.

KINDHEITSERINNE-RUNGEN

Als ich 1 Jahr alt war, zogen wir in die nächst größere Stadt um. Solange ich denken kann, kamen wir fast jedes Wochenende zum Spazieren gehen in den Wald an unserem alten Haus zurück. Es war das Elternhaus meiner Mama und sie verband sehr viel mit dem Ort. Auch uns war es vergönnt zahlreiche Kindheitserinnerungen dort zu sammeln, auch nachdem wir weggezogen waren. Im Winter nahmen wir den Schlitten mit in den Wald. Einmal hatte mein Papa die Idee, ihn ans Auto zu binden und so sausten wir über die verschneiten Waldwege. Zu Ostern versteckten meine Eltern bunte Schoko-Eier am Wegesrand. Naiv wie wir waren, brachten meine Schwester und ich sie immer wieder zu meinen Eltern zurück, damit sie sie für uns tragen konnten. Die Ausbeute am Ende war ernüchternd, weil wir sie alle doppelt und dreifach gesucht hatten.

KONSTANTE

Ich habe die Waldspaziergänge mit meiner Familie immer genossen. Dass heißt meistens. Als Teenager gab es natürlich schöneres als nach einer kurzen Nacht “frische Luft schnappen” zu gehen. Abgesehen davon ist insbesondere dieser Wald eine Konstante in meinem Leben und war immer ein wichtiger Bestandteil unseres Familienlebens. Für tiefgreifende Gespräche und so manche urkomische Episode. Vielleicht geben mir Wälder deshalb ein positives Gefühl.

 

UNABDINGBAR

Oder das ist alles sentimentales Gefasel und ich mag schlichtweg Bäume. Wie auch immer. In jedem Fall hat es mich in ein Land verschlagen, in dem Bäume als magisch gelten. Zumindest bei den Fabelwesen, die sie laut irischer Mythologie bewohnen. Bäume spielen in der irischen Folklore eine große Rolle. Schon damals wussten die Menschen, dass Bäume zum Überleben unabdingbar waren. Lernten aber auch, von welchen sie sich lieber fernhalten sollten.

ETHYMOLOGIE

Beweise dafür lassen sich in ganz Irland finden. Viele Ortsnamen enthalten Silben die auf Bäume zurückzuführen sind. So zum Beispiel “cullen”, was Stechpalme bedeutet oder “deagh” für Birkenhain. Orte mit der Vorsilbe “kil” oder “kyle” beziehen sich mitunter auf das irische Wort “coill”, was Wald heißt. Die Stadt Youghal im Co. Cork ist abgeleitet von “yew wood” = Eibenwald und Derry von “daire” = Eichenwald. (Quelle: forestryfocus.ie)

SYMBOLIK

In der irischen Mythologie dominieren drei Bäume: die Eiche, die Birke und die Esche. Die Eiche gilt schon immer als Zeichen für Stärke sowie Fruchtbarkeit und wurde demnach oft den Königen zugeschrieben. Deshalb findet man sie häufig in der Nähe von königlichen Grabstätten. Die Birke ist ein keltisches Symbol der Liebe. Oft hängten die Menschen Birkenzweige über die Wiege, um ihre Babies zu beschützen. Die Esche mit ihrem starken, aber dennoch flexiblen Holz steht für allgemeines Wohlbefinden. In Verbindung mit Brunnen oder natürlichen Quellen wird sie auch mit Heilung assoziiert. (Quelle: Niall Mac Coitir “Irish Trees – Myths, Legends & Folklore”, Gill Books)

ABERGLAUBE

Vielleicht ist es nur ein Klischee, dass die Iren besonders abergläubisch sind. Ihre Feenbäume nehmen sie allerdings ernst und achten darauf, dass ihnen niemand zu Leibe rückt. Ein Feenbaum ist zumeist eine Esche oder ein Weißdorn. Entscheidendes Merkmal ist jedoch sein Standort. Fernab von seinen Artgenossen steht er allein in der Mitte eines Feldes oder am Wegesrand. Die Blüten des Weißdorn galten seit jeher als unheilbringend. Lange nachdem der Busch seinen Ruf weg hatte, fanden Wissenschaftler heraus, dass seine Blüten eine Chemikalie enthalten, die auch beim Zersetzungsprozess menschlicher Haut vorkommt. Grund genug den Busch zu meiden, oder? (Quelle: YourIrish.com)

LEGENDEN

Als man sich Dinge noch nicht wissenschaftlich erklären konnte, erfanden die Menschen Geschichten, um sich auf gewisse Naturphänomene einen Reim zu machen. Hat St. Patrick wirklich die Schlangen aus Irland vertrieben? War es ein Riese, der den Giant’s Causeway in Nordirland gebaut hat? Wahrscheinlich nicht, aber die Legenden dazu existieren bis heute. Die Überlieferungen mögen übernatürliche Elemente enthalten, aber sie sind mehr als nur Märchen. Sie spiegeln die Gefühle jener Menschen wider, die sie erfanden und berichten von ihren Sorgen und Ängsten. (Quelle Biggs „Pocket Irish Legends“, Gill Books)

VORZEIGEKOBOLD

Heutzutage helfen Legenden eher dabei Irland als Land der Leprechauns und Geschichtenerzähler zu vermarkten. Während diese beiden Attribute tatsächlich auf Irland zutreffen, wurde der Leprechaun selbst mal eben der irischen Nationalfarbe angepasst. Anstelle einer braunen Jacke und eines roten Hutes erscheint der Vorzeige-Kobold nun in knalligem Grün mit überdimensionalem Hut, welcher in keinem Souvenirshop zu übersehen ist. In der irischen Folklore ist der Leprechaun allerdings ein garstiger Naturgeist und ganz und gar kein niedliches Souvenir. Wenn ihn jemand zu fangen vermochte, musste es ihm gelingen ihn solange festzuhalten, bis ihn der Leprechaun zum Topf voller Gold führte. Der kleine Geselle war jedoch viel zu schlau und entwischte jedes Mal. Deshalb ist der heißbegehrte Schatz nach wie vor am Ende irgendeines Regenbogens versteckt.

FEENFRAU

Der Geist dessen Erscheinen ich am meisten fürchte, ist die Banshee. Vor allem das, wofür sie steht. Der Name kommt aus dem irischen von Bean-Sidhe und bedeutet Feenfrau. Über ihr Aussehen ist man sich nicht einig, zumal sie wohl im Stande ist, verschiedene Gestalten anzunehmen. Meist wird sie als wunderschöne junge Frau mit langen weißen (oder roten) Haaren beschrieben. In Irland erzählt man sich, dass ihr eigener Tod so schrecklich gewesen sein soll, dass sie nun über Familien wacht und diese warnt, wenn das Ableben eines Angehörigen unmittelbar bevorsteht. Das tut sie mit einem hohen Kreischen oder Heulen. Manche sagen, dass sie Sterbende sogar sicher bis auf die “andere Seite” begleitet. Eine dramatische Legende, aber ein schöner Gedanke so von der Welt zu gehen. Dennoch würde ich der Banshee lieber später als früher begegnen. (YourIrish.com)

FAKE NEWS

In meiner Zeit in Irland habe ich so manche Legende gehört und gelesen. Oft sind sie harsch und brutal und erinnern damit ein wenig an die Märchen der Gebrüder Grimm. Beide enthalten einen tieferen Sinn oder eine lehrreiche Botschaft. Ich denke, dass Überlieferungen, aus denen wir eine Lehre ziehen sollen, ein gewisses Maß an Drama oder eine schockierende Wende enthalten müssen. Das bringt uns doch erst dazu aufzuhorchen oder uns näher mit etwas zu beschäftigen. Nicht zuletzt dienen die irischen Legenden auch der Unterhaltung. In erster Linie wurden auf diesem Weg jedoch Heldentaten, Warnungen und der respektvolle Umgang mit der Natur von Generation zu Generation weitergegeben. Ein bisschen wie mit den Fake News unserer heutigen Informationsgesellschaft. Nicht alles entspricht komplett der Wahrheit, aber sie finden Anklang. Was meint ihr?

Wer mehr über die irische Feenwelt wissen möchte, dem kann ich die Hörsendung der freien Journalistin Dorothea Brummerloh empfehlen.




Warum wir Meister der Selbstisolation sind

Es war einmal ein Ehepaar das, entgegen aller Prognosen von höheren Scheidungsraten und häuslicher Gewalt, in der Selbstisolation regelrecht aufblühte. Zwei Menschen, die nicht gerade einen unsozialen Eindruck machten und die man keinesfalls als Einzelgänger bezeichnen würde. Ganz im Gegenteil. Sie verfügten über einen beachtlichen Freundeskreis und vor Corona verbrachten sie gern Zeit in der irischen Natur.

Wie Feuer und Wasser

Was mag das für ein Paar sein, das sich selbst genug ist und dem die Selbstisolation wenig ausmacht? Zwei Personen, die auf dem Papier unterschiedlicher nicht sein könnten. Keine Online-Dating Plattform der Welt hätte ihnen Übereinstimmungen bescheinigt. (Ehemalige) Auswanderer, deren Wahrscheinlichkeit sich über den Weg zu laufen verschwindend gering war, da sie den größten Teil ihres Lebens tausende Kilometer entfernt auf verschiedenen Kontinenten verbracht hatten. Ein strenggläubiger irischer Katholik, der nach über 20 Jahren in Amerika wieder in seine Heimat zurückgekehrt war. Und eine konfessionslose Deutsche, die in ihrem Heimatland alles zurückgelassen hatte um einen lang gehegten Traum zu verwirklichen.

Gesucht und Gefunden

Es ist ein Paar, das im Sommer seinen 6. Jahrestag feiert. Verbunden durch einen ganz eigenen schwarzen Humor, wie ihn nur wenige verstehen. Zwei gegensätzliche Charaktere, die nach der gleichen Moralvorstellung und den selben konservativen Werten leben. Eltern zweier wunderbarer Kinder, die es manchmal kaum fassen können, was sie gemeinsam Großartiges hervorgebracht haben. Eine Vollzeit-Mama und ein Home-Office-Familienernährer. Sie sind eine Familie, deren Routine sich durch den Corona Virus nicht großartig geändert hat. Sie leben so weiter wie vor der Krise weil sie in ihren eigenen vier Wänden fast alles haben, was sie zum Leben brauchen.

Wie wir uns vorbereiteten ohne zu wissen was kommt

Mit der Corona-Krise und der daraus resultierenden Selbstisolation fragen sich plötzlich viele wie das gehen soll, alles von zu Hause aus zu bestreiten. Arbeiten, Kinder beschäftigen und die Einkäufe auf ein Minimum zu reduzieren. Während diverse Ratgeber-Seiten voller kreativer Ideen für die Selbstisolation wie Pilze aus dem Boden schießen, ist vieles davon nicht neu für uns. So sieht unser Alltag aus, schon lange bevor er von Corona bestimmt wurde.

Die Krise um den Virus selbst versetzt natürlich auch uns in Sorge und Bangen um die Zukunft. Der vorläufige Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben trifft uns allerdings nicht allzu hart. Wir fühlen uns, wenn auch ungeplant, darauf vorbereitet. Bis auf geringfügige Einschränkungen können wir so weiterleben wie vor der Selbstisolation. Abgesehen davon, Freunde und Familie nicht sehen zu können.

Tipps und Tricks für die Selbstisolation

In meiner Mini-Blog-Serie möchte ich gern unsere Erfahrung teilen, die wir mit dem Arbeiten von zu Hause in den letzten 3 Jahren gesammelt haben. Ich verrate euch wie wir unsere Kinder während der Selbstisolation (fast) ganz ohne Fernsehen und großen Aufwand beschäftigen. Und zu guter letzt gebe ich euch einen Einblick in meine „experimentelle“ Küche, bei der Improvisieren seit jeher eine große Rolle spielt. Auch das kommt uns in der Selbstisolation gerade zu Gute. Los geht’s in meinem nächsten Blog Artikel mit dem Erfolgreichen Arbeiten im Home Office mittels weniger einfacher Regeln.

P.S.

Bitte geht nicht davon aus, dass wir während der Selbstisolation nicht auch manchmal am Rad drehen. Denn das tun wir. Neulich haben wir Zahlenhopse (Himmel und Hölle) auf unserem neuverlegten Gartenweg gespielt (ohne Kinder!). Und manchmal kullern wir uns den Grashang in unserem Garten herunter. Das haben wir auch schon vor der Selbstisolation gemacht. Nun haben wir wenigstens eine Ausrede.

P.P.S.

Es gibt auch Tage da nützen alle guten Tipps und Ratschläge nichts. Da schlägt uns die Selbstisolation knallhart auf’s Gemüt. Dann hangeln wir uns so durch den Tag. Da gibt es keine Routine und keine Regeln. Das ist dann einfach so.




Weihnachtszauber in der Ferne

Weihnachten in der Ferne war für mich als Kind undenkbar. Es musste zu Hause und nur in Familie gefeiert werden. Wenn wir über die Feiertage das Haus verlieβen, dann nur zum traditionellen Spaziergang durch den Winterwald. Schnee gab es zwar nicht immer, aber zumindest auf die klirrende Kälte konnte man sich in unseren Breitengraden fast immer verlassen.

Die liebe Tradition

Erst als Erwachsene wurde mir bewusst, wie wichtig mir Tradition, insbesondere um die Weihnachtszeit herum, offensichtlich schon immer war. Ich liebte unseren Weihnachtsschmuck, der jedes Jahr aus verstaubten Kisten hervorgeholt und immer am gleichen Ort aufgestellt wurde. Alles hatte seinen Platz. Der bunte Klingelbaum stand auf dem Küchentisch und lieβ bei jeder Mahlzeit sein blechernes Bimmeln ertönen. Auf die Weihnachtsbaumspitze gehörte ein schon etwas abgegriffener Engel, den ich wegen seiner weiβen Haare nach einer alten Tante getauft hatte. Von meinen Lieblingsweihnachtsbaumkugeln blätterte allmählich die Farbe ab, aber auch sie fanden jedes Jahr wieder ihre Daseinsberechtigung am Baum. Neue Dekoration war bei mir ebenso wenig willkommen wie spontaner Besuch über die Festtage, der den “familiären Ablauf” unterbrach.

Veränderungen sind nicht mein Ding

Im Laufe der Zeit veränderte sich unser Weihnachtsfest. Mal waren es groβe Einschnitte wie das 1.Weihnachten ohne Opa. Mal nur kleine, kaum wahrnehmbare praktische Anpassungen, dass nun der Weihnachtsbaum in einer anderen Ecke es Wohnzimmers stand. Als Oma starb, ging mit ihr auch die Tradition des adventlichen Plätzchenbackens. Fast krampfhaft versuchte ich dennoch an gewohnten Familienritualen festzuhalten.

Die Sicht auf die Dinge

Den Adventskalender aus leeren Klopapierrollen, den Oma immer für uns gebastelt und der jedes Jahr an der Flurtreppe gehangen hatte, bastelte ich nun selbst. Ich bat meine Eltern den Baum wieder an dem Ort aufzustellen, wo er früher immer gestanden hatte. Nach wie vor bestand ich darauf beim Weihnachtsbaum schmücken die russichen Märchenfilme anzuschauen, die wir als Kinder so gemocht hatten. Doch Weihnachten war nicht mehr nicht mehr dasselbe. Ich schob es darauf, dass mein geliebter Klingelbaum, der für mich zum Fest dazu gehörte wie ein echter Baum, das Zeitliche gesegnet hatte.

Was ich auch tat um unsere “Weihnachtstradition” aufrecht zu erhalten, die kindliche Aufregung und das Entgegenfiebern auf den Heiligabend kamen nicht zurück. Ich konnte das Weihnachtsfest einfach nicht mehr mit Kinderaugen sehen – was sicherlich daran lag, dass ich nun kein Kind mehr war. All die “magischen Dinge”, die ich sonst in der Vorweihnachtszeit gesehen hatte, waren der nüchternen Sicht eines Erwachsenen gewichen.

Neue Traditionen

Vor 2 Jahren brach ich mit der Tradition “Weihnachten im Elternhaus”. Nicht weil ich nicht mehr mit meiner Familie feiern wollte, sondern weil ich nun eine eigene Familie hatte. Ich realisierte, dass der Weihnachtszauber für mich nur zurückkommen konnte, wenn ich das Leuchten in den Augen meines Kindes suchte und nicht darauf beharrte, Vergangenes wieder heraufzubeschwören. Ich lernte Weihnachten wieder mit anderen Augen, wenn auch nicht mit, sondern in Kinderaugen zu sehen.

Eins für dich eins für mich

Nun steht das 3. Weihnachten “in der Ferne” vor der Tür und wir sind auf dem besten Weg unsere eigenen Traditionen zu etablieren. (Auf der Suche nach einem Klingelbaum, wie wir ihn damals hatten, bin ich zwar immer noch, aber inzwischen gibt es auch anderen Lieblingsschmuck). Im ersten Jahr galt es zunächst die “Grundregeln” festzulegen – was wird “Deutsch” und was wird “Irisch” gemacht. Ich habe den Klorollen-Adventskalender eingeführt, mein Mann die mit kleinen Geschenken gefüllten Strümpfe (Stocking) am Kamin. An die Bescherung am 25. morgens musste ich mich erst gewöhnen. Dass wir den Weihnachtsbaum nun bereits am 1. Advent schmücken, kam mir allerdings sehr entgegen. An Heiligabend gehen wir zum Singen in die Kirche. Das hatten unsere Groβeltern bereits mit uns gemacht als ich noch nicht einmal wusste, worum es da eigentlich ging. Und so schlieβt sich für mich der Kreis aus alten und neuen, deutschen und irischen Traditionen.

Der Zauber ist wieder da

Die Magie von Weihnachten besteht für mich nun darin, eine ganz besondere Zeit mit der Familie zu verbringen – der “alten” und der “neuen”. Ebenso wie alte Erinnerungen aufleben zu lassen und neue zu schaffen.

In diesem Sinne wünsche ich meiner Familie in Deutschland und Irland sowie allen Lesern ein frohes Weihnachtsfest und bis dahin noch eine besinnliche Adventszeit!

P.S. Wem als Erwachsener auch der Glaube an den Weihnachtszauber abhanden gekommen ist, dem möchte ich den Film “Polarexpress” empfehlen. Meine Schwester schenkte ihn mir vor ein paar Jahren und nun weiβ ich auch warum…




Wie kinderfreundlich ist Irland?

(Dieser Artikel ist losgelöst von dem kürzlich in Irland eingeführten Abtreibungsgesetz. Bitte lest hierzu meinen bereits erschienen Artikel Life is Life.)

Als ich vor reichlich viereinhalb Jahren nach Irland kam, war diese Frage für mich noch nicht relevant. Inzwischen ist sie es. Allerdings hätte die Antwort nun keinen Einfluss mehr auf irgendeine meiner Entscheidungen. Denn während ich diese Zeilen schreibe, krabbelt unser kleiner Sohn gerade zu meinen Füβen herum.

Die Frage beschäftigt mich nach wie vor. In dem folgenden Artikel habe ich daher meine persönlichen Erfahrungen während und nach meiner ersten Schwangerschaft in Irland zusammengetragen. Von der medizinischen Versorgung bis hin zur Kinderbetreuung. Ich hoffe damit potenziellen Irland-Auswanderern hilfreiche Tipps zu geben. Es würde mich auβerdem freuen, wenn ich damit vielleicht sogar einen Meinungsaustausch derer anrege, die es betrifft.

Medizinische Versorgung während der Schwangerschaft

Als ich mich das erste Mal richtig mit dem Thema auseinandersetzte, recherchierte ich zunächst Kosten für Kinderbetreuung in Irland. Ich war geschockt. Mir war sofort klar, dass sich Kind und Karriere hier nur schwierig bis gar nicht vereinbaren lassen. Doch da stand ich erst am Anfang meiner Schwangerschaft. Alles was zu diesem Zeitpunkt für mich zählte, war eine vernünftige medizinische Versorgung.

Ich hatte keinerlei Bedenken bezüglich medizinischer Standards in Irland. Ebenso wenig wusste ich, was auf mich zukommen würde. Alles war neu für mich. Das wäre es auch in meiner Heimat Deutschland gewesen. Und so war es ein glücklicher Zufall, dass eine Freundin von mir in Deutschland zur gleichen Zeit schwanger war. Neben den Freuden und Ängsten werdender Mütter, konnten wir demnach hervorragend Parallelen zwischen beiden Gesundheitssystemen ziehen.

Duale Betreuung

Anders als in Deutschland gibt es in Irland die duale Betreuung. Sobald der Hausarzt die Schwangerschaft bestätigt hat, sucht man sich eine Geburtsklinik aus. Die regelmäβigen Untersuchungen finden dann abwechselnd zwischen Hausarzt und dem Krankenhaus statt. Das hat den Vorteil, dass man mit dem Ort der Entbindung bereits vertraut ist. Anstelle nur einmalig an einer “Hausführung” teilzunehmen, steht man in Kontakt mit dem medizinischen Personal und kennt sich schon mal im “Labyrinth der Flure” aus.

Theoretisch bestens gerüstet

Zum Zeitpunkt meiner Schwangerschaft war ich nicht krankenversichert. Das heiβt mir stand lediglich die gesetzliche Krankenversorung (public health care) zur Verfügung. Dennoch hatte ich Zugang zu diversen kostenfreien Angeboten wie dem klassischen Geburtsvorbereitungskurs (inkl. Windelwechselwettbewerb für die werdenden Väter). Ein Physiotherapiekurs bereitete mich zusätzlich auf die körperlichen Strapazen der Geburt vor. Zumindest in der Theorie.

Ich war ein absoluter Neuling was Babies anging. Weder hatte ich in meinem Leben schon einmal eine Windel gewechselt, noch auf Kinder von Freunden aufgepasst. Mein Mann hatte mir da einiges voraus. Dennoch waren wir beide gleichermaβen dankbar für das groβzügige Kursangebot. Vom Baby-Sicherheits-Training für zukünftige Eltern bis hin zur alternativen Geburtsmethoden wie dem Hypnobirthing lieβ das Beratungs-Repertoire nichts zu wünschen übrig.

Hebamme inbegriffen

Ebenfalls als positiv empfand ich, dass die Hebamme im “Gesamtpaket” enthalten war. Sie übernahm im Krankenhaus den Groβteil der Untersuchungen. Ich musste mich weder selber um eine kümmern, noch extra für sie bezahlen. Zwar war nicht garantiert, dass ich jedes Mal auf die gleiche Hebamme traf, aber meistens war das der Fall. Und dank einer sehr ausführlich geführten Krankenakte, gingen keine Informationen verloren. Welche Hebamme bei der Geburt meines Sohnes Dienst hatte, war mir in dem Moment schnurzpiepegal. Ich habe mich jedenfalls bestens aufgehoben gefühlt.

Warum das Rad neu erfinden…

Sobald ich nach der Geburt aus dem Krankenhaus entlassen wurde, informierte man die zuständige Gemeindeschwester. Diese kam in den folgenden Tagen ins Haus, um zu schauen, ob es mir nebst Kind gutging. Auβerdem hatte ich die Gelegenheit, jede Menge Fragen und mitunter auch Ängste mit der sogennanten Public Health Nurse zu besprechen. Das war nicht nur im Rahmen der Hausbesuche möglich, sondern jederzeit telefonisch oder während einer wöchentlichen Sprechstunde. Stolz berichtete ich meinen Eltern von dieser tollen “Erfindung”, die es hier in Irland gab. Meine Mutti entgegnete mir schmunzelnd, dass sie bereits zu DDR-Zeiten von dem Konzept der Gemeindeschwester Gebrauch gemacht hatte, als ich “frisch geschlüpft” war. Schade, dass es das so in Deutschland heute nicht mehr zu geben scheint.

Erstes Kind, was nun

Ich war überzeugt, dass ich nicht der Typ für “Mami-Freundschaften” war. Und schon gar nicht für vormittags nach einer Kinderwagen-Rallye beim Kaffee zu sitzen und Rezepte für zuckerfreie Muffins auszutauschen. Ich hatte mich getäuscht. Inzwischen habe ich einen kleinen Kreis sehr netter Mamis (und Babies) um mich herum. Und ja, der Austausch gesunder Rezepte bleibt da nicht aus. Als Vollzeit-Mama sind mir diese Zusammenkünfte inzwischen sehr wichtig geworden. Und so kann auch ich es nur weitergeben, wie es mir als werdende Mutter empfohlen wurde: Rausgehen und sich ein Mami-Netzwerk aufbauen! Für mich war die örtliche Stillgruppe die perfekte “Kontaktbörse”.

(Alb-)Traum Stillen

Als ich das erste Mal von einer “Breastfeeding-Support-Group” hörte, fand ich den Namen etwas irreführend. Es klang so nach Selbsthilfegruppe und mir war nicht klar, wie diese beiden Dinge zusammenpassten. Inzwischen weiβ ich es. Dabei konnte ich mich glücklich schätzen, dass mir das Stillen von Anfang an keinerlei Schwierigkeiten bereitet hatte. Es spielte eine groβe Rolle, dass ich mich beim Stillen in der Öffentlichkeit hier nie unwohl oder herablassend beäugt gefühlt habe. Im Gegenteil, für (diskretes) Stillen ist man mir oft mit Respekt oder einfach ganz normal begegnet. Bei einem unserer “Notfallstopps” in einer Einkaufspassage brachte mir eine Ladeninhaberin sogar ein Glas Wasser als sie mich stillend auf der Bank sitzen sah. Eine der freundlichen Gesten, die mir positiv in Erinnerung geblieben ist.

Klatschend durch die Morgenstunden

Der Tag muss für mich langsam und vor allem ruhig beginnen. Warum, um Himmels Willen, fangen alle musikalischen Mutter-Kind-Aktivitäten schon morgens 10 Uhr an? Vielleicht sollte ich in diesem Zusammenhang noch erwähnen, dass wir mit einem Langschläferkind gesegnet sind. Ob das angeboren und eher anerzogen ist, wissen wir nicht. Jedenfalls ist auch unser Kleiner nicht allzu “amused”, wenn die Jalousien bereits vor 8 Uhr geöffnet werden. Ein kurzes Grummeln und mit einer Handbewegung das Kuscheltier über’s Gesicht gezogen, sind meist die zu erwartenden Reaktionen. Dabei bin nicht ich diejenige, die zur allwöchentlichen Spielegruppe gehen möchte. Doch spätestens wenn uns meine Freundin mit ihrer stets gutgelaunten Tochter am Tor erwartet, ist die Morgenmuffel-Laune verflogen. Dann sind wir bereit den Vormittag fröhlich klatschend mit Gleichgesinnten zu verbringen.

Der Sprössling will unterhalten werden

Spielegruppen aller Art sowie Aktivitäten für Kinder jeder Altersgruppe gibt es bei uns in der Gegend zur Genüge. Der Fokus liegt auf der Gemeinschaft, dem Kontakte knüpfen und natürlich auch dem Erfahrungsaustausch (womit wir wieder bei den Kochrezepten wären). Die Organisatoren – einige davon ehrenamtlich – sind mit viel Eifer und Einsatz dabei. Zwar kann ich nicht für ganz Irland sprechen, aber wage dennoch zu behaupten, dass es diesbezüglich ein sehr gutes Netzwerk gibt. Nicht alle Angebote sind kostenlos, sondern mitunter recht kostenintensiv (Musikgruppen, Schwimmkurse etc.). Bei uns im Ort sind es bespielsweise die Kirchengemeinde und die Bibliothek, die für einen kleinen Obulus bzw. kostenfrei, Unterhaltung für Kleinkinder anbieten. Am besten informiert man sich über soziale Netzwerke was es so gibt oder verlässt sich auf die altbewährte “Mama-zu-Mama Propaganda”.

Horrende Kosten für Kinderbetreuung

Heikel wird es beim Thema Vollzeit-Kinderbetreuung. Kürzlich las ich einen Artikel in der Irish Times mit dem Titel “Hohe Kosten für Kinderbetreuung zwingen Frauen sich aus der Arbeitswelt zurückzuziehen”. Und tatsächlich lohnt es sich kaum bei monatlichen Betreuungskosten von ca. €1000 wieder ins Berufsleben einzusteigen. Als ich mich während der Schwangerschaft nach Krippenplätzen umschaute, lag das günstigste Angebot bei €950. Dort gab es dann allerdings eine Warteliste. Das teuerste war €1650 pro Monat; 2 – 3 weitere Kinderkrippen lagen irgendwo dazwischen.

Karriere vs. Vollzeit-Mami

Für uns war daher schnell klar, dass die Karriere bei mir den Kürzeren ziehen würde. Sowohl finanziell als auch logistisch hätte eine Vollzeit-Kinderbetreuung für uns keinen Sinn gemacht. Ich denke, dass es vielen Frauen mit niedrigem bis mittlerem Einkommen in Irland so geht. Um das noch einmal deutlich zu machen: Ich hätte verkürzt arbeiten gehen müssen, um unser Kind unter Berücksichtigung meines Arbeitsweges pünktlich in die Kinderkrippe bringen und abholen zu können. Teilzeit hätte weniger Gehalt bedeutet. Nach Abzug meiner Monatskarte für den Zug wäre am Ende des Monats etwa soviel übrig geblieben, wie wir für einen Kinderkrippenplatz gezahlt hätten. Obendrein hätten wir wahrscheinlich noch eine Haushaltshilfe gebraucht. Denn wenn ich schon über 40 Stunden pro Woche von meinem Kind getrennt bin, möchte ich die verbleibende Zeit nicht mit putzen verbringen. Schlussendlich noch draufzahlen? Ich denke diese Rechnung ist einfach…

Günstigere Alternativen

Oft höre ich von Bekannten, dass sie dennoch auf ihr Gehalt angewiesen sind. Oder einfach nach ihrer Elternzeit gern wieder ins Berufsleben einsteigen möchten. Sie stehen jedoch vor dem gleichen Problem. Es bleibt kaum Geld übrig, wenn das Kind professionell betreut werden soll. Viele lassen den Nachwuchs daher tagsüber bei den Groβeltern oder anderen Verwandten. Auch Au-pairs und private Childminder sind eine günstigere Alternative. Allerdings scheint es zunehmend ein Problem zu sein, dass Frauen aus o.g. Gründen nicht an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren.

Aus dem Gröbsten raus

Ist das Kind aus dem Gröbsten raus, entspannt sich die finanzielle Lage erst einmal ein wenig. Ab dem 3. Lebensjahr besteht Anspruch auf einen staatlich geförderten Vorschulplatz mit dem ECCE Programm. Aber auch dieser umfasst nur die Betreuung am Vormittag von 9 – 12 Uhr. Es liegt auf der Hand, dass auch das der Mutter keinen Wiedereinstieg in den Beruf ermöglicht. Die Einschulung erfolgt dann mit 4 oder 5 Jahren. Die Grundschulbildung ist in Irland gebührenfrei. Das heiβt aber nicht, dass keine weiteren Kosten auf die Eltern zukommen. Die durchschnittlichen Kosten für ein Grundschulkind 2018 betragen €830 pro Jahr (Quelle: Zurich.ie). Für ein Kind in der Sekundarstufe (ab 12 Jahren) muss man mit durchnittlich €1.495 im Jahr wieder etwas tiefer in die Tasche greifen. (Stand 2018, Quelle: Zurich.ie).

Kinderfreundlich, ja oder nein?

Ich denke die (medizinische) Versorgung während und nach der Schwangerschaft ist in Irland nicht das Problem, wenn es um obige Frage geht. Wohl aber die hohen Kosten für die Kinderbetreuung. Heiβt das im Umkehrschluss, günstigere Kinderkrippen würden ein kinderfreundlicheres (Ir)Land bedeuten?

Ich denke genau das Gegenteil ist der Fall. Hohe Krippenkosten bedeuten, dass sich Kind und Karriere nicht (gut) vereinbaren lassen. Meiner Meinung nach wirken sie sich nicht negativ auf das Kind aus. Dass ich quasi gezwungen bin mit unserem Kleinen zu Hause zu bleiben, hat nur Vorteile für uns beide. Wir verbringen täglich wertvolle Zeit miteinander. Ich erlebe seine ersten groβen Meilensteine mit. Ich bringe ihm Dinge so bei, wie ich sie für richtig erachte. Ich bin da um ihn zu trösten, wenn es ihm nicht gutgeht. Ich denke, das ist das Beste für unseren Sohn. Diese Zeit, in der es sich für mich finanziell  nicht lohnt wieder arbeiten zu gehen, ist auch die einschneidenste in der kindlichen Entwicklung. In dieser Zeit 100% für mein Kind da zu sein, ist  ziemlich kinderfreundlich, oder?




Das irische Wetter

Meine Palme die keine ist

Eigentlich erstaunlich, dass ich dem irischen Wetter bislang noch keinen Artikel gewidmet habe. Wo es doch so viele Klischees zu bereinigen und Phänomene zu erklären gibt…Anstoβ hierfür gab mir letztendlich die Palme in unserem Garten bzw. der Besuch meiner Freundin aus Schweden, die ihre Verwunderung zum Ausdruck brachte, dass es im doch recht “kühlen” Irland Palmen gibt. Und auch ich war nach unserem Hauskauf damals erfreut, stolzer Besitzer einer eigenen zu sein, die trotz unermüdlichem “Laubabwurfs” und zum Ärgernis meines Mannes unter meinem persönlichen Schutz steht. Tatsächlich sieht es an der Küste südlich von Dublin bei schönem Wetter aus wie an der französischen Riviera – dank der Cordyline australis, die in Irland und auch Groβbritannien weit verbreitet ist. Dieser aus Neuseeland stammende Baum, der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Europa kam, sieht einer Palme zum Verwechseln ähnlich und wird im Volksmund auch oft als solche bezeichnet. Genau genommen ist der sogenannte Kohlbaum nicht einmal im Entferntesten mit der Palme verwandt. Mit anderen Worten, es gibt leider keine natürlich wachsenden Palmen in Irland, aber es sieht zumindest so aus. Wenn ich meine “Palme” im Vorgarten behalten will, lasse ich das meinen Mann besser nicht wissen…

Exotische (Pflanzen-) Paradiese in Irland

Bleiben wir zunächst bei subtropischen Pflanzen, die es tatsächlich in Irland gibt. Und nicht nur die – selbst Gewächse aus der Arktis und Nordamerika gedeihen auf dem Grünen Fleckchen Erde inmitten des Atlantiks (Quelle: www.ireland.com). Genau dieser ist auch das Geheimnis oder besser gesagt der warme Golfstrom, dem Irland – insbesondere an der südlichen Westküste, das milde Klima zu verdanken hat. Selten sinken die Temperaturen im Winter unter null Grad und die sommerliche Durchschnittstemperatur liegt bei etwa 20 Grad (Quelle: www.irland.com). Wer geballt “Exotisches” in Irland sehen möchte, dem sei Garnish Island empfohlen. Das Inselchen vor der Halbinsel Beara ist von Glengariff aus per Boot zu erreichen und schon die Überfahrt ist ein Erlebnis. Der Robbenfelsen beherbergt eine beachtliche Kolonie photogener Seehunde und die Insel selbst wartet mit allerlei subtropischen Pflanzen auf, die den Eindruck erweckt, man sei irgendwo am Mittelmeer (Quelle: www.garnishisland.com).

Auch in der Landschaft des Burren im County Clare, dessen Name von dem irischen Wort Boíreann abstammt, das soviel wie “felsiger Ort” bedeutet, findet man trotz des kargen Erscheinungsbildes jede Menge mediterrane Gewächse, die dort unter ca. 900 verschiedenen Pflanzenarten und mit subpolaren Exemplaren im Einklang wachsen. Letztere haben wir ausnahmsweise mal nicht dem Golftstrom, sondern eher den Lichtverhältnissen im Burren zu verdanken. Vereinfacht ausgedrückt reflektiert das Kalkgestein das Licht und lässt die “Arktisblüher”, Überbleibsel der letzten Eiszeit, sich wie zu Hause fühlen. Es hat also auch indirekt irgendwie etwas mit dem Wetter zu tun.
Was meine Eltern in Deutschland mühevoll im Topf heranzüchten, gedeiht hier mal eben so auf, wie es scheint, unwirtlichem Geröll. So findet man zum Beispiel im Burren Nationalpark insgesamt 23 von insgesamt 27 in Irland vorkommenden Orchideenarten.

Mein persönlicher Favorit sind die übermannshohen Rhododendronbüsche, die zumeist in einem auffälligen Pink erstrahlen und wie “Gestrüpp” am Wegesrand wachsen. Deshalb muss auch jeder, der uns zur Rhododendronblüte (ca. Mai – Juli) besuchen kommt, mit mir in den Botanischen Garten nach Kilmacurragh, wo es eine Rhododenronallee gibt. Der Ableger des National Botanic Gardens in Dublin liegt beinahe ein wenig versteckt in den Wicklow Mountains und bei uns quasi um die Ecke. An sonnigen Wochenende kann es dort schon mal richtig voll werden, weil viele die ausgedehnten Wiesen mit Blick auf die Berglandschaft für ein Picknick nutzen. Unter der Woche oder in der Nebensaison ist man dort mitunter der einzige Besucher und man bekommt auf jeden Fall einen Platz in dem gemütlichen Café. Einer meiner absoluten Lieblingsorte :-)!

Aus dem “Sprachkästchen”

Aber nun zurück zum Wetter. Eigentlich wollte ich diesen Abschnitt wie folgt beginnen: “So wie die Eskimos ca. 100 verschiedene Worte für Schnee haben, gibt es in Irland ein ähnliches Repertoire um die unterschiedliche Intensität des Regens auszudrücken”. Das musste ich aber verwerfen, denn meine Recherche hat ergeben, dass es ein Irrglaube ist, dass die Inuit so viele Ausdrücke für Schnee haben. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass eigentlich die Schotten Rekordhalter der meisten Schneebezeichnungen sind. Insgesamt 421 sollen es sein und das, obwohl es in Schottland eher selten schneit (Quelle: www.focus.de). Das als kurzer Exkurs und Begründung warum dieser Abschnitt stattdessen nun wie folgt beginnt:

So wie die Schotten 421 verschiedene Wörter für Schnee haben, existiert in Irland ein Wortreichtum für den “flüssigen Sonnenschein”(liquid sunshine), womit wir schon bei Nummer 1 wären. Im Gegensatz zu Schnee in Schottland, ist man auf der Grünen Insel bekanntlich reichlich mit Niederschlag gesegnet. Doch ob man sich dafür in Regenkluft hüllt, hängt davon ab, ob es “runtereimert” (bucketing down) oder nur “spuckt” (spittin’). Drizzle (Niesel) ist nervig für die Brillengläser, aber noch nicht genug, um einen Schirm oder einen Anorak hervorzuholen. “Feuchter Regen” (wet rain) klingt doppelt-gemoppelt, aber die Iren wissen dann, dass man besser nicht das Haus verlässt bzw. sich wasserfest einpackt. Aber es gibt auch dazu noch eine Steigerung und neben “bucketing” ist das mein Favorit, da das Wort schon so klingt, als ob der Regen gegen die Fensterscheibe peitscht: “lashing”. Auf diverse Zwischenstufen und genaue Beschreibung der Tropfenform verzichte ich an dieser Stelle.

Was der Regen mit einem macht

In der Regel regnet es in Irland mindestens 1x am Tag, irgendwann und irgendwo. Manchmal scheint bei uns im Vorgarten die Sonne und im Garten hinter dem Haus regnet es. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dass man selbst bei strahlend blauem Himmel immer einen Regenschirm und eine Jacke einpackt. Wie oft habe ich mich anfangs darauf verlassen, dass bei keinem einzigen Wölkchen am Himmel der Regen an diesem Tag wohl ausbleiben wird und wurde eines besseren belehrt. Und wenn man das weiβ, lebt man gut damit. Denn so schnell wie der Regen kommt, geht er oft auch wieder, es sei denn “it’s down for the day” – es regnet sich ein.

Regnet es in Irland mal länger nicht bzw. herrschen eines Nachmittags auβergewöhnlich hohe Temperaturen in einem ansonsten verregneten Sommer, gibt einem der Arbeitgeber auch schon mal “Hitzefrei”. So erging es mir zumindest vor 2 Jahren als wir in unserem unklimatisierten Büro im Dachgeschoss in der Dubliner Innenstadt fast zerflossen wären. Pünktlich zum Wochenende gab es in diesem verkorksten Sommer wieder Regen und kühle Temperaturen. Unsere Chefin lieβ uns daher an einem besonders heiβen Tag früher gehen mit den Worten “Sonne in Irland muss man nutzen”. Und irgendwie ist das ein Motto, das man hier tatsächlich lebt und was vielleicht auch erklärt, warum manche sonnenhungrige Iren trotz krebsroter Haut dennoch nicht gewillt sind ihren Sonnenplatz aufzugeben.

Auch ich plane meinen Tag um, wenn trotz gegenteiliger Wettervorhersage (was meiner Meinung nach in 90% der Fälle so ist) auf einmal die Sonne scheint. Mein Mann amüsiert sich jedes Mal, wenn ich dann noch schnell eine Extra-Ladung Wäsche wasche, denn immerhin ist “Grand drying weather” (gutes Trockenwetter) und das ist wohl ein Standardsatz irischer Hausfrauen. Anpassung ist alles!

Am Ende will ich noch kurz eine wilde Theorie aufstellen. Die Iren sind ja allgemein als ausgeglichenes, lebensfrohes Völkchen bekannt, mit einer “Mañana-Mentalität” ähnlich der spanischen. Könnte das daran liegen, dass man einfach flexibel bleiben muss, um den Sonnenschein auszunutzen oder, was noch wahrscheinlicher ist, Dinge wegen des Regens aufzuschieben? Ein kurzer Regenschauer lässt sich im Pub gut aussitzen. Wenn es dann doch länger dauert, muss man sich beschäftigen und bei Laune halten. Nur trinken wird schnell langweilig und so kommt eine Gitarre oder Blechflöte ins Spiel (die passt sogar in die Hemdtasche und geht bei Regen nicht kaputt), um für Unterhaltung zu sorgen. Auch Geschichten erzählen oder ein wenig Klatsch & Tratsch austauschen kann ein beliebter Zeitvertreib sein, wenn man sich vor einem Regenguss unterstellen muss. Ob der Regen die Iren zu dem gemacht hat was sie sind oder ob sie sich einfach von nichts aus der Ruhe bringen lassen, ich weiβ es nicht.  Ihr “Geheimrezept” könnte jedoch so manchem gestressten Urlauber helfen. Also ab auf die Insel und die Regenjacke nicht vergessen!

Beste Reisezeit für Irland

Abschlieβend noch ein paar Tipps zu welcher Jahreszeit man Irland meines Erachtens(!) am besten besuchen sollte und zu welcher lieber nicht. Die Saison beginnt in Irland um die Osterfeiertage herum, wo auch die meisten Sehenswürdigkeiten wieder ihre Tore öffnen. Und tatsächlich finde ich den April herrlich, um nach Irland zu kommen. Die Natur erwacht zum Leben, der strahlend gelbe Ginster ist zumeist schon in voller Blüte und in den letzten Jahren kletterten die Temperaturen da bereits in angenehme Höhen. Ebenso ist der Oktober der perfekte Ausklang der Saison – mit weniger Touristen, dafür einer traumhaften Farbenvielfalt in der Natur. Abraten kann ich auf jeden Fall vom August! Erfahrungsgemäβ schleppt sich der Sommer gerade noch vom Juli in die erste Augustwoche und von da an scheint er erst einmal eine Pause einzulegen – zumindest kam es mir in den letzten 3 Jahren so vor. Zudem ist es der Monat, in dem die meisten Einheimischen ihren Urlaub – nicht selten in Irland – verbringen und somit dürften auch die Hotelkapazitäten vielerorts am Limit sein. Wer sich jetzt denkt, je ruhiger desto besser – erkunde ich doch Irland im Januar/Februar – auch der sei gewarnt. Vielleicht ist es zum Teil das Stimmungstief nach der magischen Weihnachtssaison, aber die ersten Monate des Jahres zählen für mich zu den trögsten überhaupt. Aber so wie die Intensität des Regens und das was man aus schlechtem Wetter macht, ist auch das Ansichtssache und wie sagen sowohl irische als auch deutsche Mütter so schön: “Du bist ja nicht aus Zucker!”




Das Meer – mein ständiger Begleiter

Als geborener “Binnenländer” bleibt das Meer für einen irgendwie immer etwas besonderes, selbst wenn man es irgendwann direkt vor der Nase hat.

Ich erinnere mich wie mir als Kind meine Groβeltern immer von ihren Ostseeurlauben vorschwärmten. Sie schien für mich unerreichbar bzw. fünf lange Autostunden im (unklimatisierten) Trabant von Zuhause entfernt. Es sollte noch einige Jahren dauern bis ich die Ostsee selbst zu Gesicht bekam…

Letzendlich machte ich zuerst mit dem Mittelmeer Bekanntschaft, wo ich mehrere tolle Sommerurlaube mit meiner Familie verbrachte. Allein die Erinnerung an die warme Luft, leicht angereichert mit dem Duft von Sonnencreme und das gleichmäβige Rauschen der Wellen lösen noch heute ein wohliges Gefühl in mir aus. Das war der Beginn einer lebenslangen Faszination.

Durch glückliche Umstände verschlug es mich Jahre später zum Studieren an die Ostseeküste nach Stralsund. “Studieren wo andere Urlaub machen” heiβt der stolze Slogan der Hochschule. Wie oft haben meine Mitstudenten und ich ihn verflucht, wenn wir statt am Strand auf dem Campus zum Lernen saßen. Doch manchmal, wenn ich an der Sundpromenade mit Blick auf das spiegelglatte Wasser entlang radelte, lächelte ich zufrieden vor mich hin und dachte: “Kaum zu glauben, ich wohne am Meer!”

Danach zog ich in das auch irgendwie maritime Hamburg. Perfekt zwischen Nord- und Ostsee gelegen, war da immer noch der eine oder andere Wochenendausflug an die Küste drin.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Herbstausflug mit einer sehr guten Freundin nach St. Peter Ording, dessen Ruf als Traumstrand ihm vorauseilte und wovon wir uns unbedingt selber überzeugen wollten. Schön warm eingemummelt trotzten wir der steifen Brise und belohnten uns im Anschluss an den Spaziergang mit einem heiβen Kakao in einem reetgedeckten Café hinterm Deich. Auch das ist “Strandurlaub”.

 

Nach ein paar Jahren Hamburg ging es dann für mich nach Dublin. Zwar nicht des Meeres wegen, aber auf einer Insel zu leben, wo es so viele malerische Sandstrände, spektakuläre Steilküsten und einsame Buchten gibt, hat schon etwas für sich. Inzwischen sind wir aus der Stadt noch weiter in Richtung Meer gezogen und nun ist es mein Mann, der immer sagt, “Wir leben da, wo andere Urlaub machen” und ich denke mir, recht hat er!

Lieblingsstrände

Schon bei meinen Kurzbesuchen in Dublin, bevor ich auswanderte, musste neben Groβstadtleben und Pub mindestens ein Strandspaziergang drin sein. Und das ist auch gar nicht so schwierig zu vereinbaren. Innerhalb von wenigen Minuten ist man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an einen der breiten Sandstrände vor den Toren der Stadt gefahren. Ich möchte euch hier  einige meiner persönlichen Lieblingsstrände in Dublin und Umgebung vorstellen.

Der Strand der mein Leben veränderte

Ich erinnere mich gut an einen verregneten Oktobermorgen, an dem ich ein wenig deprimiert im Hotel auf einem meiner alljährlichen Kurztrips nach Dublin saß. Für das verlängerte Wochenende war eigentlich ein Treffen mit der Mädels-Clique aus meinem Irland-Praktikum geplant, was aus diversen Gründen leider nicht stattfinden konnte. Und so strandete ich allein in besagtem Hotelzimmer. Ich gab mir gedanklich einen kräftigen Tritt in den Hintern und nahm trotz Regen und Stimmungstief den nächsten Zug zu dem meist menschenleeren Kieselstrand von Killiney, den ich schon von vorherigen Besuchen kannte. An diesem wettertechnisch miesen Tag war er besonders einsam, doch mit jedem Schritt hob sich die Laune unter meinem großen Regenschirm. Ich hing meinen Gedanken nach, grübelte über Vergangenes und die Zukunft und das war der Moment als ich beschloss, nach Irland auszuwandern. Wenn es mir hier trotz fehlender Gesellschaft und tristem Wetter so gut ging, war das schon mal eine positive Voraussetzung. Und es stellte sich heraus, dass ich meine Entscheidung nicht bereuen würde.

Strand ohne Meer

Der Strand von Sandymount war lange Zeit unser persönlicher “Hausstrand”, als mein Mann und ich noch in Dublin wohnten. Seine “Wahrzeichen”, die zwei rot-weißen Industrieschornsteine, werden liebevoll die “Twin Towers” genannt und stehen meines Erachtens jetzt sogar unter Denkmalschutz. Bei Ebbe bietet der eigentlich vergleichsweise kurze Strandabschnitt jede Menge Platz für einen ausgedehnten Spaziergang – es sei denn man legt Wert darauf das Meer auch zu Gesicht bekommen. Das passiert manchmal allerdings schneller als einem lieb ist – so wie uns bei einem Neujahrsspaziergang als wir ganz plötzlich von eiskaltem Wasser umringt waren. Das bekamen unsere dann zwangsläufig nackten Füβe gnadenlos zu spüren. Immerhin entstanden so seltene Aufnahmen von mir in der Irischen See, was so schnell nicht wieder vorkommen sollte.

Strand der tausend Muscheln

Selbst vor Kälte fast taube Finger können mich nicht davon abhalten am Strand Muscheln zu sammeln. Und so hüpfte ich an einem kalten Wintertag am Strand von North Bull Island, den Blick nach unten gerichtet, von Muschel zu Muschel bis sich meine Hosentaschen schwer und durchgeweicht nach auβen wölbten. Es musste vorher einen Sturm gegeben haben, denn der Boden war nur so von Muscheln übersät. Es ist als käme da ein kindlicher Sammeltrieb in mir durch. Immer wieder entdecke ich eine, die noch schöner ist als die andere oder einfach mit muss, weil sie so auβergewöhnlich aussieht. Zu Hause landen sie zumeist in einer Kiste oder ich verschenke sie weiter, weil mein Mann kein groβer Fan von Muschel-Deko ist. Aber irgendwie geht es auch gar nicht darum sie zu besitzen. Es ist vielmehr die Freude sie zu finden, wie sie da so über den ganzen Strand verteilt liegen. Kleine “Schätze der Natur”, die mir jedes Mal ein Lächeln auf’s Gesicht zaubern so wie an jenem frostigen Wintertag.

“Na das ist doch dein Junggesellinnenabschied”

Im Norden von Dublin liegt die Halbinsel Howth, die man oft schon beim Landeanflug auf die Stadt sehen kann. Hier gibt es zwar auch einen Strand, aber das eigentliche Highlight ist für mich der Küstenwanderweg bzw. Howth Summit, von dem aus man einen Wahnsinnsblick über die gesamte Dubliner Bucht hat. Der vorgelagerte Leuchtturm ist mein persönliches Lieblingsfotomotiv (und sicherlich nicht nur meins). Auβerdem mag ich Howth wegen seiner (Fisch-) Restaurants und kleinen Cafes, wo man sich nach einem Spaziergang nett was gönnen kann. Das wollten wir auch unserer Hochzeitsgesellschaft nicht vorenthalten und beschlossen das Abendessen am Vorabend unserer “Spontan-Trauung” in Howth stattfinden zu lassen. Nach einem gelungenen Dinner erhaschten wir im Halbdunkel noch kurz einen Blick auf den Leuchtturm und die herrliche Steilküste. Die dabei entstandenen Bilder sind eine wunderbare Erinnerung an einen ausgelassenen Abend und meine Freundin kommentierte sie mit den Worten: “Jetzt hattest du wenigstens noch so etwas wie einen Junggesellinnenabschied.”

 

Karibik, Australien? Nein, Brittas Bay!

Wenn wir am Wochenende die Strandtasche für einen Ausflug nach Brittas Bay packen, sind Badesachen etwas, was garantiert nicht hineinkommt. An den Strand gehen heiβt in Irland, dass man dort ein nettes Picknick macht, Sandburgen baut und sich  – wenn man keinen Pullover braucht – ganz dick mit Sonnencreme einschmiert. Auch ich habe die irische Sonne, gepaart mit der kühlen Brise am Wasser, schon des öfteren unterschätzt.

Bislang macht der Sommer in diesem Jahr temperaturtechnisch so einiges gut, was der lange, verregnete Winter “verbockt” hat. Dennoch habe ich in Brittas Bay nie mehr als eine Handvoll Leute angetroffen, die man an dem langen, breiten Strand kaum wahrnimmt. Die hohen Dünen bieten sowohl Wind- als auch Sichtschutz und mein junggebliebener Ehemann nutzt sie gern, um sich herunterrollen zu lassen. Das blieb beim letzten Mal nicht unnachgeahmt. Brittas Bay daher meine Empfehlung für den perfekten Sonntagsausflug für Jung, Alt und alles was dazwischen liegt so wie mein Mann und ich ;-).

Ich kehre gern zu den Stränden zurück, mit denen ich positive Erlebnisse verbinde. Hin und wieder entdecke ich auch neue kleine “Paradiese”, sodass hoffentlich viele weitere schöne Erinnerungen auf meiner Lieblingsinsel hinzukommen werden.




Zwei Hochzeiten und zum Glück kein Todesfall

Wenn wir Leuten von unserer Hochzeit erzählen, bekommen wir oft gesagt, dass das die Geschichten seien, die man später mal seinen Enkelkindern erzählt. Warum also so lange warten?

Wann und wie wir heiraten wollten, war meinem Jetzt-Mann und mir schnell klar: möglichst bald und eher unauffällig klein. Die passende Location war schnell gefunden, Details besprochen, eine Anzahlung geleistet, Einladungen verschickt. Nur der unangenehme Papierkram stand noch aus, bei dem wir allerdings auch keinerlei Schwierigkeiten erwarteten – Fehler Nummer 1. Denn wer hätte gedacht, dass es “Beamtendeutsch” und unnötige Bürokratie auch in Irland gibt. Bei der Antragstellung im Standesamt wurde uns gesagt, dass es aller Voraussicht nach Probleme mit den amerikanischen Scheidungspapieren meines Zunkünftigen geben wird. Auf unsere Nachfrage hin, was genau und was zu tun sei, konnte bzw. wollte man uns vor Ort keine Antwort geben, sondern ließ uns dennoch den Antrag ausfüllen, auf den wir dann von “offizieller Stelle” eine Antwort bekommen sollten. Dies dauerte seine Zeit, aber schlussendlich bekamen wir Bescheid und wurden aufgefordert weitere Unterlagen nachzureichen, die das Problem beheben sollten. Als dieser Antrag auf Eheschließung nach nochmaliger Wartezeit ebenfalls abgelehnt wurde, traf uns das erstmal wie ein Schlag. Es stellte sich heraus, dass das ganze Unterfangen von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, da die Scheidungspapiere aus den USA nur dann in Irland anerkannt werden könnten, wenn mein Verlobter dort nach wie vor seinen Wohnsitz hätte. Eine völlig sinnfreie Regelung…

Nach einem Informationsgespräch mit einer darauf spezialisierten Anwältin hieß es jedoch,  dass das ein nicht selten vorkommender, schnell zu lösender Prozess sei und wir atmeten auf – Fehler Nummer 2.

Hotels für unsere Gäste wurden reserviert, Freunde und Familie buchten Flüge aus Deutschland und Amerika, um bei dem freudigen Ereignis dabei zu sein. Nur dass uns die Planung allmählich so gar keine Freude mehr bereitete, denn zunächst galt es die längst neu verheiratete Ex-Frau meines Verlobten nach 13 Jahren Funktstille aufzuspüren, um ihr noch einmal eine Unterschrift für die Scheidungspapiere abzuringen. So hatte es die Anwältin uns erklärt und wir vertrauten ihrer Kompetenz – Fehler Nummer 3.

Zwei Ja’s und ein Nein

Knapp 3 Monate vor dem geplanten Hochzeitstermin – wir waren immer noch zuversichtlich, dass alles seinen Gang gehen würde – erfuhren wir, dass der Richter der Anerkennung einer amerikanischen Scheidung nur hätte stattgeben können, wenn dieser Verfahrensweg voher durch unsere Anwältin angekündigt worden wäre. Da dies nicht geschehen war, bliebe uns nur die Möglichkeit einer erneuten Scheidung – dieses Mal nach irischem Recht – was sich dann allerdings noch etwas länger hinziehen würde. Ein kleinlautes “ Sorry” unserer Anwältin des Vertrauens tröstete uns nur wenig über eine allem Anschein nach nicht stattfindende Eheschlieβung hinweg.

Um das finanzielle Disaster im Rahmen zu halten, stornierten wir das Hochzeitshotel und informierten unsere Gäste über die Situation, die nun auf Flugtickets zu dem wohl deprimierendsten Ereignis des Jahres saβen – einer geplatzten Hochzeit.

Tagesausflug statt Hochzeitsfeier

Immerhin hatten wir nun noch etwa 2 Monate Zeit uns damit abzufinden, dass wir am 7. Mai 2016 nicht heiraten würden, aber dennoch einen Ansturm von Freunden und Familie zu erwarten hatten, die die Gelegenheit für einen Kurzurlaub in Irland nutzen wollten. Nun war es also daran das Beste aus der Situation zu machen und uns allen eine schöne Zeit zu bescheren, anstelle Trübsal zu blasen. Schnell war ein Reisebus organisiert und ein zünftiges Pub-Essen gebucht. Zwischendurch eine Tour zum touristischen Highlight Glendalough in den Wicklow Mountains sollte auch “Irland-Neulingen” Geschmack auf einen nochmaligen Besuch machen – zum potenziellen neuen Hochzeitstermin.

Kalte Füβe

Doch so weit sollte es gar nicht kommen. Eine Woche vor unserem usprünglich geplanten Termin war nun auch offiziell die irische Scheidung durch. Allerdings viel zu spät um eine Heirat beim Standesamt anzumelden, geschweige denn eine Hochzeitsfeier auf die Beine zu stellen. Wären da nicht die ermunternden Worte unseres örtlichen Pfarrers gewesen, der bereit war für unsere Gäste, allen voran aber für uns, die kirchliche Trauung durchzuführen. Er kannte uns gut und wusste wie wichtig die religiöse Zeremonie für uns war und auch, dass Familie und Freunde extra anreisten, die mitunter nicht so schnell wieder nach Irland kommen würden. Also beschlossen wir kurzer Hand unsere bisherigen Vorstellungen der Hochzeitsfeier über Bord zu werfen und uns dennoch im Kreise unserer Lieben das Ja-Wort zu geben. Somit stand 3 Tage vor dem 7. Mai die Hochzeit wieder auf dem Plan und eine leichte Nervosität stellte sich ein…

Unbezahlbare Hochzeitsplaner

Wenn man nur 3 Tage Zeit hat, um eine komplette Hochzeit zu planen, sind die Möglichkeiten begrenzt. Man könnte meinen, dass das dem angeblich schönsten Tag im Leben Abbruch tut, aber in unserem Fall war es das Beste, was uns passieren konnte. Statt Sightseeing mit den Verwandten hieβ es nun Ärmel hochkrempeln und loslegen. Alle früher angereisten Gäste bekamen eine Aufgabe zugeteilt und alles fügte sich zusammen als hätte es nie anders sein sollen. Es tat so gut zu sehen, dass alle nach dem ganzen Auf & Ab mit soviel Herzblut dabei waren, um uns einen unvergesslichen Tag zu bereiten.

Der schönste chaotischste Tag in meinem Leben

Der Hochzeitstag begann für mich auf einem zusammengesunkenen Luftbett zu Füβen meines eigenen, in dem ich meine Freundin einquartiert hatte. Hätte ein Fotograf am Morgen Fotos von der “Braut beim Ankleiden” machen wollen, hätte er sich den Weg durch mein kleines und mit Sachen vollgepacktes Apartment bahnen müssen, in dem ich mit Hilfe meiner zwei “Brautjungfern” lachend in mein Kleid stieg. Das obligatorische schwarz-weiβ Bild meines Brautkleides auf dem Kleiderbügel habe ich dank meiner “Starfotografin” Susanne aber trotzdem bekommen – allerdings mit dem an die Wand gelehnten Luftbett im Hintergrund. Und ich hätte es nicht anders haben wollen, denn alles war so herrlich imperfekt, was meiner Perfektionistenseele überraschenderweise unheimlich guttat.

Die Trauung in der Kirche hingegen war dann absolut perfekt – eine wunderschöne Zeremonie im engsten Kreis mit herzerwärmender gesanglicher Untermalung, meinem emotionalen Papa, der mich zum Altar führte, meiner Schwester, die als Trauzeugin in der wenigen Zeit einen groβartigen Job geleistet hatte, einem wunderbar unkonventionellen Pfarrer und seinen wohlgewählten Eröffnungsworten, die meine Freundin Claudia trotz ihrer Kirchenvorbehalte spontan ins Deutsche übersetzte und somit die Sprachbarriere überbrückte.

Unsere kleine “Touristenfuhre” durch die Berge und nach Glendalough fand im Anschluss an die Trauung wie geplant statt – nur dass ich statt Wanderschuhen ein Hochzeitskleid und einen neuen Nachnamen trug. Im Bus gab’s Dosenbier, Knabbereien und Sandwiches, die meine Eltern auf dem Weg zur Kirche noch schnell aus dem Supermarkt geholt hatten. An einem der für mich schönsten Aussichtspunkte Irlands, Sally’s Gap, gab es Sekt aus Plastikbechern und die ersten Hochzeitsbilder mit im Wind wehenden Haaren wurden geschossen. Für die Rede des Brautvaters bot sich ein kleiner Erdhügel mit Blick auf den im Tal liegenden See geradezu an. In Glendalough, vor perfekter irischer Kulisse, entstanden dann unsere offiziellen Hochzeitsfotos. Zurück im Bus ging es beschwingt zum Johnnie Fox’s Pub. Als ich dort aus dem Bus stieg, erwarteten mich regelrechte Begeisterungsstürme, denn offensichtlich mischt sich eine Braut nicht allzu oft unter das “gemeine Pubvolk” in rustikalem Ambiente.

Das Versprechen – eine unendliche Geschichte

Nicht nur mein Mann und ich hatten uns am 7. Mai ein Versprechen gegeben, sondern auch wir dem Pfarrer, dass wir die standesamtliche Trauung unverzüglich in Angriff nehmen würden. Dass es noch einmal fast ein ganzes Jahr dauern würde, ahnten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Als wir dann endlich vor die Standesbeamtin traten, zeigten uns ihre Schweissperlen auf der Stirn und ihr leicht nervöses Lächeln, dass sie sich an uns und unsere Geschichte sehr wohl erinnerte. Mein “Nun-bald-auch-offiziell-Ehemann” versetzte die ganze Angelegenheit noch immer so in Rage, dass wir froh sein können, dass sich zu den 3 Scheidungen und 2 Hochzeiten letztendlich kein Todesfall gesellte.




Dublin für Wiederkehrer

Nachdem man sich beim ersten Dublinaufenthalt durch die “obligatorischen” Sehenswürdigkeiten gearbeitet hat, kann man’s beim zweiten Besuch ein wenig gelassener angehen lassen bzw. je nach Interesse noch etwas tiefer in die Materie eintauchen.

Wie in jeder Groβstadt gibt es auch in Dublin die unterschiedlichsten Stadtführungsangebote. Ich persönlich kann wärmstens die 1916 Rebellion Walking Tours mit dem Historiker und Buchautor Lorcan Collins empfehlen. Zum einen weil sich diese nicht erst (so wie viele andere) im Rahmen des 100-jährigen Jahrestages des Osteraufstandes, dem Befreiungsversuch Irlands von der britischen Krone, etabliert hat. Zum anderen ist sie keinesfalls staubtrocken, sondern höchstinteressant und unterhaltsam. Mit einem angemessen Sinn für Humor ist sie etwas mehr als nur eine Einführung in die Konflikt-Geschichte Irlands, aber ohne dass einem im Anschluss der Kopf vor lauter Jahreszahlen und Namen schwirrt.

Museen müssen nicht langweilig sein

In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch einmal kurz auf die recht neue Ausstellung (eröffnet in 2016) im General Post Office auf der O’Connell Street verweisen, die ich bereits in Dublin für Einsteiger erwähnt habe. Auch hier kann man sich einen guten Überblick zu den Ereignissen des Osteraufstandes von 1916 verschaffen oder mittels Audio-Guide sogar zum “Geschichtsexperten” werden.

Einen ca. 15-minütigen Fuβweg von der O’Connell Street entfernt, am Nordufer des Liffey, befindet sich Epic Ireland. Ebenfalls 2016 eröffnet, beschäftigt sich diese Ausstellung mit irischen Auswanderern und ihren Schicksalen in den Zielländern, vornehmlich Amerika. Das klingt erst einmal nicht ganz so spannend, aber allein die Aufmachung des Museums ist einen Besuch wert. Ich war inzwischen zweimal dort und bin begeistert. Auch für Kinder lässt sich der Aufenthalt hervorragend gestalten, denn allein das Stempel sammeln für den “Reisepass”, den man am Einlass erhält, leitet originell durch die einzelnen Räume. Die 20 Galerien selbst sind sehr interaktiv gestaltet und mit den neuesten multimedialen “Spielerein” ausgetattet. Sie behandeln verschiedene Bereiche rund um das Thema Auswandern bzw. das Schicksal der Auswanderer. Während es sich anfangs zunächst viel um geschichtliche Hintergründe, Zahlen und Fakten dreht, geht es im zweiten Teil weitaus “lockerer” zu. Hier kann man sich beispielsweise in irischem Tanz üben oder sein Wissen beim Pub-Quiz testen. Eine perfekte Kombination aus Information und Unterhaltung!

Geldbeutel schonen geht auch in Dublin

Wer beim Sightseeing schon genug Geld ausgegeben hat und trotzdem irgendwo hineingehen möchte, weil es mal wieder regnet, dem sei das Nationalmuseum (National Museum) und die Nationalgalerie (National Gallery) empfohlen. Hier ist der Eintritt frei und man kann sich Stunden darin aufhalten. Es erwarten einen solide, tiefgründige Ausstellungen und es gibt soviel zu sehen, dass man selbst einen der insgesamt vier Dubliner Standorte auf mehrere Regentage aufteilen kann.

Eine meiner Lieblings-Sehenswürdigkeiten in Dublin ist der Glasnevin Cemetery. Es ist ein wenig eigenartig einen Friedhof eine “Sehenswürdigkeit” zu nennen, denn immerhin liegen hier über 1,5 Millionen Menschen begraben. Etliche davon waren berühmte Persönlichkeiten, denen nun thematische Führungen gewidmet sind, die den “Ort der Ruhe” dann schon irgendwie zu einer Touristenattraktion machen. Auch das angegliederte Museum ist sehr informativ und angemessenerweise nicht auf Profit ausgerichtet, sondern dient lediglich dem Erhalt des Friedhofs. Obwohl ich die geführten Touren – bei denen man übrigens auch einen Blick in die Gruft von Daniel O’Connell werfen kann – sehr interessant finde, gehe ich am liebsten wegen der unzähligen keltischen Hochkreuze und kunstvollen Grabststatuen nach Glasnevin. Und trotz des Hop-on Hop-off Busses, der den Friedhof als Stop anfährt, findet man auf dem riesigen Gelände auch Ecken, wo es still ist wie auf einem “richtigen” Friedhof.

Unweit von Glasnevin liegt der National Botanic Garden, dessen Eintritt ebenfalls frei ist. Als ich das erste Mal für ein 6-monatiges Praktikum in Dublin war, habe ich ganz in der Nähe gewohnt und ihn oft für einen Sonntagsspaziergang genutzt. Ich kenne ihn allerdings nur im Herbst/Winter und mochte besonders gern die frechen Eichhörnchen, die dort ganz zutrautlich den Leuten vor der Nase herumturnen. Und wenn es dort sogar im grauen November und matschigen Januar schön ist, sollte der Garten im Frührjahr bzw. Sommer auf jeden Fall einen Besuch wert sein (und im Herbst natürlich bei groβartiger Laubfärbung!).

Ausdauernden Spaziergängern, denen ein Garten zu klein und ein Friedhof zu düster ist, möchte ich noch kurz den Phoenix Park im Nordwesten vom Dubliner Stadtzentrum vorstellen. Es handelt sich dabei um eine der gröβten, geschlossenen Parkanlagen Europas. (Wer sich in Dublin City nicht verläuft, der tut es hier!). Das freilaufende Dammwild, das man dort gut aus nächster Nähe beobachten kann, ist ein hübsches “Beiwerk” zum Spaziergang im Wald inmitten des Groβstadtdschungels. Ich persönlich bevorzuge die Gegend um Farmleigh House , nicht zuletzt wegen des Cafés am See direkt daneben :-).

Für jeden Geschmack etwas

Nach den ganzen Spaziergängen im Freien, hier noch ein paar persönliche Restaurantempfehlungen, wenn man einem Wolkenbruch oder dem “Hungertod” entkommen möchte.

Etwa 15 – 20 Minuten zu Fuβ vom Stadtzentrum, im hippen Stadtviertel Rathmines, haben mein Mann und ich unser Lieblingsrestaurant. Es heiβt Tippenyaki und dürfte eine willkommene Abwechslung zu “Irish Stew & Co.” sein.  Es hat eine ausgezeichnete asiatische Küche, die sich sehen lassen kann. Und das tut sie auch, denn selbige befindet sich direkt hinter der Bar und für die Gäste gibt es neben dem normalen Schaukochen ordentlich was zu sehen. Mit spektakulären Stichflammen und allerlei “Messerakrobatik” wird einem so die Wartezeit auf das Essen verkürzt. Das ist nur noch durch die Gesangseinlagen der Kellner und Küchencrew zu toppen, die dafür mal kurzzeitig alles stehen und liegen lassen. Von persönlichen Geburtstagsständchen bis hin zu bekannten Klassikern haben sie einiges im Repertoire. Als krönendes Highlight bekommt man dann das beste Sushi – kulinarisch und optisch, das es meines Erachtens in ganz Dublin gibt.

Wer nicht allzu viel Zeit beim Essen verbringen und nur kurz in der Stadt etwas “snacken” möchte, der kann im Powerscourt Shopping Centre einkehren. Überdacht aber dennoch von Tageslicht durchflutet gibt es im Bistro im Innenhof alles was das Herz begehrt. Manchmal etwas geräuschintensiv und geschäftig, aber in jedem Fall eine gute Wahl für schmackhaftes Essen.

Ebenfalls eine nennenswerte Adresse ist das vegetarische Selbstbedienungsrestaurant Cornucopia, das auch im Shoppingviertel von Dublin gelegen ist. Bei der leckeren und vielfältigen Auswahl der tagesaktuellen Gerichte fällt mir zumeist gar nicht auf, dass da eigentlich das Fleisch “fehlt” :-).

Apropos Shoppingviertel, auf dem Titelbild ist das St. Stephen’s Green Shopping Centre zu sehen, das ich mit einkaufsfreudigen Besuchern immer gern wegen der beeindruckenden Architektur ansteuere. Es gibt genügend attraktive Geschäfte, die das Shopper-Herz höher schlagen lassen und ich kann mich am blauen Himmel erfreuen, wenn er denn so wie an jenem Tag durch das Glasdach schimmert.




Nochmal nach Irland auswandern?

Persönliches Fazit & Tipps für Auswanderer

Inspiriert von etlichen Anfragen zum Thema Auswandern nach Irland, habe ich mir obige Frage nach nun genau 4 Jahren, die ich in Irland lebe, noch einmal ganz objektiv gestellt. Insofern das möglich ist, denn in meinem Artikel Warum Irland? habe ich ja schon erläutert, weshalb eine Pro- und Kontraliste bei mir nicht wirklich Sinn macht. Und wer Mein Gott und die Welt gelesen hat, weiβ auch, dass meine subjektive Antwort definitiv “Ja” lauten würde.

Das nützt jedoch potentiellen Auswanderern nicht viel, die mich fragen, ob ich Irland zum Leben empfehlen kann. Deshalb möchte ich versuchen, das Ganze noch einmal neutral zu betrachten und hoffentlich hilfreiche Tipps zum Auswandern zu geben.

Urlaub versus Alltag

Meiner Meinung nach ist es ein Unterschied, ob man ein Land nur vom Reisen her kennt oder auch mal etwas länger dort verbracht hat. Sobald man sich um eine Wohnung kümmern musste, kleinere Behördengänge erledigt hat, Geld verdient und den einen oder anderen Arztbesuch hinter sich gebracht hat (letzteres bitte nicht auf Teufel komm raus!), weiβ man, wie die Uhren so ticken. Aus diesem Grund würde ich persönlich keine überstürzte Entscheidung nach einem beflügelnden Urlaubserlebnis treffen, sondern mich zunächst intensiv mit Land und Leuten auseinandersetzen.

Dabei ist es natürlich auch von Vorteil sich selbst gut zu kennen. Wie wichtig sind mir “deutsche Tugenden” und kann ich auf Dauer damit leben, dass gewisse Dinge anders (nicht unbedingt schlechter!) als in Deutschland sind. Auch ich habe mich anfangs oft sagen hören: “Das wäre aber in Deutschland nicht passiert” oder “Hier ist das aber viel teurer.” Inzwischen schätze ich gewisse Sachen hier, die es in Deutschland nicht gibt. Und es gibt kaum noch etwas, das ich mir von Familie oder Freunden aus Deutschland mitbringen lasse. Für mich war das ein entscheidender Schritt, angekommen zu sein. Denn ich lebe in Irland mit allem was dazu gehört und möchte nicht mehr gedanklich zwischen zwei Ländern hin und her pendeln.

Irland = Träume verwirklichen?

Die meisten Auswanderer haben ihre Gründe das Heimatland zu verlassen. Dabei unterscheidet sich, ob man einfach nur weg will, egal wohin oder ob man sich Irland ganz bewusst aussucht. In jedem Fall hat man jedoch mit Sicherheit eine (Wunsch-)vorstellung wie das neue Leben aussehen bzw. was im Vergleich zu Deutschland anders laufen soll. Und dann sollte man sich die Frage stellen, wie wahrscheinlich ist es, dass sich gerade das in Irland umsetzen lässt.

Das ist natürlich sehr individuell und ein “Lebensgefühl” lässt sich auch nur schwer auf einer Checkliste bewerten. Aber Traumland hin oder her, man sollte dennoch realistisch im Rahmen seiner Mittel und Möglichkeiten bleiben, um sich selbst vor Enttäuschungen zu bewahren.

Job und Wohnung – das A und O

Nachdem man sich also gefühlsmäβig soweit vorstellen kann in Irland zu leben, würde ich den praktischen Teil ganz klar mit der Jobsuche beginnen. Ich persönlich fände es zu riskant ohne einen Arbeitsvetrag in der Tasche nach Irland zu kommen. Oder sagen wir mal so, ich hätte mich nicht allzu lange ohne ein Einkommen über Wasser halten können. Auβerdem ist es auch hilfreich zu wissen, ob/wo Arbeitskräfte benötigt werden, um seine eigenen Chancen einzuordnen. Als Deutschsprachiger sind diese derzeit gar nicht so schlecht. Auf der Webseite www.jobs.ie lässt es sich gut nach verschiedenen Branchen sortiert suchen. Das irische Durchschnittsgehalt liegt etwas über dem Deutschen, aber ebenso auch die Lebenshaltungskosten. Als Nichtraucher und bei mäβigem Alkoholkonsum kommt man mit Aldi und Lidl aber auch in Irland ganz günstig davon :-).

Nicht so allerdings, wenn es um das Dach über dem Kopf geht. Die derzeitige Wohnraumsituation in Irland ist ein Dilemma. Die Mieten im Groβraum Dublin sind horrende, aber nur hier gibt es Jobs. Seit 2013 sind die Mieten in Dublin jedes Jahr um mind. 10% gestiegen (auβer in 2015 nur um 8,2%; Quelle: Irish Rental Price Report). Im Landesinneren kann man sich vielleicht ein hübsches Häuschen leisten, aber das Pendeln wird zum Albtraum. Das bringt mich wieder zu vorheriger Frage zurück – was will ich? Kann ich mich für meinen Traum in Irland zu leben mit einem kleinen, überteuerten Apartment in der Stadt, meist weit unter dem deutschen Standard, arrangieren? Oder lege ich wert auf ein gemütliches Zuhause und bin dafür bereit tief in die Tasche zu greifen oder einen langen Arbeitsweg auf mich zu nehmen? Die Wohnungssuche lässt sich besser vor Ort gestalten, aber es schadet nicht sich schon einmal vorab zu informieren, z.B. auf www.daft.ie oder www.myhome.ie. Ihr dürft geschockt sein!

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Häufig werde ich zum Thema Krankenversicherung in Irland gefragt, weswegen ich das hier kurz erwähnen möchte. Gesetzlich krankenversichert ist man in Irland nicht automatisch. Einige groβe Firmen bezahlen ihren Arbeitnehmern eine private Krankenversicherung, ansonsten kann man diese auch eigenständig abschlieβen. Der Jahresbeitrag variiert stark, je nach Anbieter und was man inkludiert haben möchte. Ich habe bisher ganz gut ohne eine Krankenversicherung gelebt (und beim Schreiben dieser Zeile mal eben kräftig auf Holz geklopft). Man bezahlt ganz einfach wenn man zum Arzt geht (Hausarzt so zwischen €50 – €80 pro Konsultation, Kinder unter 6 Jahren frei). Facharzttermine mit Überweisung sind kostenfrei. Allerdings kann es sein, dass man als Nicht-Privatpatient lange auf einen Termin warten muss, was dann eher für eine Krankenversicherung spricht. In Notfällen bezahlt man einen Pauschalbetrag von derzeit €100 sowie Krankenhaustagegeld. Alle Leistungen für werdende Mütter im Rahmen der Schwangerschaft sind kostenfrei. Weiterführende Informationen zu diesem Thema gibt es hier.

Kinderbetreuung spielt seit kurzem auch für uns eine Rolle. Aus diversen Gründen haben wir uns entschieden, dass ich zunächst mit unserem Kind zu Hause bleibe und wir keine Fremdbetreuung in Anspruch nehmen. Obwohl dies eine gewollte Entscheidung war, hätte es auch finanziell für mich nicht allzu viel Sinn gemacht, wieder in meinen alten Beruf einzusteigen. Bei meinen Recherchen wurden mir Gebühren von €850 – €1650 monatlich für einen Vollzeit-Kinderkrippenplatz genannt. Unter Berücksichtigung des Arbeitsweges und der Öffnungszeiten der Kindereinrichtung hätte ich verkürzt arbeiten müssen und was da am Ende des Monats übrig bleibt, ist den Aufwand nicht wert. Träumt man also von Groβfamilie und Karriere, sollte man lieber nicht nach Irland auswandern.

Was die Schul- bzw. Ausbildung angeht, gibt es staatliche, also kostenfreie Schulen sowohl in der Primär- als auch in der Sekundarstufe, es sei denn man entscheidet sich für eine Privatschule. Einschulungsalter in Irland ist 4 bzw. 5 Jahre. Ab dem 3. Lebensjahr kann ein kostenloser Vorschulplatz in Anspruch genommen werden. Für staatliche Universitäten bezahlt man derzeit eine fixe Studiengebühr von €3,000 pro Jahr. Diese Zusammenfassung des irischen Bildungssystems finde ich zu diesem Thema sehr hilfreich.

Irland ja oder nein?

Beim Beantworten der Fragen potentieller Irland-Auswanderer ist mir bereits aufgefallen, dass ich nicht gerade ein positives Bild der Grünen Insel zeichne. Und tatsächlich spricht vor allem die finanzielle Bilanz nicht gerade für mein Traumland. Nach wie vor schätze ich, was mich nach Irland gelockt hat: die freundliche und offene Art der Menschen, die herrliche Natur, die Sprache. Aber ich weiβ auch zu schätzen, dass ich unbewusst den richtigen Zeitpunkt zum Auswandern abgepasst habe. Wahrscheinlich würde ich auch heute noch einmal nach Irland auswandern. Ob ich es mir leisten könnte, ist eine andere Frage.




In Wicklow angekommen

Unser erster Sommer im eigenen Haus neigt sich dem Ende und voller Vorfreude sehen wir gemütlichen Herbstabenden am Kamin entgegen. Dennoch trauere ich dem entschwindenden Sommer ein wenig nach, der wie ich finde  – für einen irischen – ausgzeichnet war. Zugegeben sind die Kriterien dafür hier ein wenig anders, aber immerhin kamen kurze Hosen, ein aufblasbarer Swimming Pool im Garten und Sonnencreme darin vor.

Beflügelt vom guten Wetter haben wir enthusiastisch unseren neuen Wohnort nebst Umgebung erkundet und waren wir recht viel unterwegs, im County Wicklow. Dabei haben wir ein paar echte „Perlen“ entdeckt.

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Dublin für Einsteiger

Ankunft am Flughafen

Der Dubliner Flughafen ist meines Erachtens recht übersichtlich und auch gut beschildert – in der Landessprache Irish (Gaeilge) und in Englisch. Mit der irischen Fluggesellschaft Aer Lingus kommt man im neueren Terminal 2 an und mit Ryanair im Terminal 1. Folgt man von der Ankunftshalle aus den Beschilderungen zum Bus, hat man die Wahl zwischen dem Linienbus (Nummer 16 und 41), der einem im Schneckentempo und mit unzähligen Stopps für derzeit €3,30 bis ins Stadtzentrum bringt, dem Airlink und dem Aircoach. Mit letzteren dauert die Fahrt ins Stadtzentrum nur ca. 25 Minuten und das Ticket kostet €7 pro Person und Strecke. Wer plant und online bucht bzw. gleich ein Rückfahrticket mitkauft, kann noch einmal ein paar Euro sparen.  Daher sind sie eine super Alternative zum wesentlich teueren Taxi, das etwa genauso lange benötigt.

Dublin – ein paar Fakten

Ich bin von dem ganzen Gewusel und dem Geräuschpegel in der Innenstadt von Dublin immer etwas überwältigt. Abgesehen davon, ist Dublin eine vergleichsweise kleine Metropole, in dessen Großraum ca. 1,3 Mio. Menschen leben (Quelle: Dublin Chamber). Sie liegt an der Ostküste Irlands im gleichnamigen County und verfügt über einen Hafen, in dem u.a. Fähr- und Kreuzfahrtschiffe anlegen. Der Name Dublin kommt aus dem Gälischen von dubh linn, was soviel wie “schwarzer Pfuhl” bedeutet. Sein moderner Name in Landessprache ist Baile Áth Cliath, das “Stadt an der Hürdenfurt” heißt und keineswegs so ausgesprochen wird wie man es schreibt. Dieser gälische Name Dublins steht übrigens auch an den Bussen – also nicht davon verwirren lassen.

Trinity College & Co.

Es gibt gewisse Sehenswürdigkeiten, die dürfen auf einer Dublin-Tour nicht fehlen dürfen und sind daher “Standard” bei jeder Rundreise. Und auch ich habe sie alle besucht, als ich die ersten Male nach Irland kam. So zum Beispiel das Trinity College, an dem man, selbst bei einer reinen Shopping-Tour, mindestens einmal vorbeiläuft. Es wurde 1592 von Queen Elizabeth I als Universität für die protestantische Elite gegründet; später waren dann auch katholische und andere Studenten zugelassen. Heute gibt es dort ca. 17,000 Studenten verschiedener Nationen. Zu berühmten Absolventen zählen u.a. Oscar Wilde, der Literatur-Nobelpreisträger Samuel Beckett und Bram Stoker (der mit dem Dracula :-)).
Ein Touristenmagnet ist das Trinity College vorrangig wegen des Book of Kells, einem kunstvollen Manuskript, das im frühen 9. Jahrhundert von Mönchen angefertigt wurde. Ebenfalls sehr beeindruckend ist der Long Room, die Bibliothek und wohl bekannteste Innenansicht des Trinity College, mit ihren unzähligen Werken. Mir persönlich hat die von Trinity Studenten geführte Tour über den Campus sehr gut gefallen.
Wer sich mehr für alte (christliche) Schriftstücke als für das Gebäude selbst interessiert, dem sei die Chester Beatty Library empfohlen. Dort ist der Eintritt frei und es gibt genug historische Manuskripte zum Sattsehen.

Zu den geschichtsträchtigen Gebäuden der Stadt zählt außerdem das General Post Office (GPO), das Hauptpostamt. Es war während des Osteraufstandes 1916 strategischer Mittelpunkt und Hauptquartier der Aufständischen, die für ein unabhängiges Irland von der britischen Krone kämpften. Man sollte auf jeden Fall einen Blick auf die Architektur, v.a. im Inneren des GPO werfen. Wer mehr über die Rebellion und die Freiheitskämpfer erfahren möchte, der kann sich das kürzlich eröffnete Museum anschauen, das sich ebenfalls im Gebäude befindet.

Die Straße auf der sich das GPO befindet, ist die O’Connell Street und als breiteste Straße quasi die Hauptader der Innenstadt. Als “Flaniermeile” kann man sie nicht gerade bezeichnen, denn leider wurde in den 70er Jahren die Viktorianische Architektur größtenteils durch weitaus unschönere Häuser ersetzt. Am Kopfende der Straße, kurz vor der O’Connell Bridge, trohnt eine Statue des Namensgebers Daniel O’Connell, der in Irland ein bisschen so was wie ein Nationalheld ist.

Die O’Connell Bridge, die über den Liffey Fluss führt, bringt einen in den “Südteil” der Stadt. Der Fluss ist dabei die strikte Grenze und es gibt sogar eine Rivalität zwischen Nord und Süd, wobei ein Nordstädter niemals (oder nur ungern) im südlichen Dublin wohnen würde und umgekehrt. Im Süden der Stadt, den man auch über die pittoreske und weitaus bekanntere Ha’ Penny Bridge erreicht, befindet sich der großzügige St. Stephen’s Green Park, eine grüne Oase direkt neben dem Shopping-Paradies der Grafton Street und des St. Stephen’s Green Shopping Centre. Selbst wenn der Park bei schönem Wetter gut besucht ist, findet man immer noch ein Plätzchen, wo man in der Sonne liegen oder in aller Ruhe Enten füttern kann :-).

Etwa 10 Gehminuten von dort entfernt, befindet sich Merrion Square, den ich immer als Paradebeispiel für die Georgianische Architektur mit den typisch bunten Türen empfehle. Man fühlt sich dort beinahe wie in eine andere Zeit zurückversetzt und kann ganz nebenbei noch Oscar Wilde, oder zumindest seiner Statue einen Besuch abstatten.

Christchurch Cathedral vs. St. Patrick’s Cathedral

Die Christchurch und die St. Patricks Kathedrale sind die meistbesuchtesten Kirchen der Stadt, wobei mir persönlich letztere ein wenig besser gefällt. Beide sind protestantisch, was mich anfangs im katholischen Irland ein wenig überrascht hat . Man kann in beiden Kirchen an geführten, sehr interessanten Touren teilnehmen, bei denen man etliches an Hintergrundwissen und zur (Stadt-)geschichte erfährt, was einem sonst verborgen bliebe. Als Tourist und wenn man sich ordentlich umschauen möchte, sollte man die derzeit €6,50 in Christchurch und €5,00 Eintritt in St. Patricks bezahlen, die ja auch dem Erhalt der Gebäude dienen. Zu den Gottesdiensten muss man zwar keinen Eintritt zahlen, aber kann eben auch nicht umherlaufen.

Bier und Whiskey…

…wird man früher oder später auf jeder Irlandreise begegnen. Warum also nicht gleich in Dublin damit anfangen? Und wenn man Bier oder Whiskey in einem Museum trinkt, ist es dann nicht irgendwie auch Kultur? Im Guinness Storehouse kann man in einer dynamischen Ausstellung auf 7 Stockwerken alles über das “schwarze Gold” erfahren, vom Brauvorgang bis zur Vermarktung. Obendrein lernt man den perfekten Pint zu zapfen und dieser ist schon im Eintrittspreis inbegriffen. Genießen kann man ihn dann in der Gravity Bar hoch über den Dächern Dublins, wofür es sich allein schon lohnt das Guinness Storehouse zu besuchen.

Wem es eher der irische Whiskey angetan hat – den man übrigens mit “e” schreibt, also Whiskey und nicht Whisky wie den schottischen – der hat in Dublin mehrere Möglichkeiten. Es gibt die Jameson Distillery, die etwas jüngere Teeling Distillery und das Irish Whiskey Museum. Für welche man sich entscheidet, ist im wahrsten Sinne des Wortes Geschmacksache, denn eine Kostprobe gibt’s in jedem Fall.

“Erlebnisgastronomie” vom Feinsten

Der Begriff Erlebnisgastronomie hat in Dublin eine ganz neue Bedeutung, denn irgendwie sind hier fast alle Pubs ein Erlebnis. Das liegt nicht zuletzt an der Live-Musik, die in einigen Lokalitäten bereits ab Nachmittag zu hören ist. Das natürlich vorangig im (Touristen-)Ausgehviertel Temple Bar, das ich, ausgenommen der Preise, durchaus empfehlen kann. Gerade wenn man nur kurz in Dublin ist, braucht man hier nicht lange suchen und bekommt irische Musik mit Pint an jeder Ecke geboten. Das ganze Viertel nennt sich Temple Bar, wobei es auch das Temple Bar Pub gibt, was sich selbstverständlich dort befindet und sozusagen sein “Flaggschiff” ist.
Was wir Deutschen uns unter einem irischen Pub vorstellen – also so richtig urig mit allerlei Krims-Krams wie Postkarten oder alten Wagenrädern an der Wand – ist im Übrigen gar nicht so typisch irisch. Von meinem Mann weiß ich, dass es in den 80er Jahren eher nicht so gemütlich in den Pubs zuging, sondern diese vielmehr schmucklose Trinkhallen waren.

Wer erst einmal ganz gepflegt mit einer Mahlzeit durchstarten möchte, dem kann ich das J.W. Sweetman direkt an der O’Connell Bridge empfehlen. Es ist recht groß und verwinkelt; demnach findet man fast immer einen Platz und sitzt trotzdem kuschelig unter sich mit Blick auf den Liffey. Das Warten auf’s Essen kann man sich mit dem Lesen amüsanter Wandsprüche irischer Prominentenrvertreiben. Außerdem hat das J.W. Sweetman seine eigene Mikrobrauerei und man kann eine recht amüsanten Bierverkostung im Voraus buchen. Nachdem ich jegliche Biersorten von fruchtig-süß bis herb-rauchig durchprobiert habe, kann ich guten Gewissens sagen, dass ich definitiv kein Biertrinker bin.

Zwei Restaurants möchte ich nur mal kurz erwähnen, weil ihr Ambiente so speziell ist und die Räumlichkeiten einst einem ganz anderen Zweck dienten: Zum einen The Bank on College Green und The Church. Bei den Namen ist es glaube ich überflüssig zu erläutern, was die beiden jeweils vorher waren :-). Bezüglich des Essens kann ich mir kein Urteil erlauben, aber man muss sich ja dort auch nur mal ein Getränk gönnen, um sich in Ruhe umschauen zu können.

Fortsetzung folgt…

 




Life is Life

Das 1. Mal den Herzschlag seines ungeborenen Babys zu hören ist ein ganz besonderer Moment, den ich im vergangenen Jahr zu meinem großen Glück selbst erleben durfte. Wenn es dann noch ein Wunschkind ist und man es kaum erwarten kann, bis es nach neun Monaten (in meinem Fall sogar 9 1/2) endlich das Licht der Welt erblickt, ist es um so schöner.

Doch was wenn man in einer schwierigen Lebenssituation ungeplant ein Kind erwartet? Seien es Probleme finanzieller Natur, dass man nicht den richtigen/keinen Partner an der Seite hat oder es einfach nur der falsche Zeitpunkt ist. Hat man dann das Recht es abtreiben zu lassen? Und wenn ja, bis zu welchem Monat? Und, ist es allein das Recht der Frau dies zu entscheiden?

Fragen, die man sich aktuell in Irland stellt und heftig öffentlich diskutiert. Derzeit ist das Leben des ungeborenen Kindes im 8. Zusatzartikel der irischen Verfassung, dem sogenannten 8th Amendment, geschützt und demnach eine Abtreibung verboten; es sei denn das Leben der Mutter ist gefährdet.

Es haben sich zwei Lager gebildet: Pro Choice mit seinem Slogan “Repeal the 8th”, welches sich für die Abschaffung des Paragraphen und die freie Entscheidung der Frau zu einer Abtreibung ausspricht. Und Pro Life, das sich für das Recht auf Leben des ungeborenen Kindes einsetzt und den Artikel erhalten will.

Bestimmt die Nachfrage das Angebot?

Jährlich reisen tausende irischer Frauen nach Großbritannien, um dort eine Abtreibung durchführen zu lassen. Diese ist dort bis zur 24. Schwangerschaftswoche (6. Monat) ohne Angabe von spezifischen Gründen erlaubt. Eine in fünf Schwangerschaften endet in einer Abtreibung (Quelle: loveboth.ie). Im Jahr 2016 wurden 3.265 Abtreibungen von britischen Kliniken verzeichnet, bei denen ein irischer Wohnsitz des “Patienten” angegeben wurde (Quelle: ifpa.ie). Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich wesentlich höher, da man davon ausgehen kann, dass nicht immer eine korrekte Adresse genannt wird bzw. andere Länder zur Durchführung einer Abtreibung aufgesucht werden. Man schätzt dass ca. 5000 irische Frauen jedes Jahr ins Ausland reisen, um eine Schwangerschaft abzubrechen (Quelle: ifpa.ie). Die wahren Gründe für eine Abtreibung können nur schwer erfasst werden. Meist werden sie unter der sogenannten “Abtreibung aus sozialen Gründen” zusammengefasst, was somit nicht sehr aussagekräftig ist (Quelle: AbortionReview.org).

Die Pro-Choice Seite argumentiert, dass man diesen Frauen nicht zumuten kann, die beschwerliche Reise auf die Nachbarinsel anzutreten, um sich dort dem in Irland gesetzeswidrigen Eingriff zu unterziehen. Dass sie selbst über ihren eigenen Körper bestimmen dürfen sollten und dass es somit ihr Recht sei, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Heißt das, weil pro Tag ca. 12 irische Frauen nach einer Abtreibung verlangen, sollte man ihrem Wunsch nachkommen und sie in Irland legalisieren?

Du bist nicht allein

Wenn es dabei nur um ihren eigenen Körper ginge vielleicht, aber das ist ja ganz klar nicht der Fall. Bereits ab der 3. Schwangerschaftswoche beginnt das Herz des Babys zu schlagen und zu diesem Zeitpunkt hat man zumeist noch nicht einmal die Schwangerschaft festgestellt. Das bedeutet, wann immer man sich für eine Abtreibung entscheidet, hat man es bereits mit einem kleinen menschlichen  Wesen zu tun und das sieht spätestens ab der 12. Schwangerschaftswoche auch schon so aus. Wer gibt also den Frauen das Recht das Leben eines anderen Menschen zu beenden, nur weil sie ihn nicht haben wollen? Abgesehen davon, wer oder was bestimmt in dem Fall bis wann ein Abbruch legitim ist?

Tötet eine Mutter ihr Neugeborenes, weil sie sich in einer verzweifelten Lage befindet, sind sich alle einig, dass das Mord ist und die Gesetzeslage ist eindeutig. Täte sie dies in der 24. Schwangerschaftswoche während sich das Kind noch in ihrem Bauch befindet, obwohl es zu diesem Zeitpunkt schon geboren werden und überleben könnte, ist das ein legitimer Schwangerschaftsabbruch? Das leuchtet mir nicht ein. Wo ist der Unterschied zwischen einer verzweifelten Frau vor der Geburt und einer Frau in der gleichen misslichen Lage danach? Wäre es nicht sinnvoller sich stattdessen von Vornherein für gezielte Hilfe in Krisenschwangerschaften einzusetzen um beide diese Extremfälle zu vermeiden?

Eene meene Muh…

Bliebe noch ein früheres Abtreibungslimit zu diskutieren, so wie derzeit die  14. Schwangerschaftswoche in Deutschland. Aber auch hier ist für mich fraglich, welche Kriterien zur Ermittlung dieser Frist ausschlaggebend sind. Das Gehirn des Babys arbeitet dann bereits, sendet Impulse mit denen es die Mimik und sogar seine kleinen Händchen steuern kann. Und das Herz pumpt schon seit fast 3 Monaten fleißig Blut durch den winzigen Körper. Das Argument, dass es ja noch kein Bewusstsein habe und nichts merke, finde ich irrelevant, weil dies zum einen nicht eindeutig “gemessen” bzw. belegt werden kann. Zum Anderen könnte man dann auch argumentieren, dass ein Neugeborenes bzw. ein Frühchen auch nicht bewusst wahrnimmt, was um es herum geschieht.

Letztendlich läuft es doch einzig und allein auf die Frage hinaus, ob es sich bei einem ungeborenen Kind, unabhängig seines Alters und Entwicklungsstandes, um ein Lebewesen handelt oder nicht. Wenn man sich diese Frage mit ja beantwortet, kann man eine Abtreibung nicht befürworten.

Unser Kind schuldet uns nichts, wir schulden ihm alles

Seit Mai diesen Jahres bin ich selbst Mutter und bereits in der Schwangerschaft galt für mich ganz selbstverständlich der Grundsatz “Das bin ich meinem Kind schuldig”. Nein, ich habe nicht mehr das Recht mal eben eine Zigarette zu rauchen oder ein Glas Wein zu trinken, wenn mir danach ist. Mich mit Zucker und Junk Food vollzustopfen (nicht dass ich das ständig täte), ist schon schlimm genug für meinen eigenen Körper, aber ein Tabu, wenn man einen “Mitbewohner” hat, der einen anzapft. War das immer einfach, wenn man schon mit diversen anderen Unnanehmlichkeiten wie zunehmender Unbeweglichkeit und dem Verzicht auf die geliebte Bauchlage in den letzten ungestörten Nächten zu kämpfen hat? Ganz sicher nicht. Und habe ich immer alles zu 100% korrekt gemacht? Bestimmt eben so wenig. Aber ich bin es meinem Kind schuldig, mein mir Möglichstes zu versuchen, auch wenn es mir nicht immer leicht fällt.

In den drei Monaten, die unser kleiner Sonnenschein nun schon auf der Welt ist, (über-)lebe ich ebenfalls nach diesem Motto. Klar gibt es neben dem herzerweichendsten Lächeln auch die schlaflosen Nächte, von denen alle sprachen und natürlich kommen auch Momente, in denen ich trotz aller Freude an meine Grenzen stoße. Aber der kleine Wurm ist nicht (nur) da, um uns glücklich zu machen. Mit der Entscheidung ein Kind zu haben, sind wir beide eine große Verantwortung eingegangen, die wir nicht einfach ablegen können wie es uns beliebt. Wir haben uns dazu “verpflichtet” immer zusammen für es da zu sein. Es zu beschützen und nach bestem Wissen und Gewissen zu fördern. Unsere eigenen Befindlichkeiten hinten anzustellen, solange es von uns abhängig ist.

Gleichtzeitig bekommen wir nicht automatisch das Recht das Kind als unser Eigentum zu behandeln und es etwa zur Verwirklichung eigener verpasster Träume zu benutzen oder um unsere Partnerschaft oder Lebenssituation aufzuwerten. Alle Entscheidungen, die wir für unser Kind treffen, bevor es dies selber tun kann, sollten in seinem Interesse sein. Allen voran muss deshalb die Entscheidung “Pro Life”, also für das Leben stehen.




“Mein” Gott und die Welt

Ich bin nicht gläubig oder sollte ich eher sagen, noch nicht? Denn vielleicht ist es für mich an der Zeit, alte Ansichten zu revidieren. Normalerweise werden die Sichtweisen der Kirche oft als verstaubt und nicht mehr ganz zeitgemäß betrachtet. Für mich persönlich sind sie jedoch völlig neu. Und auch das Konzept einer „höheren Macht”, die Dinge leitet und nicht kontrollierbar ist, finde ich nicht mehr so abwegig wie noch vor ein paar Jahren.

Ich wurde in der ehemaligen DDR geboren und da war Religion nicht gerade an der Tagesordnung. Meine Eltern legten Wert darauf, uns christliche Moralvorstellungen als Bestandteil der abendländischen Kultur mit auf den Weg zu geben, aber der Fokus lag dabei mehr auf historischen Aspekten als auf spirituellen. Passierten unvorhersehbare Dinge, war von Schicksal die Rede, aber ich kam nicht auf die Idee, mich bei “jemandem” zu bedanken, geschweige denn um Hilfe zu bitten. Das fällt mir nach wie vor schwer, aber meine streng atheistische Teenager-Meinung von damals scheint langsam zu bröckeln.

Immer öfter stelle ich mir die Frage, was eigentlich so falsch daran sein kann, sich mit seinen Ängsten und Nöten an eine höhere Macht zu wenden, wenn es einem Hoffnung und Kraft gibt. Und, ist es wirklich immer nur Glück, wenn alles “rund läuft” ohne großes Zutun?  Oder andersherum, wenn einem trotz Bemühungen gewisse Sachen nicht gelingen und man später feststellt, dass man nur vor etwas bewahrt wurde, das nicht gut für einen gewesen wäre. Und würde einem der Gedanke eines vorbestimmten Weges nicht auch helfen Gegebenheiten zu akzeptieren, die man nicht ändern kann ohne deswegen ewig mit dem Schicksal zu hadern? Zu wissen, dass nur das, was für einen bestimmt ist, einen glücklich machen und ausfüllen kann bzw. dass alles was geschieht einen Sinn hat? Und ist es dann nicht auch nur fair, sich mal “irgendwo” zu bedanken für das was man erreicht hat, wovor man beschützt wurde und wohin es einen geführt hat? Ob man diesen Dank an das “Schicksal” richtet oder sich tatsächlich an (einen) Gott wendet, sei erst einmal dahingestellt.

Spiritueller Laie trifft auf sattelfesten Katholiken

Diese Gedanken kommen nicht von ungefähr, sondern inzwischen ist Religion ein Teil meines Alltages: mein Mann ist Katholik und das nicht nur laut Taufschein. Er lebt seinen Glauben aktiv mit allem was dazugehört. Und um ehrlich zu sein bin ich manchmal etwas neidisch, wie viel es ihm gibt und wieviel Kraft er daraus schöpft. Warum sollte ich mich also nicht auch einmal darauf einlassen?

Ich werde von ihm wiederum um meine Intuition beneidet; angeblich hätte ich einen viel besseren Draht zu Gott, sagt er. Und das hat ebenfalls seine Gründe: trotz meiner Angst vor großen Entscheidungen und davor  Verantwortung zu übernehmen, habe ich bereits etliche lebensverändernde Schritte gewagt; einzig und allein auf einem “Bauchgefühl” basierend und oft entgegen aller Warnungen anderer und jeglicher Schwarzmalerei. Zugegeben, ich habe mich mit den meisten davon sehr schwergetan, aber letztendlich immer einzig und allein darauf vertraut, dass es sich richtig anfühlt. Und mein Mut wurde belohnt – mit vielen positiven Wendungen in meinem Leben, die mir einfach so zugeflogen zu sein scheinen.

Wer(s) glaubt…

Also entweder bin ich so clever und weiß immer, was das Richtige für mich ist oder es gibt tatsächlich einen Gott. Einen Gott, der es mir mit nur einer Jobbewerbung ermöglicht hat, in mein Traumland auszuwandern. Einen Gott, der mir bei der doch recht bescheidenen Auswahl an bezahlbarem Wohnraum in Dublin geholfen hat, die Wohnung zu finden, wo mein jetziger Ehemann als Nachbar wohnte und uns kurz darauf auf romantische Art & Weise zusammenbrachte. Einen Gott, der mir ohne mein Zutun zu einem Karriereschub verholfen hat, welcher mich wiederum davor bewahrte, meine eisernen Reserven restlos aufzubrauchen und somit in meiner neuen Wahlheimat bleiben zu können. Einen Gott, der mir nach unglaublich kurzer Suche das perfekte Auto und mit dessen Hilfe mein Traumhaus quasi vor die Füße gelegt hat, von dem ich nicht einmal gehofft hatte, es irgendwann zu besitzen. Keine endlose Suche und Kampf um Gebote beim Kaufpreis, was hier Standard ist. Nein, einfach so, die allererste Besichtigung, Blick auf’s Meer inklusive.

Auch mir werden ab und zu Steine in den Weg gelegt, so ist das nicht. Die Organisation unserer Hochzeit, zum Beispiel, lief nicht ganz so reibungslos ab. Im Gegenteil – alle unsere Pläne wurden von Problemen mit den Formalitäten durchkreuzt. Doch auch hier hat uns der scheinbare Rückschlag und die Absage unserer “Traumhochzeit” die wohl spontanste Hochzeit in der irischen Geschichte beschert, die rückblickend betrachtet viel mehr in unserem Sinne war als die zuvor angedachte, perfekt durchorganisierte Riesenfeier.

Und ich könnte jetzt noch eine Weile so weitermachen mit Aufzählungen großer und kleiner glücklicher Fügungen in meinem Leben. Oft hört man dann „es hat halt so sollen sein“, was mich wieder zu meinen Anfangsfragen zurückbringt: Wer oder was bestimmt, ob einem etwas ohne große Anstrengung gelingt oder man sich daran die Zähne ausbeißt und es letztendlich doch erfolglos bleibt? Gibt es also diesen einen vorbestimmten Plan und demnach etwas Überirdisches, was einen lenkt und einem ein gutes Gefühl bei Dingen gibt, die „richtig“ sind und Gewissensbisse bzw. Zweifel bei falschen Entscheidungen?

Ich habe jedenfalls das Gefühl, genau dort angekommen zu sein, wo ich zum jetzigen Zeitpunkt in meinem Leben sein soll. Alles fühlt sich richtig und gut an. Ich denke das ist einer der Gründe, warum ich derzeit verstärkt nach einer Antwort suche, wer oder was mich hierher geführt hat.

Der Glaube kommt nicht über Nacht

Mein “Experiment” läuft seit ca. 2 Jahren: mein Mann und ich gehen gemeinsam in die Kirche und ich mag unser “Sonntagsritual”. Anfangs habe ich noch gewitzelt und wollte mir eine Art „Pilgerpass“ zulegen, in dem ich dann einen Stempel für jede neue Kirche bekomme, in der ich einen Gottesdienst besucht habe. Inzwischen betrachte ich es mit ein wenig mehr Ernsthaftigkeit, was konkret für mich erst einmal heißt, dem Ganzen offen und unvoreingenommen gegenüberzustehen, ergo Vorurteile abzustreifen. Die Predigten sind tagesaktuell, regen zum Nachdenken an und bieten eine hervorragende Diskussionsgrundlage für meine Fragen rund um Religion und Glauben, die mein Mann danach jedes Mal geduldig beantwortet.

Wir haben uns katholisch trauen lassen. In erster Linie habe ich einer kirchlichen Hochzeit zugestimmt, weil ich wusste, wieviel es meinem Mann bedeutet. Andererseits konnte ich auch für mich persönlich nichts finden, was dagegen gesprochen hätte.

Theoretisch bin ich also schon irgendwie auf einer spirituellen Reise. Bei der praktischen Umsetzung steht mir mein rationeller Dickschädel noch ein wenig im Weg.

 

Passend zum Thema habe ich kürzlich diese interessante Reportage in der ARD gesehen.




Gräbt sich Irland das Wasser ab?

Zwei Meldungen über Irland haben im vergangenen Jahr die Touristikerin in mir aufhorchen lassen:

Laut einer Umfrage des renommierten US-Magazins Condé Nast Traveler, sind zwei irische Städte unter den Top 6 der freundlichsten Städte weltweit – Dublin auf Platz 3 und Galway auf Platz 6 (Quelle: Tourism Ireland).

Die andere war in der Irish Times Mitte August zu lesen – Dublin ist nun nach Aussage des Hotelbuchungsportals HRS zweiteuerste Stadt was Unterkünfte in Europa betrifft. Vielleicht keine 100% repräsentative Studie, aber allein der Fakt, dass der durchschnittliche Übernachtungpreis dort bei €188,- liegt und demzufolge die Nachfrage da ist, ist meiner Meinung nach aussagekräftig genug.

Und apropos Nachfrage, die Besucherzahlen sind in der ersten Hälfte des Jahres 2016 um 14% im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr gestiegen. In Zahlen sind das ca. 420.000 Besucher mehr als in 2015 (Quelle: Tourism Ireland). Zurecht ist man stolz auf ein solches Ergebnis; die Wirtschaft boomt wieder und die Krise scheint endlich überwunden.

Bedenken einer begeisterten Auswanderin

Ich beobachte diese Entwicklung, die auf diversen Reise‑Workshops immer wieder freudig präsentiert wird, jedoch mit ein wenig Sorge. Einerseits aus der ganz egoistischen Befürchtung, die Insel selbst bald nur noch mit großen Menschenmengen und endlosen Warteschlangen in den Sommermonaten erleben zu können. Zum anderen habe ich rein pragmatische Bedenken – wohin mit der enormen Anzahl zusätzlicher Besucher in einem Land, das limitiert durch das Meer, nur über begrenzt Platz bzw. touristische Infrastruktur verfügt. Die logische Konsequenz wäre, soweit eben möglich, mehr Unterkünfte etc. zu schaffen, um dem den Prognosen nach auch 2017 zu erwartenden Ansturm gerecht zu werden.

Aber halt, hatten wir das nicht schon einmal? Einen Bau-Boom in der Euphorie des Celtic Tigers Mitte der 1990er Jahre? Mehr Hotels, mehr Visitor Centre, mehr Restaurants, um dem internationalen Gast etwas zu bieten? Oder war es doch eher das Interesse am eigenen Profit, was im Vordergrund stand, bevor 2008 alles gehörig nach hinten losging und das „Kartenhaus“ zusammenbrach. Egal, denn die Touristen wurden weniger. Und wenn man wiederum anderen Umfragen Glauben schenkt, kommen die meisten ohnehin nicht wegen etwaiger massiver Neubauten, sondern paradoxerweise gerade dem Gegenteil – etwas, das die Grüne Insel auch so (zumindest noch) zu bieten hat: viel Natur und Ursprünglichkeit.

Der Ast auf dem ich sitze…

Keinesfalls möchte ich alle Iren als habgierig und profitorientiert hinstellen. Ebenso liegt es mir fern, mich als „Wirtschaftsorakel“ zu versuchen. Aber so viel kann ich sagen: in meiner eigenen kleinen Welt, d.h. im Büro, wo ich täglich gemeinsam mit zahlreichen Vertretern der irischen Tourismusindustrie diverse Gruppenreisen über die Insel konzipiere (ja, ich bin auch aktiv an der Steigerung der Besucherzahlen beteiligt und stehe ihr dennoch kritisch gegenüber), schlägt mir zunehmend ein neuer Ton entgegen. Ein Hoch auf die Hotels, die uns nach wie vor als gleichgestellten Partner betrachten und das Geschäft, das wir ihnen seit Jahren bringen, wertschätzen. Das sind leider die wenigsten. Habgier und Arroganz bestimmen derzeit meinen Arbeitsalltag. Ein wahrhaft undankbarer Zustand. Kaum im wirtschaftlichen Aufschwung angelangt, sehen meine Kollegen und ich nahezu hoffnungsvoll der Kehrtwende entgegen, die einige Überflieger wieder zurück auf den Boden bringen sollte. Schade, wenn das nur über Extreme zu bewerkstelligen ist; ein gesundes Mittelmaß wäre hier wünschenswert.

Zumindest der Gast bekommt von dem derzeit leicht unterkühlten Verhältnis anscheinend nichts mit, denn immerhin sind „wir“ unter die freundlichsten Städte der Welt gewählt worden. Aber wenn wir schon einmal dabei sind, bekommt auch diese Statistik von mir ihr Fett weg. Erst kürzlich habe ich mich mit meinem Mann genau darüber unterhalten und er als Einheimischer erinnert sich noch an ein ganz anderes Dublin. Auslöser für unsere Debatte war ein kleiner “Schnack” mit einer Verkäuferin in einem Laden in Wexford, einer Stadt an der Süd-Westküste Irlands. Er meinte, dass man das, was früher Gang und Gäbe war, kaum noch in Dublin erlebt: einfach mal ganz gemütlich über’s Wetter plaudern ohne das hinter einem gleich einer mit den Augen rollt. Und das ist kein Vorwurf an Unbekannt, sondern auch ich zähle mich zu denjenigen, die oftmals nur noch mit Tunnelblick durch die Stadt stratzen ohne wahrzunehmen, was rundherum passiert. Trotz der Statistik, wonach die irische Hauptstadt die drittfreundlichste Stadt der Welt ist, habe ich persönlich das Gefühl, dass es im schnelllebigen Dublin kaum noch Zeit für außerordentliche Freundlichkeit und die berühmte „irische Gelassenheit“ gibt. Verständlicherweise, denn welche(r) Kassierer(in) im Supermarkt oder in den vollen Läden der Innenstadt erkundigt sich schon nach dem Befinden, während sie/er gleichzeitig von duzenden genervten Blicke der Wartenden durchbohrt werden. Neulich im überfüllten Bus auf dem Weg zur Arbeit drohte eine Frau zu kollabieren. Sie fragte, ob jemand den Halteknopf für sie betätigen könnte und am nächsten Stopp stieg sie im Sog der Menge aus, um sich dann allein in die Ecke des Bushäuschens zu kauern. Ich fühlte mich schrecklich, denn auch ich war nicht ausgestiegen, um ihr Hilfe anzubieten.

Reif für die Insel auf der Insel

Stellt sich die Frage, Huhn oder Ei, was kam zuerst – die hektische Großstadt, die es schwer macht die „alten (irischen) Tugenden“ aufrecht zu erhalten oder sind wir es mit Smartphone & Co., die sich davon abhalten dem Zwischenmenschlichen gesteigerte Aufmerksamkeit zu schenken und Dublin mehr und mehr in eine anonyme Metropole verwandeln?

Das sind jedoch nur Denkansätze von mir und im Gegensatz zu den anderen Tatsachen nicht durch eine Studie zu belegen. Mag sein, dass da gar nichts dran ist und ich nach meinem jahrelang gehegten und letztendlich erfüllten Wunsch in einer vibrierenden Großstadt zu leben, nun einfach an einem Punkt angekommen bin, an dem es Zeit ist, mich in ruhigere Gefilde zurückzuziehen. Wenn mir im Dorfladen zum wiederholten Male ein Gespräch ans Bein gebunden wird und ich es doch dann gerade eilig habe, revidiere ich meine Meinung gern.

Wer sich nun fragt, wie ich mit einem Blog über Irland Erfolg haben möchte, wenn ich doch (derzeit) so negativ darüber denke, dem soll gesagt sein, dass eine Liebesbeziehung auch mal Kritik abkönnen muss.




Verräterische Akzente

Als ich in die Schule kam und schreiben lernte, konnte ich es kaum erwarten endlich meine ganz eigene Handschrift zu haben. Ich wollte schreiben „wie die Großen“ und fragte ungeduldig immer wieder meine ältere Schwester, wann es denn endlich so weit sein würde mit der „Erwachsenen-Schreibschrift“ und wie lange ich dafür noch üben müsse.

Wie kindisch, denke ich heute rückblickend, denn irgendwann war sie natürlich ohne großes Zutun da, meine individuelle Handschrift und heute wünsche ich mir manchmal, sie würde sich noch einmal ändern, aber das steht auf einem anderen Blatt.

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Hellfire Club – Dublins Nachtclub der anderen Art

In Dublin gibt es zweifelsohne zahlreiche Orte, an denen man sich zu einem romantischen Date verabreden kann: im Park von St. Stephen’s Green, an der berühmten Ha’Penny Bridge, an einem der stadtnahen Strände oder einfach in einem kuscheligen kleinen Café. Bei mir darf es allerdings eher etwas mit „Gruselfaktor“ sein.

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Woanders ist das Gras grüner…

…als in Irland? Wohl kaum!

Aber wie ist es eigentlich, wenn man sich seinen Traum erfüllt und in das Land auswandert, das man bislang weitestgehend nur aus dem Urlaub kennt? Für gewöhnlich mit einem ordentlichen Budget ausgestattet, um es sich richtig gutgehen zu lassen. Für zwei Wochen im Sommer mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auf gutes Wetter. Die wichtigsten Vokabeln aufgefrischt, um sich durch die Speise- und Getränkekarte zu fragen und notfalls, mit viel Mut, einen Einheimischen nach dem Weg.




Warum Irland?

Als ich vor 2 Jahren nach Irland ausgewandert bin, bekam ich genau zwei Arten von Reaktionen:

  1. Warum denn gerade Irland? Hättest du nicht nach Spanien gehen können, wo es wenigstens warm ist?
  2. Wow Irland, da wollte ich auch schon immer mal hin. Da ist alles so schön grün und es gibt überall Schafe.

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