Land in Sicht! Trendiges Landleben dank cooler Konzepte

Landleben in WicklowLandleben in WicklowLandleben in WicklowLandleben in Wicklow

Zum Glück auf‘s Land

Trotz meines Wunsches der Zivilisation zu entfliehen und mich auf eine einsame Bergspitze zurückzuziehen, leben wir nach wie vor in unserem geliebten Häuschen im Co. Wicklow. Manchmal können wir es immer noch nicht fassen, was für ein Glück wir bei der Haussuche hatten. Gleich auf Anhieb das perfekte Zuhause zu finden, kann sicherlich nicht jeder von sich behaupten. Genau eine Besichtigung brauchte es, um unser City Apartment in Dublin gegen das Landleben im Küstenort Greystones einzutauschen. Fußläufig zum Ortskern mit all seinen Geschäften und was man sonst so zum Leben braucht, sind wir seit Dezember 2016 hier heimisch.

Die Payne FARMily

Heimisch fühlen wir uns definitiv. In unserem schönen Haus, das wir in den vergangenen 5 Jahren in das verwandelt haben, was wir uns unter einem gemütlichen, aber praktischen Cottage vorstellen. Der große Garten vor und hinter dem Haus hatte unsere Herzen vom ersten Moment an erobert. Eigentlich ist er das Reich meines Mannes John. Aber während des langen Lockdowns, habe auch ich zunehmend Gefallen an der Gartenarbeit gefunden. In diesem Jahr kam zu unserer kleinen Obstplantage und dem Kräutergarten noch ein großes Gemüsebeet hinzu. Vor Ostern zogen außerdem unsere zwei Hühner Chicken Nugget und Jelly Bean ein. Seitdem nenne ich es liebevoll die Payne FARMily.

Greystones – Nicht ländlich genug

Als wir im Sommer 2016 das erste Mal zu unserer Hausbesichtigung nach Greystones kamen, fielen uns lediglich ein paar wenige Eigenheim-Baustellen auf. Normal für einen beliebten und attraktiven Ort wie Greystones. In letzter Zeit jedoch schießen um uns herum neue Wohngebiete wie Pilze aus dem Boden. Wohin man nur schaut, entstehen Häuser und riesige Apartmentkomplexe. Ich beobachte das mit Unbehagen. Es mag übertrieben klingen, aber manchmal fühle ich mich nahezu klaustrophobisch, wenn wieder ein grünes Feld dem Bauboom weicht. Was wird aus der ländlichen Infrastruktur, für die wir uns bewusst entschieden als wir das geschäftige Dublin für das Landleben im Garten-County Wicklow verließen? Vielleicht hätten wir uns für eine noch ländlichere Region entschieden, wenn diese Entwicklung damals abzusehen gewesen wäre.

Lust auf Land

Es scheint paradox, dass ich mich im nicht endenden Lockdown nach Isolation sehne. Vielleicht habe ich aber einfach Gefallen am zurückgezogenen Leben in unserem herrlichen Garten gefunden, der wie eine grüne Oase unser Haus einrahmt. Auch meine Ausflüge ziehen mich immer wieder aus Greystones hinaus in die grüne Umgebung. Ich genieße die Stille der irischen Wälder, je weniger Leute desto besser.

Mit diesem Wunsch scheine ich jedoch nicht allein zu sein. Während nach wie vor viele Deutsche als Auswanderer mehr Ruhe und Platz in Irland suchen, gibt es auch in Deutschland einen Trend hin zum Landleben. Laut einer Studie könnten sich 41% der Deutschen vorstellen ihr städtisches Umfeld gegen ein ländlicheres zu tauschen. Das Home Office und die daraus resultierende örtliche Flexibilität während der Pandemie machen es möglich.

Lange Zeit waren es hohe Mieten und Wohnungsmangel in den Städten, die die Leute auf‘s Land drängten. Das Image vom langweiligen Landleben zwischen Feldern und stinkenden Kuhställen scheint sich jedoch gewandelt zu haben. Mehr und mehr wird es zur Wunschoption für junge Leute, die den Berufseinstieg hinter sich und die Familienplanung vor sich haben. Das zeigt der Anstieg der Hauspreise im ländlichen Raum um etwa 40% in den vergangenen 4 Jahren (Quelle: ZDF Reportage “Raus aus der Stadt – Der Traum vom Leben auf dem Land”).

Landleben auf Probe im ‘Coconat‘

Bevor man in ein Eigenheim auf dem Land investiert, sollte man sicher sein, dass einem das Landleben schmeckt. Denn neben einer oftmals romantisierten Vorstellung kann eine schlechtere oder gar fehlende Infrastruktur zur Herausforderung werden. Im Coconat, etwa eine Stunde südwestlich von Berlin, kann man Landluft auf Probe schnuppern. Auf einem ehemaligen Gutshof in Klein Glien haben Gründer Julianne Becker, Janosch Dietrich und Iris Wolf ein großartiges Landleben-Projekt geschaffen. Derzeit zieht es vor allem junge Leute aus der Hauptstadt an. Aber natürlich steht es jedem offen, der flexibel arbeiten kann und sich von der idyllischen Umgebung inspirieren lassen möchte.

   © 1: Coconat, 2 & 4: Tilman Vogler, 3: Andreas Plata

Auf dem großen Gelände stehen Gemeinschaftsarbeitsplätze und Unterkünfte zur Verfügung. Je nach Bedarf kann man sich hier für eine Nacht oder gleich ein paar Monate einmieten. Ob isoliert in der Natur arbeiten oder gemeinsam mit anderen in der umgebauten Scheune Ideen austauschen – Coconat bietet ein facettenreiches Umfeld für Großstädter, die sonst mitunter in einem Ein-Personen-Haushalt ihr Home Office hätten. „Ich möchte erstmal herausfinden was ich eigentlich will auf dem Land“, sagt Landwirtschafts-Bloggerin Svenja Nette dem ZDF, als sie sich als Gast bei Coconat unter anderem um die Hühner kümmert. „Dafür ist das Coconat eben ein total schöner Zwischenraum“, findet Svenja.

Auch die Einwohner des 80-Seelendorfes Klein Glien werden in das Leben der bunt zusammengewürfelten Gemeinde einbezogen. Denn auch der Ort soll davon profitieren, dass der Gutshof nun seit vielen Jahren des Leerstandes wieder belebt ist. So findet dort zum Beispiel auf Wunsch der Dörfler das alljährliche Feuerwehrfest statt. Und auch sonst stellt das Gründer-Trio sicher, dass es neben Co-Working und Co-Living Space eine friedliche Koexistenz zwischen den alten und neuen Bewohnern von Klein Glien gibt.

Aus Alt mach Neu – Dein Jahr in Loitz

Annika und Rolando, ein kreatives junges Paar zog kürzlich von Berlin in das vorpommersche Loitz. Zuvor wurden sie aus 17 Finalisten ausgewählt, die sich für das Projekt „Dein Jahr in Loitz“ beworben hatten. Doch was bewog die beiden dazu ihr Leben in der Großstadt aufzugeben, um für 1 Jahr in einer strukturschwachen Region zu leben und dort ein Abrisshaus wieder aufzumöbeln?

Das Ganze ist Teil des bundesweiten Wettbewerbes „Zukunftsstadt 2030“, bei dem Loitz 2015 Städte wie Berlin und Freiburg aus dem Rennen warf. Die Idee – verödete Regionen für junge Leute wieder attraktiv zu machen und der vorherrschenden Landflucht entgegen zu wirken. Das Konzept – Loitz lockt innovative Großstädter in seine leerstehenden Häuser, wo sie kostenlos wohnen dürfen und obendrauf noch ein Basiseinkommen von €1000 pro Monat erhalten. Im Gegenzug hauchen sie der verlassenen Immobilie wieder Leben ein und idealerweise gleich dem ganzen 4300-Seelenort Loitz.

So kam es also, dass sich die Berlinerin Annika und der gebürtige Venezuelaner Rolando mit ihrer Vision gegen anfänglich 93 Bewerber/innen durchsetzten. Mitte April 2021 bezogen sie ihr neues Domizil in Loitz. Gemeinsam mit Nachbarn und Freiwilligen aus der Gemeinde soll im Untergeschoss ihres Hauses nun etwas entstehen, wovon ganz Loitz profitiert und darüber hinaus Gleichgesinnte anlockt. Ein ungewöhnliches Projekt, das für beide Seiten eine Bereicherung sein könnte. Hoffentlich auch über das „Jahr in Loitz“ hinaus.

Trendiges Landleben coole Konzepte   © Dein Jahr in Loitz; 1, 2 & 4: Matthias Marx

“Es braucht ein Dorf um ein Kind zu erziehen“

Nicht nur wo, sondern auch wie wir leben, scheint sich wieder mehr an traditionelle Lebenskonzepte anzulehnen. Als ich meine Freundin Julia frage, warum sie ihre Stadtwohnung mitten in Hamburg aufgibt, um in ein Wohnprojekt nach Flensburg zu ziehen, antwortet sie mir folgendes: „Es braucht ein Dorf um ein Kind zu erziehen. Und genau das erhoffe ich mir von ‘Freiland Flensburg‘“.

Julia ist Alleinerziehende einer 5-jährigen Tochter. Bislang liebte sie das Leben in der Großstadt mit allem was dazu gehört. „Nun ist es Zeit für etwas Neues“, sagt mir Julia. „Mein Großvater war ursprünglich aus Flensburg. Vielleicht ist es ein Zeichen, dass wir nun gerade dort gefunden haben, wonach wir suchten.”

Das Wohnprojekt ‘Freiland Flensburg’ befindet sich unweit vom Flensburger Stadtzentrum, aber dennoch mitten im Grünen. Es umfasst verschieden große unabhängige Wohneinheiten für jegliche Altersgruppen und Haushaltsgrößen. Reihenhäusern, Ein-Zimmer-Wohnungen und Flächen zur gemeinschaftlichen Nutzung, wie einer Gemeinschafts-Küche, einer Dachterrasse und einem Innenhof verschmelzen hier zu einem modernen Mehr-Generationen-Haushalt.

„Meine Tochter wird alleine draußen spielen können, ohne dass ich ständig ein Auge auf sie haben muss. Es werden immer andere Menschen oder Kinder in der Nähe sein, sodass sie Gesellschaft hat, wenn ich Sachen im Haus erledigen oder arbeiten muss“, erklärt mir Julia ihre Beweggründe. Und auch Julia kann auf Unterstützung zurückgreifen, sollte sie selbst einmal Hilfe benötigen. Im Gegenzug bringt auch sie wertvolle Fähigkeiten mit in die überdimensionale Wohngemeinschaft. So könnte sie zum Beispiel Senioren den Umgang mit dem Computer näherbringen oder Interessierten einen Nähkurs geben. Auch ihre Backkünste sind nicht zu verachten und werden sicherlich einige Türen für sie öffnen.

Schrebergarten auf Irisch

Auf‘s Land zu ziehen und sich bewusst gegen einen Garten zu entscheiden, passt für mich irgendwie nicht zusammen. Dennoch beobachte ich in Greystones immer wieder wie schnell und gut sich riesige Eigenheime mit kaum Außenfläche verkaufen. Wenn es einen Garten gibt, ist er oft  gepflastert, mit Kunstrasen oder Kieseln ausgelegt – weit entfernt von meiner Idee einer natürlichen Erholungsoase.

Um so erfreuter war ich als ich neulich über ein Projekt ganz bei uns in der Nähe las. Huw, der Initiator der ‘Schrebergärten auf Irisch‘, erklärte dem Greystones Guide, was seine Vision für die nächsten 5 Jahre ist. “Tírmór Allotments (=Parzellen) soll auf dem Konzept des Feldwaldbaus basieren“, sagt er. „Dabei wird es um Artenvielfalt und hohe Bodenqualität gehen. Zurück zu den Ursprüngen der Landwirtschaft sozusagen, bevor wir versuchten die Natur auszutricksen und nun mancherorts zum Beispiel mit Überflutungen zu kämpfen haben.”

Dafür transformiert Huw einen Teil seiner 150 Jahre alten Familienfarm und unterteilt sie in verschieden große Parzellen. Diese können dann von Pächtern und Hobbygärtnern in diesem Sinne bewirtschaftet werden. Bereits auf dem Gelände vorhanden sind Büroräume zur gemeinschaftlichen Nutzung, sogenannte Co-Working Spaces, wie auch bei Projekt Coconat. Darüber hinaus sollen individuelle Gartenlauben und eine Außenküche, nebst Campingplatz entstehen. „Die Leute, die bei uns ihr Home Office haben, können dann in ihrer Mittagspause ihr Gemüse anbauen und später ernten“, sagt Huw mit einem Lachen.

Weniger ist Mehr

Die vorgestellten Konzepte zeigen, dass wir das Rad nicht neu erfinden müssen, sondern durchaus davon lernen können, was andere Generationen vor uns erfolgreich gemeistert haben. Als Teenager hätte ich nie gedacht, dass ich einmal ein Fan des Landlebens sein würde. Je älter ich werde, um so mehr lerne ich traditionelle Lebenskonzepte zu schätzen.

Etwas mit seinen Händen zu erschaffen, aus eigener Kraft für die Familie zu sorgen; und dabei den Jüngsten zu zeigen wo Dinge ihren Ursprung haben, empfinde ich als sehr bereichernd. Aus dem Garten zu ernten, täglich frisch zu kochen und selber Brot zu backen gehören für mich inzwischen zum Alltag. Immer wieder wird mir dabei bewusst wie wenig wir eigentlich wirklich zum Leben brauchen. Ein Hoch auf das Landleben!




Nicht einsam genug – Raus aus der Zivilisation!

Der (irische) Corona-Regel-Wahnsinn

Wenn wir an dem überfüllten Spielplatz in unserem Ort vorbeilaufen, wo hunderte Kinder auf engstem Raum zusammen spielen, wir aber nicht auf den einsamen Waldwegen im Umkreis spazieren gehen dürfen, weil diese außerhalb unseres Bewegungsradius liegen. Dann möchte ich mich auf eine einsame Bergspitze verkrümeln, um mich nicht länger über die teilweise unsinnigen Corona Maßnahmen aufregen zu müssen.

Wenn unser Großer fragt, warum er sich am Nachmittag keinen Freund zum Spielen in den Garten einladen darf, obwohl er morgens im Kindergarten mit 20 Kindern und vielleicht sogar mit selbigem Freund gespielt hat. Dann möchte ich mir keine plausible Erklärung einfallen lassen müssen, sondern einfach meine Sachen packen und mich mit meiner Familie gleich freiwillig isolieren – auf einem abgelegenen Berggipfel. Welchen Unterschied macht das denn noch?

Wer braucht schon Kindersachen?

Wenn ich durch die Hauptstraße in unserem Ort bummele und all die geschlossenen Ladenfronten sehe – mit Postern davor, auf denen ich  “Unterstützt die lokalen Händler” lese. Wenn ich trotz dieser Aufforderung, der ich gern nachkommen würde, alles online bestellen muss, weil im Lockdown Level 5 nicht einmal ‘Click & Collect’ möglich ist. Wenn ich im Supermarkt zur abgesperrten Klamottenabteilung hinüberschiele um herauszufinden, ob Unterwäsche und Socken jetzt unter die ‘lebensnotwendigen’ Güter fallen oder nicht. Wenn ich dann feststelle, dass ich Socken zwar kaufen kann, die saisonale Kinderjacke jedoch hinter der Absperrung baumelt und ich sie somit nur aus der Ferne betrachten, aber nicht kaufen kann.

Reisefreiheit? Leider nicht ohne Reisepass!

Wenn mir meine Eltern erzählen, dass man von Deutschland aus zwar in den Urlaub nach Mallorca fliegen darf, der Besuch bei der Familie im Nachbarort jedoch gegen die Corona Bestimmungen verstößt. Wenn die Passstelle in Irland in der höchsten Lockdownstufe mal eben gar keine neuen Reisepässe mehr ausstellt, sondern der Kinderreisepass bis nach dem Lockdown warten muss. Wenn ich darüber nachdenke, was wir mit unserer anderthalbjährigen Tochter ohne Pass machen, falls wir doch aus triftigen Gründen zu meiner Familie nach Deutschland reisen müssen. Wenn ich die Variante, sie derweil bei der irischen Familie unterzubringen auch verwerfen muss, weil die nicht im selben County wohnt und unsere Kleine seit Monate nicht gesehen hat.

Dann kommt mir wieder der einsame Berggipfel in den Sinn, für den man – zumindest in meiner Fantasie – weder einen Reisepass braucht, noch seinen Bewegungsradius verlassen muss.

Greystones – Das Zuhause der ‘Cash-Kuh’

Wenn in unserem Ort Greystones und das angrenzende Delgany wieder ein Stück der herrlich grünen Landschaft zubetoniert wird, um mehr Häuser zu errichten. Wenn ich sehe wie schöne alte Gebäude plattgemacht werden und modernen, mehrstöckigen Apartmentkomplexen weichen. Wenn wieder irgendwo ein “New Development-Schild” auf einer Weide auftaucht, wo eben noch Schafe gemütlich grasen, in ein paar Monaten dann aber Bagger ihren Platz einnehmen. Wenn mir bewusst wird wie viel seines ursprünglichen Charmes das einst gemütliche Fischerdorf Greystones bereits eingebüßt hat und trotzdem kein Ende der Verschandelung abzusehen ist. Dann sehne ich mich nach dem Berggipfel hoch oben im Grünen.

Wenn ich mir vorstelle wie es wohl gewesen sein muss durch das wunderschöne Glen of the Downs zu spazieren, ohne das monotone Geräusch der Autobahn zu hören, die nun direkt durch das Tal verläuft. Wenn die engen, von Steinmauern gesäumten Country Roads allmählich verschwinden und breite Straßen entstehen, um dem täglich zunehmenden Verkehr standhalten zu können. Wenn ich daran denke, wie wir jeden Sonntag in der malerischen Kirche von Delgany bei der Andacht waren, mit den freundlichen Nonnen aus dem angegliederten Kloster. Wenn ich mir vorstelle, wie hart deren Umsiedlung aus dem Convent für sie gewesen sein muss. Wenn ich mir vor meinem geistigen Auge vorstelle wie das altehrwürdige Gebäude nun ebenfalls Teil eines modernen Wohnkomplexes wird. Dann möchte ich weg aus Greystones mit seiner allgegenwärtigen Cash-Kuh, die hier unerbittlich gemolken wird.

Eine zivilisierte Welt sieht anders aus

Wenn ich in den Nachrichten höre, dass der Begriff ‘Mutter’ aus britischen Geburtskliniken verbannt wurde und man nun der politischen Korrektheit halber ‘Gebärende Person’ sagt. Oder man in einer irischen Krebsvorsorge-Kampagne gar die umständliche Phrase ‘Person mit einem Gebärmutterhals’ anstelle von ‘Frau’ verwendet. Wenn Eltern in Kanada per Gesetz gezwungen werden können Hormonbehandlungen und Pubertätsblockern für ihre minderjährigen Kinder zuzustimmen, wenn diese eine Geschlechtsumwandlung anstreben, da der Staat ihnen die Kinder sonst entziehen kann. Wenn ich hoffe mich verhört zu haben, aber es tatsächlich nicht binäre Geschlechtsidentitäten gibt, die sich als Wurm oder gar Elf identifizieren und nun ein Recht darauf haben, auch so angesprochen zu werden. Wenn in einem Restaurant die dritte Toilette, neben dem männlichen und weiblichen Symbol, einen Alien abbildet und das weniger beleidigend sein soll als gar nicht erst eine dritte Option zu haben.

Dann denke ich nur – nichts wie ab auf den Berg in die Einöde, denn das ist nicht die zivilisierte Welt, in der ich leben möchte.

Der Berg ruft!

Vielleicht hat das Corona-Jahr mich verändert und ich bin durch die soziale Isolation weniger weltoffen und tolerant geworden. Vielleicht habe ich mich zu sehr auf meine eigene Familie fokussiert, dass es mir schwerfällt andere Meinungen zu akzeptieren, die zu stark von meiner eigenen abweichen. Vielleicht werde ich einfach alt oder war schon immer irgendwie konservativ. Vielleicht suche ich auch nur nach Gründen mich einzuigeln, um mich nicht mit meiner Sozialphobie auseinandersetzen zu müssen. Wie auch immer. Ich bin mir sicher, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem meine Familie und ich die Flucht auf einen einsamen Berggipfel ergreifen. Bis es soweit ist, sind wir in unserem geliebten idyllischen Garten zu finden :-).




Wie um Himmels Willen konntest du Mauritius verlassen?

Mauritius - InselnordenMauritius - Wanderung durch ZuckerrohrMauritius - Farzanas StrandMauritius - Teefelder

Von Insel zu Insel – Farzanas Geschichte

Ich liebe mein Projekt „Bekannte in der Fremde“. Mit jedem Artikel lerne ich so viel Neues über ein fremdes oder sogar mein eigenes Land. Wie der Name schon sagt sind alle bisherigen Teilnehmer(innen) Bekannte von mir. Dennoch bin ich immer wieder überrascht wie viel ich dabei auch über sie erfahre. Es ist mir eine Freude ihre Auswanderer-Geschichten auf meinem Blog teilen zu dürfen.

Farzana beantwortete meine Interviewfragen so ausführlich und spannend, dass ich mir eigentlich gar nicht die Mühe machen müsste, sie in einen Blogartikel umzuschreiben. Aber ich möchte ihre Geschichte mit meinen eigenen Worten nacherzählen. Wie immer soll es dabei auch ein wenig um mich und meine Sichtweise gehen. Wir freuen uns über Feedback und Kommentare zu ‘unserer’ Geschichte!

Unsere erste Begegnung

Unsere erste Begegnung scheint mir ein guter Anfang zu sein. Ich lernte Farzana – wie auch schon Ana aus meinem vorherigen Artikel – in einer Spielegruppe in Greystones kennen, wo wir über unsere Kinder ins Gespräch kamen. Ich hatte Farzana gefragt, wie um Himmels Willen sie Mauritius verlassen konnte, um stattdessen in Irland zu leben. Unmittelbar danach biss ich mir auf die Zunge, denn diese Frage hatte sie wahrscheinlich schon unzählige Male zuvor gehört. Hätte ich mir nicht etwas Originelleres einfallen lassen können?

Ich muss dazu sagen, dass für mich nicht offensichtlich war, woher Farzana kommt. Noch nie war ich jemandem aus Mauritius begegnet und wusste auch nicht viel über die kleine Insel im Indischen Ozean. Außer dass sie wegen ihrer Strände ein beliebtes Hochzeitsreiseziel war. Doch nach meiner plumpen Auftaktfrage wollte ich nicht auch noch mit Klischees um die Ecke kommen.

Warum Irland?

Die Kernfrage meiner „Bekannte in der Fremde“-Artikel. Immerhin bewog sie mich überhaupt erst zu dieser kleinen Blogserie. Denn auch ich hatte die selbe Frage in meinem allerersten Blogartikel beantwortet. Ich finde es spannend, wie und warum es Auswander/innen wie mich nach Irland verschlug. Und insbesondere wie sie letztendlich in Greystones landeten.

Farzana hatte schon in anderen europäischen Ländern gelebt, bevor sie nach Irland kam. Während ihres Studiums in Frankreich lernte sie ihren mauritischen Mann kennen, der zu dieser Zeit in Irland studierte. Als sie nach Mauritius zurückkehrte, um dort für ein paar Jahre zu arbeiten, blieb ihr Zukünftiger in Irland und schloss sein Studium ab. Nach ihrer Hochzeit zog Farzana zu ihm auf die Grüne Insel, wo sie glücklich und zufrieden lebten.

Von Mauritius nach Greystones

Es wäre eine sehr kurze Geschichte, wenn jetzt schon das „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ kommen würde. Mit ihrer inzwischen vierköpfigen Familie lebte Farzana für 8 Jahre in Dublin, bevor sie und ihr Mann sich entschlossen, nach Mauritius zurückzukehren. Sie wollten näher bei ihren Familien sein, nun da sie selber 2 kleine Kinder hatten.

Aber nach nur 9 Monaten in ihrer Heimat stellten sie fest, dass sie dort nicht das fanden, was sie sich für ihre junge Familie vorgestellt hatten. Aus persönlichen und beruflichen Gründen ging es also wieder nach Irland, dieses Mal in das familienfreundliche Greystones. Freunde halfen ihnen Fuß zu fassen und ihr damals 3 Jahre alter Sohn fand schnell Anschluss in der Vorschule. Das klingt erneut nach einem Happy End, ist aber noch immer nicht das Ende von Farzanas interessanter Geschichte.

Warmherzig und distanziert

Farzana und ihre Familie leben seit nunmehr fast 2 Jahren in Greystones. Die Antwort auf die Frage, ob sie sich gut integriert fühlt, überraschte mich sehr: „Die meiste Zeit fühle ich mich hier willkommen und als vollwertiges Mitglied der örtlichen Gemeinschaft. Aber es gibt auch Tage da komme ich mir fehl am Platze vor. Einsam und irgendwie als ob ich nicht hier sein sollte. Es war meine Entscheidung in einem fremden Land zu leben und daher werde ich das wohl akzeptieren müssen.“

„Es gibt einige wenige Leute in Greystones, die zu Recht denken, dass Ausländer ihnen den Platz wegnehmen“, sagt Farzana. „Und natürlich fühle ich mich nicht so wohl, wenn mir jemand dieses Gefühl vermittelt. Aber ich habe bereits in vielen anderen europäischen Ländern gelebt und war im Großen und Ganzen angenehm überrascht von der Wärme und Herzlichkeit der Iren. Mit meiner Hautfarbe und meinem Namen ist es nun mal eine Herausforderung woanders zu leben“, merkt Farzana abschließend zu diesem Thema an.

Farzana - Portrait Strand GreystonesFarzana - Strand GreystonesFarzana Swimrise GreystonesFarzana The Cove Greystones

Rassismus in Greystones?

Es fällt mir schwer die Worte Rassismus und Greystones in einem Satz zu erwähnen. Beinahe wie ein Tabu. Es ist nicht so, dass ich einen Bogen um das Thema machen möchte oder denke, dass es nicht existiert. Aber es fühlt sich befremdlich an festzustellen, dass Rassismus selbst vor so einem so kleinen, familienfreundlichen Ort wie Greystones nicht Halt macht.

Dabei ist es wahrscheinlich gerade in einer Kleinstadt ein Thema. In Greystones kennt man sich, begegnet sich regelmäßig auf der Straße. Man ist Teil einer überschaubaren Gemeinde. Das ist schön, bedeutet aber auch, dass man heraussticht, wenn man eine andere Hautfarbe hat. Anders als in einer multikulturellen Großstadt.

Alle im selben Boot – oder doch nicht?

Genau wie die Iren sind auch die Mauritier eine Auswanderernation, wie mir Farzana erklärt: „Das Auswandern steckt uns wahrscheinlich in den Genen. Schon unsere Vorfahren waren Auswanderer, die nach Mauritius kamen. Mir sagte mal jemand, dass es für so eine kleine Insel ganz schön viele von uns überall in der Welt verteilt gibt.“

Als Auswanderin kann ich gut nachempfinden was Farzana über das Thema Integration in einem fremden Land sagt. Und gleichzeitig auch nicht. Denn selbst im kleinstädtischen Greystones falle ich nicht unmittelbar als Ausländerin auf. Wenn ich mich gelegentlich als Außenseiterin fühle, weil ich befürchte, jemand könnte sich an meinem Akzent stören, findet das eher in meinem Kopf statt. Nicht so bei Farzana. Als Zugewanderte haben wir beide theoretisch den selben Status. Und doch bekommt Farzana das ‘Anderssein’ auf eine andere Weise zu spüren als ich. Das ist genau worum es bei Rassismus geht, oder?

Ein bisschen Geschichte

„Mauritius wurde von vielen verschiedenen Ländern kolonisiert, weil es sozusagen ein Zwischenstopp auf dem Seeweg von Europa nach Asien war. Eine Insel, auf der es zunächst nur Berge, Wald und Tiere gab. Nach und nach wurde das Eiland von seinen Entdeckern bevölkert. Erst von den Niederländern, dann den Franzosen und Briten. Demnach sind Mauritier die Nachkommen all der Völker, die sich auf Mauritius niederließen (wahrscheinlich zwischen 1600 und 1800).“

Traurigerweise kamen viele der Siedler unfreiwillig nach Mauritius, um das Land zu bewirtschaften und Viehzucht zu betreiben. Sie waren Sklaven aus Afrika und Arbeiter aus Indien (Farzanas Vorfahren). „Es ist dennoch ein wichtiger Bestandteil der mauritischen Geschichte, der die Insel zu dem machte, was sie ist und den Menschen seine Identität gab. Deshalb haben wir ein reiches Erbe, was die Architektur, Küche und Sprachen angeht“, sagt Farzana stolz.

Geschmacksache

Als Farzana mir die Frage nach ihrem größten Kulturschock in Irland beantwortet, muss ich schmunzeln: „Was mir zu schaffen macht ist, dass jedes Dessert mit zu viel Sahne serviert wird und die Essensportionen riesig sind”. Im Gegenzug dazu scheinen die Iren kein Konzept von ‘zierlich, aber gesund’ zu haben. Ich erinnere mich wie mir Farzana berichtete, dass ihre Tochter als Baby ständig zum Wiegen antreten musste, weil sie nicht den irischen Gewichtsstandards entsprach. Dabei hätte ein Blick auf Farzanas filigrane Statur genügt, um zu wissen, dass die heute 3-Jährige nie auf dem gleichen Perzentil wie irische Gleichaltrige landen wird.

Im Bezug auf die Größe der Portionen im Restaurant sind sich Deutsche und Iren wohl recht ähnlich. Nicht aber, wenn es um die Kleidungsetikette geht, bei der ich Farzanas zweiter Aussage zum Thema Kulturschock nur beipflichten kann. Auch ich finde es nicht salonfähig sich im Jogginganzug zu gesellschaftlichen Anlässen zu zeigen. Ein Kulturschock für Deutsche und Mauritier gleichermaßen.

Irische Sommer sind Mauritische Winter

Als Farzana zugibt, dass sie tatsächlich ein wenig gebraucht hat, um sich an das irische Wetter zu gewöhnen, fühle ich mich nicht mehr ganz so schlecht ihr die Eingangsfrage gestellt zu haben. Angesichts des tropischen Klimas auf Mauritius ist es erstaunlich, dass Farzana nicht direkt wieder die Flucht ergriffen hat. Auf der Grünen Insel im Atlantik pegeln sich die Sommertemperaturen mitunter bei 18 Grad ein. Für die Grüne Insel im Indischen Ozean ist das beinahe der Winterdurchschnitt.

Eine Kindheit wie im Traumurlaub?

Obwohl Farzana unweit des Strandes im Osten von Mauritius aufwuchs, verbringt sie heute mehr Zeit in der Irischen See als damals im Indischen Ozean. „Die mauritische Ostküste ist berühmt für ihre Strände und die touristischen Resorts,“ erzählt mir Farzana. Als ich mir gerade vorstelle, wie es wohl gewesen sein muss in einer der beliebtesten Urlaubsregionen der Welt aufzuwachsen, wirft Farzana ein, dass sich kaum Einheimische diese Ferienparadiese leisten konnten.

„Glücklicherweise hat sich das geändert und auch Inselbewohner machen zunehmend Urlaub in den örtlichen Hotels – wenn auch in der Nebensaison. Den Eindruck, den ausländische Gäste von Mauritius bekommen, beschränkt sich allerdings auf die Traumstrände. Kaum einer sieht etwas vom alltäglichen Leben und wie die Menschen auf Mauritius arbeiten,“ merkt Farzana an.

Authentisch aber Bequem

Ich habe lange im irischen Tourismus gearbeitet und stelle weltweit immer wieder Parallelen in der Branche fest. Allem Anschein nach gibt es einen Trend zum nachhaltigen Reisen und authentischen Erlebnissen. Aber gerade das Thema Authentizität hat seine Grenzen. Viele möchten in ihrem Urlaub dann doch nicht ihre Komfortzone verlassen, denn schließlich soll es ja Erholung sein. Es reicht ihnen aus die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abzuklappern und das Land als ‘bereist’ abzuhaken.

Da gibt es die großen Kreuzfahrtschiffe, die Nachhaltigkeit und grünen Tourismus promoten. Die Hop-on-hop-off Busse, die Touristen durch die Slums kutschieren – Fotostopp inklusive. Agenturen, die ‘Einen Tag Arbeit im Reisfeld’ als Abenteuer pur verkaufen. Immerhin geschieht vieles unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit, der Geld in die Kassen armer Regionen spült und die Aufmerksamkeit auf Probleme lenkt. Doch was hat das bitteschön mit authentischen Erlebnissen zu tun?

Die ‘Touristen-Hülle’

Während meiner Tätigkeit bei diversen irischen Reiseveranstaltern bekam ich des Öfteren die Anfrage nach einem Treffen mit einer ‘authentischen irischen Gemeinde’. Man wollte sozusagen die ‘Ureinwohner’ des Landes – am liebsten noch im authentischen, heimischen Wohnzimmer – treffen. Der Bestseller ist nach wie vor die Traditionell Irische Nacht mit Volkstanz und Folklore Musik. Denn das ist – laut Reisebroschüre – was die Iren allerorts tun. Mein irischer Mann sagt dazu, dass wir sie zu uns nach Hause einladen sollten, damit sie uns Freitagabend beim Einschlafen auf der Couch zuschauen können. Das ist dann wirklich authentisch.

Mal ganz im Ernst, natürlich verstehe ich das Konzept, Touristen durch Folklore und lokale Bräuche die Kultur eines Landes näherzubringen. Aber anstelle von Authentizität wird da wohl eher eine Inszenierung geboten. Verständlicherweise kann eine 40-köpfige Reisegruppe nicht einfach in ein Pub einmarschieren um dort spontan einer irischen Trad-Session beizuwohnen. Und darin liegt für mich der Widerspruch – eine einstudierte Show vor Massenpublikum ist selten authentischen Charakters. Ist es nicht schade, wenn man auf Reisen nur die Touristenfassade eines Landes präsentiert bekommt?

Ich selber habe mich schon vor einer Weile sowohl beruflich als auch privat vom Pauschaltourismus distanziert. In meine Überlegungen wie und ob es für mich als Touristikerin in der Branche weitergehen soll, platzte die Corona-Krise…

Farzanas Beruf(ung)

Diesen kleinen Exkurs in die Reisebranche konnte ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen. Auch in Mauritius ist der Tourismus die größte und bedeutendste Einnahmequelle des Landes. Farzana fand ihre Berufung allerdings in einem anderen Sektor, den ich persönlich sehr spannend finde. Als Wirtschaftspsychologin war sie bereits in vielen Bereichen in Irland wie u.a. dem Gesundheitswesen, dem Energiesektor, dem Flugverkehr und dem Militär tätig.

Nach einer 3-jährigen Karrierepause für ihre Kinder wagt sie nun langsam den Wiedereinstieg in den Beruf. Als Expertin auf ihrem Gebiet ist sie für Personalauswahl und -evaluierung in Unternehmen zuständig und bietet entsprechende Trainings und Beratung an. Zum Anderen hilft sie Angestellten ihr Potenzial bestmöglich zu entfalten und individuelle sowie wirtschaftliche Ziele zu erreichen.

“Ein Schock für’s System”

Während ich Farzana und ihrer Tochter Anfang des Jahres noch in den wöchentlichen Spielegruppen begegnete, wo sie sich ehrenamtlich engagierte, sind unsere Treffen nun selten geworden. Doch wenn ich Farzana sehe, dann meistens am Strand von Greystones. Schon in den frühen Morgenstunden stürzt sie sich dort in die eisigen Fluten der Irischen See. Ein Hobby, worauf sie zurecht stolz ist.

“Im September 2019 gewöhnte ich mir – gemeinsam mit einer Gruppe anderer Mamis – das Schwimmen im Meer an. Das kalte Wasser belebt mich und hilft mir ein besseres Körpergefühl zu entwickeln. Obwohl es am Anfang wie ein Schock für’s System ist, fühle ich mich jedes Mal gut danach. Es ist wie ein Kick und so erfrischend, dass ich es immer wieder mache. Danach bin ich gewappnet für alles was der (All-)Tag für mich bereithält. Ich bin sehr dankbar so nah am Meer zu wohnen. Oft begegne ich hier Gleichgesinnten, mit denen ich die Leidenschaft für das Schwimmen teile.”

Offline-Fortsetzung folgt…

Es gibt noch so viele Dinge, die ich Farzana über ihre Heimatinsel Mauritius fragen möchte. Aber das werden wir dann mal bei einem Kaffee in Greystones fortsetzen. Abschließen möchte ich Farzanas Geschichte mit ihrem, wie ich finde, sehr passenden Lebensmotto: “Nichts ist so beständig wie Veränderung.” Gerade in Zeiten von Corona, in denen sich unser Leben innerhalb weniger Wochen so stark und bleibend verändert hat, ist diese Aussage aktueller denn je.

“Das Leben verändert sich ständig”, sagt Farzana. “Ich lebe nicht mehr bei meinen Eltern. Meine Kinder sind keine Babys mehr, ich selber nicht länger eine junge Berufsanfängerin und so weiter und so fort. Nutz die Zeit, die nächste Veränderung kommt bestimmt!”




Bekannte in der Fremde – Deutsche in Irland

Mein Mann sagt immer, dass man Deutsche in Irland schon von Weitem erkennt. Am Haarschnitt, den Wanderschuhen und den Regenjacken einer bestimmten Marke. Diese Theorie wurde neulich in einer Forumsdiskussion von Deutschen selbst bestätigt. Ein Zeichen deutscher Planungsfreude und mangelnder Spontanität?

Als ich noch im Tourismus arbeitete, beschrieb man die deutsche Zielgruppe mit „geplanter Spontanität“. Ein Widerspruch in sich, aber zu Marketingzwecken sicherlich sinnvoll.

Ich selbst bekenne mich der mangelnden Spontanität schuldig. Planen und Organisieren zählen aber auch nicht gerade zu meinen Stärken. Aber wir wissen ja wie das mit den Klischees ist. Es ist etwas Wahres dran, aber allgemein gültig sind sie eben auch nicht.

Gemeinsame Basis

Als ich Anja zum ersten Mal begegnete, fiel sie mir nicht direkt als ‘typisch deutsch’ auf. Und auch sie hat mich nicht etwa aufgrund einer farbigen Allwetterjacke als deutsch identifiziert. Vielmehr hörte sie mich in der örtlichen Stillgruppe mit unserem damals 4-Monatigen deutsch sprechen. Sie selbst war mit ihrer neugeborenen Tochter da und so kamen wir ins Gespräch.

Ich glaube es ist normal, dass man sich im Ausland automatisch mit Menschen der gleichen Nationalität zusammenfindet. Nicht etwa um sich wie zu Hause zu fühlen, sondern einfach weil es eine gemeinsame Basis darstellt. Das macht es einfacher sich in eine bestehende Gemeinschaft und eine neue Umgebung zu integrieren.

Alter Irland-Hase in der Nachbarschaft

Anja wohnte bereits seit 3 Jahren in Greystones als wir uns kennenlernten. Irland nannte sie seit 2007 mit kurzen Unterbrechungen ihr Zuhause. Es war nicht so, dass ich Anja brauchte, um neue Kontakte in Greystones zu knüpfen. Wir haben uns einfach auf Anhieb gut verstanden. Zudem verbindet es ungemein, Kleinkinder im gleichen Alter zu haben – mindestens genauso wie die gleiche Nationalität.

Zu unserer Freude stellten wir fest, dass wir direkt um die Ecke voneinander wohnten. Erstaunlich, dass wir uns vorher nicht schon einmal begegnet waren. Andererseits gingen wir – bevor wir Mütter wurden – beide unseren Berufen nach. Anja im Home Office und ich in Dublin City. Erst durch die Kinder kreuzten sich unsere Wege.

Die Delgany Ladies

Mit den Kinderwagen in Greystones unterwegs, lernten Anja und ich noch andere Mamis kennen. Schon bald waren wir ein kleines Grüppchen, das sich regelmäßig zum Lunch traf. (Ein Dankeschön an das Beach House, das uns jeden Donnerstag wie VIPs behandelte, als wir mit unseren krabbelnden Babies die gemütlichen Sofastühle okkupierten!)

Von da an nannte mein Mann uns „Die Delgany Ladies“ (wir wohnen zwischen Greystones und Delgany). Dabei stellte er sich uns als elegante 1920er Damen mit vornehmen Hüten und eleganten Sonnenschirmen vor. In seinem Kopf hatte er ein Bild, wir uns zum Picknick an der Strandpromenade trafen, während unsere Kleinen brav neben uns im Sand spielten. Auch Anja’s Mann David verpasste uns zwei mehr oder weniger treffende Spitznamen: „Die Ladies, die lunchen” und „Die Lecker-Lecker-Freundinnen”.

In Wirklichkeit konnten wir oftmals nicht einmal schnell genug unser Mittagessen hinunterschlingen, bevor sich jeder wieder seinem kleinen Wirbelwind widmen musste. Nichts desto trotz lässt sich nicht leugnen, dass wir eine schöne Zeit zusammen hatten. Als für viele Mamis die Elternzeit vorbei war und sie in ihre Jobs zurückkehrten, blieben Anja und ich als einige der wenigen Vollzeitmamis aus unserer Gruppe zu Hause. Ich glaube das hat uns noch einmal mehr zusammengeschweißt.

Gegensätze ziehen sich an

Drei Jahre später sind Anja und ich immer noch „hauptberuflich” Mamas. Unser Großer und Anjas inzwischen fast 3-jährige Tochter sind beste Freunde. Ich wage es zu bezweifeln, dass Anja und ich uns ohne die Kinder kennengelernt hätten. Unsere Interessen sind doch recht verschieden. Zwar sind wir beide gern in der irischen Natur unterwegs, ansonsten ist Anja eher im musischen Bereich anzutreffen.

Als Alt-Stimme der Bray Choral Society, liebt Anja (klassische) Musik und ihr Traum ist es irgendwann richtig Klavier spielen zu lernen. Wie sollte es als Bücher-Übersetzerin anders sein, ist Anja ein Fan der Literatur und Sprachen im Allgemeinen. Letzteres haben wir dann wieder gemeinsam.

Wie Ost und West

Dass wir uns in Deutschland über den Weg gelaufen wären, ist auch eher unwahrscheinlich, was überwiegend geographische und ein Stück weit historische Gründe hat. Anja stammt aus dem westlichen Teil Deutschlands und ich bin am ganz anderen Ende, im Osten, groß geworden. Dazwischen liegen über 500 km. Noch vor 30 Jahren gab es zudem eine unüberwindbare Mauer, die die innerdeutsche Grenze markierte. Wir sind wahrscheinlich die erste Generation, für die der Ost-West-Konflikt keine große Rolle mehr spielt. Denn lange nach dem Fall der Berliner Mauer 1989, schwelte die deutsch-deutsche Teilung noch in den Köpfen der Alt- und Neu-Bundesbürger. Ein Thema, worauf ich in diesem Artikel nicht näher eingehen möchte.

Größter, Höchster & Zirkuselefant

Als Anja die Region aus der sie kommt beschreibt, hört sich das fast so an wie das County Wicklow, in dem wir beide jetzt wohnen: Bewaldete Hügel, saftig grüne Wiesen, durchzogen von kleinen Flüssen, hier und da ein Gehöft. „Das Bergische Land ist ein wunderschöner Landstrich zwischen dem einst industriellen Ruhrgebiet und den höheren Lagen des Sauerlands“, schwärmt sie. „Trotz seiner bergigen Oberfläche ist der Name nicht geographischen Ursprungs, wie man vermuten könnte, sondern ist den Grafen von Berg zuzuschreiben, die die Region im Mittelalter regierten”, klärt mich Anja auf.

Hier, in der ca. 35,000 Einwohner großen Stadt Wermelskirchen, nicht weit von Köln entfernt, ist Anja geboren und aufgewachsen. Neben der Metropole am Rhein mit dem markanten Kölner Dom, scheint die Region jedoch weitaus mehr zu bieten zu haben. Und was wäre Deutschland ohne Rekorde „das größte“, „das älteste“, „das berühmteste“…?

Wie wäre es zum Beispiel mit einem Besuch der ältesten Trinkwassertalsperre Deutschlands? Oder der höchsten Eisenbahnbrücke, der Müngstener Brücke, die sich über das wunderschöne Wupper-Tal spannt? Mit ihrer gitterartigen Stahlkonstruktion erinnert sie an den Pariser Eifelturm. Eine Attraktion, die ihresgleichen sucht, ist die älteste Schwebebahn der Welt. Mit ihrem unter den Schienen hängenden Zug müsste man sie eigentlich als „Hängebahn“ bezeichnen. Kurioser ist da nur noch der Zirkuselefant Tuffi, der 1950 aus der Schwebebahn in die Wupper sprang. Während man heute noch mit der Bahn fahren kann, ist der Zirkuselefant allerdings längst „über die Wupper“ gegangen.

Das herzförmige“ Wuppertal

Der Besuch einer mittelalterlichen Burg gehört in Deutschland zum Pflichtprogramm. Auf dem Schloss mit dem ganz treffenden Namen „Burg“ lässt sich Historisches ideal mit Kulinarischem verbinden. Es ist berühmt für seine Bergische Kaffeetafel, bei der man mit Herzwaffeln und Kaffee aus der antiken Dröppelminna, einer Kaffeekanne aus Zinn, verköstigt wird.

Kein Wunder, dass sich Anja und David diesen Ort für ihre deutsch-irische Hochzeit ausgesucht haben. Zwar nicht das Schloss selbst, aber das landschaftlich reizvolle Tal der Wupper. Ich bin mir sicher, dass auch da etwas “Herzförmiges” mit von der Partie war.

Irische Männer sind unwiderstehlich

Ähnlich wie bei meiner Geschichte mit meinem Mann John, war auch Anjas und Davids Kennenlernen eine glückliche Fügung. Nach einem anderthalbjährigen Aufenthalt mit einer Freundin in Irland, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, verließ Anja 2009 die Insel wieder. Ursprünglich hatte sie nur für 1 Jahr bleiben wollen. Es war Zeit zu ihrer Familie nach Deutschland zurückzukehren und sich ins Berufsleben als Buch-Übersetzerin zu stürzen.

Aber Irland war nicht bereit Anja gehen zu lassen und hatte David als Ass im Ärmel. Beide verliebten sich ineinander nachdem sie sich einige Zeit lang geschrieben hatten. Nach ihrem ersten persönlichen Treffen auf neutralem Boden in Dänemark, war Anja regelmäßig zu Gast bei David auf der Grünen Insel. Ihre berufliche Selbstständigkeit erleichterte ihr das „Jet-Setter-Leben“. 2014 zogen Anja und David gemeinsam aus dem Apartment in Dublin City nach Greystones. Und der Rest ist Geschichte.

Unüberwindbare Hürde

Aufgrund ihrer hervorragenden Sprachkenntnisse und der allmählichen Eingewöhnung in den irischen Alltag, blieb der große Kulturschock bei Anja aus, als es dann für immer nach Irland ging. Letztendlich unterscheiden sich die deutsche und die irische Kultur im Wesentlichen nicht allzu sehr voneinander. Doch eine Hürde blieb – das Lesen des irischen Busfahrplanes.

Ich muss Anja Recht geben. Es macht wenig Sinn an einer Haltestelle die Zeiten anzugeben, an denen der Bus den allerersten Stop der Route verlässt. Schließlich möchte man wissen, wann der Bus an der entsprechenden Haltestelle abfährt und nicht erst ein Rechenexempel starten, wann er denn wohl da ankommt. Allerdings lässt sich damit auch gut Wartezeit totschlagen. Oder es gibt einem Anlass die „Touristenkarte“ zu spielen und direkt einen Einheimischen ins Gespräch zu verwickeln.

„Freunde kommen von ganz allein“

Auf die Frage wie es war in Irland Kontakte zu knüpfen antwortet Anja: „Im Grunde war es leichter als erwartet. Meine ersten Freunde waren zwar, wie ich, Ausländer(innen), die ihrerseits Anschluss suchten, doch irische Freunde und Bekannte kamen nach und nach hinzu. Meine erste irische Freundin lernte ich im Chor des Trinity College kennen.“

„Die irische Mentalität ist herzlich und gesellig, sodass man sich eigentlich nie ausgeschlossen fühlt“, erzählt sie weiter. „Zudem sind die Iren eine klassische Auswanderer-Nation und sind anderen Nationalitäten gegenüber demzufolge recht aufgeschlossen. Meiner Erfahrung nach werden die Deutschen hier recht positiv wahrgenommen. So haben sich viele Freundschaften für mich von ganz allein ergeben, man muss sich nur darauf einlassen.“ So wie an der Bushaltestelle zum Beispiel, wenn man gemeinsam die Ankunftszeit des Busses ausknobelt.

„Spannemann“ für Krabbelgruppen & Co.

Rückblickend kann ich bestätigen was Anja über das Freunde finden sagt. Allerdings fand ich es am Anfang schwer Anschluss zu den Iren zu finden. Nach der Arbeit gingen sie nach Hause zu ihren Familien oder unternahmen etwas mit ihrem eigenen Freundeskreis. Für mich brauchte es einen “Türöffner”, der schon über irische Kontakte verfügte und das war mein Mann John. Wenn man Kinder hat, trifft man ganz schnell neue Leute. Da werden bestehende Strukturen wie das Arbeitsumfeld aufgebrochen und die Karten noch einmal neu gemischt. Das hilft ungemein. Dennoch bin ich froh mit Anja einen “Spannemann” gefunden zu haben. Denn auch zu Krabbelgruppen & Co. gehe ich lieber in Gesellschaft. Gemeinsam haben wir dort unseren Bekanntenkreis erweitert.

„Sei glücklich oder ändere etwas“

Ich schätze mich glücklich Anja als Freundin zu haben. Zum einen natürlich, weil ich gern Zeit mit ihr verbringe. Zum anderen ist sie immer optimistisch und gut gelaunt. Es tut mir gut einen so positiven Menschen in meinem Leben zu haben. Passenderweise lautet ihr Lebensmotto: “Sei glücklich. Wenn du nicht glücklich bist, dann ändere was.

Es sieht so aus als müsste Anja in ihrem Leben nichts ändern. Als ich sie frage, was sie an Deutschland vermisst (abgesehen von Familie und Freunden), nennt sie nur ein paar unwesentliche Dinge wie Eisdielen und einen Drogeriemarkt, ohne die sie aber getrost leben kann. Demnach hat Anja nicht den Wunsch wieder nach Deutschland zurückzugehen. Sie fühlt sich in Irland inzwischen viel mehr zu Hause. Das soll mir nur Recht sein.

 




Bekannte in der Fremde – Wir sind Greystones

“Bekannte in der Fremde” ist mein erster Gehversuch in der Welt des Journalismus. In meinem Blog drehte es sich bislang um meine Person und mein Leben als deutsche Auswanderer-Mami in Irland. Kürzlich versuchte ich mich zudem an zwei Fotoprojekten rundum Bäume und verlassene Orte. Neben dem Schreiben zwei weitere Interessen von mir. In diesem und den folgenden Blog-Posts soll es nun um Menschen und ihre Geschichte gehen.

Die ‘Blow-Ins’ (= Die ‘Hineingeschneiten’)

Genau genommen geht es um Menschen, die ebenso wie ich aus einem anderen Land nach Irland, und insbesondere in meinen Wohnort Greystones gekommen sind. Warum gerade Irland und aus welchen Beweggründen haben sie ihr Heimatland verlassen? Ein Thema, was mich schon immer interessiert hat und das ich nun zum Gegenstand einer kleinen Blog-Serie unter dem Namen “Bekannte in der Fremde” machen möchte. Ich konnte dafür “Greystonians” aus unterschiedlichen Ländern gewinnen und freue mich sehr ihre Geschichte erzählen zu dürfen.

Außer dass wir alle “Bekannte in der Fremde” sind, haben wir einen gemeinsamen Lebensmittelpunkt: unsere Familie. Zumindest haben wir uns (fast alle) über die Kinder kennengelernt und das allein verbindet. Es ist nicht verwunderlich, dass wir uns im familienfreundlichen Greystones gefunden haben. Einem attraktiven Küstenstädtchen im County Wicklow, reichlich eine halbe Autostunde südlich von Dublin gelegen.

Ein paar Worte zu Greystones

Bevor wir Ende 2016 nach Greystones zogen, war ich genau zweimal vorher als Besucher in dem Örtchen am Meer gewesen. Beide Male war ich den Küstenwanderweg vom Nachbarort Bray bis nach Greystones gelaufen. Auf halber Strecke, vom Bray Summit aus, hat man einen herrlichen Blick über die Dublin-Bucht. Beide Orte sind gut  mit der DART, dem irischen Pendlerzug, von Dublin aus zu erreichen. Das habe ich mir bei meinen Dublin-Aufenthalten oft zu Nutze gemacht, um der geschäftigen Hauptstadt kurz für einen Spaziergang an einem der umliegenden Strände zu entfliehen.

Die Haupt-(Straßen) Attraktion

Das einzige woran ich mich in Greystones so richtig erinnern konnte, war das Gastro Pub Burnaby auf der Hauptstraße. Auf dem Freisitz hatte ich damals einen kühlen Cider nach der Wanderung auf dem Küstenweg genossen. Damit war ich in bester Gesellschaft, denn viele nutzten den Cliff Walk oder Greystones als Wochenendausflugsziel.

Obwohl Greystones etliche Restaurants und für jeden Geschmack etwas zu bieten hat, reihen sich die meisten Besucher in der stets langen Warteschlange vor dem Happy Pear ein. Da gibt es nicht nur gesundes Essen, sondern die Besitzer selbst haben mit ihren vegetarischen Gerichten und Kochbüchern (inter-)nationale Berühmtheit erlangt.

Neben den kulinarischen Highlights ist der Strand die Hauptattraktion von Greystones. Während es in der windgeschützten Bucht ‘The Cove’ dank zahlreicher Sonnenanbeter und Schwimmer oft eng wird, ist am grobkörnigen Strand von Greystones genug Platz für alle. Der ehemals verschlafene Fischerhafen hat sich inzwischen zu einer modernen Marina mit exklusiven Immobilien gewandelt. Mondän zum Flanieren, zum Wohnen ein bisschen zu viel Beton in meinen Augen (wortwörtlich!).

Wohnen wo andere Urlaub machen

…sagt mein Mann John jedes Mal, wenn wir in Greystones unterwegs sind. Mehr ist dem eigentlich nicht hinzuzufügen. Wir haben das Meer auf der einen und die Berge auf der anderen Seite. Den 501 m hohen Berg The Great Sugar Loaf können wir fußläufig erreichen. Mit dem Wicklow Mountain Nationalpark haben wir eines von Irlands Wanderparadiesen direkt vor der Haustür.

Unsere Umgebung bietet genau das, was Deutsche wohl als ‘typisch irisch’ bezeichnen würden: Küste, malerische Hügel und Seen, ein paar Schafe hier und da, sowie tiefgrüne Wälder. Während das allein schon Grund genug ist nach Greystones zu ziehen, gibt es zudem viele Angebote und Aktivitäten für Kinder. Neben Wander- und Naturparadies also auch eins für Familien.

Kleinstadt – Multikulti

Wer sind nun also diese Menschen, die in Greystones leben und um die es in “Bekannte in der Fremde” gehen soll? Es sind Menschen, denen man häufig im Ort begegnet. Zumeist haben sie Zeit für ein kleines Schwätzchen oder rufen zumindest ein freundliches “How are ya?” über die Straße. Sie nehmen am gesellschaftlichen Leben teil und bringen sich ein, wo sie können. Ich denke, ich kann Greystones getrost als “multikulti” bezeichnen. Und das ganz ohne die Anonymität einer Großstadt. Stattdessen kennt man sich untereinander. Das vermittelt ein großartiges Zusammengehörigkeitsgefühl, was mich hier besonders heimisch fühlen lässt.

Zuhause ist da wo das Herz ist

Bevor jede einzelne “Bekannte in der Fremde” in einem Blog-Artikel “Rede und Antwort” steht, noch ein paar Worte über mich. Das meiste findet sich allerdings schon in den Geschichten auf meinem Blog oder unter der Rubrik Über mich. Als ich 2008 das erste Mal Fuß auf irischen Boden setzte, wusste ich noch nicht, dass ich hier einmal dauerhaft landen würde. Viel ist passiert, bevor ich im Januar 2014 den Schritt des Auswanderns wagte. Nun kann ich mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass ich die Insel nicht wieder verlassen werde (außer um Familie & Freunde zu besuchen und zum Reisen natürlich).

Das Schicksal, oder wer da auch immer seine Finger im Spiel hatte, hat es gut mit mir gemeint und mir in Irland den Weg geebnet. Ich hatte einzig und allein auf mein Bauchgefühl vertraut und war, entgegen jeglicher Vernunft, nach Irland gegangen. Der Rest ergab sich ganz wie von selbst. Das soll nicht heißen, dass es immer einfach war. Aber die Steine, die mir in den Weg gelegt wurden, konnte ich mühelos beseitigen. Es sollte wohl so sein.

Warum Irland?

Diese Frage habe ich bereits in einem Blogartikel unter dem selben Titel beantwortet (als Gastbloggerin bei Die Blaue Banane). Während es darin um meine anfängliche Motivation des Auswanderns ging, gibt es inzwischen für mich noch viel mehr Gründe in Irland zu bleiben: Meinen liebevollen irischen Ehemann John, zwei halb-irische Kinder (für John sind sie 100% irisch) und unser Traumhaus im Co. Wicklow.

Beruf vs. Berufung

Dass ich bereits in Deutschland für den irischen Tourismus tätig war, half natürlich ungemein bei der Jobfindung in Irland. Als ich vor 6 1/2 Jahren auf die Insel zog, hatte ich einen festen Arbeitsvertrag bei einer großen irischen Incoming-Agentur in der Tasche. Wenige Monate später bekam ich ein noch besseres Angebot und wechselte zu einer kleineren Firma.

Nach der Geburt unseres ersten Kindes wurde mir schnell klar, dass ich nicht wieder in meinen alten Job zurückkehren wollte. Genau genommen kann ich mir bis jetzt keine andere Tätigkeit vorstellen als Vollzeit-Mama zu sein. Seit über 3 Jahren bestreiten wir nun schon unseren Alltag als eine Home-Office-Familie. Gelegentlich übernehme ich kleinere Projekte für meine ehemalige Arbeitgeberin in Deutschland.

Emotionaler Rückblick

Die Entscheidung nach Irland auszuwandern habe ich ganz bewusst getroffen, weil ich mich als Studentin während eines 6-monatigen Praktikums in die Insel verliebt hatte. Ich wollte also nicht zwangsläufig weg aus meiner Heimat, sondern einfach nur in Irland leben. Es war kein Umzug der Liebe wegen (abgesehen von der Liebe zu Irland) und nicht aus beruflichen Gründen. Zu diesem Zeitpunkt war ich so ungebunden wie nie zuvor in meinem Leben. Das hat sicherlich alles dazu beigetragen, dass ich mich hier so gut eingelebt habe.

Denn egal was mich erwartete, ich war “aus freien Stücken” nach Irland gekommen. Mein Aufenthalt war an keinerlei Bedingungen gekoppelt und ich stand dem Ganzen offen gegenüber. Nichts desto trotz war auch für mich aller Anfang schwer. Oder besser gesagt schwergängig, vor allem was das Kontakte knüpfen anbelangte. Der innere Schweinehund, den es zu überwinden galt, war leider nicht in Deutschland geblieben.

Fragen beantwortet

Wenn man über das Auswandern nachdenkt, hat man oft viele Fragen im Kopf. Ich hoffe mit meiner Serie “Bekannte in der Fremde” einige davon beantworten zu können. Schlichtweg indem Menschen mit einer ähnlichen (Auswanderer-)Geschichte ihre Erfahrung teilen.

Zum anderen ist es eine tolle Gelegenheit für Leute aus Greystones ihre Mitmenschen besser kennenzulernen und einem vielleicht schon bekannten Gesicht eine Geschichte zuzuordnen.

Zu guter letzt finde ich es schön, dass meine Familie und Freunde in Deutschland erfahren, wer hier Teil meines alltäglichen Lebens ist und mir in der Ferne ans Herz gewachsen ist.

Was mich angeht, habe ich bereits zuvor ein paar typische Auswandererfragen beantwortet. Ob ich noch einmal nach Irland auswandern würde, steht ebenfalls auf meinem Irland-Blog.

Coming Soon

Dann bleibt zu meiner Person eigentlich nichts weiter zu sagen und wir können uns direkt meiner Landsmännin und Freundin Anja als erste “Bekannte in der Fremde” widmen. Als wir uns das erste Mal begegneten, machten wir eine freudige Feststellung, die uns das Kennenlernen sogar noch erleichterte. Mehr dazu und zu Anjas Geschichte im nächsten Artikel!

Wenn du selber in Greystones lebst, ursprünglich aus einem anderen Land kommst und gern bei “Bekannte in der Fremde” mitmachen möchtest, dann schreib mir eine Nachricht oder hinterlasse einen Kommentar unter dem Artikel. Ebenso bei individuellen Fragen rund ums Auswandern, das Reisen in Irland oder dem Alltag als (Vollzeit-) Mami. Auch Kritik oder das Ergänzen eigener Erfahrungen sind willkommen.

Viel Spaß beim Lesen von “Bekannte in der Fremde”. Coming soon!




Willkommen im Home Office

…der Familie Payne

Wir haben das Glück, dass unsere Familie, auch ohne Selbstisolation, den ganzen Tag zusammen zu Hause ist. Für manchen ist vielleicht gerade das das Problem der Selbstisolation, für uns ist es Alltag. Sicherlich ein Grund dafür, dass wir mit den Einschränkungen während der Corona-Krise so gut umgehen können. Weil wir es gewohnt sind. Ich möchte nicht behaupten, dass es immer einfach ist. Aber es ist ein Lebensmodell, dass für uns am besten funktioniert. Hier ein kleiner Einblick in die Welt unserer Home-Office-Familie.

Home Office Profi

Mein Mann arbeitet für eine internationale Firma mit Teams und Kunden auf der ganzen Welt. Ein Großteil davon sitzt in Amerika, weshalb seine Arbeitszeiten nicht mit hiesigen Bürozeiten zu vereinbaren sind. Manchmal fängt er erst Mittag an zu arbeiten, aber dann bis spät in die Nacht hinein. Oder umgekehrt. Er muss zeitlich also flexibel sein, weshalb nur das Home Office in Frage kommt. Für ihn und uns ist das Vollzeit-Home-Office demnach seit 3 Jahren Alltag.

Es lebe die Routine

Genauso lange wie mein Mann John nun im Home Office arbeitet, bin ich als Vollzeit-Mama zu Hause. Keines unserer beiden Kinder wird fremd betreut. Alle zusammen sind wir ein eingespieltes Team. Die Corona-Krise bringt zwar so einiges durcheinander, aber hat keinen allzu großen Einfluss auf unsere häusliche Routine.

Ein schöner Start in den Tag

Wenn die Kinder morgens wach werden, gibt es bei uns erst einmal Familienzeit zu viert. John und ich schlürfen in aller Ruhe unseren Kaffee. Unser fast 3-Jähriger mumpelt (s. Kommentare) sein Müsli und die kleine Maus übt sich derzeit im Krabbeln auf dem Boden vor dem Bett, wo wir im Anschluss alle gemütlich kuscheln. Anstelle eines gesitteten Frühstücks am Tisch schlunzen wir also ganz lässig in den Tag hinein. Hastig fertigmachen und loshetzen fällt ja auch weg. Kein schlechter Start in den Tag oder?

Home Office ist die Zukunft

Möglich ist das unter anderem, weil sich John mit dem Home Office in Wicklow täglich etwa 3 Stunden Fahrtzeit spart. Nicht jeder kann seinen Job von zu Hause aus erledigen, aber ich denke, dass es nach der Corona-Krise dauerhaft mehr Home Officler geben wird.

Zwar kann es hart sein völlig auf das soziale Arbeitsumfeld zu verzichten, aber für uns als Familie hat es viele Vorteile. Anstelle Tag ein, Tag aus im Berufsverkehr festzustecken, verbringt John viel Zeit mit den Kindern. Dadurch haben sie von Anfang an eine starke Bindung zu ihm aufgebaut. Und obwohl ich tagsüber die Hauptbezugsperson bin, haben wir bei beiden Kindern den gleichen Stellenwert.

Familienregeln für’s Home Office

Dieser Artikel soll keine Pro- & Kontraliste zum Thema Home Office werden. Vielmehr möchte ich unsere Erfahrung mit dem Arbeiten von zu Hause teilen, die ich in ein paar einfachen Home-Office-Familienregeln zusammengefasst habe:

  1. Zutritt verboten!

Das Home Office ist generell Tabuzone für die Kinder und erst recht wenn John darin arbeitet. Sobald er im Home Office verschwindet, verwandelt sich der spaßige, sanftmütige Familienpapa in einen taffen Manager. Nicht für uns, aber für alle anderen, die dann mit ihm zu tun haben (autsch!).

Einem Kleinkind ist das natürlich nicht so einfach zu erklären. Und an manchen Tagen ist diese Regel besser umsetzbar als an anderen. John weiß, dass es mir nicht immer 100%ig gelingt das Haus mit 2 spielenden Kindern geräuschfrei zu halten. Mir ist wiederum bewusst, dass ich insbesondere bei wichtigen Telefonkonferenzen alle Register ziehen muss, um die Kiddis still zu beschäftigen. Seit wegen der Corona-Krise viele von daheim arbeiten, stößt John auf mehr Verständnis, wenn doch mal Hintergrundgeräusche zu hören sind.

  1. Achtung Kuschelzone!

Genauso wie die Bürotür als „Schleuse“ in Regel #1 funktioniert, wenn John das Home Office betritt, gilt sie natürlich auch anders herum für die Kinder, wenn er herauskommt. Sobald John die Nase zur Tür raussteckt, muss er mit Kuschelattacken rechnen. In unserem alten Haus macht jede Tür ein anderes Geräusch. Jeder weiß genau wie es klingt, wenn sich die Bürotür öffnet. Mit anderen Worten, ein heimliches Rein- und Raushuschen ist da nicht. Dennoch wagt sich John tagsüber regelmäßig in die Kuschelzone, was uns zu Regel #3 bringt.

      3. Arbeitsalltag vor Familienroutine

Das mag erstmal negativ klingen, aber eigentlich heißt es nur, dass die Kinder und ich alles stehen und liegen lassen, wenn John mal eine kurze unvorhergesehene Pause hat oder Meetings spontan abgesagt werden. Die Kinder sind überglücklich, wenn John mit ihnen eine „Extra-Toberunde“ einlegt, auch wenn es nur 5 Minuten sind. Gerade jetzt, wenn das Wetter schön ist, nutzen wir das kleine Intermezzo um alle gemeinsam frische Luft zu schnappen, bevor alle ihre vorherigen Tätigkeiten wieder aufnehmen.

  1. Die Arbeit bleibt im Home Office

Das ist, wie ich finde, die große Gefahr beim Home Office. Dass der Arbeitsplatz gleich um die Ecke ist und man mal eben „was gucken“ kann. Es ist ja nicht so, dass auf dem Telefon auch Emails eintrudeln, die man theoretisch schnell beim Abendessen checken könnte. Daher ist mir diese Regel persönlich am wichtigsten. Ich verzichte lieber auf eine gemeinsame Mahlzeit, wenn dafür nach getaner Arbeit das Telefon für den Rest des Abends liegenbleibt.

  1. Pause muss sein

John hat keine geregelten Pausenzeiten oder, wie beim Pendeln zum Beispiel, Zeit zum Abschalten. Wenn die Kinder nach einem langen Tag direkt auf ihn zustürmen (gemäß Regel #2), geht er praktisch nahtlos in einen Zweitjob über. Darum gibt es für ihn im Normalfall eine Pause zum Durchatmen, wenn nicht gerade ‘die Hütte brennt’.

Wenn jedoch die Hütte brennt, auch im Laufe des Tages, nehme ich mir das Recht John um Hilfe zu bitten, insofern es seine Arbeit erlaubt. Dann muss das Baby schon mal während einer Telefonkonferenz geschuckelt werden. Oder der große Zwerg darf Papas „Mickey-Mouse-Kopfhörer“ aufsetzen und dem Vorstand ‘hallo’ sagen. (Anm. der Redaktion: Das auf dem Bildschirm im Foto ist nicht der Vorstand!)

  1. Last but not least, Ausnahmen bestätigen die Regel.

Während sich die obigen Regeln für uns bewährt haben, gibt es natürlich Ausnahmen oder eben Tage, an denen nicht alles nach Plan läuft.

Dann wird in der Tabuzone Home Office der Bürostuhl schon mal zum Kinderkarussell umfunktioniert. Oder die Home-Office-Tür wird polternd aufgeschlagen, wenn Papa ein Gesicht auf das frische Pflaster malen soll*. Aus dem „leise im Flur spielen“ wird ein lautstarkes Fußballmatch. Statt einer Pause für Papa am Ende des Tages gibt es Peppa Pig im Fernsehen und gemeinsames Kuscheln auf der Couch. (*Laut unserem Großen besteht Papas Arbeit aus einem Computer, einem Telefon und ganz vielen Stiften.)

‘Liebe in Zeiten der Corona’

Ich kann definitiv sagen, dass uns die 3 Jahre Home-Office-Erfahrung helfen mit der derzeitigen Situation umzugehen. Zwar hat der Lockdown auch für uns seine negativen Auswirkungen, vor allem auf unsere mentale Gesundheit. Eine zusätzliche Belastung für unser Familienleben stellt er jedoch nicht dar. Im Gegenteil, eher schweißt er uns noch mehr zusammen. Ich hoffe, dass es den Home-Office-Neulingen ähnlich geht und für sie ebenfalls die Vorteile des Arbeitens von zu Hause überwiegen.

Auch die traditionelle Rollenverteilung – sprich ich Vollzeitmama, John Gelderverdiener – kommt uns momentan zu Gute. Bei nicht jeder Familie ist das so unkompliziert möglich bzw. möchten nicht alle Mamas zu Hause bleiben, aber für uns ist es, nicht nur jetzt, das perfekte Lebensmodell.

Anstelle mich auf Homeschooling und Home Office konzentrieren zu müssen (was ich mir unheimlich schwer vorstelle) und Enttäuschung bei den Kindern, die nicht in die Kita können, bleibt bei uns alles beim Alten. Haussegen schief – Fehlanzeige!

Dazu aber mehr in meinem nächsten Artikel. Da verrate ich wie ich die Kinder den lieben langen Tag ohne großen Aufwand und allzu viel Fernsehen beschäftige. Bis dahin bleibt gesund und lasst euch die Home-Office-Decke nicht auf den Kopf fallen!




Wie man als Vollzeit-Mama Mitarbeiterin des Monats wird

Zum wiederholten Male wurde ich zur Mitarbeiterin des Monats ernannt. Die Ehrung findet immer im kleinen Kreis statt. Keine langen Reden oder Danksagungen, dafür viele Emotionen. Manchmal fließen sogar Tränen. Neulich hatte ich mich extra chic gemacht, aber das hat nicht allzu lange angehalten. Jemand hat mir etwas über das Oberteil gekippt. Ärgerlich, aber das passiert nun mal.

In den letzten zweieinhalb Jahren war ein dynamischer junger Mann für die Auszeichnung verantwortlich. Seit September diesen Jahres wird er von einer forschen Dame unterstützt. Gemeinsam beobachten sie mich täglich und oft weiß ich nicht, was gerade in ihren Köpfen vorgeht. Sie stellen hohe Anforderungen und äußern lautstark Kritik. Manchmal denke ich, dass ich ihren Ansprüchen nicht gerecht werde und fühle mich wie eine Versagerin. Um so glücklicher bin ich dann, wenn mir wieder die erwähnte Anerkennung entgegen gebracht wird. Des öfteren kommt es ganz unerwartet, aber manchmal rechne ich auch fest damit.

Die Herausforderung

Man hört viel Negatives über meinen Job. Dabei ist er eigentlich sehr populär und viele möchten ihn machen. Die Jobbeschreibung klingt auf den ersten Blick recht simpel. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass man flexibel sein und ein großes Improvisationstalent mitbringen muss. Multitasking wird direkt vorausgesetzt. Fähigkeiten, von denen ich nicht dachte, dass sie in mir schlummerten. Toll finde ich, dass man die Arbeit größtenteils von zu Hause aus machen kann. Das heißt aber auch, dass es keine geregelten Arbeitszeiten gibt.

Als ich die neue Herausforderung im Mai 2017 antrat, hatte ich keine richtige Ahnung, was mich erwartete. Ich bereitete mich so gut es ging darauf vor, aber es blieb dennoch genug worüber ich mir Sorgen machte. Immerhin hatte ich dafür meinen geregelten Bürojob aufgegeben. Dabei wusste ich noch nicht einmal, ob die neue Aufgabe auf Dauer etwas für mich sein würde. Nun bin ich froh, dass ich den Schritt gewagt habe. Ich kann mir nichts vorstellen, was ich lieber machen würde. Klar gibt es auch Tage an denen ich die Nase gehörig voll habe. Aber die hatte ich bislang in jedem Job. Ich habe also definitiv die richtige Entscheidung getroffen.

Eine Lebensaufgabe

Inzwischen bin ich mit viel Herzblut dabei und das ist auch gut so. Denn wenn man sich einmal dem Projekt verpflichtet hat, ist es schwer wieder in einen Arbeitsalltag hinter dem Schreibtisch zurückzukehren. Ein sehr wichtiger Teil meiner Arbeit sind die Menschen mit denen ich täglich zu tun habe. So viele verschiedene Charaktere und manchmal sogar mehrere Persönlichkeiten in einer. Das birgt natürlich jede Menge Konfliktpotential und eine meiner Aufgaben ist es, die Kontrolle zu behalten. Troubleshooting sozusagen. Das musste ich erst lernen. Normalerweise erledige ich gerne eins nach dem anderen und mag ein strukturiertes Arbeitsumfeld. Stattdessen ist nun Chaos an der Tagesordnung, das ich zu beherrschen versuche.

Die heiß begehrte Auszeichnung

Es sieht also ganz danach aus als hätte ich selber viel Negatives über meine Arbeit zu sagen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass die mir entgegen gebrachte Wertschätzung den ganzen Stress und die Überstunden um ein Vielfaches aufwiegen. Doch was hat es nun mit der viel gepriesenen Auszeichnung zur Mitarbeiterin des Monats auf sich? Ich denke die meisten haben es ohnehin schon erraten.

Anstelle einer gerahmten Plakette bekomme ich kreatives Krikelkrakel auf Papier. Ich erhalte selbst gebastelte Karten mit ‘Thank-you’-Stempeln und bunten Tieraufklebern darauf. Matschige kleine Händchen überreichen mir Gänseblümchen aus dem Garten. Mein Tag ist voll von spontanen Kuschelattacken und herzhaftem Lachen.  Am Abend bekomme ich ‘selbst gekochte’ Fantasie-Gerichte serviert. Wenn ich erschöpft auf der Couch liege, lehnt jemand wortlos seinen kleinen Kopf an meine Schulter. „Mami ich hab dich lieb“, höre ich es flüstern. Dann weiß ich, dass ich den besten Job der Welt habe und dass ich für meine zwei kleinen Mäuse immer die Mitarbeiterin des Monats sein werde. Auch ohne gerahmte Plakette und Sektumtrunk.




Vom irischen Sommer, Schriftstellerträumen & Sommerblues oder auch: 5 Tipps gegen Schreibblockaden

Wenn der Sommer auf einen Dienstag fällt

Wenn in Irland die Temperaturen knapp über 20 Grad klettern, nennen wir das eine Hitzewelle. Anderswo wäre das lediglich der Sommer. Das ist hier, selbst im Juli, etwas besonderes. Man weiß nicht wie lange es anhalten wird oder ob man mitunter noch am selben Tag die Regenjacke wieder rausholen muss.

Deshalb heißt es alles stehen und liegen, wenn das Thermometer die magische Zahl mit der zwei davor anzeigt und ab nach draußen. Jedoch nicht ohne vorher eine dicke Schicht Sonnencreme aufgetragen zu haben. Die gnadenlose, irische Sonne hat es nicht nur auf die Hellhäutigen abgesehen!

So ging es auch mir in den letzten Tagen bzw. Wochen. Neben ein wenig Projektarbeit zum Thema Reisen in Irland und den alltäglichen Aufgaben einer Vollzeit-Mami, habe ich das tolle Sommerwetter genutzt und viel Zeit im Freien verbracht.

Stellt euch mich also mit einem kühlen Getränk am Laptop in unserem wunderschönen, neu gestalteten Garten vor. Unser 2-Jähriger brav neben mir im Pool planschend. Meine Finger fliegen über die Tasten und die Wörter nur so auf’s Papier.

Sommerloch statt Urlaubsroman

Soviel jedenfalls zu meiner Wunschvorstellung als Hobby-Schriftstellerin. Abgesehen davon, dass ich im gleißenden Sonnenlicht so gut wie nichts auf dem Bildschirm erkennen konnte und unser lieber Sohn dann doch allein nicht so brav planschte, wollte mir partout nichts einfallen. Daran hätten auch perfekte Bedingungen nichts geändert.

Geplagt von Selbstzweifeln und Konkurrenzdruck war ich drauf und dran meinen Blog aufzugeben. Wer liest das schon? Tipps zu Irland und zum Auswandern gibt es doch schon jede Menge. Wenn ich damit mein Geld verdienen müsste, wären wir schon verhungert.

Ein eigenes Buch schreiben, das wäre toll. Aber hätte ich überhaupt die Zeit und Energie, die es braucht um solch ein Projekt in die Tat umzusetzen? Ich glaube nicht. Andere haben da mehr Biss und Durchhaltevermögen.

Sommerblues – gibt es so etwas überhaupt?

An Tagen, an denen mir solche Gedanken durch den Kopf gehen, heitert mich selbst die strahlende irische Sonne nicht auf. Da ist es dunkel in mir und ziemlich leer, nicht nur was das Schreiben angeht. Mein eigentlich perfektes Leben, meine wunderbare Familie und die Tatsache dass es uns an nichts fehlt, hilft mir nicht darüber hinweg.

Im Gegenteil – es zeigt mir, dass diese ‘depressiven Verstimmungen’, wie es wohl im Fachjargon heißt, jeden treffen und jederzeit auftreten können. Dabei spielt es keine Rolle, ob es einem objektiv betrachtet gut geht oder nicht.

Ich arbeite gerade daran, nicht mehr nach Ursachen zu suchen, sondern diese Phasen einfach so hinzunehmen. Das fällt mir nicht leicht. Ebenso wie hier darüber zu schreiben. Das war keineswegs meine Absicht, als ich angefangen habe diesen Artikel zu tippen. Aber ich bin mir sicher, dass es den einen oder anderen Leser gibt, dem es ähnlich geht und dem man es auch nicht auf den ersten Blick ansieht.

Schreibblockade, was tun? – Hier ist meine 5 Tipps:

Sommerblues und Schreibblockade zum Trotz hinterlasse ich mir eine positive Nachricht und simple Handlungsschritte für meine Blogger-Zukunft:

1. Locker statt gezwungen

Schreiben ist und bleibt mein Hobby. Es tut mir gut und bringt mir Freude, unabhängig davon wie viele Leser ich habe. Also kein Stress oder Druck! Was ist das Schlimmste, das passieren kann, wenn ich einen Post nicht pünktlich veröffentliche. Und was heißt schon ‘pünktlich’, wenn ich selber die Regeln aufstelle. Deadlines sind hilfreich und definitiv notwendig, wenn man mit Schreiben sein Geld verdient. Aber das tue ich nicht und deshalb verbanne ich Termindruck aus meiner Freizeit.

2. Kurz und oft

Ja gut, es gab lange nichts Neues auf meinem Blog und es wird mal wieder Zeit. Die Erwartung an mich, etwas Tiefgründiges oder besonders Originelles zu fabrizieren ist dann um so größer. Aber muss es denn gleich ein mehrseitiger Artikel sein, wenn mir doch gerade die Zeit und Muse fehlt? Kurz und regelmäßig heißt daher meine neue Devise!

3. Konkurrenz – na und?

Klar, über jedes Thema – insbesondere so ein beliebtes wie Irland – wurde irgendwann und irgendwo schon einmal etwas geschrieben. Vielleicht auch in ähnlicher Form wie ich das tue. Aber: alles was ich schreibe sind meine persönlichen Erfahrungen. Es ist nichts abgekupfert oder erfunden. Das sollte doch auch etwas wert sein, oder?

4. Kritik gehört dazu

Natürlich bekomme ich lieber positives Feedback und Anerkennung für meine Texte. Kritik zieht mich ehrlich gesagt immer etwas runter. Aber wem geht das nicht so? Immerhin hilft sie einem dabei, sich weiterzuentwickeln. Ich berufe mich einfach darauf, dass es nachweislich um ein Vielfaches wahrscheinlicher ist, dass jemand einen negativen Kommentar hinterlässt als einen positiven.

5. Disziplin vs. Kreativer Wahnsinn

Eigentlich bin ich jemand, der Struktur und klare Arbeitsanweisungen braucht. Deshalb versuche ich mich auch immer wieder an „Wie-organisiere-ich-meinen-Tag-Ratgebern“ und „Schritt-für-Schritt-Schreib-Anleitungen“. Diverse Techniken und To-do-Listen funktionieren bei mir aber nur dann, wenn ich ohnehin schon voller Energie stecke und hochmotiviert bin. Ist das nicht der Fall, werfe ich alles über den Haufen, obwohl ich sie gerade dann am nötigsten hätte. So bin ich eben. Meine selbsternannte Technik lautet daher: Schreib wann immer es fließt und dann am besten ohne Unterbrechung (der Haushalt kann warten)! Vergiss es, dich vor ein leeres Blatt Papier zu setzen und regelmäßig eine bestimmte Wortanzahl zu schreiben. Hinterher kommt doch nur ein holpriger Text dabei heraus, den ich an guten Tagen in der Hälfte der Zeit und in doppelter Qualität hätte schreiben können.

Es ist wahrscheinlich überflüssig zu erwähnen, dass diese Maßnahmen für mich hervorragend funktionieren mögen, aber insbesondere von Berufs-Autoren oder solchen die es werden wollen, eher mit einem Augenzwinkern zu betrachten sind. Nichtsdestotrotz habe ich mir in diesem Artikel einiges von der Seele geschrieben und hoffe damit Gleichgesinnten aus der selbigen zu sprechen.

 




15 Dinge, die mich Leute zu meinem Leben in Irland fragen

Ein “Auswanderer-Steckbrief”

Ich habe meinen Irland-Blog unter anderem ins Leben gerufen, um meine Auswanderer-Erfahrungen zu teilen und gegebenenfalls anderen bei der Entscheidung zu helfen, ob sie ebenfalls diesen Schritt wagen sollen oder nicht. So wie wahrscheinlich jeder, habe auch ich mir im Vorfeld reichlich Gedanken gemacht und hatte viele Fragen im Kopf. Für mich haben sie sich inzwischen alle beantwortet. An dieser Stelle auch noch einmal vielen Dank an alle, die mir während dieser Zeit mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben!

Nun bekomme ich alle möglichen Fragen gestellt – nicht nur von potenziellen Auswanderern, sondern auch von Freunden, Bekannten und allgemein Interessierten. Einige davon, mehr praktischer Natur, habe ich bereits in meinem Artikel Nochmal nach Irland auswandern? beantwortet. Hier möchte ich etwas persönlichere Dinge aufgreifen, die ich in den fünfeinhalb Jahren, die ich nun in Irland lebe, so gefragt wurde.

Bist du der Liebe wegen nach Irland ausgewandert?

Nicht im klassischen Sinne wegen eines Mannes. Allerdings bin ich der Liebe wegen nach Irland ausgewandert. Der Liebe zum Land, in das ich mich lange bevor ich letztendlich den Schritt wagte, verliebte. Es war eine ganz bewusste Entscheidung und nicht an irgendeinen praktischen Umstand geknüpft.

Hattest du einen Arbeitsvertrag in der Tasche bevor du ausgewandert bist?

Ja, hatte ich. Die Zusage auf meine Bewerbung war die nötige Voraussetzung für mich meine Pläne in die Tat umzusetzen.  Es war zudem ein Job, in dem ich zu diesem Zeitpunkt wirklich arbeiten wollte und nicht nur eine Zwischenlösung um Geld zu verdienen.

Hast du oft Heimweh?

Ich habe kein Heimweh, aber bedauere es hin und wieder, dass Familientreffen etwas komplizierter sind als vorher und von langer Hand geplant werden müssen. Insbesondere seit sich unsere Familie erweitert hat, finde ich das Reisen aufwändig und bin diesbezüglich noch weniger spontan geworden. Videotelefonate weiß ich nun noch mehr zu schätzen.

Wie oft bist du in Deutschland?

Ich versuche circa zweimal im Jahr nach Deutschland zu fliegen, um meine Familie zu besuchen. Damit es sich lohnt, bleibe ich jedes Mal mindestens 1 Woche. Bei besonderen Anlässen schiebe ich auch schon mal einen Extra-Besuch ein.

Wo feierst du Weihnachten?

Die ersten Jahre haben wir Weihnachten mit meiner Familie in Deutschland verbracht. Dann war die irische Heimat meines Mannes mal wieder an der Reihe. Und seit wir zu dritt sind, halten wir Weihnachten recht simpel und wollen unsere kleine Tradition mit unserem Nachwuchs in den eigenen vier Wänden aufbauen. Das heißt aber nicht, dass wir uns das opulente Weihnachtsessen meiner Schwägerin entgehen lassen, das sie jedes Jahr am 1. Weihnachtsfeiertag bei sich zu Hause veranstaltet!

Was vermisst du am meisten an Deutschland?

Es gibt nichts, was ich an Deutschland an sich vermisse. Manchmal stelle ich mir vor bei Sonnenschein im Garten meiner Eltern zu sitzen. Insbesondere wenn sie dort gerade ein Familiengrillen veranstalten und ich nicht dabei sein kann.

Gibt es Sachen, die du dir noch aus Deutschland mitbringen lässt?

Das ist eine Frage, die ich für gewöhnlich nur Freundinnen beantworte und die etwas privat ist. Also ich lasse mir tatsächlich eine bestimmte Marke weiblicher Hygieneartikel importieren, die ich hier nirgendwo bekommen kann. Abgesehen davon, gibt es in Irland wirklich alles zu kaufen – nicht zuletzt dank Lidl, Aldi & Co. Selbst mit Kräutertees muss ich mir nach einem Deutschlandbesuch nicht mehr die Taschen vollstopfen. Danke nochmal an alle, die immer fleißig Verpflegungspäckchen geschickt haben!

Sprichst du deutsch mit deinem Kind?

Ja, ich rede ausschließlich deutsch mit unserem Kind. Anfangs war es in Familie etwas schwierig, da mein Mann kein deutsch spricht und der Kleine noch nichts verstanden hat. Da habe ich es immer noch einmal für meinen Mann übersetzt. Inzwischen hat sich mein Mann ein kleines Vokabular angeeignet bzw. weiß von der Reaktion unseres Sohnes, was gemeint ist. Das klappt ganz gut. Mit fast zwei Jahren spricht unser Zwerg nun eindeutig mehr deutsch als Englisch, was sich aber schlagartig ändern wird, sobald er mit drei in die Vorschule kommt. Ich bin sehr zufrieden wie es bisher läuft und hatte mir das mit der zweisprachigen Erziehung weitaus schwieriger vorgestellt.

Sprichst du Irisch?

Sprachen sind zwar mein Steckenpferd, aber ein Sprach-Genie bin ich nun auch wieder nicht. Wer Irisch oder auch Gaelic (Gälisch) spricht bzw. es noch so nebenbei erlernt ohne damit groß geworden zu sein, den kann ich nur bewundern. Für mich ist es – ohne das abwertend zu meinen – eine Aneinanderreihung nahezu unaussprechlicher Laute, die keiner anderen mir bekannten Sprache ähnelt, außer vielleicht dem schottischen Gälisch. Neben Englisch ist Irisch Amtssprache in Irland. Das heißt offizielle Dokumente, Verkehrsschilder etc. sind immer zweisprachig ausgewiesen. In den Gaeltacht Kommunen sogar nur auf Irisch. Mir selber reicht Englisch vollkommen aus und ich liebe die vielen verschiedenen Akzente, die es auf der Insel gibt! (Siehe dazu auch mein Artikel Verräterische Akzente.)

Träumst du manchmal auf Englisch?

Ich habe mal gehört, dass wenn man in einer Fremdsprache träumt, endgültig in dem entsprechenden Land angekommen ist bzw. sich dort heimisch fühlt. Ich kann das nur bestätigen. Es hat eine Weile gedauert, aber nun träume ich manchmal auf Englisch. Es kommt darauf an, welche Sprache die Personen in meinem Traum sprechen.

Was nervt dich an den Iren am meisten?

Gefährliche Frage, da ich hier garantiert in den Stereotypen-Fettnapf trete. Aber mich nervt schon, dass es manche mit der Zuverlässigkeit nicht so genau nehmen. Gerade zu lockeren Verabredungen wird mal eben gar nicht erschienen oder in letzter Minute abgesagt. Dass die Aussage „Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen“ so gut wie nie ernst gemeint ist, habe ich mittlerweile gelernt. Viele meinen es auch gar nicht böse, wenn sie eine Verabredung verschwitzen. Sie haben meistens einen triftigen Grund oder haben sich schlichtweg zu viel vorgenommen. Ob das dann eher von schlechter Planung oder Unzuverlässigkeit zeugt, darüber lässt sich streiten. In meinem Artikel Typisch irisch habe ich bereits dazu argumentiert.

Wie kommst du mit dem Linksfahren zurecht?

Mittlerweile komme ich sehr gut mit dem Linksfahren zurecht und es ist wirklich in Fleisch und Blut übergegangen. Wenn ich jetzt wieder mal wieder in einem „Linkslenker“ sitze und schalten möchte, stoße ich mir zunächst die Hand an der Tür. Im deutschen Straßenverkehr muss ich aufpassen, dass ich nicht falsch herum in den Kreisverkehr hineinfahre. Alles eine Sache der Gewöhnung! Ansonsten fahre ich routiniert sowohl auf der linken als auch der rechten Seite der Straße. Ich darf halt nur nicht vergessen, in welchem Land ich gerade unterwegs bin…

Ist die irische Küche wirklich so schlecht?

Wenn ich diese Frage gestellt bekomme, gehe ich davon aus, dass Irland entweder mit dem Ruf der englischen Küche assoziiert wird oder diese Person seit Ewigkeiten nicht mehr in Irland gegessen hat. Wenn dann wahrscheinlich in einem schlechten Restaurant. Ich mag das irische Essen. Wenn man so wie ich auf deftige Hausmannskost mit vernünftigen Portionen steht, kann man  schnell ein Freund des Pub-Essens werden.

Wie erträgst du das irische Wetter?

Ganz ehrlich, wenn wir im Februar die dritte Woche in Folge tristes Wetter und viel Regen haben, frage ich mich das auch. Sobald die erste Frühlingssonne herauskommt, alles in tollen Farben leuchtet und die Menschen bei 17 Grad gut gelaunt und in kurzen Hosen & Flip Flops unterwegs sind, sind die dunklen, langen Wintertage (fast) vergessen. Manchmal sehne ich mich ein wenig nach Deutschland, wenn der Sommer so ganz ausbleibt und die Temperaturen einfach nicht über 20 Grad klettern wollen. Höre ich dann allerdings von 40 Grad im Schatten und Trockenheit andernorts, reichen mir die milden, irischen Temperaturen vollkommen aus!

Hast du vor für immer in Irland zu bleiben?

Für mich gibt es kein Zurück mehr. Ich bin hier, wie man so schön sagt, sesshaft geworden. Mir fehlt es an nichts, es ist das Zuhause meiner Familie und ich fühle mich wohl. Kurz um, ja!

Ich werde also auch in Zukunft weitere Erfahrungen in Irland sammeln, sie mit meiner immer noch deutsch eingefärbten Sichtweise verarbeiten und gern mit interessierten Landsmännern und -frauen teilen! Wer auf der Suche nach eher praktischen Tipps zum Thema Krankenversicherung, Wohnungssuche etc. ist, dem möchte ich gern noch einmal meinen Artikel Nochmal nach Irland auswandern? ans Herz legen, der hoffentlich einige Fragen dazu beantworten kann. Ansonsten schickt mir doch gern eine persönliche Nachricht, ich würde mich freuen!




Weihnachtszauber in der Ferne

Weihnachten in der Ferne war für mich als Kind undenkbar. Es musste zu Hause und nur in Familie gefeiert werden. Wenn wir über die Feiertage das Haus verlieβen, dann nur zum traditionellen Spaziergang durch den Winterwald. Schnee gab es zwar nicht immer, aber zumindest auf die klirrende Kälte konnte man sich in unseren Breitengraden fast immer verlassen.

Die liebe Tradition

Erst als Erwachsene wurde mir bewusst, wie wichtig mir Tradition, insbesondere um die Weihnachtszeit herum, offensichtlich schon immer war. Ich liebte unseren Weihnachtsschmuck, der jedes Jahr aus verstaubten Kisten hervorgeholt und immer am gleichen Ort aufgestellt wurde. Alles hatte seinen Platz. Der bunte Klingelbaum stand auf dem Küchentisch und lieβ bei jeder Mahlzeit sein blechernes Bimmeln ertönen. Auf die Weihnachtsbaumspitze gehörte ein schon etwas abgegriffener Engel, den ich wegen seiner weiβen Haare nach einer alten Tante getauft hatte. Von meinen Lieblingsweihnachtsbaumkugeln blätterte allmählich die Farbe ab, aber auch sie fanden jedes Jahr wieder ihre Daseinsberechtigung am Baum. Neue Dekoration war bei mir ebenso wenig willkommen wie spontaner Besuch über die Festtage, der den “familiären Ablauf” unterbrach.

Veränderungen sind nicht mein Ding

Im Laufe der Zeit veränderte sich unser Weihnachtsfest. Mal waren es groβe Einschnitte wie das 1.Weihnachten ohne Opa. Mal nur kleine, kaum wahrnehmbare praktische Anpassungen, dass nun der Weihnachtsbaum in einer anderen Ecke es Wohnzimmers stand. Als Oma starb, ging mit ihr auch die Tradition des adventlichen Plätzchenbackens. Fast krampfhaft versuchte ich dennoch an gewohnten Familienritualen festzuhalten.

Die Sicht auf die Dinge

Den Adventskalender aus leeren Klopapierrollen, den Oma immer für uns gebastelt und der jedes Jahr an der Flurtreppe gehangen hatte, bastelte ich nun selbst. Ich bat meine Eltern den Baum wieder an dem Ort aufzustellen, wo er früher immer gestanden hatte. Nach wie vor bestand ich darauf beim Weihnachtsbaum schmücken die russichen Märchenfilme anzuschauen, die wir als Kinder so gemocht hatten. Doch Weihnachten war nicht mehr nicht mehr dasselbe. Ich schob es darauf, dass mein geliebter Klingelbaum, der für mich zum Fest dazu gehörte wie ein echter Baum, das Zeitliche gesegnet hatte.

Was ich auch tat um unsere “Weihnachtstradition” aufrecht zu erhalten, die kindliche Aufregung und das Entgegenfiebern auf den Heiligabend kamen nicht zurück. Ich konnte das Weihnachtsfest einfach nicht mehr mit Kinderaugen sehen – was sicherlich daran lag, dass ich nun kein Kind mehr war. All die “magischen Dinge”, die ich sonst in der Vorweihnachtszeit gesehen hatte, waren der nüchternen Sicht eines Erwachsenen gewichen.

Neue Traditionen

Vor 2 Jahren brach ich mit der Tradition “Weihnachten im Elternhaus”. Nicht weil ich nicht mehr mit meiner Familie feiern wollte, sondern weil ich nun eine eigene Familie hatte. Ich realisierte, dass der Weihnachtszauber für mich nur zurückkommen konnte, wenn ich das Leuchten in den Augen meines Kindes suchte und nicht darauf beharrte, Vergangenes wieder heraufzubeschwören. Ich lernte Weihnachten wieder mit anderen Augen, wenn auch nicht mit, sondern in Kinderaugen zu sehen.

Eins für dich eins für mich

Nun steht das 3. Weihnachten “in der Ferne” vor der Tür und wir sind auf dem besten Weg unsere eigenen Traditionen zu etablieren. (Auf der Suche nach einem Klingelbaum, wie wir ihn damals hatten, bin ich zwar immer noch, aber inzwischen gibt es auch anderen Lieblingsschmuck). Im ersten Jahr galt es zunächst die “Grundregeln” festzulegen – was wird “Deutsch” und was wird “Irisch” gemacht. Ich habe den Klorollen-Adventskalender eingeführt, mein Mann die mit kleinen Geschenken gefüllten Strümpfe (Stocking) am Kamin. An die Bescherung am 25. morgens musste ich mich erst gewöhnen. Dass wir den Weihnachtsbaum nun bereits am 1. Advent schmücken, kam mir allerdings sehr entgegen. An Heiligabend gehen wir zum Singen in die Kirche. Das hatten unsere Groβeltern bereits mit uns gemacht als ich noch nicht einmal wusste, worum es da eigentlich ging. Und so schlieβt sich für mich der Kreis aus alten und neuen, deutschen und irischen Traditionen.

Der Zauber ist wieder da

Die Magie von Weihnachten besteht für mich nun darin, eine ganz besondere Zeit mit der Familie zu verbringen – der “alten” und der “neuen”. Ebenso wie alte Erinnerungen aufleben zu lassen und neue zu schaffen.

In diesem Sinne wünsche ich meiner Familie in Deutschland und Irland sowie allen Lesern ein frohes Weihnachtsfest und bis dahin noch eine besinnliche Adventszeit!

P.S. Wem als Erwachsener auch der Glaube an den Weihnachtszauber abhanden gekommen ist, dem möchte ich den Film “Polarexpress” empfehlen. Meine Schwester schenkte ihn mir vor ein paar Jahren und nun weiβ ich auch warum…




Wie kinderfreundlich ist Irland?

(Dieser Artikel ist losgelöst von dem kürzlich in Irland eingeführten Abtreibungsgesetz. Bitte lest hierzu meinen bereits erschienen Artikel Life is Life.)

Als ich vor reichlich viereinhalb Jahren nach Irland kam, war diese Frage für mich noch nicht relevant. Inzwischen ist sie es. Allerdings hätte die Antwort nun keinen Einfluss mehr auf irgendeine meiner Entscheidungen. Denn während ich diese Zeilen schreibe, krabbelt unser kleiner Sohn gerade zu meinen Füβen herum.

Die Frage beschäftigt mich nach wie vor. In dem folgenden Artikel habe ich daher meine persönlichen Erfahrungen während und nach meiner ersten Schwangerschaft in Irland zusammengetragen. Von der medizinischen Versorgung bis hin zur Kinderbetreuung. Ich hoffe damit potenziellen Irland-Auswanderern hilfreiche Tipps zu geben. Es würde mich auβerdem freuen, wenn ich damit vielleicht sogar einen Meinungsaustausch derer anrege, die es betrifft.

Medizinische Versorgung während der Schwangerschaft

Als ich mich das erste Mal richtig mit dem Thema auseinandersetzte, recherchierte ich zunächst Kosten für Kinderbetreuung in Irland. Ich war geschockt. Mir war sofort klar, dass sich Kind und Karriere hier nur schwierig bis gar nicht vereinbaren lassen. Doch da stand ich erst am Anfang meiner Schwangerschaft. Alles was zu diesem Zeitpunkt für mich zählte, war eine vernünftige medizinische Versorgung.

Ich hatte keinerlei Bedenken bezüglich medizinischer Standards in Irland. Ebenso wenig wusste ich, was auf mich zukommen würde. Alles war neu für mich. Das wäre es auch in meiner Heimat Deutschland gewesen. Und so war es ein glücklicher Zufall, dass eine Freundin von mir in Deutschland zur gleichen Zeit schwanger war. Neben den Freuden und Ängsten werdender Mütter, konnten wir demnach hervorragend Parallelen zwischen beiden Gesundheitssystemen ziehen.

Duale Betreuung

Anders als in Deutschland gibt es in Irland die duale Betreuung. Sobald der Hausarzt die Schwangerschaft bestätigt hat, sucht man sich eine Geburtsklinik aus. Die regelmäβigen Untersuchungen finden dann abwechselnd zwischen Hausarzt und dem Krankenhaus statt. Das hat den Vorteil, dass man mit dem Ort der Entbindung bereits vertraut ist. Anstelle nur einmalig an einer “Hausführung” teilzunehmen, steht man in Kontakt mit dem medizinischen Personal und kennt sich schon mal im “Labyrinth der Flure” aus.

Theoretisch bestens gerüstet

Zum Zeitpunkt meiner Schwangerschaft war ich nicht krankenversichert. Das heiβt mir stand lediglich die gesetzliche Krankenversorung (public health care) zur Verfügung. Dennoch hatte ich Zugang zu diversen kostenfreien Angeboten wie dem klassischen Geburtsvorbereitungskurs (inkl. Windelwechselwettbewerb für die werdenden Väter). Ein Physiotherapiekurs bereitete mich zusätzlich auf die körperlichen Strapazen der Geburt vor. Zumindest in der Theorie.

Ich war ein absoluter Neuling was Babies anging. Weder hatte ich in meinem Leben schon einmal eine Windel gewechselt, noch auf Kinder von Freunden aufgepasst. Mein Mann hatte mir da einiges voraus. Dennoch waren wir beide gleichermaβen dankbar für das groβzügige Kursangebot. Vom Baby-Sicherheits-Training für zukünftige Eltern bis hin zur alternativen Geburtsmethoden wie dem Hypnobirthing lieβ das Beratungs-Repertoire nichts zu wünschen übrig.

Hebamme inbegriffen

Ebenfalls als positiv empfand ich, dass die Hebamme im “Gesamtpaket” enthalten war. Sie übernahm im Krankenhaus den Groβteil der Untersuchungen. Ich musste mich weder selber um eine kümmern, noch extra für sie bezahlen. Zwar war nicht garantiert, dass ich jedes Mal auf die gleiche Hebamme traf, aber meistens war das der Fall. Und dank einer sehr ausführlich geführten Krankenakte, gingen keine Informationen verloren. Welche Hebamme bei der Geburt meines Sohnes Dienst hatte, war mir in dem Moment schnurzpiepegal. Ich habe mich jedenfalls bestens aufgehoben gefühlt.

Warum das Rad neu erfinden…

Sobald ich nach der Geburt aus dem Krankenhaus entlassen wurde, informierte man die zuständige Gemeindeschwester. Diese kam in den folgenden Tagen ins Haus, um zu schauen, ob es mir nebst Kind gutging. Auβerdem hatte ich die Gelegenheit, jede Menge Fragen und mitunter auch Ängste mit der sogennanten Public Health Nurse zu besprechen. Das war nicht nur im Rahmen der Hausbesuche möglich, sondern jederzeit telefonisch oder während einer wöchentlichen Sprechstunde. Stolz berichtete ich meinen Eltern von dieser tollen “Erfindung”, die es hier in Irland gab. Meine Mutti entgegnete mir schmunzelnd, dass sie bereits zu DDR-Zeiten von dem Konzept der Gemeindeschwester Gebrauch gemacht hatte, als ich “frisch geschlüpft” war. Schade, dass es das so in Deutschland heute nicht mehr zu geben scheint.

Erstes Kind, was nun

Ich war überzeugt, dass ich nicht der Typ für “Mami-Freundschaften” war. Und schon gar nicht für vormittags nach einer Kinderwagen-Rallye beim Kaffee zu sitzen und Rezepte für zuckerfreie Muffins auszutauschen. Ich hatte mich getäuscht. Inzwischen habe ich einen kleinen Kreis sehr netter Mamis (und Babies) um mich herum. Und ja, der Austausch gesunder Rezepte bleibt da nicht aus. Als Vollzeit-Mama sind mir diese Zusammenkünfte inzwischen sehr wichtig geworden. Und so kann auch ich es nur weitergeben, wie es mir als werdende Mutter empfohlen wurde: Rausgehen und sich ein Mami-Netzwerk aufbauen! Für mich war die örtliche Stillgruppe die perfekte “Kontaktbörse”.

(Alb-)Traum Stillen

Als ich das erste Mal von einer “Breastfeeding-Support-Group” hörte, fand ich den Namen etwas irreführend. Es klang so nach Selbsthilfegruppe und mir war nicht klar, wie diese beiden Dinge zusammenpassten. Inzwischen weiβ ich es. Dabei konnte ich mich glücklich schätzen, dass mir das Stillen von Anfang an keinerlei Schwierigkeiten bereitet hatte. Es spielte eine groβe Rolle, dass ich mich beim Stillen in der Öffentlichkeit hier nie unwohl oder herablassend beäugt gefühlt habe. Im Gegenteil, für (diskretes) Stillen ist man mir oft mit Respekt oder einfach ganz normal begegnet. Bei einem unserer “Notfallstopps” in einer Einkaufspassage brachte mir eine Ladeninhaberin sogar ein Glas Wasser als sie mich stillend auf der Bank sitzen sah. Eine der freundlichen Gesten, die mir positiv in Erinnerung geblieben ist.

Klatschend durch die Morgenstunden

Der Tag muss für mich langsam und vor allem ruhig beginnen. Warum, um Himmels Willen, fangen alle musikalischen Mutter-Kind-Aktivitäten schon morgens 10 Uhr an? Vielleicht sollte ich in diesem Zusammenhang noch erwähnen, dass wir mit einem Langschläferkind gesegnet sind. Ob das angeboren und eher anerzogen ist, wissen wir nicht. Jedenfalls ist auch unser Kleiner nicht allzu “amused”, wenn die Jalousien bereits vor 8 Uhr geöffnet werden. Ein kurzes Grummeln und mit einer Handbewegung das Kuscheltier über’s Gesicht gezogen, sind meist die zu erwartenden Reaktionen. Dabei bin nicht ich diejenige, die zur allwöchentlichen Spielegruppe gehen möchte. Doch spätestens wenn uns meine Freundin mit ihrer stets gutgelaunten Tochter am Tor erwartet, ist die Morgenmuffel-Laune verflogen. Dann sind wir bereit den Vormittag fröhlich klatschend mit Gleichgesinnten zu verbringen.

Der Sprössling will unterhalten werden

Spielegruppen aller Art sowie Aktivitäten für Kinder jeder Altersgruppe gibt es bei uns in der Gegend zur Genüge. Der Fokus liegt auf der Gemeinschaft, dem Kontakte knüpfen und natürlich auch dem Erfahrungsaustausch (womit wir wieder bei den Kochrezepten wären). Die Organisatoren – einige davon ehrenamtlich – sind mit viel Eifer und Einsatz dabei. Zwar kann ich nicht für ganz Irland sprechen, aber wage dennoch zu behaupten, dass es diesbezüglich ein sehr gutes Netzwerk gibt. Nicht alle Angebote sind kostenlos, sondern mitunter recht kostenintensiv (Musikgruppen, Schwimmkurse etc.). Bei uns im Ort sind es bespielsweise die Kirchengemeinde und die Bibliothek, die für einen kleinen Obulus bzw. kostenfrei, Unterhaltung für Kleinkinder anbieten. Am besten informiert man sich über soziale Netzwerke was es so gibt oder verlässt sich auf die altbewährte “Mama-zu-Mama Propaganda”.

Horrende Kosten für Kinderbetreuung

Heikel wird es beim Thema Vollzeit-Kinderbetreuung. Kürzlich las ich einen Artikel in der Irish Times mit dem Titel “Hohe Kosten für Kinderbetreuung zwingen Frauen sich aus der Arbeitswelt zurückzuziehen”. Und tatsächlich lohnt es sich kaum bei monatlichen Betreuungskosten von ca. €1000 wieder ins Berufsleben einzusteigen. Als ich mich während der Schwangerschaft nach Krippenplätzen umschaute, lag das günstigste Angebot bei €950. Dort gab es dann allerdings eine Warteliste. Das teuerste war €1650 pro Monat; 2 – 3 weitere Kinderkrippen lagen irgendwo dazwischen.

Karriere vs. Vollzeit-Mami

Für uns war daher schnell klar, dass die Karriere bei mir den Kürzeren ziehen würde. Sowohl finanziell als auch logistisch hätte eine Vollzeit-Kinderbetreuung für uns keinen Sinn gemacht. Ich denke, dass es vielen Frauen mit niedrigem bis mittlerem Einkommen in Irland so geht. Um das noch einmal deutlich zu machen: Ich hätte verkürzt arbeiten gehen müssen, um unser Kind unter Berücksichtigung meines Arbeitsweges pünktlich in die Kinderkrippe bringen und abholen zu können. Teilzeit hätte weniger Gehalt bedeutet. Nach Abzug meiner Monatskarte für den Zug wäre am Ende des Monats etwa soviel übrig geblieben, wie wir für einen Kinderkrippenplatz gezahlt hätten. Obendrein hätten wir wahrscheinlich noch eine Haushaltshilfe gebraucht. Denn wenn ich schon über 40 Stunden pro Woche von meinem Kind getrennt bin, möchte ich die verbleibende Zeit nicht mit putzen verbringen. Schlussendlich noch draufzahlen? Ich denke diese Rechnung ist einfach…

Günstigere Alternativen

Oft höre ich von Bekannten, dass sie dennoch auf ihr Gehalt angewiesen sind. Oder einfach nach ihrer Elternzeit gern wieder ins Berufsleben einsteigen möchten. Sie stehen jedoch vor dem gleichen Problem. Es bleibt kaum Geld übrig, wenn das Kind professionell betreut werden soll. Viele lassen den Nachwuchs daher tagsüber bei den Groβeltern oder anderen Verwandten. Auch Au-pairs und private Childminder sind eine günstigere Alternative. Allerdings scheint es zunehmend ein Problem zu sein, dass Frauen aus o.g. Gründen nicht an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren.

Aus dem Gröbsten raus

Ist das Kind aus dem Gröbsten raus, entspannt sich die finanzielle Lage erst einmal ein wenig. Ab dem 3. Lebensjahr besteht Anspruch auf einen staatlich geförderten Vorschulplatz mit dem ECCE Programm. Aber auch dieser umfasst nur die Betreuung am Vormittag von 9 – 12 Uhr. Es liegt auf der Hand, dass auch das der Mutter keinen Wiedereinstieg in den Beruf ermöglicht. Die Einschulung erfolgt dann mit 4 oder 5 Jahren. Die Grundschulbildung ist in Irland gebührenfrei. Das heiβt aber nicht, dass keine weiteren Kosten auf die Eltern zukommen. Die durchschnittlichen Kosten für ein Grundschulkind 2018 betragen €830 pro Jahr (Quelle: Zurich.ie). Für ein Kind in der Sekundarstufe (ab 12 Jahren) muss man mit durchnittlich €1.495 im Jahr wieder etwas tiefer in die Tasche greifen. (Stand 2018, Quelle: Zurich.ie).

Kinderfreundlich, ja oder nein?

Ich denke die (medizinische) Versorgung während und nach der Schwangerschaft ist in Irland nicht das Problem, wenn es um obige Frage geht. Wohl aber die hohen Kosten für die Kinderbetreuung. Heiβt das im Umkehrschluss, günstigere Kinderkrippen würden ein kinderfreundlicheres (Ir)Land bedeuten?

Ich denke genau das Gegenteil ist der Fall. Hohe Krippenkosten bedeuten, dass sich Kind und Karriere nicht (gut) vereinbaren lassen. Meiner Meinung nach wirken sie sich nicht negativ auf das Kind aus. Dass ich quasi gezwungen bin mit unserem Kleinen zu Hause zu bleiben, hat nur Vorteile für uns beide. Wir verbringen täglich wertvolle Zeit miteinander. Ich erlebe seine ersten groβen Meilensteine mit. Ich bringe ihm Dinge so bei, wie ich sie für richtig erachte. Ich bin da um ihn zu trösten, wenn es ihm nicht gutgeht. Ich denke, das ist das Beste für unseren Sohn. Diese Zeit, in der es sich für mich finanziell  nicht lohnt wieder arbeiten zu gehen, ist auch die einschneidenste in der kindlichen Entwicklung. In dieser Zeit 100% für mein Kind da zu sein, ist  ziemlich kinderfreundlich, oder?




Nochmal nach Irland auswandern?

Persönliches Fazit & Tipps für Auswanderer

Inspiriert von etlichen Anfragen zum Thema Auswandern nach Irland, habe ich mir obige Frage nach nun genau 4 Jahren, die ich in Irland lebe, noch einmal ganz objektiv gestellt. Insofern das möglich ist, denn in meinem Artikel Warum Irland? habe ich ja schon erläutert, weshalb eine Pro- und Kontraliste bei mir nicht wirklich Sinn macht. Und wer Mein Gott und die Welt gelesen hat, weiβ auch, dass meine subjektive Antwort definitiv “Ja” lauten würde.

Das nützt jedoch potentiellen Auswanderern nicht viel, die mich fragen, ob ich Irland zum Leben empfehlen kann. Deshalb möchte ich versuchen, das Ganze noch einmal neutral zu betrachten und hoffentlich hilfreiche Tipps zum Auswandern zu geben.

Urlaub versus Alltag

Meiner Meinung nach ist es ein Unterschied, ob man ein Land nur vom Reisen her kennt oder auch mal etwas länger dort verbracht hat. Sobald man sich um eine Wohnung kümmern musste, kleinere Behördengänge erledigt hat, Geld verdient und den einen oder anderen Arztbesuch hinter sich gebracht hat (letzteres bitte nicht auf Teufel komm raus!), weiβ man, wie die Uhren so ticken. Aus diesem Grund würde ich persönlich keine überstürzte Entscheidung nach einem beflügelnden Urlaubserlebnis treffen, sondern mich zunächst intensiv mit Land und Leuten auseinandersetzen.

Dabei ist es natürlich auch von Vorteil sich selbst gut zu kennen. Wie wichtig sind mir “deutsche Tugenden” und kann ich auf Dauer damit leben, dass gewisse Dinge anders (nicht unbedingt schlechter!) als in Deutschland sind. Auch ich habe mich anfangs oft sagen hören: “Das wäre aber in Deutschland nicht passiert” oder “Hier ist das aber viel teurer.” Inzwischen schätze ich gewisse Sachen hier, die es in Deutschland nicht gibt. Und es gibt kaum noch etwas, das ich mir von Familie oder Freunden aus Deutschland mitbringen lasse. Für mich war das ein entscheidender Schritt, angekommen zu sein. Denn ich lebe in Irland mit allem was dazu gehört und möchte nicht mehr gedanklich zwischen zwei Ländern hin und her pendeln.

Irland = Träume verwirklichen?

Die meisten Auswanderer haben ihre Gründe das Heimatland zu verlassen. Dabei unterscheidet sich, ob man einfach nur weg will, egal wohin oder ob man sich Irland ganz bewusst aussucht. In jedem Fall hat man jedoch mit Sicherheit eine (Wunsch-)vorstellung wie das neue Leben aussehen bzw. was im Vergleich zu Deutschland anders laufen soll. Und dann sollte man sich die Frage stellen, wie wahrscheinlich ist es, dass sich gerade das in Irland umsetzen lässt.

Das ist natürlich sehr individuell und ein “Lebensgefühl” lässt sich auch nur schwer auf einer Checkliste bewerten. Aber Traumland hin oder her, man sollte dennoch realistisch im Rahmen seiner Mittel und Möglichkeiten bleiben, um sich selbst vor Enttäuschungen zu bewahren.

Job und Wohnung – das A und O

Nachdem man sich also gefühlsmäβig soweit vorstellen kann in Irland zu leben, würde ich den praktischen Teil ganz klar mit der Jobsuche beginnen. Ich persönlich fände es zu riskant ohne einen Arbeitsvetrag in der Tasche nach Irland zu kommen. Oder sagen wir mal so, ich hätte mich nicht allzu lange ohne ein Einkommen über Wasser halten können. Auβerdem ist es auch hilfreich zu wissen, ob/wo Arbeitskräfte benötigt werden, um seine eigenen Chancen einzuordnen. Als Deutschsprachiger sind diese derzeit gar nicht so schlecht. Auf der Webseite www.jobs.ie lässt es sich gut nach verschiedenen Branchen sortiert suchen. Das irische Durchschnittsgehalt liegt etwas über dem Deutschen, aber ebenso auch die Lebenshaltungskosten. Als Nichtraucher und bei mäβigem Alkoholkonsum kommt man mit Aldi und Lidl aber auch in Irland ganz günstig davon :-).

Nicht so allerdings, wenn es um das Dach über dem Kopf geht. Die derzeitige Wohnraumsituation in Irland ist ein Dilemma. Die Mieten im Groβraum Dublin sind horrende, aber nur hier gibt es Jobs. Seit 2013 sind die Mieten in Dublin jedes Jahr um mind. 10% gestiegen (auβer in 2015 nur um 8,2%; Quelle: Irish Rental Price Report). Im Landesinneren kann man sich vielleicht ein hübsches Häuschen leisten, aber das Pendeln wird zum Albtraum. Das bringt mich wieder zu vorheriger Frage zurück – was will ich? Kann ich mich für meinen Traum in Irland zu leben mit einem kleinen, überteuerten Apartment in der Stadt, meist weit unter dem deutschen Standard, arrangieren? Oder lege ich wert auf ein gemütliches Zuhause und bin dafür bereit tief in die Tasche zu greifen oder einen langen Arbeitsweg auf mich zu nehmen? Die Wohnungssuche lässt sich besser vor Ort gestalten, aber es schadet nicht sich schon einmal vorab zu informieren, z.B. auf www.daft.ie oder www.myhome.ie. Ihr dürft geschockt sein!

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Häufig werde ich zum Thema Krankenversicherung in Irland gefragt, weswegen ich das hier kurz erwähnen möchte. Gesetzlich krankenversichert ist man in Irland nicht automatisch. Einige groβe Firmen bezahlen ihren Arbeitnehmern eine private Krankenversicherung, ansonsten kann man diese auch eigenständig abschlieβen. Der Jahresbeitrag variiert stark, je nach Anbieter und was man inkludiert haben möchte. Ich habe bisher ganz gut ohne eine Krankenversicherung gelebt (und beim Schreiben dieser Zeile mal eben kräftig auf Holz geklopft). Man bezahlt ganz einfach wenn man zum Arzt geht (Hausarzt so zwischen €50 – €80 pro Konsultation, Kinder unter 6 Jahren frei). Facharzttermine mit Überweisung sind kostenfrei. Allerdings kann es sein, dass man als Nicht-Privatpatient lange auf einen Termin warten muss, was dann eher für eine Krankenversicherung spricht. In Notfällen bezahlt man einen Pauschalbetrag von derzeit €100 sowie Krankenhaustagegeld. Alle Leistungen für werdende Mütter im Rahmen der Schwangerschaft sind kostenfrei. Weiterführende Informationen zu diesem Thema gibt es hier.

Kinderbetreuung spielt seit kurzem auch für uns eine Rolle. Aus diversen Gründen haben wir uns entschieden, dass ich zunächst mit unserem Kind zu Hause bleibe und wir keine Fremdbetreuung in Anspruch nehmen. Obwohl dies eine gewollte Entscheidung war, hätte es auch finanziell für mich nicht allzu viel Sinn gemacht, wieder in meinen alten Beruf einzusteigen. Bei meinen Recherchen wurden mir Gebühren von €850 – €1650 monatlich für einen Vollzeit-Kinderkrippenplatz genannt. Unter Berücksichtigung des Arbeitsweges und der Öffnungszeiten der Kindereinrichtung hätte ich verkürzt arbeiten müssen und was da am Ende des Monats übrig bleibt, ist den Aufwand nicht wert. Träumt man also von Groβfamilie und Karriere, sollte man lieber nicht nach Irland auswandern.

Was die Schul- bzw. Ausbildung angeht, gibt es staatliche, also kostenfreie Schulen sowohl in der Primär- als auch in der Sekundarstufe, es sei denn man entscheidet sich für eine Privatschule. Einschulungsalter in Irland ist 4 bzw. 5 Jahre. Ab dem 3. Lebensjahr kann ein kostenloser Vorschulplatz in Anspruch genommen werden. Für staatliche Universitäten bezahlt man derzeit eine fixe Studiengebühr von €3,000 pro Jahr. Diese Zusammenfassung des irischen Bildungssystems finde ich zu diesem Thema sehr hilfreich.

Irland ja oder nein?

Beim Beantworten der Fragen potentieller Irland-Auswanderer ist mir bereits aufgefallen, dass ich nicht gerade ein positives Bild der Grünen Insel zeichne. Und tatsächlich spricht vor allem die finanzielle Bilanz nicht gerade für mein Traumland. Nach wie vor schätze ich, was mich nach Irland gelockt hat: die freundliche und offene Art der Menschen, die herrliche Natur, die Sprache. Aber ich weiβ auch zu schätzen, dass ich unbewusst den richtigen Zeitpunkt zum Auswandern abgepasst habe. Wahrscheinlich würde ich auch heute noch einmal nach Irland auswandern. Ob ich es mir leisten könnte, ist eine andere Frage.