Bekannte in der Fremde – Alle kennen Ana!

31/07/2020
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Warum nicht Spanien?

Ja, warum eigentlich nicht? Wer mich oder zumindest meine Blogartikel kennt, dem kommt diese Frage vielleicht nicht ganz so aus der Luft gegriffen vor. Denn in meinem allerersten Blog-Post als Gastbloggerin bei „Die Blaue Banane“ beantwortete ich bereits die Frage „Warum Irland?“.

Und was hat das jetzt miteinander zu tun? Bevor ich 2014 nach Irland auswanderte, nachdem ich mich bei einem 6-monatigen Praktikum in die Grüne Insel verliebt hatte, hatte ich mein Herz schon einmal an ein Land verloren – Spanien.

In meiner Ausbildung zur Internationalen Touristikassistentin vor 18 Jahren (wow, ist das lange her!) stand Spanisch auf dem Lehrplan. Mir gefiel die Sprache so gut, dass ich mich entschied das vorgesehene Auslandspraktikum in Spanien zu verbringen. Genau genommen in Santiago de Compostela, das Ziel so vieler Pilger(innen) aus der ganzen Welt.

Irland vs. Spanien

Allein über diese 3 Monate, als meine erste Auslandserfahrung, könnte ich ein Buch schreiben. Aber das war noch nicht das Ende meiner „Liebesbeziehung“ zu Spanien. Als ich Jahre später Tourismus- und Freizeit Management studierte, verbrachte ich 2008 erneut ein Semester in Spanien. Dieses Mal 6 Monate in Salamanca, in der autonomen Gemeinschaft Kastilien und León, im Westen Spaniens. Währenddessen und im Anschluss bereiste ich mit Freunden einen Großteil des restlichen Landes.

Um die Frage vom Anfang zu beantworten: Hätte mir Irland kurz danach nicht völlig den Kopf verdreht, wäre ich stattdessen vielleicht nach Spanien ausgewandert.

Spanisch ist nicht gleich Spanisch

Ich muss zugeben, dass ich anfangs schon meine Schwierigkeiten mit dem spanischen Lebensstil hatte. Selbst als bekennende Nachteule und Befürworterin der Siesta, war das spanische Zeitverständnis noch einmal ein anderes. „Unter der Woche nicht so spät ins Bett gehen“ konnte da schon mal bedeuten nur” bis kurz nach Mitternacht aufzubleiben.

Nichtsdestotrotz tat das meiner Liebe zu der spanischen Kultur und vor allem der Sprache keinen Abbruch. Damit wären wir auch schon wieder bei Klischees. Denn eigentlich gibt es nicht die eine spanische Kultur. Nord- und Südspanien sind beinahe so unterschiedlich wie zwei völlig andere Länder.

Und es gibt auch nicht nur die eine spanische Sprache. Neben Kastilisch als offizieller Amtssprache Spaniens, existieren 4 weitere inoffizielle Sprachen, die weit über nur einen Dialekt hinausgehen: Katalanisch, Galizisch, Baskisch und Aranesisch. Während ich von meinen Kolleginnen im Pilgerbüro damals sogar ein paar galizische Wörter gelernt hatte, bin ich jetzt schon froh, einen halbwegs vernünftigen Satz in irgendeinem Spanisch herauszubekommen. Eher ziehe ich mich stillschweigend zurück, wenn ich jemanden Spanisch reden höre – aus Angst ich könnte in die Versuchung geraten, mit meinen verbliebenen Brocken auf Spanisch zu antworten.

Ana – ein Vorbild

Als ich Ana zum ersten Mal traf, wie sie mit ihren wenigen englischen Worten, ganz ohne Furcht auf die Leute zuging und sich mit Händen und Füßen verständlich machte, wusste ich, dass ich meine eigene Hemmschwelle überwinden und sie auf Spanisch ansprechen musste.

Nicht etwa um Anas Willen. Sie kam ganz gut alleine klar. Es war vielmehr so, dass ich gerne mehr mit ihr reden wollte. Ich wollte ihr sagen, wie großartig ich ihre Bemühungen fand sich zu integrieren. Dass ich vor ihr den Hut ziehe, wie sie sich trotz geringer Sprachkenntnisse, ganz ohne Berührungsängste unter das Volk mischt. Wie sie selbst anderen Neuankömmlingen noch dabei hilft sich willkommen zu fühlen. Aber vor allem war ich neugierig auf Anas Geschichte.

Anas Geschichte

Anas Geschichte zeugt von viel Mut, Großherzigkeit und Bestimmtheit. Im November 2017 kam sie von Elche an der spanischen Costa Blanca nach Irland. Ihre Enkelin Nora war damals knapp 4 Monate alt und Anas Tochter war im Begriff in ihren alten Job zurückzukehren. Ana war nach Greystones gekommen, um Nora tagsüber zu betreuen.

November ist nicht gerade die beste Zeit, um einen Neuanfang in Irland zu starten. Die Tage sind oft grau und es regnet viel. Demnach spielt sich mehr drinnen ab als unter freiem Himmel.

Es ist ein Wunder wie es Ana überhaupt gelungen ist, Leute in Greystones zu treffen, das sie fortan ihr Zuhause auf unbestimmte Zeit nennen würde. Ich erinnere mich wie sie mir in einem unserer ersten Gespräche – in einem Mix aus Englisch und Spanisch – erzählte, dass die kurzen Tage während des irischen Winters besonders hart waren. In Elche, das in der Provinz Alicante im Südosten Spaniens liegt, konnte man sich selbst zu dieser Zeit noch bis spät in den Abend hinein bei milden Temperaturen draußen aufhalten. Nicht so in Irland.

Kulturschock? Keineswegs!

„Alles macht so früh zu“, sagt Ana und zuckt mit den Schultern. „Nirgendwo kann man sich nach 18 Uhr noch auf einen Kaffee treffen.“ Das muss ein richtiger Kulturschock für Ana gewesen sein, dachte ich mir. Ana hingegen bleibt positiv: „Eine große kulturelle Umstellung habe ich eigentlich nicht wahrgenommen. Die meisten Iren, die ich getroffen habe, sind easy-going, halten gern einen Schwatz und das Eis ist schnell gebrochen. Die irische Gastfreundschaft ist legendär!“

Ana selbst ist ein sehr positiver und glücklicher Mensch. So beschreibt sie sich mit wenigen Worten und auch ich habe sie so kennengelernt. Ihren Mitmenschen mit Respekt begegnen, das ist hier wichtig. So wird sie es leicht haben sich in ihre neue Umgebung zu integrieren. Wenn nur die Cafes nicht so zeitig schließen würden…

Die Enkelin als Türöffner

“Eines Tages war ich mit meiner Enkelin Nora unterwegs und traf eine Mama, die mich zu einer der örtlichen Spielgruppen einlud. Dort traf ich dann andere Eltern, Großeltern, Tagesmuttis und Au-pairs aus verschiedenen Ländern. Das hat meinen Alltag hier in Greystones ungemein erleichtert.“

Nach wie vor mit wenig Englisch, brachte sich Ana von Anfang an bei den Kinder- & Elterntreffs ein. Anstelle sich in eine Ecke zurückzuziehen und lediglich mit ihren Landsleuten zu kommunizieren (von denen es durchaus einige gab), war Ana überall präsent. Oft war sie zur Stelle, wenn mal Not am Mann (bzw. am Kind) war. Ohne zu zögern tröstete sie schluchzende Kinder, deren Bezugsperson gerade mal einen Augenblick außer Sichtweite war. Großzügig verteilte sie Snacks (mit Einverständnis der Eltern) und kleine Goodies zur Weihnachtszeit. Zur Geburt unserer Tochter bedachte sie uns sogar mit einem Geschenk. Es war nicht verwunderlich, dass Ana schon bald viele Kinder und Eltern beim Namen kannte. Es war einfach unmöglich Ana mit ihrer freundlichen und dennoch keineswegs aufdringlichen Art in der Spielgruppe zu übersehen. Ich bin mir sicher, dass Ana inzwischen auch in Greystones kein unbekanntes Gesicht mehr ist.

Der Lockdown brachte uns näher

Mit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen aufgrund des Coronavirus im März, beschloss ich Ana zu kontaktieren. Einerseits weil ich wissen wollte wie es ihr und Nora geht, zumal wir beim letzten Elterntreff nicht ahnten, dass wir uns solange nicht sehen würden. Zum anderen wollte ich durch das Schreiben mit Ana mein Spanisch aufpolieren. Vielleicht würde ich mir wieder selbstbewusster eine mündliche Kommunikation zutrauen, bis ich Ana das nächste Mal begegnete.

Und so traten wir in einen regen, schriftlichen Austausch und lernten uns besser kennen. Wir stellten fest, dass wir beide leidenschaftliche Köchinnen (Ana sogar von Berufswegen) und Hobbybäckerinnen waren. In Zeiten von kurzzeitigen Lieferengpässen in den Supermärkten und Restaurantschließungen waren Rezepte & Co. ein besonders spannendes Thema für mich. Ana hatte in Spanien schon an vielen Kochkursen teilgenommen, von denen sie mir stolz ein paar Fotos schickte. Ich war begeistert!

Freundschaft geht durch den Magen

Spanien ist bekannt für seine kulinarische Vielfalt. Insbesondere im Hinblick auf Süßspeisen macht ihnen da keiner etwas vor. Der wahrscheinlich bekannteste Süßwaren-Export Spaniens sind Churros con Chocolate. Anas Repertoire geht jedoch weit darüber hinaus. Als ich ihr erzählte, dass ich mich zu Ostern an meinen eigenen Torrijas versucht hatte, weil sie mich immer noch an meinen Trip nach León über die Osterfeiertage 2008 erinnerten, verriet sie mir ihr Spezialrezept. Ich kann es kaum erwarten bis Ana von ihrer nächsten Spanienreise Originalzutaten mitbringt und wir ein bisschen Spanien in Irland genießen können.

Was Ana über Irland denkt

Neben ihrer Leidenschaft für das Kochen hat Ana noch viele andere Interessen, wie ich bei unserem Austausch und dem Interview für diesen Artikel erfuhr. Ihre Antwort auf die Frage, was sie an der irischen Kultur am meisten schätzt, zeigt, dass ihre Zuneigung zu Irland weit über die bereits zuvor gelobte Gastfreundschaft der Iren hinausgeht.

„Mit seinen brillanten Schriftstellern hat Irland einen großartigen Beitrag zur Weltliteratur geleistet. Zudem spiegeln die traditionelle Musik, das Irish Dancing, die Mythen und Legenden eine vielseitige Kultur wider. Fast überall findet man Burgen oder ihre Überreste, die von einer interessanten Geschichte zeugen. Zu guter letzt gibt es da noch die jüngere Architektur mit den herrlich-bunten Türen. Es gibt hier viel zu bereisen und erkunden“, schwärmt Ana.

Zwei Herzen in meiner Brust

Ich kann Ana so gut verstehen. Einerseits sehe ich, was sie an Irland so liebt. Andererseits bin ich mir bewusst, was sie in Spanien zurückgelassen hat. Auch ich habe mich damals für Irland und gewissermaßen gegen Spanien entschieden, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen und aus anderen Beweggründen als Ana.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie schwer es mir fiel meine Entscheidung rational zu rechtfertigen. Insbesondere als mich Freunde und Familie fragten, warum ich nach Irland ging, wenn ich doch meine Zeit in Spanien so genossen hatte. Bei der Recherche für diesen Artikel und durch die Korrespondenz mit Ana blicke ich nun durchaus sentimental auf Spanien zurück.

Ich schaue mir alte Fotos von meiner Zeit in Salamanca an (die von Santiago gibt es nicht digital, sondern nur in Papierform auf dem Dachboden meiner Eltern). Ich bestelle mir ein Buch über den Camino de Santiago und blättere in einem Bildband über Spanien, der im Bücherregal schon Staub angesammelt hat. Ich genieße es in meiner „spanischen“ Vergangenheit zu schwelgen und habe große Freude daran, von Ana mehr über ihren Heimatort Elche zu erfahren. Mir wird erneut bewusst, dass Spanien – neben dem guten Wetter (außer in Galizien, wo es eher wie in Irland ist) – so viel mehr zu bieten hat. Ein durchaus lebenswertes Land!

An der Spitze der Weltgeschichte

Spanien ist nach Italien das Land mit den meisten UNESCO Weltkulturerbestätten auf der Welt. Der historische Palmenhain von Elche ist eine von derzeit 42 UNESCO Attraktionen Spaniens. Zusätzlich gehören das Kulturzentrum und Schulmuseum von Pusol sowie das Mysterienspiel von Elche zum Immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO.

Das Mysterienspiel von Elche

Ein paar Tage nachdem Ana mir die Interview-Fragen beantwortet hatte, schickte sie mir eine Email. Sie enthielt weitere Informationen über das „Misteri d’ Elx“, wie es in Landessprache der autonomen Gemeinschaft von Valencia heißt. Es schien, als sollte ich dieser Veranstaltung besondere Aufmerksamkeit schenken. Als ich mir die Fotos dazu im Anhang anschaute, wurde mir klar warum.

Nicht einfach ein Theaterstück

Das Mysterienspiel von Elche ist ein musikalisches Drama über die Jungfrau Maria. Es ist das einzige, seit dem Mittelalter kontinuierlich aufgeführte Mysterienspiel der Welt. Seit fast 600 Jahren findet es in der Altstadt von Elche und der Basilika Santa Maria statt. Jährlich am 14. und 15. August kommen über 300 Freiwillige zusammen, um in irgendeiner Weise an dem Stück mitzuwirken. Ein Spektakel, was die gesamte 230.000 Einwohner Stadt Elche involviert. Mit Kerzen folgen die Menschen der Morgen- und Nachmittagsprozession, die in der Nachstellung des Begräbnisses von Maria gipfelt. Der Auferstehung folgt die Krönung Marias in der Basilika. Beide Akte werden ausschließlich gesungen, ohne instrumentale Begleitung.

„Man muss live dabei sein“

„Ich habe dir einen Video-Link zur Performance mitgeschickt“, schreibt Ana in ihrer E-mail weiter. „Aber der wird in keinster Weise dem Gefühl gerecht, live in der Kirche dabei zu sein. Wie die Stimmen der Sänger* in der Basilika widerhallen und auf dem Höhepunkt des Stückes (die Krönung Marias im Himmel) Gold herunterregnet.“ [*Anm.d.R.: Tatsächlich gibt es nur Sänger und keine weiblichen Darsteller im Misterio d’ Elx, da früher keine Frauen in der Kirche auftreten durften.]

Koffer packen und los

Es gibt so viele wunderbare Dinge auf dieser Welt, die darauf warten erkundet zu werden. Dinge, von denen ich oftmals noch nicht einmal wusste, dass sie existieren. Doch wenn ich dann einmal von ihnen gehört habe, kann ich es kaum erwarten sie mit eigenen Augen zu sehen.

Oder, um es mit Anas Worten zu sagen: „Lebe, genieße, träume und reise…und wenn du die Zeit hast, wiederhole es.“

 

(Alle Fotos zur Verfügung gestellt von Ana Navarro.)

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