Bekannte in der Fremde – Deutsche in Irland

05/07/2020
Anja_Bekannte in der Fremde
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Mein Mann sagt immer, dass man Deutsche in Irland schon von Weitem erkennt. Am Haarschnitt, den Wanderschuhen und den Regenjacken einer bestimmten Marke. Diese Theorie wurde neulich in einer Forumsdiskussion von Deutschen selbst bestätigt. Ein Zeichen deutscher Planungsfreude und mangelnder Spontanität?

Als ich noch im Tourismus arbeitete, beschrieb man die deutsche Zielgruppe mit „geplanter Spontanität“. Ein Widerspruch in sich, aber zu Marketingzwecken sicherlich sinnvoll.

Ich selbst bekenne mich der mangelnden Spontanität schuldig. Planen und Organisieren zählen aber auch nicht gerade zu meinen Stärken. Aber wir wissen ja wie das mit den Klischees ist. Es ist etwas Wahres dran, aber allgemein gültig sind sie eben auch nicht.

Gemeinsame Basis

Als ich Anja zum ersten Mal begegnete, fiel sie mir nicht direkt als ‘typisch deutsch’ auf. Und auch sie hat mich nicht etwa aufgrund einer farbigen Allwetterjacke als deutsch identifiziert. Vielmehr hörte sie mich in der örtlichen Stillgruppe mit unserem damals 4-Monatigen deutsch sprechen. Sie selbst war mit ihrer neugeborenen Tochter da und so kamen wir ins Gespräch.

Ich glaube es ist normal, dass man sich im Ausland automatisch mit Menschen der gleichen Nationalität zusammenfindet. Nicht etwa um sich wie zu Hause zu fühlen, sondern einfach weil es eine gemeinsame Basis darstellt. Das macht es einfacher sich in eine bestehende Gemeinschaft und eine neue Umgebung zu integrieren.

Alter Irland-Hase in der Nachbarschaft

Anja wohnte bereits seit 3 Jahren in Greystones als wir uns kennenlernten. Irland nannte sie seit 2007 mit kurzen Unterbrechungen ihr Zuhause. Es war nicht so, dass ich Anja brauchte, um neue Kontakte in Greystones zu knüpfen. Wir haben uns einfach auf Anhieb gut verstanden. Zudem verbindet es ungemein, Kleinkinder im gleichen Alter zu haben – mindestens genauso wie die gleiche Nationalität.

Zu unserer Freude stellten wir fest, dass wir direkt um die Ecke voneinander wohnten. Erstaunlich, dass wir uns vorher nicht schon einmal begegnet waren. Andererseits gingen wir – bevor wir Mütter wurden – beide unseren Berufen nach. Anja im Home Office und ich in Dublin City. Erst durch die Kinder kreuzten sich unsere Wege.

Die Delgany Ladies

Mit den Kinderwagen in Greystones unterwegs, lernten Anja und ich noch andere Mamis kennen. Schon bald waren wir ein kleines Grüppchen, das sich regelmäßig zum Lunch traf. (Ein Dankeschön an das Beach House, das uns jeden Donnerstag wie VIPs behandelte, als wir mit unseren krabbelnden Babies die gemütlichen Sofastühle okkupierten!)

Von da an nannte mein Mann uns „Die Delgany Ladies“ (wir wohnen zwischen Greystones und Delgany). Dabei stellte er sich uns als elegante 1920er Damen mit vornehmen Hüten und eleganten Sonnenschirmen vor. In seinem Kopf hatte er ein Bild, wir uns zum Picknick an der Strandpromenade trafen, während unsere Kleinen brav neben uns im Sand spielten. Auch Anja’s Mann David verpasste uns zwei mehr oder weniger treffende Spitznamen: „Die Ladies, die lunchen” und „Die Lecker-Lecker-Freundinnen”.

In Wirklichkeit konnten wir oftmals nicht einmal schnell genug unser Mittagessen hinunterschlingen, bevor sich jeder wieder seinem kleinen Wirbelwind widmen musste. Nichts desto trotz lässt sich nicht leugnen, dass wir eine schöne Zeit zusammen hatten. Als für viele Mamis die Elternzeit vorbei war und sie in ihre Jobs zurückkehrten, blieben Anja und ich als einige der wenigen Vollzeitmamis aus unserer Gruppe zu Hause. Ich glaube das hat uns noch einmal mehr zusammengeschweißt.

Gegensätze ziehen sich an

Drei Jahre später sind Anja und ich immer noch „hauptberuflich” Mamas. Unser Großer und Anjas inzwischen fast 3-jährige Tochter sind beste Freunde. Ich wage es zu bezweifeln, dass Anja und ich uns ohne die Kinder kennengelernt hätten. Unsere Interessen sind doch recht verschieden. Zwar sind wir beide gern in der irischen Natur unterwegs, ansonsten ist Anja eher im musischen Bereich anzutreffen.

Als Alt-Stimme der Bray Choral Society, liebt Anja (klassische) Musik und ihr Traum ist es irgendwann richtig Klavier spielen zu lernen. Wie sollte es als Bücher-Übersetzerin anders sein, ist Anja ein Fan der Literatur und Sprachen im Allgemeinen. Letzteres haben wir dann wieder gemeinsam.

Wie Ost und West

Dass wir uns in Deutschland über den Weg gelaufen wären, ist auch eher unwahrscheinlich, was überwiegend geographische und ein Stück weit historische Gründe hat. Anja stammt aus dem westlichen Teil Deutschlands und ich bin am ganz anderen Ende, im Osten, groß geworden. Dazwischen liegen über 500 km. Noch vor 30 Jahren gab es zudem eine unüberwindbare Mauer, die die innerdeutsche Grenze markierte. Wir sind wahrscheinlich die erste Generation, für die der Ost-West-Konflikt keine große Rolle mehr spielt. Denn lange nach dem Fall der Berliner Mauer 1989, schwelte die deutsch-deutsche Teilung noch in den Köpfen der Alt- und Neu-Bundesbürger. Ein Thema, worauf ich in diesem Artikel nicht näher eingehen möchte.

Größter, Höchster & Zirkuselefant

Als Anja die Region aus der sie kommt beschreibt, hört sich das fast so an wie das County Wicklow, in dem wir beide jetzt wohnen: Bewaldete Hügel, saftig grüne Wiesen, durchzogen von kleinen Flüssen, hier und da ein Gehöft. „Das Bergische Land ist ein wunderschöner Landstrich zwischen dem einst industriellen Ruhrgebiet und den höheren Lagen des Sauerlands“, schwärmt sie. „Trotz seiner bergigen Oberfläche ist der Name nicht geographischen Ursprungs, wie man vermuten könnte, sondern ist den Grafen von Berg zuzuschreiben, die die Region im Mittelalter regierten”, klärt mich Anja auf.

Hier, in der ca. 35,000 Einwohner großen Stadt Wermelskirchen, nicht weit von Köln entfernt, ist Anja geboren und aufgewachsen. Neben der Metropole am Rhein mit dem markanten Kölner Dom, scheint die Region jedoch weitaus mehr zu bieten zu haben. Und was wäre Deutschland ohne Rekorde „das größte“, „das älteste“, „das berühmteste“…?

Wie wäre es zum Beispiel mit einem Besuch der ältesten Trinkwassertalsperre Deutschlands? Oder der höchsten Eisenbahnbrücke, der Müngstener Brücke, die sich über das wunderschöne Wupper-Tal spannt? Mit ihrer gitterartigen Stahlkonstruktion erinnert sie an den Pariser Eifelturm. Eine Attraktion, die ihresgleichen sucht, ist die älteste Schwebebahn der Welt. Mit ihrem unter den Schienen hängenden Zug müsste man sie eigentlich als „Hängebahn“ bezeichnen. Kurioser ist da nur noch der Zirkuselefant Tuffi, der 1950 aus der Schwebebahn in die Wupper sprang. Während man heute noch mit der Bahn fahren kann, ist der Zirkuselefant allerdings längst „über die Wupper“ gegangen.

Das herzförmige“ Wuppertal

Der Besuch einer mittelalterlichen Burg gehört in Deutschland zum Pflichtprogramm. Auf dem Schloss mit dem ganz treffenden Namen „Burg“ lässt sich Historisches ideal mit Kulinarischem verbinden. Es ist berühmt für seine Bergische Kaffeetafel, bei der man mit Herzwaffeln und Kaffee aus der antiken Dröppelminna, einer Kaffeekanne aus Zinn, verköstigt wird.

Kein Wunder, dass sich Anja und David diesen Ort für ihre deutsch-irische Hochzeit ausgesucht haben. Zwar nicht das Schloss selbst, aber das landschaftlich reizvolle Tal der Wupper. Ich bin mir sicher, dass auch da etwas “Herzförmiges” mit von der Partie war.

Irische Männer sind unwiderstehlich

Ähnlich wie bei meiner Geschichte mit meinem Mann John, war auch Anjas und Davids Kennenlernen eine glückliche Fügung. Nach einem anderthalbjährigen Aufenthalt mit einer Freundin in Irland, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, verließ Anja 2009 die Insel wieder. Ursprünglich hatte sie nur für 1 Jahr bleiben wollen. Es war Zeit zu ihrer Familie nach Deutschland zurückzukehren und sich ins Berufsleben als Buch-Übersetzerin zu stürzen.

Aber Irland war nicht bereit Anja gehen zu lassen und hatte David als Ass im Ärmel. Beide verliebten sich ineinander nachdem sie sich einige Zeit lang geschrieben hatten. Nach ihrem ersten persönlichen Treffen auf neutralem Boden in Dänemark, war Anja regelmäßig zu Gast bei David auf der Grünen Insel. Ihre berufliche Selbstständigkeit erleichterte ihr das „Jet-Setter-Leben“. 2014 zogen Anja und David gemeinsam aus dem Apartment in Dublin City nach Greystones. Und der Rest ist Geschichte.

Unüberwindbare Hürde

Aufgrund ihrer hervorragenden Sprachkenntnisse und der allmählichen Eingewöhnung in den irischen Alltag, blieb der große Kulturschock bei Anja aus, als es dann für immer nach Irland ging. Letztendlich unterscheiden sich die deutsche und die irische Kultur im Wesentlichen nicht allzu sehr voneinander. Doch eine Hürde blieb – das Lesen des irischen Busfahrplanes.

Ich muss Anja Recht geben. Es macht wenig Sinn an einer Haltestelle die Zeiten anzugeben, an denen der Bus den allerersten Stop der Route verlässt. Schließlich möchte man wissen, wann der Bus an der entsprechenden Haltestelle abfährt und nicht erst ein Rechenexempel starten, wann er denn wohl da ankommt. Allerdings lässt sich damit auch gut Wartezeit totschlagen. Oder es gibt einem Anlass die „Touristenkarte“ zu spielen und direkt einen Einheimischen ins Gespräch zu verwickeln.

„Freunde kommen von ganz allein“

Auf die Frage wie es war in Irland Kontakte zu knüpfen antwortet Anja: „Im Grunde war es leichter als erwartet. Meine ersten Freunde waren zwar, wie ich, Ausländer(innen), die ihrerseits Anschluss suchten, doch irische Freunde und Bekannte kamen nach und nach hinzu. Meine erste irische Freundin lernte ich im Chor des Trinity College kennen.“

„Die irische Mentalität ist herzlich und gesellig, sodass man sich eigentlich nie ausgeschlossen fühlt“, erzählt sie weiter. „Zudem sind die Iren eine klassische Auswanderer-Nation und sind anderen Nationalitäten gegenüber demzufolge recht aufgeschlossen. Meiner Erfahrung nach werden die Deutschen hier recht positiv wahrgenommen. So haben sich viele Freundschaften für mich von ganz allein ergeben, man muss sich nur darauf einlassen.“ So wie an der Bushaltestelle zum Beispiel, wenn man gemeinsam die Ankunftszeit des Busses ausknobelt.

„Spannemann“ für Krabbelgruppen & Co.

Rückblickend kann ich bestätigen was Anja über das Freunde finden sagt. Allerdings fand ich es am Anfang schwer Anschluss zu den Iren zu finden. Nach der Arbeit gingen sie nach Hause zu ihren Familien oder unternahmen etwas mit ihrem eigenen Freundeskreis. Für mich brauchte es einen “Türöffner”, der schon über irische Kontakte verfügte und das war mein Mann John. Wenn man Kinder hat, trifft man ganz schnell neue Leute. Da werden bestehende Strukturen wie das Arbeitsumfeld aufgebrochen und die Karten noch einmal neu gemischt. Das hilft ungemein. Dennoch bin ich froh mit Anja einen “Spannemann” gefunden zu haben. Denn auch zu Krabbelgruppen & Co. gehe ich lieber in Gesellschaft. Gemeinsam haben wir dort unseren Bekanntenkreis erweitert.

„Sei glücklich oder ändere etwas“

Ich schätze mich glücklich Anja als Freundin zu haben. Zum einen natürlich, weil ich gern Zeit mit ihr verbringe. Zum anderen ist sie immer optimistisch und gut gelaunt. Es tut mir gut einen so positiven Menschen in meinem Leben zu haben. Passenderweise lautet ihr Lebensmotto: “Sei glücklich. Wenn du nicht glücklich bist, dann ändere was.

Es sieht so aus als müsste Anja in ihrem Leben nichts ändern. Als ich sie frage, was sie an Deutschland vermisst (abgesehen von Familie und Freunden), nennt sie nur ein paar unwesentliche Dinge wie Eisdielen und einen Drogeriemarkt, ohne die sie aber getrost leben kann. Demnach hat Anja nicht den Wunsch wieder nach Deutschland zurückzugehen. Sie fühlt sich in Irland inzwischen viel mehr zu Hause. Das soll mir nur Recht sein.

 

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