Nicht einsam genug – Raus aus der Zivilisation!

12/04/2021
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Der (irische) Corona-Regel-Wahnsinn

Wenn wir an dem überfüllten Spielplatz in unserem Ort vorbeilaufen, wo hunderte Kinder auf engstem Raum zusammen spielen, wir aber nicht auf den einsamen Waldwegen im Umkreis spazieren gehen dürfen, weil diese außerhalb unseres Bewegungsradius liegen. Dann möchte ich mich auf eine einsame Bergspitze verkrümeln, um mich nicht länger über die teilweise unsinnigen Corona Maßnahmen aufregen zu müssen.

Wenn unser Großer fragt, warum er sich am Nachmittag keinen Freund zum Spielen in den Garten einladen darf, obwohl er morgens im Kindergarten mit 20 Kindern und vielleicht sogar mit selbigem Freund gespielt hat. Dann möchte ich mir keine plausible Erklärung einfallen lassen müssen, sondern einfach meine Sachen packen und mich mit meiner Familie gleich freiwillig isolieren – auf einem abgelegenen Berggipfel. Welchen Unterschied macht das denn noch?

Wer braucht schon Kindersachen?

Wenn ich durch die Hauptstraße in unserem Ort bummele und all die geschlossenen Ladenfronten sehe – mit Postern davor, auf denen ich  “Unterstützt die lokalen Händler” lese. Wenn ich trotz dieser Aufforderung, der ich gern nachkommen würde, alles online bestellen muss, weil im Lockdown Level 5 nicht einmal ‘Click & Collect’ möglich ist. Wenn ich im Supermarkt zur abgesperrten Klamottenabteilung hinüberschiele um herauszufinden, ob Unterwäsche und Socken jetzt unter die ‘lebensnotwendigen’ Güter fallen oder nicht. Wenn ich dann feststelle, dass ich Socken zwar kaufen kann, die saisonale Kinderjacke jedoch hinter der Absperrung baumelt und ich sie somit nur aus der Ferne betrachten, aber nicht kaufen kann.

Reisefreiheit? Leider nicht ohne Reisepass!

Wenn mir meine Eltern erzählen, dass man von Deutschland aus zwar in den Urlaub nach Mallorca fliegen darf, der Besuch bei der Familie im Nachbarort jedoch gegen die Corona Bestimmungen verstößt. Wenn die Passstelle in Irland in der höchsten Lockdownstufe mal eben gar keine neuen Reisepässe mehr ausstellt, sondern der Kinderreisepass bis nach dem Lockdown warten muss. Wenn ich darüber nachdenke, was wir mit unserer anderthalbjährigen Tochter ohne Pass machen, falls wir doch aus triftigen Gründen zu meiner Familie nach Deutschland reisen müssen. Wenn ich die Variante, sie derweil bei der irischen Familie unterzubringen auch verwerfen muss, weil die nicht im selben County wohnt und unsere Kleine seit Monate nicht gesehen hat.

Dann kommt mir wieder der einsame Berggipfel in den Sinn, für den man – zumindest in meiner Fantasie – weder einen Reisepass braucht, noch seinen Bewegungsradius verlassen muss.

Greystones – Das Zuhause der ‘Cash-Kuh’

Wenn in unserem Ort Greystones und das angrenzende Delgany wieder ein Stück der herrlich grünen Landschaft zubetoniert wird, um mehr Häuser zu errichten. Wenn ich sehe wie schöne alte Gebäude plattgemacht werden und modernen, mehrstöckigen Apartmentkomplexen weichen. Wenn wieder irgendwo ein “New Development-Schild” auf einer Weide auftaucht, wo eben noch Schafe gemütlich grasen, in ein paar Monaten dann aber Bagger ihren Platz einnehmen. Wenn mir bewusst wird wie viel seines ursprünglichen Charmes das einst gemütliche Fischerdorf Greystones bereits eingebüßt hat und trotzdem kein Ende der Verschandelung abzusehen ist. Dann sehne ich mich nach dem Berggipfel hoch oben im Grünen.

Wenn ich mir vorstelle wie es wohl gewesen sein muss durch das wunderschöne Glen of the Downs zu spazieren, ohne das monotone Geräusch der Autobahn zu hören, die nun direkt durch das Tal verläuft. Wenn die engen, von Steinmauern gesäumten Country Roads allmählich verschwinden und breite Straßen entstehen, um dem täglich zunehmenden Verkehr standhalten zu können. Wenn ich daran denke, wie wir jeden Sonntag in der malerischen Kirche von Delgany bei der Andacht waren, mit den freundlichen Nonnen aus dem angegliederten Kloster. Wenn ich mir vorstelle, wie hart deren Umsiedlung aus dem Convent für sie gewesen sein muss. Wenn ich mir vor meinem geistigen Auge vorstelle wie das altehrwürdige Gebäude nun ebenfalls Teil eines modernen Wohnkomplexes wird. Dann möchte ich weg aus Greystones mit seiner allgegenwärtigen Cash-Kuh, die hier unerbittlich gemolken wird.

Eine zivilisierte Welt sieht anders aus

Wenn ich in den Nachrichten höre, dass der Begriff ‘Mutter’ aus britischen Geburtskliniken verbannt wurde und man nun der politischen Korrektheit halber ‘Gebärende Person’ sagt. Oder man in einer irischen Krebsvorsorge-Kampagne gar die umständliche Phrase ‘Person mit einem Gebärmutterhals’ anstelle von ‘Frau’ verwendet. Wenn Eltern in Kanada per Gesetz gezwungen werden können Hormonbehandlungen und Pubertätsblockern für ihre minderjährigen Kinder zuzustimmen, wenn diese eine Geschlechtsumwandlung anstreben, da der Staat ihnen die Kinder sonst entziehen kann. Wenn ich hoffe mich verhört zu haben, aber es tatsächlich nicht binäre Geschlechtsidentitäten gibt, die sich als Wurm oder gar Elf identifizieren und nun ein Recht darauf haben, auch so angesprochen zu werden. Wenn in einem Restaurant die dritte Toilette, neben dem männlichen und weiblichen Symbol, einen Alien abbildet und das weniger beleidigend sein soll als gar nicht erst eine dritte Option zu haben.

Dann denke ich nur – nichts wie ab auf den Berg in die Einöde, denn das ist nicht die zivilisierte Welt, in der ich leben möchte.

Der Berg ruft!

Vielleicht hat das Corona-Jahr mich verändert und ich bin durch die soziale Isolation weniger weltoffen und tolerant geworden. Vielleicht habe ich mich zu sehr auf meine eigene Familie fokussiert, dass es mir schwerfällt andere Meinungen zu akzeptieren, die zu stark von meiner eigenen abweichen. Vielleicht werde ich einfach alt oder war schon immer irgendwie konservativ. Vielleicht suche ich auch nur nach Gründen mich einzuigeln, um mich nicht mit meiner Sozialphobie auseinandersetzen zu müssen. Wie auch immer. Ich bin mir sicher, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem meine Familie und ich die Flucht auf einen einsamen Berggipfel ergreifen. Bis es soweit ist, sind wir in unserem geliebten idyllischen Garten zu finden :-).

2 Comments

  1. Werner

    Hallo Du junges Weib,ich hoffe Du kannst etwas runter kommen, zu jung und zu intelligent um den Kopf in den Sand zu stecken!
    Wer den Kopf in den Sand steckt kann leichter in den A….. getreten werden. Nicht so grantig, auf dem höchste Berg der Erde treffen sich auch die kaputten dieser Welt !
    Grüße aus Eilenburg
    Werner

    • Sylvia

      Hey Werner, der Text ist natürlich schon mit einem Augenzwinkern zu betrachten. Aber trotzdem frage ich mich manchmal in was für einer Welt wir leben. So haben wahrscheinlich auch meine Großeltern auf die Jugend geschaut als ich noch dazu gehörte 😉.

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