13/04/2020

WENN BÄUME SPRECHEN KÖNNTEN

...was würden sie sagen?

Würden sie uns verraten, dass kleine Feen und Kobolde in ihnen wohnen? So wie sie in der irischen Folklore und in Legenden vorkommen? Könnten sie sich an die Geschichten erinnern, so wie sie sich tatsächlich zugetragen haben? Wer weiß. Da wir uns auf die Überlieferungen verlassen müssen, wie sie von Generation zu Generation weitergegeben wurden, werde ich den Bäumen meine Stimme leihen und euch einen kleinen Einblick in die irische Mythologie gewähren.

Baum- & Waldfotografie © Sylvia & John Payne

HERZ ÜBER VERSTAND

Vorher ein paar Worte, warum Bäume auch in meinem Leben eine Rolle spielen. Wenn mich vor Jahren jemand gefragt hätte, wo ich leben möchte, hätte ich sicherlich gesagt am Meer. Noch heute denke ich, ja das klingt toll, ein Haus am Meer. Es hört sich nach jedermanns Traum an. Insbesondere für jemanden wie mich, der weit weg vom Meer aufgewachsen ist und für den es lange unerreichbar schien. Nun habe ich es durch einen glücklichen Umstand direkt vor der Nase. Höre ich jedoch auf mein Gefühl, schlägt mein Herz für den Wald. Für knorrige, moosbewachsene Bäume. Ich liebe es, wenn die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach flimmern. Der Geruch von feuchtem Waldboden, der sanft jeden Schritt abfedert. Ich würde mich nicht als Naturmensch bezeichnen. Aber meine Eltern haben mir in jedem Fall die Liebe zu Bäumen mitgegeben.

IM WALD GEBOREN

Ich habe das Gefühl,  dass wenn man jung ist, immer von dem weg möchte, was man hat. Je älter man wird, desto wohler fühlt man sich in der Nähe dessen, was man kennt und lieben gelernt hat. Mein Name Sylvia bedeutet "die im Wald Geborene". Und der ist auch ganz treffend. Mein erstes Lebensjahr verbrachte ich mit meiner Familie in einem Haus am Waldrand. Das nächste Dorf war etwa 1, 5 km entfernt. Unsere Adresse war einfach "Haus am Wald". Das klingt sehr abenteuerlich, aber bewusst kann ich mich daran selbstverständlich nicht erinnern. Meine Mama hat mir jedoch erzählt, dass sie mit mir im Kinderwagen jeden Tag durch den Wald spazieren gegangen ist. Ich hätte immer ganz interessiert nach oben geschaut, wie die Baumkronen wackelten und an mir vorüberzogen, bis mir die Augen schwer wurden und ich schließlich einschlief.

KINDHEITSERINNE-RUNGEN

Als ich 1 Jahr alt war, zogen wir in die nächst größere Stadt um. Solange ich denken kann, kamen wir fast jedes Wochenende zum Spazieren gehen in den Wald an unserem alten Haus zurück. Es war das Elternhaus meiner Mama und sie verband sehr viel mit dem Ort. Auch uns war es vergönnt zahlreiche Kindheitserinnerungen dort zu sammeln, auch nachdem wir weggezogen waren. Im Winter nahmen wir den Schlitten mit in den Wald. Einmal hatte mein Papa die Idee, ihn ans Auto zu binden und so sausten wir über die verschneiten Waldwege. Zu Ostern versteckten meine Eltern bunte Schoko-Eier am Wegesrand. Naiv wie wir waren, brachten meine Schwester und ich sie immer wieder zu meinen Eltern zurück, damit sie sie für uns tragen konnten. Die Ausbeute am Ende war ernüchternd, weil wir sie alle doppelt und dreifach gesucht hatten.

KONSTANTE

Ich habe die Waldspaziergänge mit meiner Familie immer genossen. Dass heißt meistens. Als Teenager gab es natürlich schöneres als nach einer kurzen Nacht "frische Luft schnappen" zu gehen. Abgesehen davon ist insbesondere dieser Wald eine Konstante in meinem Leben und war immer ein wichtiger Bestandteil unseres Familienlebens. Für tiefgreifende Gespräche und so manche urkomische Episode. Vielleicht geben mir Wälder deshalb ein positives Gefühl.

 

UNABDINGBAR

Oder das ist alles sentimentales Gefasel und ich mag schlichtweg Bäume. Wie auch immer. In jedem Fall hat es mich in ein Land verschlagen, in dem Bäume als magisch gelten. Zumindest bei den Fabelwesen, die sie laut irischer Mythologie bewohnen. Bäume spielen in der irischen Folklore eine große Rolle. Schon damals wussten die Menschen, dass Bäume zum Überleben unabdingbar waren. Lernten aber auch, von welchen sie sich lieber fernhalten sollten.

ETHYMOLOGIE

Beweise dafür lassen sich in ganz Irland finden. Viele Ortsnamen enthalten Silben die auf Bäume zurückzuführen sind. So zum Beispiel "cullen", was Stechpalme bedeutet oder "deagh" für Birkenhain. Orte mit der Vorsilbe "kil" oder "kyle" beziehen sich mitunter auf das irische Wort "coill", was Wald heißt. Die Stadt Youghal im Co. Cork ist abgeleitet von "yew wood" = Eibenwald und Derry von "daire" = Eichenwald. (Quelle: forestryfocus.ie)

SYMBOLIK

In der irischen Mythologie dominieren drei Bäume: die Eiche, die Birke und die Esche. Die Eiche gilt schon immer als Zeichen für Stärke sowie Fruchtbarkeit und wurde demnach oft den Königen zugeschrieben. Deshalb findet man sie häufig in der Nähe von königlichen Grabstätten. Die Birke ist ein keltisches Symbol der Liebe. Oft hängten die Menschen Birkenzweige über die Wiege, um ihre Babies zu beschützen. Die Esche mit ihrem starken, aber dennoch flexiblen Holz steht für allgemeines Wohlbefinden. In Verbindung mit Brunnen oder natürlichen Quellen wird sie auch mit Heilung assoziiert. (Quelle: Niall Mac Coitir "Irish Trees - Myths, Legends & Folklore", Gill Books)

ABERGLAUBE

Vielleicht ist es nur ein Klischee, dass die Iren besonders abergläubisch sind. Ihre Feenbäume nehmen sie allerdings ernst und achten darauf, dass ihnen niemand zu Leibe rückt. Ein Feenbaum ist zumeist eine Esche oder ein Weißdorn. Entscheidendes Merkmal ist jedoch sein Standort. Fernab von seinen Artgenossen steht er allein in der Mitte eines Feldes oder am Wegesrand. Die Blüten des Weißdorn galten seit jeher als unheilbringend. Lange nachdem der Busch seinen Ruf weg hatte, fanden Wissenschaftler heraus, dass seine Blüten eine Chemikalie enthalten, die auch beim Zersetzungsprozess menschlicher Haut vorkommt. Grund genug den Busch zu meiden, oder? (Quelle: YourIrish.com)

LEGENDEN

Als man sich Dinge noch nicht wissenschaftlich erklären konnte, erfanden die Menschen Geschichten, um sich auf gewisse Naturphänomene einen Reim zu machen. Hat St. Patrick wirklich die Schlangen aus Irland vertrieben? War es ein Riese, der den Giant's Causeway in Nordirland gebaut hat? Wahrscheinlich nicht, aber die Legenden dazu existieren bis heute. Die Überlieferungen mögen übernatürliche Elemente enthalten, aber sie sind mehr als nur Märchen. Sie spiegeln die Gefühle jener Menschen wider, die sie erfanden und berichten von ihren Sorgen und Ängsten. (Quelle Biggs „Pocket Irish Legends“, Gill Books)

VORZEIGEKOBOLD

Heutzutage helfen Legenden eher dabei Irland als Land der Leprechauns und Geschichtenerzähler zu vermarkten. Während diese beiden Attribute tatsächlich auf Irland zutreffen, wurde der Leprechaun selbst mal eben der irischen Nationalfarbe angepasst. Anstelle einer braunen Jacke und eines roten Hutes erscheint der Vorzeige-Kobold nun in knalligem Grün mit überdimensionalem Hut, welcher in keinem Souvenirshop zu übersehen ist. In der irischen Folklore ist der Leprechaun allerdings ein garstiger Naturgeist und ganz und gar kein niedliches Souvenir. Wenn ihn jemand zu fangen vermochte, musste es ihm gelingen ihn solange festzuhalten, bis ihn der Leprechaun zum Topf voller Gold führte. Der kleine Geselle war jedoch viel zu schlau und entwischte jedes Mal. Deshalb ist der heißbegehrte Schatz nach wie vor am Ende irgendeines Regenbogens versteckt.

FEENFRAU

Der Geist dessen Erscheinen ich am meisten fürchte, ist die Banshee. Vor allem das, wofür sie steht. Der Name kommt aus dem irischen von Bean-Sidhe und bedeutet Feenfrau. Über ihr Aussehen ist man sich nicht einig, zumal sie wohl im Stande ist, verschiedene Gestalten anzunehmen. Meist wird sie als wunderschöne junge Frau mit langen weißen (oder roten) Haaren beschrieben. In Irland erzählt man sich, dass ihr eigener Tod so schrecklich gewesen sein soll, dass sie nun über Familien wacht und diese warnt, wenn das Ableben eines Angehörigen unmittelbar bevorsteht. Das tut sie mit einem hohen Kreischen oder Heulen. Manche sagen, dass sie Sterbende sogar sicher bis auf die "andere Seite" begleitet. Eine dramatische Legende, aber ein schöner Gedanke so von der Welt zu gehen. Dennoch würde ich der Banshee lieber später als früher begegnen. (YourIrish.com)

FAKE NEWS

In meiner Zeit in Irland habe ich so manche Legende gehört und gelesen. Oft sind sie harsch und brutal und erinnern damit ein wenig an die Märchen der Gebrüder Grimm. Beide enthalten einen tieferen Sinn oder eine lehrreiche Botschaft. Ich denke, dass Überlieferungen, aus denen wir eine Lehre ziehen sollen, ein gewisses Maß an Drama oder eine schockierende Wende enthalten müssen. Das bringt uns doch erst dazu aufzuhorchen oder uns näher mit etwas zu beschäftigen. Nicht zuletzt dienen die irischen Legenden auch der Unterhaltung. In erster Linie wurden auf diesem Weg jedoch Heldentaten, Warnungen und der respektvolle Umgang mit der Natur von Generation zu Generation weitergegeben. Ein bisschen wie mit den Fake News unserer heutigen Informationsgesellschaft. Nicht alles entspricht komplett der Wahrheit, aber sie finden Anklang. Was meint ihr?

Wer mehr über die irische Feenwelt wissen möchte, dem kann ich die Hörsendung der freien Journalistin Dorothea Brummerloh empfehlen.

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