Wie um Himmels Willen konntest du Mauritius verlassen?

19/10/2020
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Mauritius - InselnordenMauritius - Wanderung durch ZuckerrohrMauritius - Farzanas StrandMauritius - Teefelder

Von Insel zu Insel – Farzanas Geschichte

Ich liebe mein Projekt „Bekannte in der Fremde“. Mit jedem Artikel lerne ich so viel Neues über ein fremdes oder sogar mein eigenes Land. Wie der Name schon sagt sind alle bisherigen Teilnehmer(innen) Bekannte von mir. Dennoch bin ich immer wieder überrascht wie viel ich dabei auch über sie erfahre. Es ist mir eine Freude ihre Auswanderer-Geschichten auf meinem Blog teilen zu dürfen.

Farzana beantwortete meine Interviewfragen so ausführlich und spannend, dass ich mir eigentlich gar nicht die Mühe machen müsste, sie in einen Blogartikel umzuschreiben. Aber ich möchte ihre Geschichte mit meinen eigenen Worten nacherzählen. Wie immer soll es dabei auch ein wenig um mich und meine Sichtweise gehen. Wir freuen uns über Feedback und Kommentare zu ‘unserer’ Geschichte!

Unsere erste Begegnung

Unsere erste Begegnung scheint mir ein guter Anfang zu sein. Ich lernte Farzana – wie auch schon Ana aus meinem vorherigen Artikel – in einer Spielegruppe in Greystones kennen, wo wir über unsere Kinder ins Gespräch kamen. Ich hatte Farzana gefragt, wie um Himmels Willen sie Mauritius verlassen konnte, um stattdessen in Irland zu leben. Unmittelbar danach biss ich mir auf die Zunge, denn diese Frage hatte sie wahrscheinlich schon unzählige Male zuvor gehört. Hätte ich mir nicht etwas Originelleres einfallen lassen können?

Ich muss dazu sagen, dass für mich nicht offensichtlich war, woher Farzana kommt. Noch nie war ich jemandem aus Mauritius begegnet und wusste auch nicht viel über die kleine Insel im Indischen Ozean. Außer dass sie wegen ihrer Strände ein beliebtes Hochzeitsreiseziel war. Doch nach meiner plumpen Auftaktfrage wollte ich nicht auch noch mit Klischees um die Ecke kommen.

Warum Irland?

Die Kernfrage meiner „Bekannte in der Fremde“-Artikel. Immerhin bewog sie mich überhaupt erst zu dieser kleinen Blogserie. Denn auch ich hatte die selbe Frage in meinem allerersten Blogartikel beantwortet. Ich finde es spannend, wie und warum es Auswander/innen wie mich nach Irland verschlug. Und insbesondere wie sie letztendlich in Greystones landeten.

Farzana hatte schon in anderen europäischen Ländern gelebt, bevor sie nach Irland kam. Während ihres Studiums in Frankreich lernte sie ihren mauritischen Mann kennen, der zu dieser Zeit in Irland studierte. Als sie nach Mauritius zurückkehrte, um dort für ein paar Jahre zu arbeiten, blieb ihr Zukünftiger in Irland und schloss sein Studium ab. Nach ihrer Hochzeit zog Farzana zu ihm auf die Grüne Insel, wo sie glücklich und zufrieden lebten.

Von Mauritius nach Greystones

Es wäre eine sehr kurze Geschichte, wenn jetzt schon das „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ kommen würde. Mit ihrer inzwischen vierköpfigen Familie lebte Farzana für 8 Jahre in Dublin, bevor sie und ihr Mann sich entschlossen, nach Mauritius zurückzukehren. Sie wollten näher bei ihren Familien sein, nun da sie selber 2 kleine Kinder hatten.

Aber nach nur 9 Monaten in ihrer Heimat stellten sie fest, dass sie dort nicht das fanden, was sie sich für ihre junge Familie vorgestellt hatten. Aus persönlichen und beruflichen Gründen ging es also wieder nach Irland, dieses Mal in das familienfreundliche Greystones. Freunde halfen ihnen Fuß zu fassen und ihr damals 3 Jahre alter Sohn fand schnell Anschluss in der Vorschule. Das klingt erneut nach einem Happy End, ist aber noch immer nicht das Ende von Farzanas interessanter Geschichte.

Warmherzig und distanziert

Farzana und ihre Familie leben seit nunmehr fast 2 Jahren in Greystones. Die Antwort auf die Frage, ob sie sich gut integriert fühlt, überraschte mich sehr: „Die meiste Zeit fühle ich mich hier willkommen und als vollwertiges Mitglied der örtlichen Gemeinschaft. Aber es gibt auch Tage da komme ich mir fehl am Platze vor. Einsam und irgendwie als ob ich nicht hier sein sollte. Es war meine Entscheidung in einem fremden Land zu leben und daher werde ich das wohl akzeptieren müssen.“

„Es gibt einige wenige Leute in Greystones, die zu Recht denken, dass Ausländer ihnen den Platz wegnehmen“, sagt Farzana. „Und natürlich fühle ich mich nicht so wohl, wenn mir jemand dieses Gefühl vermittelt. Aber ich habe bereits in vielen anderen europäischen Ländern gelebt und war im Großen und Ganzen angenehm überrascht von der Wärme und Herzlichkeit der Iren. Mit meiner Hautfarbe und meinem Namen ist es nun mal eine Herausforderung woanders zu leben“, merkt Farzana abschließend zu diesem Thema an.

Farzana - Portrait Strand GreystonesFarzana - Strand GreystonesFarzana Swimrise GreystonesFarzana The Cove Greystones

Rassismus in Greystones?

Es fällt mir schwer die Worte Rassismus und Greystones in einem Satz zu erwähnen. Beinahe wie ein Tabu. Es ist nicht so, dass ich einen Bogen um das Thema machen möchte oder denke, dass es nicht existiert. Aber es fühlt sich befremdlich an festzustellen, dass Rassismus selbst vor so einem so kleinen, familienfreundlichen Ort wie Greystones nicht Halt macht.

Dabei ist es wahrscheinlich gerade in einer Kleinstadt ein Thema. In Greystones kennt man sich, begegnet sich regelmäßig auf der Straße. Man ist Teil einer überschaubaren Gemeinde. Das ist schön, bedeutet aber auch, dass man heraussticht, wenn man eine andere Hautfarbe hat. Anders als in einer multikulturellen Großstadt.

Alle im selben Boot – oder doch nicht?

Genau wie die Iren sind auch die Mauritier eine Auswanderernation, wie mir Farzana erklärt: „Das Auswandern steckt uns wahrscheinlich in den Genen. Schon unsere Vorfahren waren Auswanderer, die nach Mauritius kamen. Mir sagte mal jemand, dass es für so eine kleine Insel ganz schön viele von uns überall in der Welt verteilt gibt.“

Als Auswanderin kann ich gut nachempfinden was Farzana über das Thema Integration in einem fremden Land sagt. Und gleichzeitig auch nicht. Denn selbst im kleinstädtischen Greystones falle ich nicht unmittelbar als Ausländerin auf. Wenn ich mich gelegentlich als Außenseiterin fühle, weil ich befürchte, jemand könnte sich an meinem Akzent stören, findet das eher in meinem Kopf statt. Nicht so bei Farzana. Als Zugewanderte haben wir beide theoretisch den selben Status. Und doch bekommt Farzana das ‘Anderssein’ auf eine andere Weise zu spüren als ich. Das ist genau worum es bei Rassismus geht, oder?

Ein bisschen Geschichte

„Mauritius wurde von vielen verschiedenen Ländern kolonisiert, weil es sozusagen ein Zwischenstopp auf dem Seeweg von Europa nach Asien war. Eine Insel, auf der es zunächst nur Berge, Wald und Tiere gab. Nach und nach wurde das Eiland von seinen Entdeckern bevölkert. Erst von den Niederländern, dann den Franzosen und Briten. Demnach sind Mauritier die Nachkommen all der Völker, die sich auf Mauritius niederließen (wahrscheinlich zwischen 1600 und 1800).“

Traurigerweise kamen viele der Siedler unfreiwillig nach Mauritius, um das Land zu bewirtschaften und Viehzucht zu betreiben. Sie waren Sklaven aus Afrika und Arbeiter aus Indien (Farzanas Vorfahren). „Es ist dennoch ein wichtiger Bestandteil der mauritischen Geschichte, der die Insel zu dem machte, was sie ist und den Menschen seine Identität gab. Deshalb haben wir ein reiches Erbe, was die Architektur, Küche und Sprachen angeht“, sagt Farzana stolz.

Geschmacksache

Als Farzana mir die Frage nach ihrem größten Kulturschock in Irland beantwortet, muss ich schmunzeln: „Was mir zu schaffen macht ist, dass jedes Dessert mit zu viel Sahne serviert wird und die Essensportionen riesig sind”. Im Gegenzug dazu scheinen die Iren kein Konzept von ‘zierlich, aber gesund’ zu haben. Ich erinnere mich wie mir Farzana berichtete, dass ihre Tochter als Baby ständig zum Wiegen antreten musste, weil sie nicht den irischen Gewichtsstandards entsprach. Dabei hätte ein Blick auf Farzanas filigrane Statur genügt, um zu wissen, dass die heute 3-Jährige nie auf dem gleichen Perzentil wie irische Gleichaltrige landen wird.

Im Bezug auf die Größe der Portionen im Restaurant sind sich Deutsche und Iren wohl recht ähnlich. Nicht aber, wenn es um die Kleidungsetikette geht, bei der ich Farzanas zweiter Aussage zum Thema Kulturschock nur beipflichten kann. Auch ich finde es nicht salonfähig sich im Jogginganzug zu gesellschaftlichen Anlässen zu zeigen. Ein Kulturschock für Deutsche und Mauritier gleichermaßen.

Irische Sommer sind Mauritische Winter

Als Farzana zugibt, dass sie tatsächlich ein wenig gebraucht hat, um sich an das irische Wetter zu gewöhnen, fühle ich mich nicht mehr ganz so schlecht ihr die Eingangsfrage gestellt zu haben. Angesichts des tropischen Klimas auf Mauritius ist es erstaunlich, dass Farzana nicht direkt wieder die Flucht ergriffen hat. Auf der Grünen Insel im Atlantik pegeln sich die Sommertemperaturen mitunter bei 18 Grad ein. Für die Grüne Insel im Indischen Ozean ist das beinahe der Winterdurchschnitt.

Eine Kindheit wie im Traumurlaub?

Obwohl Farzana unweit des Strandes im Osten von Mauritius aufwuchs, verbringt sie heute mehr Zeit in der Irischen See als damals im Indischen Ozean. „Die mauritische Ostküste ist berühmt für ihre Strände und die touristischen Resorts,“ erzählt mir Farzana. Als ich mir gerade vorstelle, wie es wohl gewesen sein muss in einer der beliebtesten Urlaubsregionen der Welt aufzuwachsen, wirft Farzana ein, dass sich kaum Einheimische diese Ferienparadiese leisten konnten.

„Glücklicherweise hat sich das geändert und auch Inselbewohner machen zunehmend Urlaub in den örtlichen Hotels – wenn auch in der Nebensaison. Den Eindruck, den ausländische Gäste von Mauritius bekommen, beschränkt sich allerdings auf die Traumstrände. Kaum einer sieht etwas vom alltäglichen Leben und wie die Menschen auf Mauritius arbeiten,“ merkt Farzana an.

Authentisch aber Bequem

Ich habe lange im irischen Tourismus gearbeitet und stelle weltweit immer wieder Parallelen in der Branche fest. Allem Anschein nach gibt es einen Trend zum nachhaltigen Reisen und authentischen Erlebnissen. Aber gerade das Thema Authentizität hat seine Grenzen. Viele möchten in ihrem Urlaub dann doch nicht ihre Komfortzone verlassen, denn schließlich soll es ja Erholung sein. Es reicht ihnen aus die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abzuklappern und das Land als ‘bereist’ abzuhaken.

Da gibt es die großen Kreuzfahrtschiffe, die Nachhaltigkeit und grünen Tourismus promoten. Die Hop-on-hop-off Busse, die Touristen durch die Slums kutschieren – Fotostopp inklusive. Agenturen, die ‘Einen Tag Arbeit im Reisfeld’ als Abenteuer pur verkaufen. Immerhin geschieht vieles unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit, der Geld in die Kassen armer Regionen spült und die Aufmerksamkeit auf Probleme lenkt. Doch was hat das bitteschön mit authentischen Erlebnissen zu tun?

Die ‘Touristen-Hülle’

Während meiner Tätigkeit bei diversen irischen Reiseveranstaltern bekam ich des Öfteren die Anfrage nach einem Treffen mit einer ‘authentischen irischen Gemeinde’. Man wollte sozusagen die ‘Ureinwohner’ des Landes – am liebsten noch im authentischen, heimischen Wohnzimmer – treffen. Der Bestseller ist nach wie vor die Traditionell Irische Nacht mit Volkstanz und Folklore Musik. Denn das ist – laut Reisebroschüre – was die Iren allerorts tun. Mein irischer Mann sagt dazu, dass wir sie zu uns nach Hause einladen sollten, damit sie uns Freitagabend beim Einschlafen auf der Couch zuschauen können. Das ist dann wirklich authentisch.

Mal ganz im Ernst, natürlich verstehe ich das Konzept, Touristen durch Folklore und lokale Bräuche die Kultur eines Landes näherzubringen. Aber anstelle von Authentizität wird da wohl eher eine Inszenierung geboten. Verständlicherweise kann eine 40-köpfige Reisegruppe nicht einfach in ein Pub einmarschieren um dort spontan einer irischen Trad-Session beizuwohnen. Und darin liegt für mich der Widerspruch – eine einstudierte Show vor Massenpublikum ist selten authentischen Charakters. Ist es nicht schade, wenn man auf Reisen nur die Touristenfassade eines Landes präsentiert bekommt?

Ich selber habe mich schon vor einer Weile sowohl beruflich als auch privat vom Pauschaltourismus distanziert. In meine Überlegungen wie und ob es für mich als Touristikerin in der Branche weitergehen soll, platzte die Corona-Krise…

Farzanas Beruf(ung)

Diesen kleinen Exkurs in die Reisebranche konnte ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen. Auch in Mauritius ist der Tourismus die größte und bedeutendste Einnahmequelle des Landes. Farzana fand ihre Berufung allerdings in einem anderen Sektor, den ich persönlich sehr spannend finde. Als Wirtschaftspsychologin war sie bereits in vielen Bereichen in Irland wie u.a. dem Gesundheitswesen, dem Energiesektor, dem Flugverkehr und dem Militär tätig.

Nach einer 3-jährigen Karrierepause für ihre Kinder wagt sie nun langsam den Wiedereinstieg in den Beruf. Als Expertin auf ihrem Gebiet ist sie für Personalauswahl und -evaluierung in Unternehmen zuständig und bietet entsprechende Trainings und Beratung an. Zum Anderen hilft sie Angestellten ihr Potenzial bestmöglich zu entfalten und individuelle sowie wirtschaftliche Ziele zu erreichen.

“Ein Schock für’s System”

Während ich Farzana und ihrer Tochter Anfang des Jahres noch in den wöchentlichen Spielegruppen begegnete, wo sie sich ehrenamtlich engagierte, sind unsere Treffen nun selten geworden. Doch wenn ich Farzana sehe, dann meistens am Strand von Greystones. Schon in den frühen Morgenstunden stürzt sie sich dort in die eisigen Fluten der Irischen See. Ein Hobby, worauf sie zurecht stolz ist.

“Im September 2019 gewöhnte ich mir – gemeinsam mit einer Gruppe anderer Mamis – das Schwimmen im Meer an. Das kalte Wasser belebt mich und hilft mir ein besseres Körpergefühl zu entwickeln. Obwohl es am Anfang wie ein Schock für’s System ist, fühle ich mich jedes Mal gut danach. Es ist wie ein Kick und so erfrischend, dass ich es immer wieder mache. Danach bin ich gewappnet für alles was der (All-)Tag für mich bereithält. Ich bin sehr dankbar so nah am Meer zu wohnen. Oft begegne ich hier Gleichgesinnten, mit denen ich die Leidenschaft für das Schwimmen teile.”

Offline-Fortsetzung folgt…

Es gibt noch so viele Dinge, die ich Farzana über ihre Heimatinsel Mauritius fragen möchte. Aber das werden wir dann mal bei einem Kaffee in Greystones fortsetzen. Abschließen möchte ich Farzanas Geschichte mit ihrem, wie ich finde, sehr passenden Lebensmotto: “Nichts ist so beständig wie Veränderung.” Gerade in Zeiten von Corona, in denen sich unser Leben innerhalb weniger Wochen so stark und bleibend verändert hat, ist diese Aussage aktueller denn je.

“Das Leben verändert sich ständig”, sagt Farzana. “Ich lebe nicht mehr bei meinen Eltern. Meine Kinder sind keine Babys mehr, ich selber nicht länger eine junge Berufsanfängerin und so weiter und so fort. Nutz die Zeit, die nächste Veränderung kommt bestimmt!”

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