Rabenmutter oder Supermami?

29/05/2020
Familienregeln

Familienregeln mit Kindern im Lockdown

Um Kleinkinder zu Hause bei Laune zu halten, muss man kein Entertainer, Hobbykünstler oder strenger Pädagoge sein. Lediglich von allem ein bisschen. In meinen vorangegangenen Artikeln hatte ich bereits darüber geschrieben, wie wir die Selbstisolation meistern und von unserem Leben als Home-Office-Familie berichtet. Hier soll es nun um die Königsdisziplin gehen: die Kinderbetreuung im eigenen Haus. Dabei hilft es natürlich, dass mein Mann John schon vor Corona Vollzeit im Home Office gearbeitet hat und ich seit 3 Jahren freiwillige Vollzeit-Mama bin. Ich habe unseren Alltag mit unserem 3-Jährigen und unserer 8 1/2-Monatigen in ein paar einfachen Familienregeln zusammengefasst, die sich bei uns auch ohne Lockdown und Selbstisolation bewährt haben.

Business as Usual

Ich bin entweder die beste Mama der Welt oder die größte Rabenmutter. Vielleicht sind unsere Kinder von Natur aus keine “Nervensägen”. Oder wir haben sie mit unseren Familienregeln diszipliniert. Mitunter liegt der ganze Stress noch vor uns, wenn sie erst einmal ins schulpflichtige Alter kommen. Wie auch immer. Im Moment jedenfalls ist mein Job als Vollzeit-Mama meistens recht entspannt. (Eine Aussage für die mir die derzeit unfreiwilligen, Übergangs-Haus-Mamis wahrscheinlich am liebsten an die Gurgel springen würden.)

Daran ändern auch die Covid19 Einschränkungen nichts. Die Kinder bekommen davon kaum etwas mit. Ich kann nicht sagen, dass ich sie als sonderlich traurig oder deprimiert empfinde, auch wenn sie derzeit ihre Freunde oder Großeltern nicht sehen können. Deswegen sehen wir uns auch nicht dazu veranlasst, die Ausgangsbeschränkungen mit besonderen Aktivitäten oder neuen Spielsachen zu kompensieren. Bei uns ist einfach ‘business as usual’ inklusive der altbewährten Familienregeln.

Oft bin ich das Problem

Wenn manche Tage eine größere Herausforderung darstellen als andere, liegt das häufig an mir. Klar sind die Kleinen manchmal anstrengender, ningeln öfter oder sind etwas anhänglicher als normal. Meistens sind sie jedoch sie selbst und verhalten sich ganz altersgerecht. Bin ich deswegen schneller gereizt, frustriert oder reagiere ungeduldig, bin ich diejenige, die einen schlechten Tag hat und meist nicht meine Kinder.

Die Familienregel vor den Familienregeln ist daher sich zunächst an die eigene Nase zu fassen. Übertrage ich möglicherweise meine schlechte Laune auf die Kiddis? Oder bin ich hibbelig und stifte damit Unruhe im ganzen Haus? Das hilft zwar nicht immer etwas an der Situation zu ändern, aber macht es mir persönlich leichter meinen Frust nicht an meinen Kindern auszulassen.

Was tun mit Kindern zu Hause?

In diesem Artikel möchte ich keineswegs auf den “Kreativ-Zug” aufspringen und Tipps geben, was man noch alles mit Kindern aus Lebensmittelresten und Sofakissen basteln kann. Es soll vielmehr darum gehen, wie wenig Kinder eigentlich zu ihrer Unterhaltung brauchen und wie ich mir damit das Vollzeit-Mami-Leben leicht mache. Hier also unsere 5 Familienregeln, die generell in unserem Haus gelten:

Familienregel # 1: Die Kinder sind nicht der Nabel der Welt.

Unsere Kinder sind mein Ein und Alles. Ich könnte mir nicht vorstellen in meinen Alltag ohne sie zu sein.

Das klingt erst einmal ganz danach, als wären sie der Nabel der Welt für mich und dass sich alles um sie dreht. Gewissermaßen tut es das auch irgendwie. Dennoch halten wir, also mein Mann und ich, es für wichtig unseren Kinder zu zeigen, dass das eben nicht immer so sein kann. Noch sind sie klein, aber trotzdem sollen sie schon lernen sich sozial zu verhalten und nicht immer ihren Willen zu bekommen. Immerhin sind wir es als Familie, die sie auf das Gesellschaftsleben vorbereiten. Es wäre nicht fair, wenn sie von Haus aus andere Regeln gewohnt wären, als die, die sie später in der Gesellschaft vorfinden, oder?

Deshalb denken wir, dass es ok ist, auch mal zu sagen “Warte kurz, Mama und Papa unterhalten sich gerade” oder “Das Essen ist gleich fertig und wir warten bis alle am Tisch sitzen”. Ein einfaches “Nein, das geht jetzt nicht” ist auch in Ordnung. Unser 3-Jähriger versteht das schon. Wenn man erst einmal das anfängliche Genörgel oder kleinere Wutausbrüche überstanden hat, zahlt es sich aus. Im Gegenzug bekommen sie viele Momente, in denen alle Aufmerksamkeit nur ihnen gilt.

Familienregel # 2: Halte dich an deine eigenen Regeln!

Wir denken, dass Kinder eine Routine und vor allem auch Regeln brauchen. Es hilft ihnen insbesondere dann, wenn sich um sie herum vieles verändert. Wie in Zeiten einer Pandemie zum Beispiel. Familienregeln sind schnell aufgestellt. Sie selber einzuhalten, bzw. sie konsequent durchzusetzen, ist die größere Herausforderung.

Niemand sieht seine Kinder gern weinen. Im Gegenteil, es macht mich regelrecht nervös sie frustriert zu erleben. Dennoch gebe ich nicht immer gleich nach und helfe sofort aus oder erlaube ihnen alles. Ginge es um etwas Gefährliches, bliebe ich auch standhaft und würde sie nicht auf die heiße Herdplatte fassen lassen. Warum also nicht mit Dingen, die zwar keine Gefahr darstellen, aber die sie trotzdem nicht machen (oder eben machen) sollen?

Es gibt viele positive Wege Familienregeln durchzusetzen, ganz ohne Druck oder laut zu werden (jedenfalls meistens). Wir versuchen zunächst immer alles kindgerecht zu erklären, warum etwas wichtig ist oder nicht getan werden sollte. Selten gibt es ein alleiniges “Nein”.

Der beste Weg Kinder dazu zu bringen sich an Familienregeln zu halten, ist immer noch sie selber zu befolgen. So wie Papa seine Gartenwerkzeuge nach dem Arbeiten wieder in den Schuppen stellt, räumen wir abends die Spielsachen auf, die sich tagsüber über das ganze Haus verteilt haben. Das klappt nicht immer ganz ohne Nörgeln, aber es klappt. Ob spielerisch, als Wettbewerb oder mit Überzeugungskraft, irgendwie landen die Spielzeuge am Ende in der Kiste. Es gibt Ausnahmen, aber die sind selten.

Familienregel # 3: Integriere die Kinder in deinen Tagesablauf und nicht andersherum!

Huhn oder Ei – ich weiß nicht was bei uns zuerst kam. Sind unsere Kinder von Natur aus so oder ist es unsere Erziehung? Sicherlich ein bisschen von beidem. Irgendwie ist es uns gelungen den Biorhythmus unseres Großen genau mit meinem überein zu bringen. Schon als Baby blieb er morgens ohne Protest länger im Bett und spielte für sich allein, sodass ich noch ein wenig snoozen konnte. Ich bin eine Nachteule und lasse es morgens gern langsam angehen. Das ist – zumindest bei unserem Erstgeborenen – nun auch so. Ein entscheidender Beitrag zu meinem entspannten Mami-Leben.

Wenn es darum geht Aufgaben im Haus zu erledigen, lasse ich die Kinder immer mit helfen. Auch wenn es zunächst mehr Arbeit als Erleichterung für mich bedeutet. Eine Ladung Wäsche musste ich anfangs mindestens dreimal auf den Ständer hängen, weil sie beim “Helfen” immer wieder auf dem Boden landete. Mit viel Geduld und ein wenig Anleitung habe ich unseren Großen in einen emsigen “Wäsche-Elf” verwandelt, der nun wirklich eine Hilfe ist. Er holt für mich den Wäschekorb, packt die Sachen in die Waschmaschine, schaltet sie ein und aus und nimmt sie wieder heraus. Selbstverständlich alles unter Aufsicht.

Im Gegensatz dazu wollte er sich im Garten anfangs, im wahrsten Sinne des Wortes, gar nicht die Hände schmutzig machen. Herummatschen und barfuß im Gras laufen waren gar nicht sein Ding. Es hat John einiges an Zeit und Geduld gekostet ihn zum fleißigen “Gartenzwerg” zu machen. Gemeinsames Herumrollen im Gras, Unkraut zupfen und Pflanzen bewässern gehören nun zur Lieblingsbeschäftigung der beiden.

Auf diese Weise erledigen wir etwas in Haus & Garten und beschäftigen gleichzeitig die Kinder. Manchmal bedarf es nur ein wenig Ermunterung unsererseits, einen kleinen Stups in den Hintern und gaaanz viel Geduld.

Familienregel # 4: Es geht auch ohne Spielzeug.

Diese Familienregel ist im Prinzip die logische Schlussfolgerung der vorherigen. Kinder wollen meistens das tun, was ihre Eltern machen und ihnen nacheifern. Aber brauchen sie dafür wirklich immer ein Spielzeug in Miniatur-Form? Ich finde nicht.

Unser 3-Jähriger liebt es “Küche” zu spielen. Anstelle ihm eine Spielzeugküche zu kaufen, darf er bei uns die richtigen Küchenutensilien nehmen (keine scharfen Messer natürlich!). Er geht einfach zum Schrank, holt sich ein paar Töpfe und Holzlöffel heraus und ‘kocht’ was das Zeug hält. Zu guter letzt zieht er sich seine Socken alias Ofenhandschuhe über die Hände und nimmt seine ‘heißen Gerichte’ unter dem Esszimmertisch hervor, der als Herd fungiert.

Im Garten haben wir ihm dann mal seine eigene Küche gebaut. Aus alten Kisten, Steinen und Stöcken. Dort ‘kochte’ er dann mit leeren Plastikbechern, Gras, Wasser und Blättern. Sobald es uninteressant wurde, haben wir die Überbleibsel einfach wieder in den Garten integriert. Das ist viel besser als ein weiteres Spielzeug, das früher oder später unbeachtet in der Ecke landet. Und das Aufbauen ist bereits Teil des Spielens.

Regel # 5: Lass die Kinder sich “langweilen”!

Manchmal brauchen Kinder gar nichts zum Spielen. Und trotzdem langweilen sie sich nicht. Zumindest nicht bei uns. Unser Großer erfindet regelmäßig seine eigenen Spiele und lebt in seiner überaus vielseitigen Fantasiewelt. Dazu braucht er absolut nichts und wir dürfen alle daran teilhaben.

Mal rennt er durch’s Haus und fängt wilde Tiere. Ein anderes Mal ist er ein Krankenwagenfahrer und imitiert die Sirene. Eine Minute später ein Cowboy, ruft yeehaaa und wirft seinen imaginären Hut in die Luft. Würde er dabei nicht ständig vor sich hinreden, wüsste ich gar nicht in welcher Welt wir uns gerade befänden.

Damit kann er sich gut eine Weile selber beschäftigen. Ich muss nicht einmal mitspielen. Allmählich bezieht er auch seine kleine Schwester mit ein. Er nimmt sie mit in sein Zimmer, ‘liest’ ihr vor und passt auf sie auf, wie er es vorher mit seinen Kuscheltieren gemacht hat. Wenn sie etwas anstellt oder ‘nervt’, ruft er mich.

Spätestens jetzt wird deutlich, warum mein Mami-Leben so entspannt ist, oder? Naja, ganz so easy ist es dann doch nicht. Meine Augen und Ohren sind allzeit überall. Das Haus sieht am Ende des Tages aus als hätte eine Bombe eingeschlagen und dabei bleibt wirklich kein Zimmer verschont. Aber das ist ok, denn wir haben ja Familienregel #2 und im Handumdrehen ist alles wieder picobello ;-).

Rabenmutter oder nicht?

Um noch einmal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Bin ich nun eine Rabenmutter, weil ich die Kinder tagsüber einfach machen lasse und mich nicht permanent mit ihnen beschäftige? Weil sie sich bei mir langweilen bzw. beschäftigen müssen ohne dass der Fernseher läuft? Oder bin ich eine gute Mama, weil ich mich so wenig wie möglich einmische und sie sich innerhalb der gesteckten Grenzen frei entfalten können und lernen selber kreativ zu sein? Was denkt ihr?

P.S.:

Nachdem mein Mann die englische Version dieses Artikels für mich Korrektur gelesen hatte, merkte er an, dass ich folgenden Nachtrag ergänzen sollte: Ich war und bin nicht immer eine so super entspannte Mama wie es im Artikel den Anschein macht. Um ehrlich zu sein mache ich mir immer noch zu viele Sorgen, auch wenn eigentlich alles glatt läuft. Das bleibt wohl beim Mama-Sein nicht aus. Daher sind obige Familienregeln wohl eher © John Payne, aber sie heißen ja nicht umsonst Familienregeln ;-).

4 Comments

  1. Schauer Werner

    Wir denken Du machst es super ,
    Wir grüßen aus Eilenburg !
    Sabine und Werner

    • Sylvia

      Ah danke, das ist aber lieb! Wenn man mit Leidenschaft dabei ist, ist das die halbe Miete. Ich hoffe es geht euch gut und ihr schlagt euch tapfer in Corona-Zeiten!?

  2. Rebecca

    Ganz klar eine beneidenswert geduldige und entspannte Supermami :-*

    • Sylvia

      Ganz lieben Dank! Es freut mich besonders das von so einer Allrounderin wie dir zu hören ;-). Schön dass du auch meinen Blog liest.

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