Land in Sicht! Trendiges Landleben dank cooler Konzepte

Landleben in WicklowLandleben in WicklowLandleben in WicklowLandleben in Wicklow

Zum Glück auf‘s Land

Trotz meines Wunsches der Zivilisation zu entfliehen und mich auf eine einsame Bergspitze zurückzuziehen, leben wir nach wie vor in unserem geliebten Häuschen im Co. Wicklow. Manchmal können wir es immer noch nicht fassen, was für ein Glück wir bei der Haussuche hatten. Gleich auf Anhieb das perfekte Zuhause zu finden, kann sicherlich nicht jeder von sich behaupten. Genau eine Besichtigung brauchte es, um unser City Apartment in Dublin gegen das Landleben im Küstenort Greystones einzutauschen. Fußläufig zum Ortskern mit all seinen Geschäften und was man sonst so zum Leben braucht, sind wir seit Dezember 2016 hier heimisch.

Die Payne FARMily

Heimisch fühlen wir uns definitiv. In unserem schönen Haus, das wir in den vergangenen 5 Jahren in das verwandelt haben, was wir uns unter einem gemütlichen, aber praktischen Cottage vorstellen. Der große Garten vor und hinter dem Haus hatte unsere Herzen vom ersten Moment an erobert. Eigentlich ist er das Reich meines Mannes John. Aber während des langen Lockdowns, habe auch ich zunehmend Gefallen an der Gartenarbeit gefunden. In diesem Jahr kam zu unserer kleinen Obstplantage und dem Kräutergarten noch ein großes Gemüsebeet hinzu. Vor Ostern zogen außerdem unsere zwei Hühner Chicken Nugget und Jelly Bean ein. Seitdem nenne ich es liebevoll die Payne FARMily.

Greystones – Nicht ländlich genug

Als wir im Sommer 2016 das erste Mal zu unserer Hausbesichtigung nach Greystones kamen, fielen uns lediglich ein paar wenige Eigenheim-Baustellen auf. Normal für einen beliebten und attraktiven Ort wie Greystones. In letzter Zeit jedoch schießen um uns herum neue Wohngebiete wie Pilze aus dem Boden. Wohin man nur schaut, entstehen Häuser und riesige Apartmentkomplexe. Ich beobachte das mit Unbehagen. Es mag übertrieben klingen, aber manchmal fühle ich mich nahezu klaustrophobisch, wenn wieder ein grünes Feld dem Bauboom weicht. Was wird aus der ländlichen Infrastruktur, für die wir uns bewusst entschieden als wir das geschäftige Dublin für das Landleben im Garten-County Wicklow verließen? Vielleicht hätten wir uns für eine noch ländlichere Region entschieden, wenn diese Entwicklung damals abzusehen gewesen wäre.

Lust auf Land

Es scheint paradox, dass ich mich im nicht endenden Lockdown nach Isolation sehne. Vielleicht habe ich aber einfach Gefallen am zurückgezogenen Leben in unserem herrlichen Garten gefunden, der wie eine grüne Oase unser Haus einrahmt. Auch meine Ausflüge ziehen mich immer wieder aus Greystones hinaus in die grüne Umgebung. Ich genieße die Stille der irischen Wälder, je weniger Leute desto besser.

Mit diesem Wunsch scheine ich jedoch nicht allein zu sein. Während nach wie vor viele Deutsche als Auswanderer mehr Ruhe und Platz in Irland suchen, gibt es auch in Deutschland einen Trend hin zum Landleben. Laut einer Studie könnten sich 41% der Deutschen vorstellen ihr städtisches Umfeld gegen ein ländlicheres zu tauschen. Das Home Office und die daraus resultierende örtliche Flexibilität während der Pandemie machen es möglich.

Lange Zeit waren es hohe Mieten und Wohnungsmangel in den Städten, die die Leute auf‘s Land drängten. Das Image vom langweiligen Landleben zwischen Feldern und stinkenden Kuhställen scheint sich jedoch gewandelt zu haben. Mehr und mehr wird es zur Wunschoption für junge Leute, die den Berufseinstieg hinter sich und die Familienplanung vor sich haben. Das zeigt der Anstieg der Hauspreise im ländlichen Raum um etwa 40% in den vergangenen 4 Jahren (Quelle: ZDF Reportage “Raus aus der Stadt – Der Traum vom Leben auf dem Land”).

Landleben auf Probe im ‘Coconat‘

Bevor man in ein Eigenheim auf dem Land investiert, sollte man sicher sein, dass einem das Landleben schmeckt. Denn neben einer oftmals romantisierten Vorstellung kann eine schlechtere oder gar fehlende Infrastruktur zur Herausforderung werden. Im Coconat, etwa eine Stunde südwestlich von Berlin, kann man Landluft auf Probe schnuppern. Auf einem ehemaligen Gutshof in Klein Glien haben Gründer Julianne Becker, Janosch Dietrich und Iris Wolf ein großartiges Landleben-Projekt geschaffen. Derzeit zieht es vor allem junge Leute aus der Hauptstadt an. Aber natürlich steht es jedem offen, der flexibel arbeiten kann und sich von der idyllischen Umgebung inspirieren lassen möchte.

   © 1: Coconat, 2 & 4: Tilman Vogler, 3: Andreas Plata

Auf dem großen Gelände stehen Gemeinschaftsarbeitsplätze und Unterkünfte zur Verfügung. Je nach Bedarf kann man sich hier für eine Nacht oder gleich ein paar Monate einmieten. Ob isoliert in der Natur arbeiten oder gemeinsam mit anderen in der umgebauten Scheune Ideen austauschen – Coconat bietet ein facettenreiches Umfeld für Großstädter, die sonst mitunter in einem Ein-Personen-Haushalt ihr Home Office hätten. „Ich möchte erstmal herausfinden was ich eigentlich will auf dem Land“, sagt Landwirtschafts-Bloggerin Svenja Nette dem ZDF, als sie sich als Gast bei Coconat unter anderem um die Hühner kümmert. „Dafür ist das Coconat eben ein total schöner Zwischenraum“, findet Svenja.

Auch die Einwohner des 80-Seelendorfes Klein Glien werden in das Leben der bunt zusammengewürfelten Gemeinde einbezogen. Denn auch der Ort soll davon profitieren, dass der Gutshof nun seit vielen Jahren des Leerstandes wieder belebt ist. So findet dort zum Beispiel auf Wunsch der Dörfler das alljährliche Feuerwehrfest statt. Und auch sonst stellt das Gründer-Trio sicher, dass es neben Co-Working und Co-Living Space eine friedliche Koexistenz zwischen den alten und neuen Bewohnern von Klein Glien gibt.

Aus Alt mach Neu – Dein Jahr in Loitz

Annika und Rolando, ein kreatives junges Paar zog kürzlich von Berlin in das vorpommersche Loitz. Zuvor wurden sie aus 17 Finalisten ausgewählt, die sich für das Projekt „Dein Jahr in Loitz“ beworben hatten. Doch was bewog die beiden dazu ihr Leben in der Großstadt aufzugeben, um für 1 Jahr in einer strukturschwachen Region zu leben und dort ein Abrisshaus wieder aufzumöbeln?

Das Ganze ist Teil des bundesweiten Wettbewerbes „Zukunftsstadt 2030“, bei dem Loitz 2015 Städte wie Berlin und Freiburg aus dem Rennen warf. Die Idee – verödete Regionen für junge Leute wieder attraktiv zu machen und der vorherrschenden Landflucht entgegen zu wirken. Das Konzept – Loitz lockt innovative Großstädter in seine leerstehenden Häuser, wo sie kostenlos wohnen dürfen und obendrauf noch ein Basiseinkommen von €1000 pro Monat erhalten. Im Gegenzug hauchen sie der verlassenen Immobilie wieder Leben ein und idealerweise gleich dem ganzen 4300-Seelenort Loitz.

So kam es also, dass sich die Berlinerin Annika und der gebürtige Venezuelaner Rolando mit ihrer Vision gegen anfänglich 93 Bewerber/innen durchsetzten. Mitte April 2021 bezogen sie ihr neues Domizil in Loitz. Gemeinsam mit Nachbarn und Freiwilligen aus der Gemeinde soll im Untergeschoss ihres Hauses nun etwas entstehen, wovon ganz Loitz profitiert und darüber hinaus Gleichgesinnte anlockt. Ein ungewöhnliches Projekt, das für beide Seiten eine Bereicherung sein könnte. Hoffentlich auch über das „Jahr in Loitz“ hinaus.

Trendiges Landleben coole Konzepte   © Dein Jahr in Loitz; 1, 2 & 4: Matthias Marx

“Es braucht ein Dorf um ein Kind zu erziehen“

Nicht nur wo, sondern auch wie wir leben, scheint sich wieder mehr an traditionelle Lebenskonzepte anzulehnen. Als ich meine Freundin Julia frage, warum sie ihre Stadtwohnung mitten in Hamburg aufgibt, um in ein Wohnprojekt nach Flensburg zu ziehen, antwortet sie mir folgendes: „Es braucht ein Dorf um ein Kind zu erziehen. Und genau das erhoffe ich mir von ‘Freiland Flensburg‘“.

Julia ist Alleinerziehende einer 5-jährigen Tochter. Bislang liebte sie das Leben in der Großstadt mit allem was dazu gehört. „Nun ist es Zeit für etwas Neues“, sagt mir Julia. „Mein Großvater war ursprünglich aus Flensburg. Vielleicht ist es ein Zeichen, dass wir nun gerade dort gefunden haben, wonach wir suchten.”

Das Wohnprojekt ‘Freiland Flensburg’ befindet sich unweit vom Flensburger Stadtzentrum, aber dennoch mitten im Grünen. Es umfasst verschieden große unabhängige Wohneinheiten für jegliche Altersgruppen und Haushaltsgrößen. Reihenhäusern, Ein-Zimmer-Wohnungen und Flächen zur gemeinschaftlichen Nutzung, wie einer Gemeinschafts-Küche, einer Dachterrasse und einem Innenhof verschmelzen hier zu einem modernen Mehr-Generationen-Haushalt.

„Meine Tochter wird alleine draußen spielen können, ohne dass ich ständig ein Auge auf sie haben muss. Es werden immer andere Menschen oder Kinder in der Nähe sein, sodass sie Gesellschaft hat, wenn ich Sachen im Haus erledigen oder arbeiten muss“, erklärt mir Julia ihre Beweggründe. Und auch Julia kann auf Unterstützung zurückgreifen, sollte sie selbst einmal Hilfe benötigen. Im Gegenzug bringt auch sie wertvolle Fähigkeiten mit in die überdimensionale Wohngemeinschaft. So könnte sie zum Beispiel Senioren den Umgang mit dem Computer näherbringen oder Interessierten einen Nähkurs geben. Auch ihre Backkünste sind nicht zu verachten und werden sicherlich einige Türen für sie öffnen.

Schrebergarten auf Irisch

Auf‘s Land zu ziehen und sich bewusst gegen einen Garten zu entscheiden, passt für mich irgendwie nicht zusammen. Dennoch beobachte ich in Greystones immer wieder wie schnell und gut sich riesige Eigenheime mit kaum Außenfläche verkaufen. Wenn es einen Garten gibt, ist er oft  gepflastert, mit Kunstrasen oder Kieseln ausgelegt – weit entfernt von meiner Idee einer natürlichen Erholungsoase.

Um so erfreuter war ich als ich neulich über ein Projekt ganz bei uns in der Nähe las. Huw, der Initiator der ‘Schrebergärten auf Irisch‘, erklärte dem Greystones Guide, was seine Vision für die nächsten 5 Jahre ist. “Tírmór Allotments (=Parzellen) soll auf dem Konzept des Feldwaldbaus basieren“, sagt er. „Dabei wird es um Artenvielfalt und hohe Bodenqualität gehen. Zurück zu den Ursprüngen der Landwirtschaft sozusagen, bevor wir versuchten die Natur auszutricksen und nun mancherorts zum Beispiel mit Überflutungen zu kämpfen haben.”

Dafür transformiert Huw einen Teil seiner 150 Jahre alten Familienfarm und unterteilt sie in verschieden große Parzellen. Diese können dann von Pächtern und Hobbygärtnern in diesem Sinne bewirtschaftet werden. Bereits auf dem Gelände vorhanden sind Büroräume zur gemeinschaftlichen Nutzung, sogenannte Co-Working Spaces, wie auch bei Projekt Coconat. Darüber hinaus sollen individuelle Gartenlauben und eine Außenküche, nebst Campingplatz entstehen. „Die Leute, die bei uns ihr Home Office haben, können dann in ihrer Mittagspause ihr Gemüse anbauen und später ernten“, sagt Huw mit einem Lachen.

Weniger ist Mehr

Die vorgestellten Konzepte zeigen, dass wir das Rad nicht neu erfinden müssen, sondern durchaus davon lernen können, was andere Generationen vor uns erfolgreich gemeistert haben. Als Teenager hätte ich nie gedacht, dass ich einmal ein Fan des Landlebens sein würde. Je älter ich werde, um so mehr lerne ich traditionelle Lebenskonzepte zu schätzen.

Etwas mit seinen Händen zu erschaffen, aus eigener Kraft für die Familie zu sorgen; und dabei den Jüngsten zu zeigen wo Dinge ihren Ursprung haben, empfinde ich als sehr bereichernd. Aus dem Garten zu ernten, täglich frisch zu kochen und selber Brot zu backen gehören für mich inzwischen zum Alltag. Immer wieder wird mir dabei bewusst wie wenig wir eigentlich wirklich zum Leben brauchen. Ein Hoch auf das Landleben!




Nicht einsam genug – Raus aus der Zivilisation!

Der (irische) Corona-Regel-Wahnsinn

Wenn wir an dem überfüllten Spielplatz in unserem Ort vorbeilaufen, wo hunderte Kinder auf engstem Raum zusammen spielen, wir aber nicht auf den einsamen Waldwegen im Umkreis spazieren gehen dürfen, weil diese außerhalb unseres Bewegungsradius liegen. Dann möchte ich mich auf eine einsame Bergspitze verkrümeln, um mich nicht länger über die teilweise unsinnigen Corona Maßnahmen aufregen zu müssen.

Wenn unser Großer fragt, warum er sich am Nachmittag keinen Freund zum Spielen in den Garten einladen darf, obwohl er morgens im Kindergarten mit 20 Kindern und vielleicht sogar mit selbigem Freund gespielt hat. Dann möchte ich mir keine plausible Erklärung einfallen lassen müssen, sondern einfach meine Sachen packen und mich mit meiner Familie gleich freiwillig isolieren – auf einem abgelegenen Berggipfel. Welchen Unterschied macht das denn noch?

Wer braucht schon Kindersachen?

Wenn ich durch die Hauptstraße in unserem Ort bummele und all die geschlossenen Ladenfronten sehe – mit Postern davor, auf denen ich  “Unterstützt die lokalen Händler” lese. Wenn ich trotz dieser Aufforderung, der ich gern nachkommen würde, alles online bestellen muss, weil im Lockdown Level 5 nicht einmal ‘Click & Collect’ möglich ist. Wenn ich im Supermarkt zur abgesperrten Klamottenabteilung hinüberschiele um herauszufinden, ob Unterwäsche und Socken jetzt unter die ‘lebensnotwendigen’ Güter fallen oder nicht. Wenn ich dann feststelle, dass ich Socken zwar kaufen kann, die saisonale Kinderjacke jedoch hinter der Absperrung baumelt und ich sie somit nur aus der Ferne betrachten, aber nicht kaufen kann.

Reisefreiheit? Leider nicht ohne Reisepass!

Wenn mir meine Eltern erzählen, dass man von Deutschland aus zwar in den Urlaub nach Mallorca fliegen darf, der Besuch bei der Familie im Nachbarort jedoch gegen die Corona Bestimmungen verstößt. Wenn die Passstelle in Irland in der höchsten Lockdownstufe mal eben gar keine neuen Reisepässe mehr ausstellt, sondern der Kinderreisepass bis nach dem Lockdown warten muss. Wenn ich darüber nachdenke, was wir mit unserer anderthalbjährigen Tochter ohne Pass machen, falls wir doch aus triftigen Gründen zu meiner Familie nach Deutschland reisen müssen. Wenn ich die Variante, sie derweil bei der irischen Familie unterzubringen auch verwerfen muss, weil die nicht im selben County wohnt und unsere Kleine seit Monate nicht gesehen hat.

Dann kommt mir wieder der einsame Berggipfel in den Sinn, für den man – zumindest in meiner Fantasie – weder einen Reisepass braucht, noch seinen Bewegungsradius verlassen muss.

Greystones – Das Zuhause der ‘Cash-Kuh’

Wenn in unserem Ort Greystones und das angrenzende Delgany wieder ein Stück der herrlich grünen Landschaft zubetoniert wird, um mehr Häuser zu errichten. Wenn ich sehe wie schöne alte Gebäude plattgemacht werden und modernen, mehrstöckigen Apartmentkomplexen weichen. Wenn wieder irgendwo ein “New Development-Schild” auf einer Weide auftaucht, wo eben noch Schafe gemütlich grasen, in ein paar Monaten dann aber Bagger ihren Platz einnehmen. Wenn mir bewusst wird wie viel seines ursprünglichen Charmes das einst gemütliche Fischerdorf Greystones bereits eingebüßt hat und trotzdem kein Ende der Verschandelung abzusehen ist. Dann sehne ich mich nach dem Berggipfel hoch oben im Grünen.

Wenn ich mir vorstelle wie es wohl gewesen sein muss durch das wunderschöne Glen of the Downs zu spazieren, ohne das monotone Geräusch der Autobahn zu hören, die nun direkt durch das Tal verläuft. Wenn die engen, von Steinmauern gesäumten Country Roads allmählich verschwinden und breite Straßen entstehen, um dem täglich zunehmenden Verkehr standhalten zu können. Wenn ich daran denke, wie wir jeden Sonntag in der malerischen Kirche von Delgany bei der Andacht waren, mit den freundlichen Nonnen aus dem angegliederten Kloster. Wenn ich mir vorstelle, wie hart deren Umsiedlung aus dem Convent für sie gewesen sein muss. Wenn ich mir vor meinem geistigen Auge vorstelle wie das altehrwürdige Gebäude nun ebenfalls Teil eines modernen Wohnkomplexes wird. Dann möchte ich weg aus Greystones mit seiner allgegenwärtigen Cash-Kuh, die hier unerbittlich gemolken wird.

Eine zivilisierte Welt sieht anders aus

Wenn ich in den Nachrichten höre, dass der Begriff ‘Mutter’ aus britischen Geburtskliniken verbannt wurde und man nun der politischen Korrektheit halber ‘Gebärende Person’ sagt. Oder man in einer irischen Krebsvorsorge-Kampagne gar die umständliche Phrase ‘Person mit einem Gebärmutterhals’ anstelle von ‘Frau’ verwendet. Wenn Eltern in Kanada per Gesetz gezwungen werden können Hormonbehandlungen und Pubertätsblockern für ihre minderjährigen Kinder zuzustimmen, wenn diese eine Geschlechtsumwandlung anstreben, da der Staat ihnen die Kinder sonst entziehen kann. Wenn ich hoffe mich verhört zu haben, aber es tatsächlich nicht binäre Geschlechtsidentitäten gibt, die sich als Wurm oder gar Elf identifizieren und nun ein Recht darauf haben, auch so angesprochen zu werden. Wenn in einem Restaurant die dritte Toilette, neben dem männlichen und weiblichen Symbol, einen Alien abbildet und das weniger beleidigend sein soll als gar nicht erst eine dritte Option zu haben.

Dann denke ich nur – nichts wie ab auf den Berg in die Einöde, denn das ist nicht die zivilisierte Welt, in der ich leben möchte.

Der Berg ruft!

Vielleicht hat das Corona-Jahr mich verändert und ich bin durch die soziale Isolation weniger weltoffen und tolerant geworden. Vielleicht habe ich mich zu sehr auf meine eigene Familie fokussiert, dass es mir schwerfällt andere Meinungen zu akzeptieren, die zu stark von meiner eigenen abweichen. Vielleicht werde ich einfach alt oder war schon immer irgendwie konservativ. Vielleicht suche ich auch nur nach Gründen mich einzuigeln, um mich nicht mit meiner Sozialphobie auseinandersetzen zu müssen. Wie auch immer. Ich bin mir sicher, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem meine Familie und ich die Flucht auf einen einsamen Berggipfel ergreifen. Bis es soweit ist, sind wir in unserem geliebten idyllischen Garten zu finden :-).




Life is short. Take the Trip. Buy the Shoes. Eat the Cake.

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Das Lebensmotto meiner „Bekannten in der Fremde“ ist normalerweise der perfekte Abschluss meiner Artikel. Kurz und knackig spiegelt es die Einstellung der jeweiligen Person wider und rundet die Geschichte ab. Heute nutze ich es als Einstieg. Denn Esthers Lebensphilosophie „Life is short. Take the trip. Buy the shoes. Eat the cake.“ sagt bereits einiges über sie aus, bevor ich ihre spannende Reise erzähle.

Take the Trip

Es war ein großer Schritt für Esther als sie ihrem Mann David Anfang letzten Jahres, gemeinsam mit ihrer damals 2-jährigen Tochter, nach Irland folgte. David hatte dort im Oktober 2019 eine berufliche Herausforderung angenommen und war von seiner Firma in Deutschland zum irischen Standort gewechselt.

Als für Esther Ende Januar 2020 das Irland-Abenteuer begann, hatte sich David auf der Insel bereits gut eingelebt. Durch seine Arbeit hatte er erste soziale Kontakte geknüpft und fühlte sich wohl. Für Esther begann dieser Neustart erst einige Monate später – bei Null.

In ihrer alten Heimat Brüggen in Nordrhein-Westfalen hatte die junge Familie für den Umzug in ein fremdes Land einiges zurückgelassen. In erster Linie natürlich die Familie und Freunde. Zum anderen  ihr gerade fertig gestelltes Haus und die vertraute Umgebung. Keine leichte Entscheidung. Dabei wussten sie zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, wie schwer die kommenden Monate noch werden würden.

Nichts dem Zufall überlassen

Esther war sich sehr wohl bewusst, dass ein Neustart im Ausland kein Kinderspiel war. Auch wenn sie nicht planten für immer in Irland zu bleiben, blieb der große Organisationsaufwand nicht aus.

Als Esther mich das erste Mal im Dezember 2019 über meinen Blog kontaktiere, hatte ich den Eindruck, dass sie nichts dem Zufall überließ. Ihre Fragen und ihr Interesse an der örtlichen Gemeinde zeigten mir, dass gezielte Vorbereitung ein wichtiger Teil ihrer Auswandererpläne waren. Zu Recht!

Ich erinnerte mich noch zu gut daran, was mir alles durch den Kopf ging, als ich vor fast 8 Jahren beschloss nach Irland zu gehen. Obwohl ich versuchte Esthers Fragen so detailliert wie möglich zu beantworten, wusste ich, dass ich ihr das mulmige Gefühl nicht ganz nehmen konnte. Das Vertraute gegen etwas Neues, völlig Unbekanntes, einzutauschen war definitiv eine emotionale Angelegenheit.

Wunschziel Greystones

Mit Greystones hatten sich Esther und David bewusst für eine familienfreundliche Umgebung entschieden. Die Lage am Meer und am Rande des Wicklow Mountain Nationalparks waren ideal für Ausflüge in die Umgebung und ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm für alle drei. Auch die Anbindung zu Davids Büro im Süden von Dublin war gut und somit war Greystones der perfekte Ausgangspunkt für ihr Irland-Abenteuer.

Ein schickes Haus war schnell gefunden. Und während David die „Basics“ vor Ort organisierte, war Esther fleißig dabei von Deutschland aus die ersten sozialen Kontakte über das Internet zu knüpfen.

Esther Take the Trip.Esther Take the Trip.Esther Take the Trip.Esther Take the Trip.

Der erste Eindruck

„Nach unserer Ankunft in Greystones sind wir bei all unseren Nachbarn gewesen und haben uns mit selbstgebackenen Keksen vorgestellt”, erzählt mir Esther. „Wir trafen uns außerdem mit den deutschen Mamas, mit denen ich bereits aus Deutschland geschrieben hatte. Ab Februar sind meine Tochter und ich in Greystones zum Turnen, zur Musikschule und zu Spieltreffen in der Kirche gegangen.“

Als ich Esther zum ersten Mal persönlich in einer der Spielegruppen traf, bestätigte sich mein Eindruck, den ich von ihr während unserer Online Chats gewonnen hatte. Sie war aufgeschlossen, freundlich und interessiert. Zweifelsohne gute Voraussetzungen in der Fremde Fuß zu fassen.

Aber sie machte auch kein Geheimnis daraus, dass es ihr schwer gefallen war ihr altes Leben in Deutschland zurückzulassen. Insbesondere weil Irland für sie keine Herzensangelegenheit war – so wie bei mir damals. Sie hatten als Familie entschieden den Schritt zu wagen und David in seiner Karriere zu unterstützen. Unter normalen Umständen wäre der für 2-3 Jahre angedachte Aufenthalt aber auch für Esther und ihre Tochter eine bereichernde Erfahrung.

Ein jähes Ende

„Die Indoor Aktivitäten in der Anfangsphase waren großartig, denn das Wetter im Februar und März war stürmisch, nass und kalt“, berichtet Esther. „Unsere Nachbarn waren sehr herzlich und hilfsbereit. Wir wurden auch viel am Strand oder unterwegs angesprochen und empfanden die irische Mentalität als sehr weltoffen. Die Menschen, die uns bis dahin begegneten, waren alle sehr kommunikativ und interessiert“, erinnert sich Esther. “So hätte es weiter gehen können.“

„Ab März hatten wir dann einen Vorschulplatz für unsere Tochter. Wir hatten bereits die 3 Tage Eingewöhnungsphase absolviert und dann kam der große Schock – Irland geht in den vollen Lockdown.“ Gerade als Esther und ihre Tochter dabei waren sich einzuleben, kamen alle sozialen Interaktionen zum Erliegen. Ein Albtraum für beide.

„Eine der größten Herausforderungen meines Lebens“

„Diese Zeit war eine der größten Herausforderungen meines Lebens“, gesteht Esther. „Wir hatten keine Ahnung wie lange der Lockdown bestehen bleiben würde und entschieden zunächst nicht nach Deutschland zu fliegen. Wir wollten uns nicht der Gefahr aussetzen uns im Flugzeug mit Corona zu infizieren und in der Heimat unsere Familien anzustecken. Insgesamt schlugen wir uns 12 Wochen lang im Lockdown durch. In dieser Zeit hatten wir einen Todesfall in der Verwandtschaft und mein Vater erlitt einen Schlaganfall. Und wir saßen in Irland fest“, sagt Esther traurig.

„Mein Mann musste sehr viel arbeiten. Meine Tochter und ich waren größtenteils auf uns ganz alleine gestellt. Niemand konnte uns besuchen. Ich versuchte ihr jeden Tag ein abwechslungsreiches Programm zu bieten und wir waren viel am Strand und haben uns neue Dinge überlegt. Das Gefühl des Nicht-Wegkommens, der Einsamkeit, der Verantwortung für unser Kind und die Ungewissheit wie die Dinge weitergehen werden, haben mich an meine Grenzen gebracht“, beschreibt Esther diese Zeit.

Es geht aufwärts

Esther hatte alles richtig gemacht. Dennoch fand sie sich trotz ihrer akribischen Planung und Vorbereitung auf den Umzug nach Irland in einer Situation wieder, die sie fast verzweifeln ließ. Aber wie schon die „Bekannten in der Fremde“ aus meinen vorherigen Artikeln, warf Esther nicht so schnell das Handtuch.

Als wir uns einige Wochen nach dem Interview noch einmal austauschten, sah Esthers Welt schon viel positiver aus. „Der Wendepunkt kam für mich im September 2020 als unsere Tochter in einem tollen, neuen Kindergarten in Greystones starten konnte. Ihre beiden Erzieherinnen haben ihr den Einstieg sehr erleichtert. Sie haben sogar deutsche Wörter gelernt und auf unsere Anfrage hin gab es eine Sankt-Martins-Aktion mit Martins-Geschichte lesen und Laternen basteln. Das empfand ich als sehr besonders“, sagt Esther freudig.

„Durch den Kindergarten und die Freundinnen meiner Tochter dort konnten wir Anschluss finden und uns zumindest draußen treffen. Mit Minaste Yoga habe ich eine großartige Yoga-Lehrerin gefunden und konnte zunächst tolle Yoga-Stunden am Strand erleben. Jetzt sehen wir uns einmal wöchentlich online.“

„Durch die wundervollen deutschen Mamis habe ich eine Gruppe, die ich alles fragen kann und mit denen jedes Treffen, so weit möglich, besonders ist. Mit ihnen spüre ich immer auch ein Stück Heimat in Irland. Wir konnten aber auch im letzten Sommer einige internationale Mütter aus Schweden, Texas und Thailand kennenlernen, die uns sofort herzlich zu ihren wöchentlichen Treffen eingeladen haben. Auch diese gaben uns sofort zu verstehen, dass sie uns jederzeit unterstützen würden. Ein besonderes Geschenk. Daher fühle ich mich mittlerweile integriert, was vor wenigen Monaten überhaupt noch nicht der Fall war“, merkt Esther abschließend an.

Eat the Cake

Wie Esthers Lebensmotto “Life is short. Take the trip. Buy the shoes. Eat the cake.“ bereits vermuten lässt, ist sie ein Genussmensch und lässt sich so schnell nicht unterkriegen. Das haben die vergangenen Monate in Irland gezeigt.

Inzwischen findet Esther auch wieder Zeit und Muße ihren Hobbies nachzugehen. „Ich liebe es zu backen und zu kochen und neue Rezepte auszuprobieren; die fertigen Köstlichkeiten zu fotografieren und gemeinsam mit meiner Familie zu testen. In meiner Freizeit schreibe ich daher gern an meinem Food Blog eat.dasbestefuergaeste.de“, erzählt Esther mit einem Leuchten in den Augen. „Beruflich arbeite ich als Redakteurin bei GoFeminin, Deutschlands führendem Frauenportal. In meinem Job und beim Bloggen kann ich meine Leidenschaft für das Schreiben ideal ausleben.“

Zudem ist Esther dabei örtlich flexibel, was ihr zunächst beim Auswandern nach Irland zugute kam. Doch auch während der Corona-Krise, bei der ein Großteil der Bevölkerung Irlands aus dem Home Office arbeitet – einschließlich Esthers Mann David – ist es von Vorteil. Es sieht also ganz danach aus als wäre bei Esther nach den großen Startschwierigkeiten eine positive Routine im Alltag auf der Grünen Insel eingekehrt.

Rheinische Frohnatur

Natürlich packt Esther hin und wieder die Wehmut, denn das Reisen in die Heimat ist nach wie vor nicht möglich. Auch ihrer anderen großen Leidenschaft – dem Karneval – konnte Esther dieses Jahr nicht frönen. Der ist hier in Irland gänzlich unbekannt.

In Esthers Heimatregion Viersen, nahe Düsseldorf, ist es normalerweise die ausgelassenste Zeit des Jahres. „Es wird viel gefeiert, gelacht, das Leben genossen. Die Leute am Niederrhein sind offen, reden viel und feiern gerne“, erzählt mir Esther. Damit passt Esther hervorragend zur irischen Mentalität, die sie von Anfang an zu schätzen wusste.

Esther Life is short.Eat the Cake.Esther Life is short.Eat the Cake.

Von nichts kommt nichts

„Nichtsdestotrotz muss man Eigeninitiative entwickeln und es ist unerlässlich offen auf die Leute in seiner neuen Heimat zuzugehen“, weiß Esther. „Sonst bleibt man alleine. Es wird einem nichts in den Schoß gelegt. Man sollte sich bewusst sein, wie groß der Schritt ist, auszuwandern. Sein Heimatland zu verlassen und seine Muttersprache nicht mehr um sich zu haben, ist ein großer Einschnitt, der aus meiner Sicht von vielen Menschen unterschätzt wird“, gibt Esther anderen Auswanderern mit auf den Weg.

Der Frühling steht nun zum zweiten Mal vor der Tür seit Esther mit ihrer Familie in Irland lebt. Die Corona-Restriktionen haben die Insel nach wie vor fest im Griff. Hoffen wir dennoch, dass der Sommer Esther in diesem Jahr mehr Freude bringt und sie ihr Irland-Abenteuer endlich unbeschwert(er) genießen kann. Sie hat es sich verdient!




Die Kunst der Kunst – Violine Sea Craft

 

Meerglas_Violines Sea CraftStrand von Greystones_Bekannte in der FremdeMeerglas_Violines Sea CraftStrand von Greystones_Bekannte in der FremdeMeerglas_Violines Sea Craft

©1-3 Violine Deane, 4: Anke Marquardt

Natürlich ist Schreiben eine Kunst. Zumindest wenn man so schreibt wie Paul Coelho. Würde ich mich als Künstlerin bezeichnen, weil ich einen Irlandblog und ein kleines Projekt unter dem Titel “Bekannte in der Fremde” ins Leben gerufen habe? Eher nicht.

Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für das Schreiben. Bereits in der Grundschule schrieb ich seitenlange Geschichten und durfte sie vor der Klasse vortragen. Sicherlich hatte ich da noch den Vorteil der kindlichen Vorstellungskraft und den Bonus meines jungen Alters. Während einige meiner Klassenkameraden/innen noch mit der Rechtschreibung haderten, brachte ich bereits meine Fantasiewelt zu Papier. Rückblickend schon etwas worauf ich stolz bin.

Die Sache mit dem Schreiben

In der Erwachsenenwelt empfinde ich das Schreiben als eine Herausforderung. Zweifelsohne bringt es mir nach wie vor große Freude. Aber ich finde es schwierig gehört (bzw. gelesen) zu werden. Sei es aufgrund der Fülle an Medien und Informationen. Oder weil meine Geschichten nicht reißerisch genug sind. Dennoch bleibe ich meinem Grundsatz treu und schreibe darüber, was mich interessiert.

So entstand auch die Idee für die “Bekannten in der Fremde”. Wie schon kürzlich in meinem Interview mit dem Greystones Guide erwähnt, finde ich die Geschichten anderer Auswanderer/innen spannend. Warum hat es sie – wie mich – nach Irland verschlagen? Was führte sie in unser Städtchen Greystones? Dabei erfahre ich immer wieder Erstaunliches.

Greystones’ echte Künstlerinnen

In meinem vorherigen Artikel berichtete ich über eine echte Künstlerin – Kris. Sie kreiert unglaubliche Kunstwerke, wie ich sie vorher so noch nicht gesehen habe. Auch in meinem aktuellen Artikel soll es um eine richtige Künstlerin gehen. Ganz anders als Kris, aber nicht weniger beeindruckend, schafft Violine kreative Unikate aus natürlichen Materialien.

Obwohl Violine ursprünglich aus Frankreich stammt, könnte ihre Kunst nicht ‘irischer’ sein. Für Violine Sea Craft verwendet sie ausschließlich Dinge, die sie an den Stränden der hiesigen Küste im County Wicklow findet. In nur kurzer Zeit hat sie sich damit einen Namen in der Gemeinde von Greystones gemacht und verkauft ihre Werke unter anderem in der Boatyard Gallery und auf dem Kilmacanogue Kunsthandwerkermarkt.

Kunst im Blut

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1: Florence Bertin, Taradeau                                                                                                                                                                                                 ©1&3 Courtesy of Violine Deane, 2&4: Anke Marquardt

Violine ist ‘kunstvoll’ aufgewachsen. Ihre Mutter Florence ist selbst Künstlerin und erschafft – ebenfalls aus verschiedenen Materialien – einzigartige Skulpturen . Nicht zuletzt davon inspiriert machte Violine ihr Hobby zum Beruf und gründete im vergangenen Jahr Violine Sea Craft.

“Ich habe schöne Kindheitserinnerungen daran wie wir gemeinsam in der Natur Materialien gesammelt haben”, erzählt mir Violine. “Jetzt mache ich es zusammen mit meinen drei Jungs, denen es genauso viel Spaß macht.”

Violine Sea Craft

Am Kieselstrand von Greystones scheint es wahre Schätze zu geben. Zumindest verwandeln sie sich in solche, wenn Violine sie erst einmal zu ‘Violine Sea Craft’ verarbeitet hat. Aus Steinen, Muscheln, Treibholz und was man sonst am Strand so Natürliches findet, entstehen wundervolle Motive. Dabei sind Violines Kreativität keine Grenzen gesetzt. Aus weißen Steinen werden Möwen. Aus grünem oder blauem Meerglas ‘love birds’. Familien halten sich in den Armen und beobachten Schmetterlinge oder einen Drachen am Himmel. Für jeden Anlass gibt es das passende Motiv bei Violine Sea Craft.

Zusätzlich setzt Violine Bilder auf individuelle Wunschvorstellung um. Für mich fertigte sie bereits drei einzigartige Familienkonstellationen. Ein wunderbar persönliches Geschenk für Familie und Freunde.

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Violine Sea Craft ©Courtesy of Violine Deane

Greystones vs. Provence

Lange bevor Violine mit ihrer ‘Pebble Art’ (=Kieselstein-Kunst) und Violine Sea Craft begann, zog sie mit ihrem Mann und ihrem damals einjährigen Sohn nach Greystones, um näher bei den Schwiegereltern zu sein. “Ich habe mich sofort in den Ort verliebt”, sagt Violine. “Er passte perfekt zu meiner Liebe und Verbindung zur Natur. Außerdem liebe ich es im Meer zu schwimmen. Da gab es für mich keinen besseren Ort als Greystones.”

Und das obwohl Violine an einem Ort aufwuchs, der für mich nahezu perfekt klingt. “Ich wuchs auf einer Ziegenfarm in Taradeau auf”, erzählt mir Violine. “Taradeau ist ein kleines Dorf im Süden von Frankreich. Es ist umgeben von Weinbergen und ‘Kräutern der Provence’. Auf den Hügeln in der Umgebung wachsen Thymian, Rosmarin und Oregano. Überall gibt es lokale Lebensmittelerzeuger und Bauernmärkte, wo Wein, Olivenöl, Honig und vieles mehr angeboten werden. St. Tropez und die Lavendelfelder der Verdon-Region sind wahrscheinlich bekannter. Taradeau liegt genau dazwischen”, klärt mich Violine auf.

Ein guter Grund zum Fortgehen

Ich finde es immer wieder schön zu hören, wie meine “Bekannten in der Fremde” von ihrer Heimat schwärmen. Und das obwohl sie sie für Irland verlassen haben. Manch einer mag sich wundern, wie man die sanften Hügel der Provence gegen das regnerische Greystones eintauschen kann. Auch bei Violine waren es zunächst ganz pragmatische Gründe. Sie wollte einen Sommer lang ihr Englisch in Irland aufbessern. Keineswegs hatte sie die Absicht für immer zu bleiben. Aber Irland hat eben, wie wir “Bekannte in der Fremde” wissen, seine ganz eigene Magie. Selbst dann, wenn man auf einer Bilderbuch-Farm in der Provence groß geworden ist.

Lavender Fields VerdonGoat Farm Taradeau_ProvenceGoat Farm Taradeau_Provence

 ©1: @lucortiz_photoesie: 2&3 Courtesy of Violine Deane

“Bekannte in der Fremde” geben nicht auf

Es war im Sommer 2003 als Violine zum ersten Mal Fuß auf die Grüne Insel setzte. “Mein Englisch war sehr schlecht”, erzählt mir Violine. Ich kellnerte in einem Café. Die Aussprache hier war so anders als ich es von meinem Schulenglisch kannte. Es war hart und ich fand es sehr schwer zu kommunizieren. Durch meine eingeschränkten Sprachkenntnisse war das Arbeiten in Irland eine große Herausforderung.

Aber “Bekannte in der Fremde” geben nicht auf. Das kann ich, nach nunmehr sechs Interviews mit Greystones-‘Blow-Ins’ (= Zugezogenen), bezeugen. Trotz der Sprachbarriere blieb Violine länger in Irland als geplant, weil ihr das Land so gut gefiel. “Einige Jahre später lernte ich meinen irischen Jetzt-Ehemann kennen. Nun habe ich nicht mehr die Absicht nach Frankreich zurückzugehen. Zuerst habe ich in Dublin gewohnt und dann in verschiedenen Ecken südlich der Stadt. In Greystones haben wir uns vor knapp 4 Jahren niedergelassen.”

Es ist kaum zu glauben, dass Violine anfänglich ihre Probleme mit der englischen Sprache hatte. Heute spricht sie fließend mit einem ganz leichten, sehr charmanten Akzent.

Easy-going und Warmherzig

Abgesehen von der Sprache hatte Violine keinerlei Schwierigkeiten sich an die irische Mentalität zu gewöhnen und Kontakte zu knüpfen. “Ich hatte das Glück in Greystones auf Anhieb viele nette Menschen kennenzulernen – in der Nachbarschaft, durch Spielegruppen und am Strand bei meinem täglichen Schwimmen im Meer. Ich fühle mich hier sehr willkommen und von der Gemeinschaft aufgenommen. Das ist etwas, was mir an Irland gut gefällt. Und ganz besonders an Greystones”, sagt Violine.

“Die Iren sind total easy-going und warmherzig”, schwärmt Violine weiter. Und es sieht so aus, als hätten die irischen Männer ihre ganz eigene Anziehungskraft. So wie das irische Wetter das gemeinsame Manko der “Bekannten in der Fremde” zu sein scheint, sind die (männlichen) Iren wohl das Zünglein an der Waage, das uns zum Bleiben bewegt…

Violine & Simon_WeddingVioline & SimonVioline & Simon_WeddingVioline & Simon_Family

Violine & Simon Deane ©1&3: TheConsciousCamera.com; 2&4 Courtesy of Violine Deane



Kris’ Schicksal lag in Greystones

Wer hat Angst vorm Therapeuten?

Meine “Bekannte in der Fremde”-Artikel beginnen in der Regel damit, wie ich der Person über die ich schreibe, zum ersten Mal begegnet bin. In diesem Fall muss ich dafür mehr von mir preisgeben als mir lieb ist. Aber was soll’s…

Ganz ehrlich, wer war noch nie im Leben bei einem Psychotherapeuten oder hat zumindest schon einmal darüber nachgedacht? Nichts wofür man sich schämen müsste, oder? Im Gegenteil. Es heißt doch immer, man sollte in unserer Gesellschaft offener mit den Themen Depression und Angststörungen umgehen. Wenn es einen persönlich betrifft, ist das jedoch leichter gesagt als getan.

Immerhin oute ich mich hiermit, dass ich bereits des Öfteren einen Gesprächstherapeuten konsultiert habe und mich nicht davor scheue es wieder zu tun. Aber vorerst genug zu mir, denn schließlich soll es in diesem Artikel um Kris gehen.

Kris hypnotisiert

Was hat Kris nun also mit meiner mentalen Gesundheit zu tun? Ich stieß auf Kris’ Webseite als ich auf der Suche nach Therapeuten in meiner Umgebung war, die Hypnose praktizieren. Ich hatte das schon immer mal ausprobieren wollen, als Ergänzung zu einer konventionellen Verhaltenstherapie. Und das war die Gelegenheit. Direkt vor meiner Haustür. Die Botschaft auf ihrer Internetseite sprach mich sofort an und schnell war ein Termin vereinbart.

Unsere Treffen waren rein professioneller Natur. Dennoch war mir Kris, mit ihrer freundlichen und warmen Art, von Anfang an sympathisch. Nach wenigen Sitzungen hatte ich genug Vertrauen gefasst, um auch ein paar private Worte mit ihr zu wechseln. Unter anderem kam unser Gespräch auf die Kunst, dir mir im Therapieraum aufgefallen war. Meisterwerke der Präzession und Farbgebung. Sie zeigten ein Maß an Perfektion, das es für mich schwer vorstellbar war, dass sie handgefertigt waren. Handgefertigt von Kris – in ihrem “zweiten Leben” als Hobbykünstlerin.

Kris TiermotiveKris PointillismusKris MandalaKris PointillismusKris Tiermotive

Kris’ Form der Tiefenentspannung

Kris erzählte mir, dass die Kunst ihr Hobby sei und speziell die Form des Pointillismus (oder Dotting) sie entspannte. Ihre Mandalas, abstrakten Motive und Tierbilder sind einzelne Farbtupfer (= dots), die im Auge es Betrachters zu einem Gesamtbild verschmelzen. Eine Technik, die einem zweifelsohne viel Geduld und Konzentration abverlangt. Was für Kris eine Form der Tiefentspannung ist, würde mich wahrscheinlich endgültig in den Wahnsinn treiben. Womit sich der Kreis zur Therapie wieder schließt.

Ganzheitlicher Ansatz

Als ich mit meinen Artikeln “Bekannte in der Fremde” begann, war mir sofort klar, dass ich Kris dabei haben wollte. Neben ihrer faszinierenden Kunst fand ich auch ihren beruflichen Werdegang höchst interessant. Kris absolvierte ihr Studium in verschiedenen Bereichen der Medizin – Pharmazie, Toxikologie, Ernährungswissenschaften und Psychotherapie. Bereiche, von denen auch ich während meiner Therapie bei Kris profitierte. Ihr ganzheitlicher Ansatz berücksichtigt bei der Behandlung demnach nicht nur die Seele, sondern zieht auch körperliche Belange, wie beispielsweise die Ernährung, in Betracht.

Veränderung ist Positiv

In Einklang mit Kris’ Lebensmotto heißt auch ihre Therapie-Webseite ‘Change is good’ (Veränderung ist gut). Ähnlich wie schon Farzana in meinem vorherigen “Bekannte in der Fremde”-Artikel, ist Kris der Auffassung, dass das Leben ständig im Wandel ist und das auch gut so ist.

Ich persönlich habe meine Probleme mit Veränderungen. Nicht dass ich sie zwangsläufig als negativ erachte. Aber ich finde es schwierig mich an Neues zu gewöhnen und Gewohntes aufzugeben. Nichtsdestotrotz habe ich in meinem Leben bereits große Veränderungen hinter mich gebracht und sie waren stets zu meinem Besten. Eine davon selbstverständlich mein Umzug nach Irland.

Ich stimme Kris zu, dass sich natürlich auch unsere Sichtweise auf die Dinge ändert je älter – und hoffentlich weiser – wir werden. “Unsere Lebensphilosophie basiert auf unserem Glauben, unseren Moralvorstellungen, den Erfahrungen die wir gemacht haben und unseren Erwartungen”, sagt sie. “Ich würde sagen, authentisch zu sein und mich selbst zu akzeptieren während ich mich verändere und weiter entwickele, sind die Grundfesten meiner Lebensphilosophie. Mir ist es wichtig als gutes Beispiel meiner eigenen Glaubensgrundsätze voranzugehen und für sie einzustehen.”

Ausländerstatus als Eisbrecher

Zu lernen mich selbst zu akzeptieren und zufrieden mit mir zu sein, ist ein Grund, warum ich Kris als Therapeutin aufgesucht habe. Es mag albern klingen, aber dass Kris wie ich aus dem Ausland kommt und keine englische Muttersprachlerin ist, half mir, mich sicherer und weniger fehl am Platze zu fühlen.

Zudem war es ein leichter Einstieg uns zunächst darüber auszutauschen woher wir ursprünglich kommen. Kris’ Heimat rief zugleich Erinnerungen an einen meiner Campingurlaube vor vielen Jahren hervor. In einem Land, das ich glücklicherweise bereist habe, bevor es der Massentourismus für sich entdeckt. Ein Fakt, der mir sehr wichtig ist, wie jeder der meinen Artikel Verlassen in Irland gelesen hat, weiß.

Litauen_Kurische NehrungLitauen_Campingurlaub 2006Litauen_Berg der KreuzeLitauen_Kurische NehrungLitauen_On the Road

Goldene Strände voller Bernstein

“Litauen hat einzigartig goldene Sandstände voller Bernstein und Sanddünen, die auf beiden Seiten vom Meer eingerahmt sind. Es gibt wunderschöne Wälder mit grün-schimmernden Moosteppichen. Hier und da findet man noch unveränderte, historische Dörfer mit reetgedeckten Häusern, die inzwischen von der UNESCO geschützt sind. Die Städte sind klein aber sehr charmant mit vielen historischen und architektonisch sehenswerten Gebäuden. Nicht zu vergessen die engen Gassen und kleinen Restaurants sowie einladenden Cafés.” So beschreibt Kris ihr Herkunftsland, als ich sie nach dessen Besonderheiten frage.

Unvergessen – Die Kurische Nehrung

Obwohl ich Litauen nur von einem einzigen Sommerurlaub im Jahr 2006 kenne, ist es mir genauso in Erinnerung geblieben. Insbesondere die goldenen Sandstrände und allen voran die Kurische Nehrung, werde ich wohl nie in meinem Leben vergessen. Ebenso wie sie die Freundin meiner Großmutter niemals vergaß. Sie war unweit davon, in Nidda, aufgewachsen und als junges Mädchen nach dem 2. Weltkrieg, mit dem Rest der deutschen Bevölkerung, vertrieben worden. Das hatte sie nicht davon abgehalten immer wieder von dem 100 km langen Sandstrand zu schwärmen, der das Kurische Haff von der Ostsee trennt.

Die riesigen Sanddünen stehen heute unter dem Schutz der UNESCO. Es war ein Privileg sie vor 15 Jahren noch betreten zu dürfen. Denn man sagte uns, dass dies vielleicht bald verboten sein könnte, um die Dünen vor der Abtragung zu schützen. Sie erstrecken sich an der schmalsten Stelle über eine Breite von 400 Metern und dehnen sich bis zu 4 km an der breitesten aus. Das soll schließlich so bleiben.

Es war ein regelrechtes Wettrennen gewesen am Vorabend noch einen Platz auf dem einzigen und stark überfüllten Campingplatz nahe der Kurischen Nehrung zu bekommen. Am Strand war am nächsten Morgen von den Menschenmassen allerdings nicht viel zu sehen. Und so wurde unser Besuch auf der Kurischen Nehrung zu einem wahrlich unvergesslichen Erlebnis!

Kaunas – Eine Studentenstadt zum Leben

Neben der unberührten, wunderschönen Landschaft beeindruckten mich damals auch die litauischen Städte. Als Kris mir erzählte, sie sei aus Kaunas, kramte ich meine alten Fotos hervor, in denen sich Kris’ Beschreibung widerspiegelt: “Meine Heimatstadt Kaunas ist die zweitgrößte Stadt Litauens und bekannt für ihre herausragende Architektur (UNESCO City of Design). Es gibt großartige Museen, beeindruckende Kathedralen und Theater. Kaunas ist außerdem eine Universitätsstadt mit einer der besten Medizin-Fakultäten in Osteuropa und ich bin stolz meinen Abschluss dort gemacht zu haben.”

“94% der in Kaunas lebenden Bevölkerung ist litauisch, was für eine moderne europäische Stadt sehr ungewöhnlich ist”, erzählt Kris weiter. Ich muss zugeben, dass es mich tatsächlich überrascht, dass Kaunas noch nicht zu einem Einwanderer-Paradies für junge Menschen geworden ist.

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“Ich schaute bei Google und entschied mich für Wicklow“

Das bringt mich zu der Frage, warum Kris selber Kaunas verlassen hat, um nach Irland zu gehen. Und wie hat es sie, als unsere fünfte “Bekannte in der Fremde”, nach Greystones verschlagen?

Als Kris sich entschied eine Auszeit von ihrem Job bei einem litauischen Arbeitgeber zu nehmen, fiel ihre Wahl ganz zufällig auf die Grüne Insel. Wie auch ich mich damals für Irland entschied, weil es ein kleines, englisch-sprachiges Land nicht zu weit von zu Hause war, tat Kris das bereits viele Jahre vor mir. Vor 19 Jahren um genau zu sein. Während ich erst über Umwege nach Greystones kam, war der Küstenort im Co. Wicklow bereits für Kris vorgesehen – auf ihrer ‘geheimen Karte’, wie sie es selber nennt. “Ich schaute bei Google und entschied mich für das Garten County Wicklow”, sagt Kris. Als sie in Greystones wenig später ihrem zukünftigen Ehemann begegnete, war ihr Schicksal besiegelt.

Entwurzelt in Irland

Es ist allemal besser von einem Land angezogen zu werden, wie Kris vom mystischen Irland, als lediglich aus seinem Heimatland weg zu wollen. Nichtsdestotrotz bringt das Auswandern in ein fremdes Land eine gewisse Entwurzelung mit sich, findet Kris: “Es ist ein unheimliches Gefühl wie es vermutlich jeder Auswanderer anfangs erlebt. Das Gefühl keine Wurzeln in einem Land zu haben, wo man fortan leben wird. Nicht mal eben bei der Familie zum Sonntagsessen vorbeischauen zu können, oder bei einer Freundin auf eine Tasse Tee. Es gibt (noch) keinen Ort, an dem man sich geborgen fühlt, wenn man Sorgen hat. Wissend, dass man auf der Straße keinem alten Schulfreund begegnen wird; dass kein Schaufenster in der Stadt sentimentale Erinnerungen hervorruft. Deine Vergangenheit ist auf einmal nicht mehr relevant. Du fängst bei null an.”

Fast Food und keine Mischbatterie

Die amüsantesten Antworten meiner “Bekannte in der Fremde”-Serie erhalte ich immer auf die Frage nach dem größten Kulturschock. Auch Kris’ Antwort bringt mich wieder zum Schmunzeln: “Viele der kulturellen Unterschiede zwischen Litauen und Irland waren so kurios, dass sie mich eher zum Lachen brachten als mir zu schaffen zu machen. Es hat eine Weile gedauert bis ich gelernt habe mit zwei getrennten Wasserhähnen am Waschbecken klarzukommen ohne mir die Finger zu verbrühen. Interessant war es auch zu beobachten wie die riesigen Doppeldeckerbusse durch die engen, vollen Straßen Dublins manövrieren. Ich war verblüfft wie viele Fast Food Restaurants es hier gab. Als ich Litauen verließ, gab es gerade mal ein McDonald’s in der zweitgrößten Stadt des Landes.

Von dem “Schock” über die mancherorts fehlende Mischbatterie kann auch ich ein Lied singen. Meine Eltern wundern sich heute noch bei jedem Besuch wie wir mit zwei Hähnen für Warm- und Kaltwasser in der Küche überleben. Nicht nur ein “deutsches Ding”, wie ich nun dank Kris weiß.

Keine Sommer, Keine Winter

Die irischen Sommer – oder vielmehr ihr Nicht-Vorhandensein – zieht sich wie ein roter Faden durch die Antworten meiner Interviews mit meinen “Bekannten in der Fremde”. Obwohl die kühlen Sommermonate auf der Insel nicht selten eine Herausforderung für Zugereiste darstellen, haben viele gelernt sie mit irischem Humor zu nehmen. So auch Kris: “Wenn ich mit meinen Eltern in Litauen spreche, machen wir uns immer einen Spaß daraus, das Wetter zu diskutieren. Wenn ich nach den winterlichen Temperaturen in meiner Heimat frage, antworten sie – sehr mild, kein richtiger Winter dieses Jahr. Das heißt dann ‘nur’ minus 10 Grad. Wenn ich ihnen im Sommer erzähle, dass wir eine Hitzewelle mit um die 20 Grad haben, bemitleiden sie mich und sagen – wieder kein Sommer in Irland!”

Lernen, Lernen, Lernen

Nicht nur im Bezug auf das Wetter ist Akzeptanz ein wichtiger Aspekt für Kris, wenn man in einem fremden Land heimisch werden möchte. Der Andersartigkeit von Menschen, Kultur und Umständen offen gegenüber zu stehen, ist der Schlüssel des erfolgreichen Auswanderns, meint Kris:

[…] sie sollten sich bewusst sein, wenn sie einmal die Entscheidung getroffen haben, in einem anderen Land zu leben, dass sie fortan alles betrifft, was in diesem Land passiert. Es gibt kein ‘unser’ oder ‘euer’ mehr. Viele Ausländer, denen ich durch meine Arbeit begegnet bin, fühlen sich nicht wohl dabei sich unter die Einheimischen zu mischen oder sich in die örtliche Gemeinschaft einzubringen. Sie nutzen die kulturellen Unterschiede als Ausrede um Kontakt zu vermeiden.

Mein Rat ist – lernen, lernen, lernen! Über die Geschichte, die Kultur und Traditionen des Landes, in dem du dich irgendwann zu Hause fühlen möchtest. Immer wieder wirst du etwas Neues und Wundervolles entdecken. Es lohnt sich!




 

Remembered or Forgotten?

The Beauty of Decay

Read Introduction

(Text nur auf Englisch verfügbar.)

On a cold, but sunny autumn morning I spent hours in Kilquade Graveyard. It was absolutely quiet and peaceful. I knelt in the damp, mossy soil trying to capture the sun beams shining through the trees and crosses from different angles. My hands got cold from holding the camera. But whenever I thought I was done and had taken pictures of everything, I discovered yet another perspective.

It was a morning well spent. My plans had been completely different, but I was grateful for that spontaneous disconnecting from my noisy and fast-paced day-to-day life. For once I embraced the silence and entirely focussed on something that I really enjoyed. I hope you will too as you browse through the photographs.

 – Portrait of a Graveyard –

Ornaments

Carry your Cross

Reflections

Ivy Art

Cross Beams

Evanescent

The Beauty Within

Any thoughts or a favourite shot? Let me know!

All photographs taken in the Graveyard at St. Patrick’s Church in Kilquade, October 2020. Click arrow (appears when hovering over the pictures, centre right) to see full slide show.

© Sylvia Payne, greeniscolourful.blog




Wie um Himmels Willen konntest du Mauritius verlassen?

Mauritius - InselnordenMauritius - Wanderung durch ZuckerrohrMauritius - Farzanas StrandMauritius - Teefelder

Von Insel zu Insel – Farzanas Geschichte

Ich liebe mein Projekt „Bekannte in der Fremde“. Mit jedem Artikel lerne ich so viel Neues über ein fremdes oder sogar mein eigenes Land. Wie der Name schon sagt sind alle bisherigen Teilnehmer(innen) Bekannte von mir. Dennoch bin ich immer wieder überrascht wie viel ich dabei auch über sie erfahre. Es ist mir eine Freude ihre Auswanderer-Geschichten auf meinem Blog teilen zu dürfen.

Farzana beantwortete meine Interviewfragen so ausführlich und spannend, dass ich mir eigentlich gar nicht die Mühe machen müsste, sie in einen Blogartikel umzuschreiben. Aber ich möchte ihre Geschichte mit meinen eigenen Worten nacherzählen. Wie immer soll es dabei auch ein wenig um mich und meine Sichtweise gehen. Wir freuen uns über Feedback und Kommentare zu ‘unserer’ Geschichte!

Unsere erste Begegnung

Unsere erste Begegnung scheint mir ein guter Anfang zu sein. Ich lernte Farzana – wie auch schon Ana aus meinem vorherigen Artikel – in einer Spielegruppe in Greystones kennen, wo wir über unsere Kinder ins Gespräch kamen. Ich hatte Farzana gefragt, wie um Himmels Willen sie Mauritius verlassen konnte, um stattdessen in Irland zu leben. Unmittelbar danach biss ich mir auf die Zunge, denn diese Frage hatte sie wahrscheinlich schon unzählige Male zuvor gehört. Hätte ich mir nicht etwas Originelleres einfallen lassen können?

Ich muss dazu sagen, dass für mich nicht offensichtlich war, woher Farzana kommt. Noch nie war ich jemandem aus Mauritius begegnet und wusste auch nicht viel über die kleine Insel im Indischen Ozean. Außer dass sie wegen ihrer Strände ein beliebtes Hochzeitsreiseziel war. Doch nach meiner plumpen Auftaktfrage wollte ich nicht auch noch mit Klischees um die Ecke kommen.

Warum Irland?

Die Kernfrage meiner „Bekannte in der Fremde“-Artikel. Immerhin bewog sie mich überhaupt erst zu dieser kleinen Blogserie. Denn auch ich hatte die selbe Frage in meinem allerersten Blogartikel beantwortet. Ich finde es spannend, wie und warum es Auswander/innen wie mich nach Irland verschlug. Und insbesondere wie sie letztendlich in Greystones landeten.

Farzana hatte schon in anderen europäischen Ländern gelebt, bevor sie nach Irland kam. Während ihres Studiums in Frankreich lernte sie ihren mauritischen Mann kennen, der zu dieser Zeit in Irland studierte. Als sie nach Mauritius zurückkehrte, um dort für ein paar Jahre zu arbeiten, blieb ihr Zukünftiger in Irland und schloss sein Studium ab. Nach ihrer Hochzeit zog Farzana zu ihm auf die Grüne Insel, wo sie glücklich und zufrieden lebten.

Von Mauritius nach Greystones

Es wäre eine sehr kurze Geschichte, wenn jetzt schon das „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ kommen würde. Mit ihrer inzwischen vierköpfigen Familie lebte Farzana für 8 Jahre in Dublin, bevor sie und ihr Mann sich entschlossen, nach Mauritius zurückzukehren. Sie wollten näher bei ihren Familien sein, nun da sie selber 2 kleine Kinder hatten.

Aber nach nur 9 Monaten in ihrer Heimat stellten sie fest, dass sie dort nicht das fanden, was sie sich für ihre junge Familie vorgestellt hatten. Aus persönlichen und beruflichen Gründen ging es also wieder nach Irland, dieses Mal in das familienfreundliche Greystones. Freunde halfen ihnen Fuß zu fassen und ihr damals 3 Jahre alter Sohn fand schnell Anschluss in der Vorschule. Das klingt erneut nach einem Happy End, ist aber noch immer nicht das Ende von Farzanas interessanter Geschichte.

Warmherzig und distanziert

Farzana und ihre Familie leben seit nunmehr fast 2 Jahren in Greystones. Die Antwort auf die Frage, ob sie sich gut integriert fühlt, überraschte mich sehr: „Die meiste Zeit fühle ich mich hier willkommen und als vollwertiges Mitglied der örtlichen Gemeinschaft. Aber es gibt auch Tage da komme ich mir fehl am Platze vor. Einsam und irgendwie als ob ich nicht hier sein sollte. Es war meine Entscheidung in einem fremden Land zu leben und daher werde ich das wohl akzeptieren müssen.“

„Es gibt einige wenige Leute in Greystones, die zu Recht denken, dass Ausländer ihnen den Platz wegnehmen“, sagt Farzana. „Und natürlich fühle ich mich nicht so wohl, wenn mir jemand dieses Gefühl vermittelt. Aber ich habe bereits in vielen anderen europäischen Ländern gelebt und war im Großen und Ganzen angenehm überrascht von der Wärme und Herzlichkeit der Iren. Mit meiner Hautfarbe und meinem Namen ist es nun mal eine Herausforderung woanders zu leben“, merkt Farzana abschließend zu diesem Thema an.

Farzana - Portrait Strand GreystonesFarzana - Strand GreystonesFarzana Swimrise GreystonesFarzana The Cove Greystones

Rassismus in Greystones?

Es fällt mir schwer die Worte Rassismus und Greystones in einem Satz zu erwähnen. Beinahe wie ein Tabu. Es ist nicht so, dass ich einen Bogen um das Thema machen möchte oder denke, dass es nicht existiert. Aber es fühlt sich befremdlich an festzustellen, dass Rassismus selbst vor so einem so kleinen, familienfreundlichen Ort wie Greystones nicht Halt macht.

Dabei ist es wahrscheinlich gerade in einer Kleinstadt ein Thema. In Greystones kennt man sich, begegnet sich regelmäßig auf der Straße. Man ist Teil einer überschaubaren Gemeinde. Das ist schön, bedeutet aber auch, dass man heraussticht, wenn man eine andere Hautfarbe hat. Anders als in einer multikulturellen Großstadt.

Alle im selben Boot – oder doch nicht?

Genau wie die Iren sind auch die Mauritier eine Auswanderernation, wie mir Farzana erklärt: „Das Auswandern steckt uns wahrscheinlich in den Genen. Schon unsere Vorfahren waren Auswanderer, die nach Mauritius kamen. Mir sagte mal jemand, dass es für so eine kleine Insel ganz schön viele von uns überall in der Welt verteilt gibt.“

Als Auswanderin kann ich gut nachempfinden was Farzana über das Thema Integration in einem fremden Land sagt. Und gleichzeitig auch nicht. Denn selbst im kleinstädtischen Greystones falle ich nicht unmittelbar als Ausländerin auf. Wenn ich mich gelegentlich als Außenseiterin fühle, weil ich befürchte, jemand könnte sich an meinem Akzent stören, findet das eher in meinem Kopf statt. Nicht so bei Farzana. Als Zugewanderte haben wir beide theoretisch den selben Status. Und doch bekommt Farzana das ‘Anderssein’ auf eine andere Weise zu spüren als ich. Das ist genau worum es bei Rassismus geht, oder?

Ein bisschen Geschichte

„Mauritius wurde von vielen verschiedenen Ländern kolonisiert, weil es sozusagen ein Zwischenstopp auf dem Seeweg von Europa nach Asien war. Eine Insel, auf der es zunächst nur Berge, Wald und Tiere gab. Nach und nach wurde das Eiland von seinen Entdeckern bevölkert. Erst von den Niederländern, dann den Franzosen und Briten. Demnach sind Mauritier die Nachkommen all der Völker, die sich auf Mauritius niederließen (wahrscheinlich zwischen 1600 und 1800).“

Traurigerweise kamen viele der Siedler unfreiwillig nach Mauritius, um das Land zu bewirtschaften und Viehzucht zu betreiben. Sie waren Sklaven aus Afrika und Arbeiter aus Indien (Farzanas Vorfahren). „Es ist dennoch ein wichtiger Bestandteil der mauritischen Geschichte, der die Insel zu dem machte, was sie ist und den Menschen seine Identität gab. Deshalb haben wir ein reiches Erbe, was die Architektur, Küche und Sprachen angeht“, sagt Farzana stolz.

Geschmacksache

Als Farzana mir die Frage nach ihrem größten Kulturschock in Irland beantwortet, muss ich schmunzeln: „Was mir zu schaffen macht ist, dass jedes Dessert mit zu viel Sahne serviert wird und die Essensportionen riesig sind”. Im Gegenzug dazu scheinen die Iren kein Konzept von ‘zierlich, aber gesund’ zu haben. Ich erinnere mich wie mir Farzana berichtete, dass ihre Tochter als Baby ständig zum Wiegen antreten musste, weil sie nicht den irischen Gewichtsstandards entsprach. Dabei hätte ein Blick auf Farzanas filigrane Statur genügt, um zu wissen, dass die heute 3-Jährige nie auf dem gleichen Perzentil wie irische Gleichaltrige landen wird.

Im Bezug auf die Größe der Portionen im Restaurant sind sich Deutsche und Iren wohl recht ähnlich. Nicht aber, wenn es um die Kleidungsetikette geht, bei der ich Farzanas zweiter Aussage zum Thema Kulturschock nur beipflichten kann. Auch ich finde es nicht salonfähig sich im Jogginganzug zu gesellschaftlichen Anlässen zu zeigen. Ein Kulturschock für Deutsche und Mauritier gleichermaßen.

Irische Sommer sind Mauritische Winter

Als Farzana zugibt, dass sie tatsächlich ein wenig gebraucht hat, um sich an das irische Wetter zu gewöhnen, fühle ich mich nicht mehr ganz so schlecht ihr die Eingangsfrage gestellt zu haben. Angesichts des tropischen Klimas auf Mauritius ist es erstaunlich, dass Farzana nicht direkt wieder die Flucht ergriffen hat. Auf der Grünen Insel im Atlantik pegeln sich die Sommertemperaturen mitunter bei 18 Grad ein. Für die Grüne Insel im Indischen Ozean ist das beinahe der Winterdurchschnitt.

Eine Kindheit wie im Traumurlaub?

Obwohl Farzana unweit des Strandes im Osten von Mauritius aufwuchs, verbringt sie heute mehr Zeit in der Irischen See als damals im Indischen Ozean. „Die mauritische Ostküste ist berühmt für ihre Strände und die touristischen Resorts,“ erzählt mir Farzana. Als ich mir gerade vorstelle, wie es wohl gewesen sein muss in einer der beliebtesten Urlaubsregionen der Welt aufzuwachsen, wirft Farzana ein, dass sich kaum Einheimische diese Ferienparadiese leisten konnten.

„Glücklicherweise hat sich das geändert und auch Inselbewohner machen zunehmend Urlaub in den örtlichen Hotels – wenn auch in der Nebensaison. Den Eindruck, den ausländische Gäste von Mauritius bekommen, beschränkt sich allerdings auf die Traumstrände. Kaum einer sieht etwas vom alltäglichen Leben und wie die Menschen auf Mauritius arbeiten,“ merkt Farzana an.

Authentisch aber Bequem

Ich habe lange im irischen Tourismus gearbeitet und stelle weltweit immer wieder Parallelen in der Branche fest. Allem Anschein nach gibt es einen Trend zum nachhaltigen Reisen und authentischen Erlebnissen. Aber gerade das Thema Authentizität hat seine Grenzen. Viele möchten in ihrem Urlaub dann doch nicht ihre Komfortzone verlassen, denn schließlich soll es ja Erholung sein. Es reicht ihnen aus die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abzuklappern und das Land als ‘bereist’ abzuhaken.

Da gibt es die großen Kreuzfahrtschiffe, die Nachhaltigkeit und grünen Tourismus promoten. Die Hop-on-hop-off Busse, die Touristen durch die Slums kutschieren – Fotostopp inklusive. Agenturen, die ‘Einen Tag Arbeit im Reisfeld’ als Abenteuer pur verkaufen. Immerhin geschieht vieles unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit, der Geld in die Kassen armer Regionen spült und die Aufmerksamkeit auf Probleme lenkt. Doch was hat das bitteschön mit authentischen Erlebnissen zu tun?

Die ‘Touristen-Hülle’

Während meiner Tätigkeit bei diversen irischen Reiseveranstaltern bekam ich des Öfteren die Anfrage nach einem Treffen mit einer ‘authentischen irischen Gemeinde’. Man wollte sozusagen die ‘Ureinwohner’ des Landes – am liebsten noch im authentischen, heimischen Wohnzimmer – treffen. Der Bestseller ist nach wie vor die Traditionell Irische Nacht mit Volkstanz und Folklore Musik. Denn das ist – laut Reisebroschüre – was die Iren allerorts tun. Mein irischer Mann sagt dazu, dass wir sie zu uns nach Hause einladen sollten, damit sie uns Freitagabend beim Einschlafen auf der Couch zuschauen können. Das ist dann wirklich authentisch.

Mal ganz im Ernst, natürlich verstehe ich das Konzept, Touristen durch Folklore und lokale Bräuche die Kultur eines Landes näherzubringen. Aber anstelle von Authentizität wird da wohl eher eine Inszenierung geboten. Verständlicherweise kann eine 40-köpfige Reisegruppe nicht einfach in ein Pub einmarschieren um dort spontan einer irischen Trad-Session beizuwohnen. Und darin liegt für mich der Widerspruch – eine einstudierte Show vor Massenpublikum ist selten authentischen Charakters. Ist es nicht schade, wenn man auf Reisen nur die Touristenfassade eines Landes präsentiert bekommt?

Ich selber habe mich schon vor einer Weile sowohl beruflich als auch privat vom Pauschaltourismus distanziert. In meine Überlegungen wie und ob es für mich als Touristikerin in der Branche weitergehen soll, platzte die Corona-Krise…

Farzanas Beruf(ung)

Diesen kleinen Exkurs in die Reisebranche konnte ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen. Auch in Mauritius ist der Tourismus die größte und bedeutendste Einnahmequelle des Landes. Farzana fand ihre Berufung allerdings in einem anderen Sektor, den ich persönlich sehr spannend finde. Als Wirtschaftspsychologin war sie bereits in vielen Bereichen in Irland wie u.a. dem Gesundheitswesen, dem Energiesektor, dem Flugverkehr und dem Militär tätig.

Nach einer 3-jährigen Karrierepause für ihre Kinder wagt sie nun langsam den Wiedereinstieg in den Beruf. Als Expertin auf ihrem Gebiet ist sie für Personalauswahl und -evaluierung in Unternehmen zuständig und bietet entsprechende Trainings und Beratung an. Zum Anderen hilft sie Angestellten ihr Potenzial bestmöglich zu entfalten und individuelle sowie wirtschaftliche Ziele zu erreichen.

“Ein Schock für’s System”

Während ich Farzana und ihrer Tochter Anfang des Jahres noch in den wöchentlichen Spielegruppen begegnete, wo sie sich ehrenamtlich engagierte, sind unsere Treffen nun selten geworden. Doch wenn ich Farzana sehe, dann meistens am Strand von Greystones. Schon in den frühen Morgenstunden stürzt sie sich dort in die eisigen Fluten der Irischen See. Ein Hobby, worauf sie zurecht stolz ist.

“Im September 2019 gewöhnte ich mir – gemeinsam mit einer Gruppe anderer Mamis – das Schwimmen im Meer an. Das kalte Wasser belebt mich und hilft mir ein besseres Körpergefühl zu entwickeln. Obwohl es am Anfang wie ein Schock für’s System ist, fühle ich mich jedes Mal gut danach. Es ist wie ein Kick und so erfrischend, dass ich es immer wieder mache. Danach bin ich gewappnet für alles was der (All-)Tag für mich bereithält. Ich bin sehr dankbar so nah am Meer zu wohnen. Oft begegne ich hier Gleichgesinnten, mit denen ich die Leidenschaft für das Schwimmen teile.”

Offline-Fortsetzung folgt…

Es gibt noch so viele Dinge, die ich Farzana über ihre Heimatinsel Mauritius fragen möchte. Aber das werden wir dann mal bei einem Kaffee in Greystones fortsetzen. Abschließen möchte ich Farzanas Geschichte mit ihrem, wie ich finde, sehr passenden Lebensmotto: “Nichts ist so beständig wie Veränderung.” Gerade in Zeiten von Corona, in denen sich unser Leben innerhalb weniger Wochen so stark und bleibend verändert hat, ist diese Aussage aktueller denn je.

“Das Leben verändert sich ständig”, sagt Farzana. “Ich lebe nicht mehr bei meinen Eltern. Meine Kinder sind keine Babys mehr, ich selber nicht länger eine junge Berufsanfängerin und so weiter und so fort. Nutz die Zeit, die nächste Veränderung kommt bestimmt!”




Bekannte in der Fremde – Alle kennen Ana!

Warum nicht Spanien?

Ja, warum eigentlich nicht? Wer mich oder zumindest meine Blogartikel kennt, dem kommt diese Frage vielleicht nicht ganz so aus der Luft gegriffen vor. Denn in meinem allerersten Blog-Post als Gastbloggerin bei „Die Blaue Banane“ beantwortete ich bereits die Frage „Warum Irland?“.

Und was hat das jetzt miteinander zu tun? Bevor ich 2014 nach Irland auswanderte, nachdem ich mich bei einem 6-monatigen Praktikum in die Grüne Insel verliebt hatte, hatte ich mein Herz schon einmal an ein Land verloren – Spanien.

In meiner Ausbildung zur Internationalen Touristikassistentin vor 18 Jahren (wow, ist das lange her!) stand Spanisch auf dem Lehrplan. Mir gefiel die Sprache so gut, dass ich mich entschied das vorgesehene Auslandspraktikum in Spanien zu verbringen. Genau genommen in Santiago de Compostela, das Ziel so vieler Pilger(innen) aus der ganzen Welt.

Irland vs. Spanien

Allein über diese 3 Monate, als meine erste Auslandserfahrung, könnte ich ein Buch schreiben. Aber das war noch nicht das Ende meiner „Liebesbeziehung“ zu Spanien. Als ich Jahre später Tourismus- und Freizeit Management studierte, verbrachte ich 2008 erneut ein Semester in Spanien. Dieses Mal 6 Monate in Salamanca, in der autonomen Gemeinschaft Kastilien und León, im Westen Spaniens. Währenddessen und im Anschluss bereiste ich mit Freunden einen Großteil des restlichen Landes.

Um die Frage vom Anfang zu beantworten: Hätte mir Irland kurz danach nicht völlig den Kopf verdreht, wäre ich stattdessen vielleicht nach Spanien ausgewandert.

Spanisch ist nicht gleich Spanisch

Ich muss zugeben, dass ich anfangs schon meine Schwierigkeiten mit dem spanischen Lebensstil hatte. Selbst als bekennende Nachteule und Befürworterin der Siesta, war das spanische Zeitverständnis noch einmal ein anderes. „Unter der Woche nicht so spät ins Bett gehen“ konnte da schon mal bedeuten nur” bis kurz nach Mitternacht aufzubleiben.

Nichtsdestotrotz tat das meiner Liebe zu der spanischen Kultur und vor allem der Sprache keinen Abbruch. Damit wären wir auch schon wieder bei Klischees. Denn eigentlich gibt es nicht die eine spanische Kultur. Nord- und Südspanien sind beinahe so unterschiedlich wie zwei völlig andere Länder.

Und es gibt auch nicht nur die eine spanische Sprache. Neben Kastilisch als offizieller Amtssprache Spaniens, existieren 4 weitere inoffizielle Sprachen, die weit über nur einen Dialekt hinausgehen: Katalanisch, Galizisch, Baskisch und Aranesisch. Während ich von meinen Kolleginnen im Pilgerbüro damals sogar ein paar galizische Wörter gelernt hatte, bin ich jetzt schon froh, einen halbwegs vernünftigen Satz in irgendeinem Spanisch herauszubekommen. Eher ziehe ich mich stillschweigend zurück, wenn ich jemanden Spanisch reden höre – aus Angst ich könnte in die Versuchung geraten, mit meinen verbliebenen Brocken auf Spanisch zu antworten.

Ana – ein Vorbild

Als ich Ana zum ersten Mal traf, wie sie mit ihren wenigen englischen Worten, ganz ohne Furcht auf die Leute zuging und sich mit Händen und Füßen verständlich machte, wusste ich, dass ich meine eigene Hemmschwelle überwinden und sie auf Spanisch ansprechen musste.

Nicht etwa um Anas Willen. Sie kam ganz gut alleine klar. Es war vielmehr so, dass ich gerne mehr mit ihr reden wollte. Ich wollte ihr sagen, wie großartig ich ihre Bemühungen fand sich zu integrieren. Dass ich vor ihr den Hut ziehe, wie sie sich trotz geringer Sprachkenntnisse, ganz ohne Berührungsängste unter das Volk mischt. Wie sie selbst anderen Neuankömmlingen noch dabei hilft sich willkommen zu fühlen. Aber vor allem war ich neugierig auf Anas Geschichte.

Anas Geschichte

Anas Geschichte zeugt von viel Mut, Großherzigkeit und Bestimmtheit. Im November 2017 kam sie von Elche an der spanischen Costa Blanca nach Irland. Ihre Enkelin Nora war damals knapp 4 Monate alt und Anas Tochter war im Begriff in ihren alten Job zurückzukehren. Ana war nach Greystones gekommen, um Nora tagsüber zu betreuen.

November ist nicht gerade die beste Zeit, um einen Neuanfang in Irland zu starten. Die Tage sind oft grau und es regnet viel. Demnach spielt sich mehr drinnen ab als unter freiem Himmel.

Es ist ein Wunder wie es Ana überhaupt gelungen ist, Leute in Greystones zu treffen, das sie fortan ihr Zuhause auf unbestimmte Zeit nennen würde. Ich erinnere mich wie sie mir in einem unserer ersten Gespräche – in einem Mix aus Englisch und Spanisch – erzählte, dass die kurzen Tage während des irischen Winters besonders hart waren. In Elche, das in der Provinz Alicante im Südosten Spaniens liegt, konnte man sich selbst zu dieser Zeit noch bis spät in den Abend hinein bei milden Temperaturen draußen aufhalten. Nicht so in Irland.

Kulturschock? Keineswegs!

„Alles macht so früh zu“, sagt Ana und zuckt mit den Schultern. „Nirgendwo kann man sich nach 18 Uhr noch auf einen Kaffee treffen.“ Das muss ein richtiger Kulturschock für Ana gewesen sein, dachte ich mir. Ana hingegen bleibt positiv: „Eine große kulturelle Umstellung habe ich eigentlich nicht wahrgenommen. Die meisten Iren, die ich getroffen habe, sind easy-going, halten gern einen Schwatz und das Eis ist schnell gebrochen. Die irische Gastfreundschaft ist legendär!“

Ana selbst ist ein sehr positiver und glücklicher Mensch. So beschreibt sie sich mit wenigen Worten und auch ich habe sie so kennengelernt. Ihren Mitmenschen mit Respekt begegnen, das ist hier wichtig. So wird sie es leicht haben sich in ihre neue Umgebung zu integrieren. Wenn nur die Cafes nicht so zeitig schließen würden…

Die Enkelin als Türöffner

“Eines Tages war ich mit meiner Enkelin Nora unterwegs und traf eine Mama, die mich zu einer der örtlichen Spielgruppen einlud. Dort traf ich dann andere Eltern, Großeltern, Tagesmuttis und Au-pairs aus verschiedenen Ländern. Das hat meinen Alltag hier in Greystones ungemein erleichtert.“

Nach wie vor mit wenig Englisch, brachte sich Ana von Anfang an bei den Kinder- & Elterntreffs ein. Anstelle sich in eine Ecke zurückzuziehen und lediglich mit ihren Landsleuten zu kommunizieren (von denen es durchaus einige gab), war Ana überall präsent. Oft war sie zur Stelle, wenn mal Not am Mann (bzw. am Kind) war. Ohne zu zögern tröstete sie schluchzende Kinder, deren Bezugsperson gerade mal einen Augenblick außer Sichtweite war. Großzügig verteilte sie Snacks (mit Einverständnis der Eltern) und kleine Goodies zur Weihnachtszeit. Zur Geburt unserer Tochter bedachte sie uns sogar mit einem Geschenk. Es war nicht verwunderlich, dass Ana schon bald viele Kinder und Eltern beim Namen kannte. Es war einfach unmöglich Ana mit ihrer freundlichen und dennoch keineswegs aufdringlichen Art in der Spielgruppe zu übersehen. Ich bin mir sicher, dass Ana inzwischen auch in Greystones kein unbekanntes Gesicht mehr ist.

Der Lockdown brachte uns näher

Mit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen aufgrund des Coronavirus im März, beschloss ich Ana zu kontaktieren. Einerseits weil ich wissen wollte wie es ihr und Nora geht, zumal wir beim letzten Elterntreff nicht ahnten, dass wir uns solange nicht sehen würden. Zum anderen wollte ich durch das Schreiben mit Ana mein Spanisch aufpolieren. Vielleicht würde ich mir wieder selbstbewusster eine mündliche Kommunikation zutrauen, bis ich Ana das nächste Mal begegnete.

Und so traten wir in einen regen, schriftlichen Austausch und lernten uns besser kennen. Wir stellten fest, dass wir beide leidenschaftliche Köchinnen (Ana sogar von Berufswegen) und Hobbybäckerinnen waren. In Zeiten von kurzzeitigen Lieferengpässen in den Supermärkten und Restaurantschließungen waren Rezepte & Co. ein besonders spannendes Thema für mich. Ana hatte in Spanien schon an vielen Kochkursen teilgenommen, von denen sie mir stolz ein paar Fotos schickte. Ich war begeistert!

Freundschaft geht durch den Magen

Spanien ist bekannt für seine kulinarische Vielfalt. Insbesondere im Hinblick auf Süßspeisen macht ihnen da keiner etwas vor. Der wahrscheinlich bekannteste Süßwaren-Export Spaniens sind Churros con Chocolate. Anas Repertoire geht jedoch weit darüber hinaus. Als ich ihr erzählte, dass ich mich zu Ostern an meinen eigenen Torrijas versucht hatte, weil sie mich immer noch an meinen Trip nach León über die Osterfeiertage 2008 erinnerten, verriet sie mir ihr Spezialrezept. Ich kann es kaum erwarten bis Ana von ihrer nächsten Spanienreise Originalzutaten mitbringt und wir ein bisschen Spanien in Irland genießen können.

Was Ana über Irland denkt

Neben ihrer Leidenschaft für das Kochen hat Ana noch viele andere Interessen, wie ich bei unserem Austausch und dem Interview für diesen Artikel erfuhr. Ihre Antwort auf die Frage, was sie an der irischen Kultur am meisten schätzt, zeigt, dass ihre Zuneigung zu Irland weit über die bereits zuvor gelobte Gastfreundschaft der Iren hinausgeht.

„Mit seinen brillanten Schriftstellern hat Irland einen großartigen Beitrag zur Weltliteratur geleistet. Zudem spiegeln die traditionelle Musik, das Irish Dancing, die Mythen und Legenden eine vielseitige Kultur wider. Fast überall findet man Burgen oder ihre Überreste, die von einer interessanten Geschichte zeugen. Zu guter letzt gibt es da noch die jüngere Architektur mit den herrlich-bunten Türen. Es gibt hier viel zu bereisen und erkunden“, schwärmt Ana.

Zwei Herzen in meiner Brust

Ich kann Ana so gut verstehen. Einerseits sehe ich, was sie an Irland so liebt. Andererseits bin ich mir bewusst, was sie in Spanien zurückgelassen hat. Auch ich habe mich damals für Irland und gewissermaßen gegen Spanien entschieden, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen und aus anderen Beweggründen als Ana.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie schwer es mir fiel meine Entscheidung rational zu rechtfertigen. Insbesondere als mich Freunde und Familie fragten, warum ich nach Irland ging, wenn ich doch meine Zeit in Spanien so genossen hatte. Bei der Recherche für diesen Artikel und durch die Korrespondenz mit Ana blicke ich nun durchaus sentimental auf Spanien zurück.

Ich schaue mir alte Fotos von meiner Zeit in Salamanca an (die von Santiago gibt es nicht digital, sondern nur in Papierform auf dem Dachboden meiner Eltern). Ich bestelle mir ein Buch über den Camino de Santiago und blättere in einem Bildband über Spanien, der im Bücherregal schon Staub angesammelt hat. Ich genieße es in meiner „spanischen“ Vergangenheit zu schwelgen und habe große Freude daran, von Ana mehr über ihren Heimatort Elche zu erfahren. Mir wird erneut bewusst, dass Spanien – neben dem guten Wetter (außer in Galizien, wo es eher wie in Irland ist) – so viel mehr zu bieten hat. Ein durchaus lebenswertes Land!

An der Spitze der Weltgeschichte

Spanien ist nach Italien das Land mit den meisten UNESCO Weltkulturerbestätten auf der Welt. Der historische Palmenhain von Elche ist eine von derzeit 42 UNESCO Attraktionen Spaniens. Zusätzlich gehören das Kulturzentrum und Schulmuseum von Pusol sowie das Mysterienspiel von Elche zum Immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO.

Das Mysterienspiel von Elche

Ein paar Tage nachdem Ana mir die Interview-Fragen beantwortet hatte, schickte sie mir eine Email. Sie enthielt weitere Informationen über das „Misteri d’ Elx“, wie es in Landessprache der autonomen Gemeinschaft von Valencia heißt. Es schien, als sollte ich dieser Veranstaltung besondere Aufmerksamkeit schenken. Als ich mir die Fotos dazu im Anhang anschaute, wurde mir klar warum.

Nicht einfach ein Theaterstück

Das Mysterienspiel von Elche ist ein musikalisches Drama über die Jungfrau Maria. Es ist das einzige, seit dem Mittelalter kontinuierlich aufgeführte Mysterienspiel der Welt. Seit fast 600 Jahren findet es in der Altstadt von Elche und der Basilika Santa Maria statt. Jährlich am 14. und 15. August kommen über 300 Freiwillige zusammen, um in irgendeiner Weise an dem Stück mitzuwirken. Ein Spektakel, was die gesamte 230.000 Einwohner Stadt Elche involviert. Mit Kerzen folgen die Menschen der Morgen- und Nachmittagsprozession, die in der Nachstellung des Begräbnisses von Maria gipfelt. Der Auferstehung folgt die Krönung Marias in der Basilika. Beide Akte werden ausschließlich gesungen, ohne instrumentale Begleitung.

„Man muss live dabei sein“

„Ich habe dir einen Video-Link zur Performance mitgeschickt“, schreibt Ana in ihrer E-mail weiter. „Aber der wird in keinster Weise dem Gefühl gerecht, live in der Kirche dabei zu sein. Wie die Stimmen der Sänger* in der Basilika widerhallen und auf dem Höhepunkt des Stückes (die Krönung Marias im Himmel) Gold herunterregnet.“ [*Anm.d.R.: Tatsächlich gibt es nur Sänger und keine weiblichen Darsteller im Misterio d’ Elx, da früher keine Frauen in der Kirche auftreten durften.]

Koffer packen und los

Es gibt so viele wunderbare Dinge auf dieser Welt, die darauf warten erkundet zu werden. Dinge, von denen ich oftmals noch nicht einmal wusste, dass sie existieren. Doch wenn ich dann einmal von ihnen gehört habe, kann ich es kaum erwarten sie mit eigenen Augen zu sehen.

Oder, um es mit Anas Worten zu sagen: „Lebe, genieße, träume und reise…und wenn du die Zeit hast, wiederhole es.“

 

(Alle Fotos zur Verfügung gestellt von Ana Navarro.)




Bekannte in der Fremde – Deutsche in Irland

Mein Mann sagt immer, dass man Deutsche in Irland schon von Weitem erkennt. Am Haarschnitt, den Wanderschuhen und den Regenjacken einer bestimmten Marke. Diese Theorie wurde neulich in einer Forumsdiskussion von Deutschen selbst bestätigt. Ein Zeichen deutscher Planungsfreude und mangelnder Spontanität?

Als ich noch im Tourismus arbeitete, beschrieb man die deutsche Zielgruppe mit „geplanter Spontanität“. Ein Widerspruch in sich, aber zu Marketingzwecken sicherlich sinnvoll.

Ich selbst bekenne mich der mangelnden Spontanität schuldig. Planen und Organisieren zählen aber auch nicht gerade zu meinen Stärken. Aber wir wissen ja wie das mit den Klischees ist. Es ist etwas Wahres dran, aber allgemein gültig sind sie eben auch nicht.

Gemeinsame Basis

Als ich Anja zum ersten Mal begegnete, fiel sie mir nicht direkt als ‘typisch deutsch’ auf. Und auch sie hat mich nicht etwa aufgrund einer farbigen Allwetterjacke als deutsch identifiziert. Vielmehr hörte sie mich in der örtlichen Stillgruppe mit unserem damals 4-Monatigen deutsch sprechen. Sie selbst war mit ihrer neugeborenen Tochter da und so kamen wir ins Gespräch.

Ich glaube es ist normal, dass man sich im Ausland automatisch mit Menschen der gleichen Nationalität zusammenfindet. Nicht etwa um sich wie zu Hause zu fühlen, sondern einfach weil es eine gemeinsame Basis darstellt. Das macht es einfacher sich in eine bestehende Gemeinschaft und eine neue Umgebung zu integrieren.

Alter Irland-Hase in der Nachbarschaft

Anja wohnte bereits seit 3 Jahren in Greystones als wir uns kennenlernten. Irland nannte sie seit 2007 mit kurzen Unterbrechungen ihr Zuhause. Es war nicht so, dass ich Anja brauchte, um neue Kontakte in Greystones zu knüpfen. Wir haben uns einfach auf Anhieb gut verstanden. Zudem verbindet es ungemein, Kleinkinder im gleichen Alter zu haben – mindestens genauso wie die gleiche Nationalität.

Zu unserer Freude stellten wir fest, dass wir direkt um die Ecke voneinander wohnten. Erstaunlich, dass wir uns vorher nicht schon einmal begegnet waren. Andererseits gingen wir – bevor wir Mütter wurden – beide unseren Berufen nach. Anja im Home Office und ich in Dublin City. Erst durch die Kinder kreuzten sich unsere Wege.

Die Delgany Ladies

Mit den Kinderwagen in Greystones unterwegs, lernten Anja und ich noch andere Mamis kennen. Schon bald waren wir ein kleines Grüppchen, das sich regelmäßig zum Lunch traf. (Ein Dankeschön an das Beach House, das uns jeden Donnerstag wie VIPs behandelte, als wir mit unseren krabbelnden Babies die gemütlichen Sofastühle okkupierten!)

Von da an nannte mein Mann uns „Die Delgany Ladies“ (wir wohnen zwischen Greystones und Delgany). Dabei stellte er sich uns als elegante 1920er Damen mit vornehmen Hüten und eleganten Sonnenschirmen vor. In seinem Kopf hatte er ein Bild, wir uns zum Picknick an der Strandpromenade trafen, während unsere Kleinen brav neben uns im Sand spielten. Auch Anja’s Mann David verpasste uns zwei mehr oder weniger treffende Spitznamen: „Die Ladies, die lunchen” und „Die Lecker-Lecker-Freundinnen”.

In Wirklichkeit konnten wir oftmals nicht einmal schnell genug unser Mittagessen hinunterschlingen, bevor sich jeder wieder seinem kleinen Wirbelwind widmen musste. Nichts desto trotz lässt sich nicht leugnen, dass wir eine schöne Zeit zusammen hatten. Als für viele Mamis die Elternzeit vorbei war und sie in ihre Jobs zurückkehrten, blieben Anja und ich als einige der wenigen Vollzeitmamis aus unserer Gruppe zu Hause. Ich glaube das hat uns noch einmal mehr zusammengeschweißt.

Gegensätze ziehen sich an

Drei Jahre später sind Anja und ich immer noch „hauptberuflich” Mamas. Unser Großer und Anjas inzwischen fast 3-jährige Tochter sind beste Freunde. Ich wage es zu bezweifeln, dass Anja und ich uns ohne die Kinder kennengelernt hätten. Unsere Interessen sind doch recht verschieden. Zwar sind wir beide gern in der irischen Natur unterwegs, ansonsten ist Anja eher im musischen Bereich anzutreffen.

Als Alt-Stimme der Bray Choral Society, liebt Anja (klassische) Musik und ihr Traum ist es irgendwann richtig Klavier spielen zu lernen. Wie sollte es als Bücher-Übersetzerin anders sein, ist Anja ein Fan der Literatur und Sprachen im Allgemeinen. Letzteres haben wir dann wieder gemeinsam.

Wie Ost und West

Dass wir uns in Deutschland über den Weg gelaufen wären, ist auch eher unwahrscheinlich, was überwiegend geographische und ein Stück weit historische Gründe hat. Anja stammt aus dem westlichen Teil Deutschlands und ich bin am ganz anderen Ende, im Osten, groß geworden. Dazwischen liegen über 500 km. Noch vor 30 Jahren gab es zudem eine unüberwindbare Mauer, die die innerdeutsche Grenze markierte. Wir sind wahrscheinlich die erste Generation, für die der Ost-West-Konflikt keine große Rolle mehr spielt. Denn lange nach dem Fall der Berliner Mauer 1989, schwelte die deutsch-deutsche Teilung noch in den Köpfen der Alt- und Neu-Bundesbürger. Ein Thema, worauf ich in diesem Artikel nicht näher eingehen möchte.

Größter, Höchster & Zirkuselefant

Als Anja die Region aus der sie kommt beschreibt, hört sich das fast so an wie das County Wicklow, in dem wir beide jetzt wohnen: Bewaldete Hügel, saftig grüne Wiesen, durchzogen von kleinen Flüssen, hier und da ein Gehöft. „Das Bergische Land ist ein wunderschöner Landstrich zwischen dem einst industriellen Ruhrgebiet und den höheren Lagen des Sauerlands“, schwärmt sie. „Trotz seiner bergigen Oberfläche ist der Name nicht geographischen Ursprungs, wie man vermuten könnte, sondern ist den Grafen von Berg zuzuschreiben, die die Region im Mittelalter regierten”, klärt mich Anja auf.

Hier, in der ca. 35,000 Einwohner großen Stadt Wermelskirchen, nicht weit von Köln entfernt, ist Anja geboren und aufgewachsen. Neben der Metropole am Rhein mit dem markanten Kölner Dom, scheint die Region jedoch weitaus mehr zu bieten zu haben. Und was wäre Deutschland ohne Rekorde „das größte“, „das älteste“, „das berühmteste“…?

Wie wäre es zum Beispiel mit einem Besuch der ältesten Trinkwassertalsperre Deutschlands? Oder der höchsten Eisenbahnbrücke, der Müngstener Brücke, die sich über das wunderschöne Wupper-Tal spannt? Mit ihrer gitterartigen Stahlkonstruktion erinnert sie an den Pariser Eifelturm. Eine Attraktion, die ihresgleichen sucht, ist die älteste Schwebebahn der Welt. Mit ihrem unter den Schienen hängenden Zug müsste man sie eigentlich als „Hängebahn“ bezeichnen. Kurioser ist da nur noch der Zirkuselefant Tuffi, der 1950 aus der Schwebebahn in die Wupper sprang. Während man heute noch mit der Bahn fahren kann, ist der Zirkuselefant allerdings längst „über die Wupper“ gegangen.

Das herzförmige“ Wuppertal

Der Besuch einer mittelalterlichen Burg gehört in Deutschland zum Pflichtprogramm. Auf dem Schloss mit dem ganz treffenden Namen „Burg“ lässt sich Historisches ideal mit Kulinarischem verbinden. Es ist berühmt für seine Bergische Kaffeetafel, bei der man mit Herzwaffeln und Kaffee aus der antiken Dröppelminna, einer Kaffeekanne aus Zinn, verköstigt wird.

Kein Wunder, dass sich Anja und David diesen Ort für ihre deutsch-irische Hochzeit ausgesucht haben. Zwar nicht das Schloss selbst, aber das landschaftlich reizvolle Tal der Wupper. Ich bin mir sicher, dass auch da etwas “Herzförmiges” mit von der Partie war.

Irische Männer sind unwiderstehlich

Ähnlich wie bei meiner Geschichte mit meinem Mann John, war auch Anjas und Davids Kennenlernen eine glückliche Fügung. Nach einem anderthalbjährigen Aufenthalt mit einer Freundin in Irland, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, verließ Anja 2009 die Insel wieder. Ursprünglich hatte sie nur für 1 Jahr bleiben wollen. Es war Zeit zu ihrer Familie nach Deutschland zurückzukehren und sich ins Berufsleben als Buch-Übersetzerin zu stürzen.

Aber Irland war nicht bereit Anja gehen zu lassen und hatte David als Ass im Ärmel. Beide verliebten sich ineinander nachdem sie sich einige Zeit lang geschrieben hatten. Nach ihrem ersten persönlichen Treffen auf neutralem Boden in Dänemark, war Anja regelmäßig zu Gast bei David auf der Grünen Insel. Ihre berufliche Selbstständigkeit erleichterte ihr das „Jet-Setter-Leben“. 2014 zogen Anja und David gemeinsam aus dem Apartment in Dublin City nach Greystones. Und der Rest ist Geschichte.

Unüberwindbare Hürde

Aufgrund ihrer hervorragenden Sprachkenntnisse und der allmählichen Eingewöhnung in den irischen Alltag, blieb der große Kulturschock bei Anja aus, als es dann für immer nach Irland ging. Letztendlich unterscheiden sich die deutsche und die irische Kultur im Wesentlichen nicht allzu sehr voneinander. Doch eine Hürde blieb – das Lesen des irischen Busfahrplanes.

Ich muss Anja Recht geben. Es macht wenig Sinn an einer Haltestelle die Zeiten anzugeben, an denen der Bus den allerersten Stop der Route verlässt. Schließlich möchte man wissen, wann der Bus an der entsprechenden Haltestelle abfährt und nicht erst ein Rechenexempel starten, wann er denn wohl da ankommt. Allerdings lässt sich damit auch gut Wartezeit totschlagen. Oder es gibt einem Anlass die „Touristenkarte“ zu spielen und direkt einen Einheimischen ins Gespräch zu verwickeln.

„Freunde kommen von ganz allein“

Auf die Frage wie es war in Irland Kontakte zu knüpfen antwortet Anja: „Im Grunde war es leichter als erwartet. Meine ersten Freunde waren zwar, wie ich, Ausländer(innen), die ihrerseits Anschluss suchten, doch irische Freunde und Bekannte kamen nach und nach hinzu. Meine erste irische Freundin lernte ich im Chor des Trinity College kennen.“

„Die irische Mentalität ist herzlich und gesellig, sodass man sich eigentlich nie ausgeschlossen fühlt“, erzählt sie weiter. „Zudem sind die Iren eine klassische Auswanderer-Nation und sind anderen Nationalitäten gegenüber demzufolge recht aufgeschlossen. Meiner Erfahrung nach werden die Deutschen hier recht positiv wahrgenommen. So haben sich viele Freundschaften für mich von ganz allein ergeben, man muss sich nur darauf einlassen.“ So wie an der Bushaltestelle zum Beispiel, wenn man gemeinsam die Ankunftszeit des Busses ausknobelt.

„Spannemann“ für Krabbelgruppen & Co.

Rückblickend kann ich bestätigen was Anja über das Freunde finden sagt. Allerdings fand ich es am Anfang schwer Anschluss zu den Iren zu finden. Nach der Arbeit gingen sie nach Hause zu ihren Familien oder unternahmen etwas mit ihrem eigenen Freundeskreis. Für mich brauchte es einen “Türöffner”, der schon über irische Kontakte verfügte und das war mein Mann John. Wenn man Kinder hat, trifft man ganz schnell neue Leute. Da werden bestehende Strukturen wie das Arbeitsumfeld aufgebrochen und die Karten noch einmal neu gemischt. Das hilft ungemein. Dennoch bin ich froh mit Anja einen “Spannemann” gefunden zu haben. Denn auch zu Krabbelgruppen & Co. gehe ich lieber in Gesellschaft. Gemeinsam haben wir dort unseren Bekanntenkreis erweitert.

„Sei glücklich oder ändere etwas“

Ich schätze mich glücklich Anja als Freundin zu haben. Zum einen natürlich, weil ich gern Zeit mit ihr verbringe. Zum anderen ist sie immer optimistisch und gut gelaunt. Es tut mir gut einen so positiven Menschen in meinem Leben zu haben. Passenderweise lautet ihr Lebensmotto: “Sei glücklich. Wenn du nicht glücklich bist, dann ändere was.

Es sieht so aus als müsste Anja in ihrem Leben nichts ändern. Als ich sie frage, was sie an Deutschland vermisst (abgesehen von Familie und Freunden), nennt sie nur ein paar unwesentliche Dinge wie Eisdielen und einen Drogeriemarkt, ohne die sie aber getrost leben kann. Demnach hat Anja nicht den Wunsch wieder nach Deutschland zurückzugehen. Sie fühlt sich in Irland inzwischen viel mehr zu Hause. Das soll mir nur Recht sein.

 




Bekannte in der Fremde – Wir sind Greystones

“Bekannte in der Fremde” ist mein erster Gehversuch in der Welt des Journalismus. In meinem Blog drehte es sich bislang um meine Person und mein Leben als deutsche Auswanderer-Mami in Irland. Kürzlich versuchte ich mich zudem an zwei Fotoprojekten rundum Bäume und verlassene Orte. Neben dem Schreiben zwei weitere Interessen von mir. In diesem und den folgenden Blog-Posts soll es nun um Menschen und ihre Geschichte gehen.

Die ‘Blow-Ins’ (= Die ‘Hineingeschneiten’)

Genau genommen geht es um Menschen, die ebenso wie ich aus einem anderen Land nach Irland, und insbesondere in meinen Wohnort Greystones gekommen sind. Warum gerade Irland und aus welchen Beweggründen haben sie ihr Heimatland verlassen? Ein Thema, was mich schon immer interessiert hat und das ich nun zum Gegenstand einer kleinen Blog-Serie unter dem Namen “Bekannte in der Fremde” machen möchte. Ich konnte dafür “Greystonians” aus unterschiedlichen Ländern gewinnen und freue mich sehr ihre Geschichte erzählen zu dürfen.

Außer dass wir alle “Bekannte in der Fremde” sind, haben wir einen gemeinsamen Lebensmittelpunkt: unsere Familie. Zumindest haben wir uns (fast alle) über die Kinder kennengelernt und das allein verbindet. Es ist nicht verwunderlich, dass wir uns im familienfreundlichen Greystones gefunden haben. Einem attraktiven Küstenstädtchen im County Wicklow, reichlich eine halbe Autostunde südlich von Dublin gelegen.

Ein paar Worte zu Greystones

Bevor wir Ende 2016 nach Greystones zogen, war ich genau zweimal vorher als Besucher in dem Örtchen am Meer gewesen. Beide Male war ich den Küstenwanderweg vom Nachbarort Bray bis nach Greystones gelaufen. Auf halber Strecke, vom Bray Summit aus, hat man einen herrlichen Blick über die Dublin-Bucht. Beide Orte sind gut  mit der DART, dem irischen Pendlerzug, von Dublin aus zu erreichen. Das habe ich mir bei meinen Dublin-Aufenthalten oft zu Nutze gemacht, um der geschäftigen Hauptstadt kurz für einen Spaziergang an einem der umliegenden Strände zu entfliehen.

Die Haupt-(Straßen) Attraktion

Das einzige woran ich mich in Greystones so richtig erinnern konnte, war das Gastro Pub Burnaby auf der Hauptstraße. Auf dem Freisitz hatte ich damals einen kühlen Cider nach der Wanderung auf dem Küstenweg genossen. Damit war ich in bester Gesellschaft, denn viele nutzten den Cliff Walk oder Greystones als Wochenendausflugsziel.

Obwohl Greystones etliche Restaurants und für jeden Geschmack etwas zu bieten hat, reihen sich die meisten Besucher in der stets langen Warteschlange vor dem Happy Pear ein. Da gibt es nicht nur gesundes Essen, sondern die Besitzer selbst haben mit ihren vegetarischen Gerichten und Kochbüchern (inter-)nationale Berühmtheit erlangt.

Neben den kulinarischen Highlights ist der Strand die Hauptattraktion von Greystones. Während es in der windgeschützten Bucht ‘The Cove’ dank zahlreicher Sonnenanbeter und Schwimmer oft eng wird, ist am grobkörnigen Strand von Greystones genug Platz für alle. Der ehemals verschlafene Fischerhafen hat sich inzwischen zu einer modernen Marina mit exklusiven Immobilien gewandelt. Mondän zum Flanieren, zum Wohnen ein bisschen zu viel Beton in meinen Augen (wortwörtlich!).

Wohnen wo andere Urlaub machen

…sagt mein Mann John jedes Mal, wenn wir in Greystones unterwegs sind. Mehr ist dem eigentlich nicht hinzuzufügen. Wir haben das Meer auf der einen und die Berge auf der anderen Seite. Den 501 m hohen Berg The Great Sugar Loaf können wir fußläufig erreichen. Mit dem Wicklow Mountain Nationalpark haben wir eines von Irlands Wanderparadiesen direkt vor der Haustür.

Unsere Umgebung bietet genau das, was Deutsche wohl als ‘typisch irisch’ bezeichnen würden: Küste, malerische Hügel und Seen, ein paar Schafe hier und da, sowie tiefgrüne Wälder. Während das allein schon Grund genug ist nach Greystones zu ziehen, gibt es zudem viele Angebote und Aktivitäten für Kinder. Neben Wander- und Naturparadies also auch eins für Familien.

Kleinstadt – Multikulti

Wer sind nun also diese Menschen, die in Greystones leben und um die es in “Bekannte in der Fremde” gehen soll? Es sind Menschen, denen man häufig im Ort begegnet. Zumeist haben sie Zeit für ein kleines Schwätzchen oder rufen zumindest ein freundliches “How are ya?” über die Straße. Sie nehmen am gesellschaftlichen Leben teil und bringen sich ein, wo sie können. Ich denke, ich kann Greystones getrost als “multikulti” bezeichnen. Und das ganz ohne die Anonymität einer Großstadt. Stattdessen kennt man sich untereinander. Das vermittelt ein großartiges Zusammengehörigkeitsgefühl, was mich hier besonders heimisch fühlen lässt.

Zuhause ist da wo das Herz ist

Bevor jede einzelne “Bekannte in der Fremde” in einem Blog-Artikel “Rede und Antwort” steht, noch ein paar Worte über mich. Das meiste findet sich allerdings schon in den Geschichten auf meinem Blog oder unter der Rubrik Über mich. Als ich 2008 das erste Mal Fuß auf irischen Boden setzte, wusste ich noch nicht, dass ich hier einmal dauerhaft landen würde. Viel ist passiert, bevor ich im Januar 2014 den Schritt des Auswanderns wagte. Nun kann ich mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass ich die Insel nicht wieder verlassen werde (außer um Familie & Freunde zu besuchen und zum Reisen natürlich).

Das Schicksal, oder wer da auch immer seine Finger im Spiel hatte, hat es gut mit mir gemeint und mir in Irland den Weg geebnet. Ich hatte einzig und allein auf mein Bauchgefühl vertraut und war, entgegen jeglicher Vernunft, nach Irland gegangen. Der Rest ergab sich ganz wie von selbst. Das soll nicht heißen, dass es immer einfach war. Aber die Steine, die mir in den Weg gelegt wurden, konnte ich mühelos beseitigen. Es sollte wohl so sein.

Warum Irland?

Diese Frage habe ich bereits in einem Blogartikel unter dem selben Titel beantwortet (als Gastbloggerin bei Die Blaue Banane). Während es darin um meine anfängliche Motivation des Auswanderns ging, gibt es inzwischen für mich noch viel mehr Gründe in Irland zu bleiben: Meinen liebevollen irischen Ehemann John, zwei halb-irische Kinder (für John sind sie 100% irisch) und unser Traumhaus im Co. Wicklow.

Beruf vs. Berufung

Dass ich bereits in Deutschland für den irischen Tourismus tätig war, half natürlich ungemein bei der Jobfindung in Irland. Als ich vor 6 1/2 Jahren auf die Insel zog, hatte ich einen festen Arbeitsvertrag bei einer großen irischen Incoming-Agentur in der Tasche. Wenige Monate später bekam ich ein noch besseres Angebot und wechselte zu einer kleineren Firma.

Nach der Geburt unseres ersten Kindes wurde mir schnell klar, dass ich nicht wieder in meinen alten Job zurückkehren wollte. Genau genommen kann ich mir bis jetzt keine andere Tätigkeit vorstellen als Vollzeit-Mama zu sein. Seit über 3 Jahren bestreiten wir nun schon unseren Alltag als eine Home-Office-Familie. Gelegentlich übernehme ich kleinere Projekte für meine ehemalige Arbeitgeberin in Deutschland.

Emotionaler Rückblick

Die Entscheidung nach Irland auszuwandern habe ich ganz bewusst getroffen, weil ich mich als Studentin während eines 6-monatigen Praktikums in die Insel verliebt hatte. Ich wollte also nicht zwangsläufig weg aus meiner Heimat, sondern einfach nur in Irland leben. Es war kein Umzug der Liebe wegen (abgesehen von der Liebe zu Irland) und nicht aus beruflichen Gründen. Zu diesem Zeitpunkt war ich so ungebunden wie nie zuvor in meinem Leben. Das hat sicherlich alles dazu beigetragen, dass ich mich hier so gut eingelebt habe.

Denn egal was mich erwartete, ich war “aus freien Stücken” nach Irland gekommen. Mein Aufenthalt war an keinerlei Bedingungen gekoppelt und ich stand dem Ganzen offen gegenüber. Nichts desto trotz war auch für mich aller Anfang schwer. Oder besser gesagt schwergängig, vor allem was das Kontakte knüpfen anbelangte. Der innere Schweinehund, den es zu überwinden galt, war leider nicht in Deutschland geblieben.

Fragen beantwortet

Wenn man über das Auswandern nachdenkt, hat man oft viele Fragen im Kopf. Ich hoffe mit meiner Serie “Bekannte in der Fremde” einige davon beantworten zu können. Schlichtweg indem Menschen mit einer ähnlichen (Auswanderer-)Geschichte ihre Erfahrung teilen.

Zum anderen ist es eine tolle Gelegenheit für Leute aus Greystones ihre Mitmenschen besser kennenzulernen und einem vielleicht schon bekannten Gesicht eine Geschichte zuzuordnen.

Zu guter letzt finde ich es schön, dass meine Familie und Freunde in Deutschland erfahren, wer hier Teil meines alltäglichen Lebens ist und mir in der Ferne ans Herz gewachsen ist.

Was mich angeht, habe ich bereits zuvor ein paar typische Auswandererfragen beantwortet. Ob ich noch einmal nach Irland auswandern würde, steht ebenfalls auf meinem Irland-Blog.

Coming Soon

Dann bleibt zu meiner Person eigentlich nichts weiter zu sagen und wir können uns direkt meiner Landsmännin und Freundin Anja als erste “Bekannte in der Fremde” widmen. Als wir uns das erste Mal begegneten, machten wir eine freudige Feststellung, die uns das Kennenlernen sogar noch erleichterte. Mehr dazu und zu Anjas Geschichte im nächsten Artikel!

Wenn du selber in Greystones lebst, ursprünglich aus einem anderen Land kommst und gern bei “Bekannte in der Fremde” mitmachen möchtest, dann schreib mir eine Nachricht oder hinterlasse einen Kommentar unter dem Artikel. Ebenso bei individuellen Fragen rund ums Auswandern, das Reisen in Irland oder dem Alltag als (Vollzeit-) Mami. Auch Kritik oder das Ergänzen eigener Erfahrungen sind willkommen.

Viel Spaß beim Lesen von “Bekannte in der Fremde”. Coming soon!




 

VERLASSEN IN IRLAND

Als ich vor ein paar Wochen anfing diesen Artikel zu schreiben, wusste ich nicht, dass Irlands Sehenswürdigkeiten im wahrsten Sinne des Wortes verlassen sein würden.  Bei der Wahl des Titels hatte ich keineswegs eine Pandemie im Sinn. Vielmehr sollte es um Orte gehen, die für immer verlassen sind. Verwaist und zerfallen. Geheimnisvolle Hüllen einstig glanzvoller Gebäude. Ruinen. Mauerreste.

Trotz der Ausnahmesituation, in der nun alle touristischen Attraktionen auf der Insel wie ausgestorben sind, soll es nach wie vor um meine Lieblingsruinen gehen. Es ist eine Katastrophe, dass die Tourismusindustrie zum Erliegen gekommen ist. Dabei hätte doch ein kleiner Dämpfer ausgereicht. Ich denke profitgierige Hotels und Anbieter von Dumping-(P)Reisen haben ihre Lektion gelernt.

Fotos © Sylvia & John Payne, Hartmut Wallburg

WHAT'S THE STORY?

Ich mag Altes. Mein Mann sagt, das sei der Grund, warum ich ihn geheiratet habe. Obwohl er damit nicht ganz Unrecht hat, hatte ich dabei eher alte Gebäude im Sinn. Was alt ist, hat eine Geschichte. Und die ist es, die mich interessiert. Von einem verlassenen Ort geht eine ganz eigene Energie aus. (Von meinem Mann auch, aber der bleibt hier außen vor.) Ich mag es mir vorzustellen, wie ein Ort ausgesehen haben könnte, bevor er zur Ruine wurde. Wie lange liegt er wohl schon so da? Unter welchen Umständen wurde er verlassen? Und dann sind meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt.

GRUNDSTEIN GELEGT

Als Kinder besuchten meine Schwester und ich mit meinen Eltern zahlreiche antike Stätten, vornehmlich in der Türkei und in Griechenland. Einige davon wahre Touristenmagneten. Andere wiederum hatten kaum eine touristische Infrastruktur und waren nahezu menschenleer. Trotz ihrer historischen Bedeutung lagen sie unbeachtet und verlassen da. Auf mich hatten diese einen besonderen Reiz. Schließlich machte sie ihre geringere Popularität nicht weniger interessant. Damit legten meine Eltern und insbesondere mein Papa den Grundstein für mein Interesse an verlassenen Orten.

KINDLICHE FANTASIE

Angefeuert von meiner kindlichen Fantasie und Büchern, malte ich mir Szenarien aus wie diese Ausgrabungsstätten wohl in ihrer vollen Blüte ausgesehen haben mögen. Ich stellte mir vor, wie die Menschen vor tausenden von Jahre den gleichen Boden beschritten wie ich jetzt. Wie die Sonne auf ihrer Haut brannte und sie genauso die Zikaden zirpen hörten. Spielte es dafür eine Rolle, ob ich mir sie in ihren historisch korrekten Gewändern vorstellte? Für mich nicht. Woran ich mich erinnere, ist ein Gefühl. Keine geschichtlichen Fakten, die man jederzeit irgendwo nachschlagen kann.

WENIGER IST MEHR

Manchmal bevorzuge ich es, mir ein eigenes Bild zu machen als die Geschichte eines Ortes in einem Museum auf dem Silbertablett serviert zu bekommen. Rekonstruktionen und Ausstellungen können informativ sein, aber kurbeln nur selten meine Fantasie an. Verlassene Orte sprechen für sich, auch wenn nicht jeder Besucher die gleiche Geschichte ‘hört’. In Irland gibt es viele Sehenswürdigkeiten, die es trotz großer Besucherzahlen schaffen, ihre Atmosphäre zu bewahren. “Touristenfallen” hingegen, haben weder eine Atmosphäre noch wollen sie lediglich den Besucher informieren.

NACHHALTIG

So wie grasende Schafe in saftigem Grün, gehören auch Ruinen zu Irlands Landschaftsbild. Manch einer kann es kaum fassen, dass die hier einfach so herumstehen. Ganz ohne Eintritt oder Souvenirladen. Vermarkten kann man fast alles, aber wirklich nachhaltig ist das nicht. Manchmal reichen, wie ich finde, ein Wegweiser und ein Toilettenhäuschen aus. Alle Fotos in diesem Artikel sind an verlassenen Orten entstanden. Einige davon haben keine touristische Infrastruktur, was sie in meinen Augen sogar attraktiver macht. Meine Vorstellungskraft kann sich besser entfalten, wenn nicht jede Minute ein neuer Reisebus ‘ausgekippt’ wird.

 

FLUCH…

Vor nicht allzu langer Zeit war ich selber im Tourismus tätig und habe dazu beigetragen, tausende von Touristen pro Jahr in großen Gruppen nach Irland zu bringen. Schon bevor ich als Vollzeit-Mama zu Hause blieb, habe ich mich mit der Massenvermarktung im irischen Tourismus nicht mehr so richtig wohlgefühlt. Auf der einen Seite setzten mich die Kunden unter Druck, um Dumpingpreise herauszuschlagen. Auf der anderen Seite standen die irischen Leistungsträger, die mit dem erneuten Wirtschaftsboom plötzlich der Bustouristen überdrüssig geworden waren. Oder schlichtweg an die Grenzen ihrer Kapazitäten stießen.

…& SEGEN

Richtig angestellt ist Tourismus eine wichtige Einnahmequelle, insbesondere in weniger favorisierten Regionen des Landes. Aber ich habe das Gefühl, dass Irland das Konzept von Nachhaltigkeit und moderatem Wachstum missachtet. Stattdessen gilt der Grundsatz “Je mehr und schneller, desto besser”. Besucherzentren, die in Hoch-Zeiten wie Pilze aus dem Boden schießen, sollten nicht die ursprüngliche (meist natürliche) Attraktion überlagern. Viele kommen nach Irland, weil sie die Ursprünglichkeit schätzen. Unberührte Natur und Authentizität. Attribute, die mit dem Massentourismus verschwinden. Sind sie einmal zerstört, ist der Schaden irreversibel.

DILEMMA

Ich sollte mich freuen, dass sich der Massentourismus auf eine Handvoll von Sehenswürdigkeiten beschränkt, die in jeder Reisebroschüre beworben wird. Keine Frage, auch ich wollte genau diese zuerst sehen, als ich Irland das erste Mal besuchte. Nach ein paar Jahren, die ich nun hier lebe, fühle ich mich nahezu verpflichtet, stattdessen ein paar Insider Tipps zu teilen. Es ist ein Dilemma – einerseits möchte ich, dass meine verlassenen Lieblingsplätze ‘verlassen’ bleiben. Andererseits sind sie zu schön um nicht gesehen zu werden. Zum Glück liegt es nicht in meiner Macht weder das eine noch das andere zu bewirken.

WÄNDE SPRECHEN

Die Ruinen in meinem Artikel habe ich zufällig entdeckt. Ich bin nicht aufgrund von Empfehlungen oder einem Reiseführer auf sie gestoßen. Dementsprechend hatte ich den Überraschungs-WOW-Effekt auf meiner Seite. Völlig unvoreingenommen konnte ich mich meinen Gedanken über die mögliche Geschichte es Ortes widmen, möge sie wahr sein oder nicht. Ganz ohne Nachbauten, die der Fantasie auf die Sprünge helfen. Einfach nur Steine, wie sie einst von ihren Erbauern errichtet wurden. Authentischer geht es kaum. Doch was macht einige Ruinen Irlands populärer als andere? Eine Frage, die ich mir bislang noch nicht beantworten konnte.

FRIEDHÖFE

(Alte) Friedhöfe haben mich schon immer besonders fasziniert. Die keltischen Hochkreuze machen sie in Irland regelrecht zu einer Sehenswürdigkeit. Berühmte Beispiele sind Glasnevin, Monasterboice, Rock of Cashel und Clonmacnoise (letztere beinhalten einen ganzen Gebäudekomplex). Trotz hoher Besucherzahlen ist es ihnen gelungen, die Würde und den Ursprung der Stätte zu bewahren. Zwei weniger bekannte Friedhöfe, die mich mindestens genauso beeindruckt haben, sind der Hill of Slane, Co. Meath und  The Old Burial Ground in Delgany, Co. Wicklow.

HILL OF SLANE

Der Hill of Slane war eine echte Überraschung. Auf einem grünen Hügel tat sich vor uns auf einmal ein großes Areal historischer Ruinen nebst einem Friedhof auf. Unmittelbar daneben grasten ein paar Kühe. Diese und ein freundlicher Herr in Gummistiefeln waren die einzigen Lebewesen, denen wir dort begegneten. Offensichtlich war keiner von beiden, so wie wir, an den beeindruckenden Mauerresten und Grabstätten interessiert. Eine Sehenswürdigkeit, wie ganz selbstverständlich, in das Alltägliche integriert und somit wirklich typisch irisch.

DELGANY

Von einer geschäftigen Straße aus betraten wir durch ein Mauerloch den Old Burial Ground in Delgany. Wie einen geheimen Garten, würde ich seine Atmosphäre beschreiben. Statt gestochener Rasenkanten und geharkte Wege erwarteten uns hochgewachsenes Gras und Wildblumen. Als einzige Besucher sahen wir uns in aller Ruhe um. Die halb verwitterten, schwer leserlichen Grabsteine gingen bis 1700 zurück. Eine Bank unter einem riesigen Baum spendete Schatten und lud regelrecht zum Verweilen ein. Kann man sich einen schöneren Ort der Stille für die Verstorbenen und Besucher vorstellen?

BALTINGLASS

Klöster sind für mich der Klassiker unter den Ruinen. Wie Friedhöfe sind sie Orte der Ruhe und inneren Einkehr. Für mich haben sie sogar etwas majestätisches. Irland ist voll davon und selbst als Ruinen verlieren sie ihre Aura nicht. Mit meinen Eltern im Schlepptau fuhren wir an einem regnerischen Tag in Richtung Baltinglass Abbey. Wir hatten uns zu fünft in unseren Kleinwagen gequetscht. Die Panoramaroute durch die Berge dauerte doch länger als erwartet. Bei der Ankunft waren wir leicht genervt und vor allem hungrig. Sicherlich ein Grund dafür, dass sich mir die Schönheit des ehemaligen Zisterzienserklosters  nicht auf den ersten Blick erschloss. Bei näherem Betrachten und noch später auf den Fotos taten sich jedoch wunderschöne Details auf. Mit seinen verzierten Steinen ist die Abtei aus dem 12. Jahrhundert eines der schönsten Beispiele romanischer Architektur in Irland. Und keine Menschenseele da, um sie zu bewundern.

LUST AUF RUINE?

Wann immer mir nach dem Besuch einer Ruine zumute ist, brauche ich nur den Fuß vor die Tür zu setzen und stehe schon fast vor dem Kindlestown Castle. Nicht selten spielen wir mit unseren Kindern auf der Wiese davor Ball oder beobachten den Sonnenuntergang. Schnell vergisst man dabei, dass es sich um ein historisches Gebäude aus dem 9. Jahrhundert handelt. Als Nationales Denkmal ist es Teil des Delgany Heritage Trail. Ebenfalls bei uns in der Nähe, im schönen County Wicklow, befindet sich Belmont Demesne. Als Teil eines Waldareals mit herrlichen Wanderwegen und Ausblicken befindet sich dort die Ruine des gleichnamigen Hauses. Sie ist eher unspektakulär anzusehen. Bereits halb von der Natur zurückerobert, scheint sie und ihre Umgebung allerdings Eindruck auf diverse Filmproduzenten gemacht zu haben. Unter anderem wurde hier King Arthur gedreht, wonach nun das angeschlossene Café benannt ist.

BUCH TIPP

Zu guter letzt möchte ich passend zum Thema noch ein Buch empfehlen. Geschrieben hat es Tarquin Blake. Mein Mann schenkte es mir mit folgenden Worten in den Einband geschrieben: „To my beautiful wife. On her first birthday as my wife. One day we will build a home of our own. Your husband.“ (Anm. d. Red.: Nur 3 Wochen später haben wir unser Zuhause gefunden.) Diese rührenden Worte haben mich zum Nachdenken angeregt. Die Ruinen, die der Autor in seinem Buch Abandoned Mansions of Ireland beschreibt, nannte tatsächlich einmal jemand sein Zuhause. Seine großartigen Fotografien zeigen, wie die Natur die nun verlassenen Herrenhäuser langsam wieder für sich einnimmt. Und natürlich hat jedes Gemäuer seine eigene Geschichte. Bevor ich sie lese, lasse ich jedoch auch hier zunächst die Bilder auf mich wirken und tauche ein in meine Fantasiewelt aus eigenen Geschichten, wie ich es schon als Kind getan habe.

 

 

Kleine Bilder, von links nach rechts, horizontal: Glen of the Downs (Co. Wicklow); Baltinglass Abbey (Co. Wicklow), Belmont Demesne (Co. Wicklow); Hill of Slane (Co. Meath); Cathedral of St. Peter & St. Paul, Glendalough (Co. Wicklow),  Monasterboice (Co. Louth); Selskar Abbey (Co. Wexford); Cathedral of St. Peter & St. Paul, Glendalough (Co. Wicklow), Famine Wall, Ballina (Co. Mayo); Old Burial Ground, Delgany (Co. Wicklow); Hill of Slane (Co. Meath); Old Burial Ground, Delgany (Co. Wicklow); Baltinglass Abbey (Co. Wicklow); Kindlestown Castle (Co. Wicklow)

Bildrechte © Sylvia & John Payne, Hartmut Wallburg

 




WENN BÄUME SPRECHEN KÖNNTEN

...was würden sie sagen?

Würden sie uns verraten, dass kleine Feen und Kobolde in ihnen wohnen? So wie sie in der irischen Folklore und in Legenden vorkommen? Könnten sie sich an die Geschichten erinnern, so wie sie sich tatsächlich zugetragen haben? Wer weiß. Da wir uns auf die Überlieferungen verlassen müssen, wie sie von Generation zu Generation weitergegeben wurden, werde ich den Bäumen meine Stimme leihen und euch einen kleinen Einblick in die irische Mythologie gewähren.

Baum- & Waldfotografie © Sylvia & John Payne

HERZ ÜBER VERSTAND

Vorher ein paar Worte, warum Bäume auch in meinem Leben eine Rolle spielen. Wenn mich vor Jahren jemand gefragt hätte, wo ich leben möchte, hätte ich sicherlich gesagt am Meer. Noch heute denke ich, ja das klingt toll, ein Haus am Meer. Es hört sich nach jedermanns Traum an. Insbesondere für jemanden wie mich, der weit weg vom Meer aufgewachsen ist und für den es lange unerreichbar schien. Nun habe ich es durch einen glücklichen Umstand direkt vor der Nase. Höre ich jedoch auf mein Gefühl, schlägt mein Herz für den Wald. Für knorrige, moosbewachsene Bäume. Ich liebe es, wenn die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach flimmern. Der Geruch von feuchtem Waldboden, der sanft jeden Schritt abfedert. Ich würde mich nicht als Naturmensch bezeichnen. Aber meine Eltern haben mir in jedem Fall die Liebe zu Bäumen mitgegeben.

IM WALD GEBOREN

Ich habe das Gefühl,  dass wenn man jung ist, immer von dem weg möchte, was man hat. Je älter man wird, desto wohler fühlt man sich in der Nähe dessen, was man kennt und lieben gelernt hat. Mein Name Sylvia bedeutet “die im Wald Geborene“. Und der ist auch ganz treffend. Mein erstes Lebensjahr verbrachte ich mit meiner Familie in einem Haus am Waldrand. Das nächste Dorf war etwa 1, 5 km entfernt. Unsere Adresse war einfach “Haus am Wald”. Das klingt sehr abenteuerlich, aber bewusst kann ich mich daran selbstverständlich nicht erinnern. Meine Mama hat mir jedoch erzählt, dass sie mit mir im Kinderwagen jeden Tag durch den Wald spazieren gegangen ist. Ich hätte immer ganz interessiert nach oben geschaut, wie die Baumkronen wackelten und an mir vorüberzogen, bis mir die Augen schwer wurden und ich schließlich einschlief.

KINDHEITSERINNE-RUNGEN

Als ich 1 Jahr alt war, zogen wir in die nächst größere Stadt um. Solange ich denken kann, kamen wir fast jedes Wochenende zum Spazieren gehen in den Wald an unserem alten Haus zurück. Es war das Elternhaus meiner Mama und sie verband sehr viel mit dem Ort. Auch uns war es vergönnt zahlreiche Kindheitserinnerungen dort zu sammeln, auch nachdem wir weggezogen waren. Im Winter nahmen wir den Schlitten mit in den Wald. Einmal hatte mein Papa die Idee, ihn ans Auto zu binden und so sausten wir über die verschneiten Waldwege. Zu Ostern versteckten meine Eltern bunte Schoko-Eier am Wegesrand. Naiv wie wir waren, brachten meine Schwester und ich sie immer wieder zu meinen Eltern zurück, damit sie sie für uns tragen konnten. Die Ausbeute am Ende war ernüchternd, weil wir sie alle doppelt und dreifach gesucht hatten.

KONSTANTE

Ich habe die Waldspaziergänge mit meiner Familie immer genossen. Dass heißt meistens. Als Teenager gab es natürlich schöneres als nach einer kurzen Nacht “frische Luft schnappen” zu gehen. Abgesehen davon ist insbesondere dieser Wald eine Konstante in meinem Leben und war immer ein wichtiger Bestandteil unseres Familienlebens. Für tiefgreifende Gespräche und so manche urkomische Episode. Vielleicht geben mir Wälder deshalb ein positives Gefühl.

 

UNABDINGBAR

Oder das ist alles sentimentales Gefasel und ich mag schlichtweg Bäume. Wie auch immer. In jedem Fall hat es mich in ein Land verschlagen, in dem Bäume als magisch gelten. Zumindest bei den Fabelwesen, die sie laut irischer Mythologie bewohnen. Bäume spielen in der irischen Folklore eine große Rolle. Schon damals wussten die Menschen, dass Bäume zum Überleben unabdingbar waren. Lernten aber auch, von welchen sie sich lieber fernhalten sollten.

ETHYMOLOGIE

Beweise dafür lassen sich in ganz Irland finden. Viele Ortsnamen enthalten Silben die auf Bäume zurückzuführen sind. So zum Beispiel “cullen”, was Stechpalme bedeutet oder “deagh” für Birkenhain. Orte mit der Vorsilbe “kil” oder “kyle” beziehen sich mitunter auf das irische Wort “coill”, was Wald heißt. Die Stadt Youghal im Co. Cork ist abgeleitet von “yew wood” = Eibenwald und Derry von “daire” = Eichenwald. (Quelle: forestryfocus.ie)

SYMBOLIK

In der irischen Mythologie dominieren drei Bäume: die Eiche, die Birke und die Esche. Die Eiche gilt schon immer als Zeichen für Stärke sowie Fruchtbarkeit und wurde demnach oft den Königen zugeschrieben. Deshalb findet man sie häufig in der Nähe von königlichen Grabstätten. Die Birke ist ein keltisches Symbol der Liebe. Oft hängten die Menschen Birkenzweige über die Wiege, um ihre Babies zu beschützen. Die Esche mit ihrem starken, aber dennoch flexiblen Holz steht für allgemeines Wohlbefinden. In Verbindung mit Brunnen oder natürlichen Quellen wird sie auch mit Heilung assoziiert. (Quelle: Niall Mac Coitir “Irish Trees – Myths, Legends & Folklore”, Gill Books)

ABERGLAUBE

Vielleicht ist es nur ein Klischee, dass die Iren besonders abergläubisch sind. Ihre Feenbäume nehmen sie allerdings ernst und achten darauf, dass ihnen niemand zu Leibe rückt. Ein Feenbaum ist zumeist eine Esche oder ein Weißdorn. Entscheidendes Merkmal ist jedoch sein Standort. Fernab von seinen Artgenossen steht er allein in der Mitte eines Feldes oder am Wegesrand. Die Blüten des Weißdorn galten seit jeher als unheilbringend. Lange nachdem der Busch seinen Ruf weg hatte, fanden Wissenschaftler heraus, dass seine Blüten eine Chemikalie enthalten, die auch beim Zersetzungsprozess menschlicher Haut vorkommt. Grund genug den Busch zu meiden, oder? (Quelle: YourIrish.com)

LEGENDEN

Als man sich Dinge noch nicht wissenschaftlich erklären konnte, erfanden die Menschen Geschichten, um sich auf gewisse Naturphänomene einen Reim zu machen. Hat St. Patrick wirklich die Schlangen aus Irland vertrieben? War es ein Riese, der den Giant’s Causeway in Nordirland gebaut hat? Wahrscheinlich nicht, aber die Legenden dazu existieren bis heute. Die Überlieferungen mögen übernatürliche Elemente enthalten, aber sie sind mehr als nur Märchen. Sie spiegeln die Gefühle jener Menschen wider, die sie erfanden und berichten von ihren Sorgen und Ängsten. (Quelle Biggs „Pocket Irish Legends“, Gill Books)

VORZEIGEKOBOLD

Heutzutage helfen Legenden eher dabei Irland als Land der Leprechauns und Geschichtenerzähler zu vermarkten. Während diese beiden Attribute tatsächlich auf Irland zutreffen, wurde der Leprechaun selbst mal eben der irischen Nationalfarbe angepasst. Anstelle einer braunen Jacke und eines roten Hutes erscheint der Vorzeige-Kobold nun in knalligem Grün mit überdimensionalem Hut, welcher in keinem Souvenirshop zu übersehen ist. In der irischen Folklore ist der Leprechaun allerdings ein garstiger Naturgeist und ganz und gar kein niedliches Souvenir. Wenn ihn jemand zu fangen vermochte, musste es ihm gelingen ihn solange festzuhalten, bis ihn der Leprechaun zum Topf voller Gold führte. Der kleine Geselle war jedoch viel zu schlau und entwischte jedes Mal. Deshalb ist der heißbegehrte Schatz nach wie vor am Ende irgendeines Regenbogens versteckt.

FEENFRAU

Der Geist dessen Erscheinen ich am meisten fürchte, ist die Banshee. Vor allem das, wofür sie steht. Der Name kommt aus dem irischen von Bean-Sidhe und bedeutet Feenfrau. Über ihr Aussehen ist man sich nicht einig, zumal sie wohl im Stande ist, verschiedene Gestalten anzunehmen. Meist wird sie als wunderschöne junge Frau mit langen weißen (oder roten) Haaren beschrieben. In Irland erzählt man sich, dass ihr eigener Tod so schrecklich gewesen sein soll, dass sie nun über Familien wacht und diese warnt, wenn das Ableben eines Angehörigen unmittelbar bevorsteht. Das tut sie mit einem hohen Kreischen oder Heulen. Manche sagen, dass sie Sterbende sogar sicher bis auf die “andere Seite” begleitet. Eine dramatische Legende, aber ein schöner Gedanke so von der Welt zu gehen. Dennoch würde ich der Banshee lieber später als früher begegnen. (YourIrish.com)

FAKE NEWS

In meiner Zeit in Irland habe ich so manche Legende gehört und gelesen. Oft sind sie harsch und brutal und erinnern damit ein wenig an die Märchen der Gebrüder Grimm. Beide enthalten einen tieferen Sinn oder eine lehrreiche Botschaft. Ich denke, dass Überlieferungen, aus denen wir eine Lehre ziehen sollen, ein gewisses Maß an Drama oder eine schockierende Wende enthalten müssen. Das bringt uns doch erst dazu aufzuhorchen oder uns näher mit etwas zu beschäftigen. Nicht zuletzt dienen die irischen Legenden auch der Unterhaltung. In erster Linie wurden auf diesem Weg jedoch Heldentaten, Warnungen und der respektvolle Umgang mit der Natur von Generation zu Generation weitergegeben. Ein bisschen wie mit den Fake News unserer heutigen Informationsgesellschaft. Nicht alles entspricht komplett der Wahrheit, aber sie finden Anklang. Was meint ihr?

Wer mehr über die irische Feenwelt wissen möchte, dem kann ich die Hörsendung der freien Journalistin Dorothea Brummerloh empfehlen.




Wie wir unser Traumhaus in Wicklow fanden

Eigentlich war es ein Zufall, dass wir vor drei Jahren von Dublin in das County Wicklow umgezogen sind. Nicht dass wir umzogen, aber wohin. Es war also nicht so, dass wir uns bewusst für das schönste County des Landes entschieden haben. Direkt an der Küste und mit dem atemberaubenden Wicklow Mountains Nationalpark. Was obendrein ausgesprochen familienfreundlich ist und allerlei kinderfreundliche Aktivitäten zu bieten hat. So fanden wir unser Traumhaus und damit unser Glück in Wicklow:

Die Haussuche

Über ein Jahr lang informierte ich mich online über Kaufangebote für Häuser. Ich hatte einen Newsletter bei den wichtigsten Immobilien-Portalen abonniert, von denen ich regelmäßig Angebote bekam, die unseren Kriterien entsprachen. Es war quasi zu meiner täglichen Routine geworden morgens einen Blick auf die zum Verkauf stehenden Eigenheime zu werfen. Was die Suchmaschinen für mich herausfilterten, ging dann noch einmal durch meinen „Filter“, bevor es mein Mann John zu Gesicht bekam. Es lag also in meiner Hand unser Traumhaus zu finden.

Man wird doch wohl träumen dürfen

Hin und wieder verlor ich mich in der Fantasie vom Leben in einem gemütlichen, kleinen Cottage auf dem Land. Diese gab es zur Genüge, aber oft mitten im Nirgendwo. Während ich gedanklich schon unsere Kinder im Vorgarten herumspringen sah, musste mich John immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Wir arbeiteten beide in Dublin und jeden Tag mehrere Stunden auf den stark frequentierten Pendlerstrecken im Berufsverkehr zu verbringen, war nicht erstrebenswert. Dennoch wollte ich meine Klischee-behaftete Vorstellung vom Traumhaus zwischen grünen Hügeln und grasenden Schafen nicht ganz aufgeben.

Wird es ein Hattrick?

Aus der entspannten Suche nach unserem Traumhaus wurde ganz plötzlich eine Notwendigkeit als wir herausfanden, dass ich schwanger war. Wir hatten im Mai geheiratet und uns kurz darauf in weiser Voraussicht auf die Haussuche ein Auto gekauft. Damit, dass 2016 uns gleich so viele Großereignisse bescheren würde, hatten wir nicht gerechnet. Würden wir in diesem Jahr womöglich einen Hattrick in unserem persönlichen Spiel des Lebens erzielen?

Zu schön um wahr zu sein

Auf einmal flatterte ein Exposé herein, das zu gut klang um wahr zu sein. Ein Bungalow in einem Küstenort, etwa eine Dreiviertelstunde Fahrtzeit von Dublin entfernt. Neben der Lage war für mich besonders ausschlaggebend, dass er freistehend war. John hatte bis dato nicht daran geglaubt, dass wir mit unserem Budget etwas anderes als ein Reihenhaus finden würden. Er hatte die perfekte Größe und einen Garten vor und hinter dem Haus. Ein großzügiges Grundstück hatte für uns oberste Priorität. Darüber hinaus wollte John eine geräumige Küche und ich (Platz für) eine Badewanne. Alles schien laut Beschreibung und Fotos vorhanden zu sein. Unser Traumhaus?

Ich war ganz aus dem Häuschen (haha!), dass unser Traum(haus) nun in greifbare Nähe rückte. Das erste Mal schien – zumindest auf dem Papier – alles zu passen. Ohne überhaupt mit John Rücksprache zu halten, vereinbarte ich direkt einen Besichtigungstermin. John nahm es gelassen und war bei Weitem nicht so aufgeregt wie ich.

Der Beginn einer langen Reise?

An einem nebligen, regnerischen Tag Anfang September 2016 machten wir uns auf den Weg von unserem kleinen City Apartment in Rathgar auf’s Land zu unserer ersten Hausbesichtigung. Nach mehrmaligem Verfahren auf den schmalen, typisch irischen Landstraßen, erreichten wir endlich unser Ziel an der Küste von Nordwicklow. Ich war voller Hoffnung, denn irgendwie schien das unser Jahr zu sein. Andererseits wollte ich keine zu großen Erwartungen in den Termin setzen. Das Haus war bereits ungewöhnlich lange auf dem Markt und wir waren überzeugt, dass es einen Grund dafür gab. Und wie hoch waren die Chancen, dass wir gleich bei der allerersten Besichtigung auf unser Traumhaus treffen würden? Wir sahen es mehr als den Beginn einer langen Reise, auf die wir uns freuten und der wir gespannt entgegen sahen.

Schlechtes Omen

Der Makler begrüßte uns sehr freundlich und schien kein bisschen genervt, dass wir ihn wegen unserer Irrfahrt eine halbe Stunde hatten warten lassen. Wir betraten einen großzügigen Korridor, der nach einem aufdringlichen Raumerfrischer roch, der mir direkt in die Nase fuhr. Gerüche spielen ja bekanntlich eine entscheidende Rolle, wenn es darum ging, ob man etwas mochte oder nicht. Dieser schlug mir jedenfalls wie ein schlechtes Omen entgegen.

Gemischte Gefühle

Schweigend liefen John und ich Raum für Raum durch das reichlich 100 qm große, ebenerdige Haus. Mir gefiel was ich sah. Die Zimmer waren angenehm groß und räumlich voneinander abgetrennt. Wir waren beide keine Fans von offenen Wohn-Essbereichen, sondern bevorzugten das gemütliche Landhaus-Feeling. Es gab drei Schlafzimmer sowie zwei Wohnzimmer, letztere jeweils mit einem offenen Kamin. Die Küche war allem Anschein nach seit der Erbauung des Hauses in den 1970ern nicht mehr modernisiert worden. Aber sie hatte ihren ganz eigenen Cottage-Charme mit dunklen Balken an der Decke, von der Küchenutensilien herunterhingen.

Das Badezimmer war ein echter Schock. Uns wurde klar warum davon keine Bilder im Exposé zu finden waren. Die Wände und Armaturen spiegelten in ihrem kreischenden Türkis unverkennbar die Mode der 70er wider. Über der leicht vergilbten Eisenbadewanne baumelte eine viel zu niedrig montierte Dusche. Auch der schwere, in die Wand integrierte Spiegel ließ darauf schließen, dass die Vorbesitzer recht klein gewesen waren. Die Toilette mit ihrer schweren, schwarzen Klobrille hatte ebenfalls schon bessere Zeiten gesehen.

Geplatzter Traum

Mit der immer länger werdenden Liste reparaturbedürftiger Sachen, sah ich unseren Traum vom Traumhaus – zumindest von diesem – zerplatzen. Niemals würde John zustimmen ein Haus zu kaufen, in das wir zunächst so viel investieren müssten. Zwar lag der Kaufpreis in unserem finanziellen Rahmen, aber mit der 10% Anzahlung würden unsere Ersparnisse erst einmal aufgebraucht sein. Ich hatte mir einfach zu viele Hoffnungen gemacht und war nun enttäuscht. Denn bis auf die kosmetischen Makel konnte ich mir durchaus vorstellen hier zu leben.

Vom Garten und dem heiß ersehnten Meerblick konnten wir an diesem Tag nicht viel sehen. So dicht war der Nebel und es nieselte fies vor sich hin. Wir verabschiedeten uns von dem Makler und nach wie vor ohne groß zu reden trotteten wir den langen Gartenweg hinauf durch das kleine, schmiedeeiserne Tor, das quietschend hinter uns zufiel.

Füreinander bestimmt

Bis wir wieder im Auto saßen, hatte ich Johns Blick keine Tendenz entnehmen können. Erst als wir uns beide mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht ansahen, wusste ich, dass es ihm genauso ging wie mir. Er hatte lediglich vor dem Makler sein Pokerface wahren wollen. Das Haus hatte es uns beiden angetan. Es war nicht perfekt, aber perfekt für uns.

Mit einem Fuß im County Wicklow

Leicht perplex, dass gleich unsere erste Hausbesichtigung eingeschlagen hatte wie eine Bombe, versuchten wir uns das Haus halbherzig auszureden. Noch auf der Fahrt schrieb ich eine Liste mit Vorzügen und Mängeln, wobei ich mich bewusst auf die negative Seite konzentrierte. Wir konnten unmöglich gleich nach der allerersten Besichtigung unsere Haussuche beenden. Und in einen Ort ziehen, den wir kaum kannten. Und doch saßen wir nun hier, in einem Pub in besagtem Ort. John tippte wild auf seinem Handy herum um nochmals grob unsere Finanzen zu überschlagen. Ich murmelte immer wieder vor mich hin, dass wir unbedingt mehr Immobilien anschauen sollten, ohne es richtig ernst zu meinen.

Home sweet Home

In den drei Jahren, die wir nun in diesem, unserem Traumhaus wohnen, haben wir unsere Entscheidung nicht ein einziges Mal bereut. Es war Liebe auf den ersten Blick und wir lagen richtig mit unserem Bauchgefühl. Wir hatten beide das Potential des charmanten kleinen Bungalows erkannt und ihn in unser Zuhause verwandelt. Unsere Kinder wurden beide hier geboren (nein, keine Hausgeburten!) und wir fühlen einfach, dass wir angekommen sind. Das Haus hatte seinen ganz eigenen Charakter als wir es zum ersten Mal sahen. Und nun hat es seinen ganz eigenen Charakter mit unserem persönlichen Touch.

 

\\A M   R A N D E…//

Als wir 2016 unser Haus kauften, lag der offizielle Verkaufspreis für ein 3-Raum Reihenhaus im Co. Wicklow durchschnittlich bei rund €269.000. Zum Vergleich, im Co. Dublin waren es etwa €314.000. Der nationale Durchschnitt lag bei €221.000, wobei die Hauspreise im Co. Longford mit knapp unter €65.000 am niedrigsten waren.

Im Jahr 2019 sah das schon ganz anders aus. Der durchschnittliche Hauspreis im Co. Wicklow lag da bei über €322.000. Landesweit war er auf €265.000 geklettert. Co. Dublin war natürlich wieder an der Spitze mit €368.000. Das Schlusslicht bildete erneut Co. Longford, was aber auch auf immerhin €96.750 in 3 Jahren angestiegen war. (Quelle: myhome.ie)

Auch die Kaufbereitschaft hat sich in den letzten Jahren enorm gesteigert. Während 2013 24.568 Hauskäufe verzeichnet wurden, waren es in 2016 schon 40.150 und in 2019 45.276.

Am teuersten waren die Häuser bislang auf dem Höhepunkt des Celtic Tigers in 2007. In 2012 betrugen die Hauspreise knapp die Hälfte davon (46,7%). In 2019 stiegen sie bereits wieder auf 82,7% des Boomniveaus an. (Quelle: Central Statistics Office)




Blut am Adventskranz

Seit nunmehr 6 Jahren dekoriere ich gemeinsam mit meinem Mann John für Weihnachten. Er ist dabei dabei der Impulsgeber, ich habe nur Veto-Rechte. Er lieeebt Weihnachten und hüpft am 1. Dezember mit leuchtenden Augen durch das Haus, während er alle Kisten mit dem Adventsschmuck zusammensucht. Je mehr und bunter desto besser, lautet seine Devise. Ich bin eher für die dezente grün-rote Variante. Eine Einigung lässt sich da nur schwer erzielen.

Jahrmarkt-Feeling im Wohnzimmer

Die bunten Girlanden aus den 70ern, die wir im ersten Jahr noch quer durch Johns altes Apartment spannten, blieben seitdem zum Glück in der Kiste. Sie hatten für mich so gar nichts mit Weihnachten zu tun. Dezent geschmückt ist unser Haus allerdings auch in diesem Jahr nicht. Wenn wir die gesamte Beleuchtung einschalten, könnte man unser Wohnzimmer für einen Weihnachtsmarkt halten. Aber bis auf ein paar kleine kitschige Elemente finde ich unsere Weihnachtsstube urgemütlich.

Prinzipien…

Für mich muss es ein echter Baum sein, weil ich den Tannenduft so liebe und weil er mich so an Weihnachten in meiner Kindheit erinnert. Bei John dürfen die persönlichen Sachen am Weihnachtsbaum nicht fehlen. All die Spielsachen und Kugeln, die in seiner Kindheit schon am Baum hingen. Einige sind sogar noch mit Süßigkeiten befüllt, die älter sind als ich. Seit wir zusammen sind, kaufen wir jedes Jahr gemeinsam einen Weihnachtsschmuck, der unsere Sammlung ergänzt.

…und Kompromisse

Statt filigraner Kugeln und einem ‘Thema’ gibt es bei uns am Baum ein buntes Durcheinander mit dem alle gut leben können. Ganz unten hängt Unzerbrechliches, das unser 2-Jähriger abnehmen und damit spielen darf. Die 40-Jahre alten, mit Schokolade befüllten Anhänger verbannen wir ganz nach oben, damit sich niemand den Magen verkorkst.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Es bekommt also niemand seinen Willen. John nicht seinen Tinsel und ich nicht mein grün-rotes Farbthema. So ist das wohl in einer Ehe. Bei den Weihnachtsgeschenken läuft das hoffentlich anders und es bekommt jeder was er möchte.

Um so erfreuter war ich, als ich bei der Predigt in der Kirche am 3. Advent hörte, dass der Weihnachtsbaum ursprünglich lediglich mit roten Äpfeln geschmückt war. Als die meisten Menschen weder lesen noch schreiben konnten, wurden Bibelgeschichten durch Aufführungen erzählt. Am Weihnachtsabend gab es traditionsgemäß die Geschichte von Adam & Eva. Dafür brauchte man einen Baum der im Winter noch grün war. Und Äpfel spielten bekanntlich auch eine tragende (bzw. hängende) Rolle. Mein unterbewusster Wunsch nach der traditionellen Zweifarbigkeit kam also nicht von ungefähr!

Woher kommt jetzt das Blut am Adventskranz?

Ein Streit entbrannte deswegen zwischen John und mir trotzdem nicht. Woher kommt nun also das Blut am Adventskranz wenn nicht vom Streit um die Weihnachtsdekoration? Auch der Adventskranz, der in Irland für gewöhnlich in der Weihnachtszeit die Haustüren schmückt, hat einen tieferen Sinn. Er entstammt den alten Römern, die einen geflochtenen Blätterkranz auf dem Haupt trugen, wenn sie siegreich nach Hause zurückkehrten. Nach der Kreuzigung Jesu übernahmen seine Anhänger dieses Symbol als Siegeszeichen über den Tod. Geläufiger ist wohl die Symbolik des immergrünen, runden Kranzes als Sinnbild für das ewige Leben. Doch keine Kreuzigung ohne Blut. Rote Beere, die zum Teil heute noch unsere Adventskränze schmücken oder durch Kugeln und Schleifen ersetzt werden, sollen das Blut Christus’ symbolisieren.

Wieder was gelernt

Ich gehe nun schon eine Weile regelmäßig mit meinem Mann und den Kindern in die Kirche. Das Kirchenjahr habe ich bereits mehrmals durchlaufen. Dennoch lerne ich jede Woche etwas Neues. Dieses Mal fühlte ich mich allerdings ein bisschen wie ein Schulkind, das es kaum erwarten kann das Gelernte zu teilen. Ich mochte diese leicht verdaulichen Informationen, die ich im Gegensatz zu den wöchentlichen Lesungen einmal nicht in der Kinderbibel unseres Sohnes nachlesen brauchte.

Mit dieser kleinen Weihnachtsschmuckkunde verabschiede ich mich in die Weihnachtsferien. Ich wünsche allen ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Danke für’s Lesen, aber über die Feiertage ruhig mal das Handy oder den Computer beiseite legen. Genau das werde ich auch tun. Ich freue mich auf eine schöne und besinnliche Zeit mit meiner Familie.




Vom irischen Sommer, Schriftstellerträumen & Sommerblues oder auch: 5 Tipps gegen Schreibblockaden

Wenn der Sommer auf einen Dienstag fällt

Wenn in Irland die Temperaturen knapp über 20 Grad klettern, nennen wir das eine Hitzewelle. Anderswo wäre das lediglich der Sommer. Das ist hier, selbst im Juli, etwas besonderes. Man weiß nicht wie lange es anhalten wird oder ob man mitunter noch am selben Tag die Regenjacke wieder rausholen muss.

Deshalb heißt es alles stehen und liegen, wenn das Thermometer die magische Zahl mit der zwei davor anzeigt und ab nach draußen. Jedoch nicht ohne vorher eine dicke Schicht Sonnencreme aufgetragen zu haben. Die gnadenlose, irische Sonne hat es nicht nur auf die Hellhäutigen abgesehen!

So ging es auch mir in den letzten Tagen bzw. Wochen. Neben ein wenig Projektarbeit zum Thema Reisen in Irland und den alltäglichen Aufgaben einer Vollzeit-Mami, habe ich das tolle Sommerwetter genutzt und viel Zeit im Freien verbracht.

Stellt euch mich also mit einem kühlen Getränk am Laptop in unserem wunderschönen, neu gestalteten Garten vor. Unser 2-Jähriger brav neben mir im Pool planschend. Meine Finger fliegen über die Tasten und die Wörter nur so auf’s Papier.

Sommerloch statt Urlaubsroman

Soviel jedenfalls zu meiner Wunschvorstellung als Hobby-Schriftstellerin. Abgesehen davon, dass ich im gleißenden Sonnenlicht so gut wie nichts auf dem Bildschirm erkennen konnte und unser lieber Sohn dann doch allein nicht so brav planschte, wollte mir partout nichts einfallen. Daran hätten auch perfekte Bedingungen nichts geändert.

Geplagt von Selbstzweifeln und Konkurrenzdruck war ich drauf und dran meinen Blog aufzugeben. Wer liest das schon? Tipps zu Irland und zum Auswandern gibt es doch schon jede Menge. Wenn ich damit mein Geld verdienen müsste, wären wir schon verhungert.

Ein eigenes Buch schreiben, das wäre toll. Aber hätte ich überhaupt die Zeit und Energie, die es braucht um solch ein Projekt in die Tat umzusetzen? Ich glaube nicht. Andere haben da mehr Biss und Durchhaltevermögen.

Sommerblues – gibt es so etwas überhaupt?

An Tagen, an denen mir solche Gedanken durch den Kopf gehen, heitert mich selbst die strahlende irische Sonne nicht auf. Da ist es dunkel in mir und ziemlich leer, nicht nur was das Schreiben angeht. Mein eigentlich perfektes Leben, meine wunderbare Familie und die Tatsache dass es uns an nichts fehlt, hilft mir nicht darüber hinweg.

Im Gegenteil – es zeigt mir, dass diese ‘depressiven Verstimmungen’, wie es wohl im Fachjargon heißt, jeden treffen und jederzeit auftreten können. Dabei spielt es keine Rolle, ob es einem objektiv betrachtet gut geht oder nicht.

Ich arbeite gerade daran, nicht mehr nach Ursachen zu suchen, sondern diese Phasen einfach so hinzunehmen. Das fällt mir nicht leicht. Ebenso wie hier darüber zu schreiben. Das war keineswegs meine Absicht, als ich angefangen habe diesen Artikel zu tippen. Aber ich bin mir sicher, dass es den einen oder anderen Leser gibt, dem es ähnlich geht und dem man es auch nicht auf den ersten Blick ansieht.

Schreibblockade, was tun? – Hier ist meine 5 Tipps:

Sommerblues und Schreibblockade zum Trotz hinterlasse ich mir eine positive Nachricht und simple Handlungsschritte für meine Blogger-Zukunft:

1. Locker statt gezwungen

Schreiben ist und bleibt mein Hobby. Es tut mir gut und bringt mir Freude, unabhängig davon wie viele Leser ich habe. Also kein Stress oder Druck! Was ist das Schlimmste, das passieren kann, wenn ich einen Post nicht pünktlich veröffentliche. Und was heißt schon ‘pünktlich’, wenn ich selber die Regeln aufstelle. Deadlines sind hilfreich und definitiv notwendig, wenn man mit Schreiben sein Geld verdient. Aber das tue ich nicht und deshalb verbanne ich Termindruck aus meiner Freizeit.

2. Kurz und oft

Ja gut, es gab lange nichts Neues auf meinem Blog und es wird mal wieder Zeit. Die Erwartung an mich, etwas Tiefgründiges oder besonders Originelles zu fabrizieren ist dann um so größer. Aber muss es denn gleich ein mehrseitiger Artikel sein, wenn mir doch gerade die Zeit und Muse fehlt? Kurz und regelmäßig heißt daher meine neue Devise!

3. Konkurrenz – na und?

Klar, über jedes Thema – insbesondere so ein beliebtes wie Irland – wurde irgendwann und irgendwo schon einmal etwas geschrieben. Vielleicht auch in ähnlicher Form wie ich das tue. Aber: alles was ich schreibe sind meine persönlichen Erfahrungen. Es ist nichts abgekupfert oder erfunden. Das sollte doch auch etwas wert sein, oder?

4. Kritik gehört dazu

Natürlich bekomme ich lieber positives Feedback und Anerkennung für meine Texte. Kritik zieht mich ehrlich gesagt immer etwas runter. Aber wem geht das nicht so? Immerhin hilft sie einem dabei, sich weiterzuentwickeln. Ich berufe mich einfach darauf, dass es nachweislich um ein Vielfaches wahrscheinlicher ist, dass jemand einen negativen Kommentar hinterlässt als einen positiven.

5. Disziplin vs. Kreativer Wahnsinn

Eigentlich bin ich jemand, der Struktur und klare Arbeitsanweisungen braucht. Deshalb versuche ich mich auch immer wieder an „Wie-organisiere-ich-meinen-Tag-Ratgebern“ und „Schritt-für-Schritt-Schreib-Anleitungen“. Diverse Techniken und To-do-Listen funktionieren bei mir aber nur dann, wenn ich ohnehin schon voller Energie stecke und hochmotiviert bin. Ist das nicht der Fall, werfe ich alles über den Haufen, obwohl ich sie gerade dann am nötigsten hätte. So bin ich eben. Meine selbsternannte Technik lautet daher: Schreib wann immer es fließt und dann am besten ohne Unterbrechung (der Haushalt kann warten)! Vergiss es, dich vor ein leeres Blatt Papier zu setzen und regelmäßig eine bestimmte Wortanzahl zu schreiben. Hinterher kommt doch nur ein holpriger Text dabei heraus, den ich an guten Tagen in der Hälfte der Zeit und in doppelter Qualität hätte schreiben können.

Es ist wahrscheinlich überflüssig zu erwähnen, dass diese Maßnahmen für mich hervorragend funktionieren mögen, aber insbesondere von Berufs-Autoren oder solchen die es werden wollen, eher mit einem Augenzwinkern zu betrachten sind. Nichtsdestotrotz habe ich mir in diesem Artikel einiges von der Seele geschrieben und hoffe damit Gleichgesinnten aus der selbigen zu sprechen.

 




15 Dinge, die mich Leute zu meinem Leben in Irland fragen

Ein “Auswanderer-Steckbrief”

Ich habe meinen Irland-Blog unter anderem ins Leben gerufen, um meine Auswanderer-Erfahrungen zu teilen und gegebenenfalls anderen bei der Entscheidung zu helfen, ob sie ebenfalls diesen Schritt wagen sollen oder nicht. So wie wahrscheinlich jeder, habe auch ich mir im Vorfeld reichlich Gedanken gemacht und hatte viele Fragen im Kopf. Für mich haben sie sich inzwischen alle beantwortet. An dieser Stelle auch noch einmal vielen Dank an alle, die mir während dieser Zeit mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben!

Nun bekomme ich alle möglichen Fragen gestellt – nicht nur von potenziellen Auswanderern, sondern auch von Freunden, Bekannten und allgemein Interessierten. Einige davon, mehr praktischer Natur, habe ich bereits in meinem Artikel Nochmal nach Irland auswandern? beantwortet. Hier möchte ich etwas persönlichere Dinge aufgreifen, die ich in den fünfeinhalb Jahren, die ich nun in Irland lebe, so gefragt wurde.

Bist du der Liebe wegen nach Irland ausgewandert?

Nicht im klassischen Sinne wegen eines Mannes. Allerdings bin ich der Liebe wegen nach Irland ausgewandert. Der Liebe zum Land, in das ich mich lange bevor ich letztendlich den Schritt wagte, verliebte. Es war eine ganz bewusste Entscheidung und nicht an irgendeinen praktischen Umstand geknüpft.

Hattest du einen Arbeitsvertrag in der Tasche bevor du ausgewandert bist?

Ja, hatte ich. Die Zusage auf meine Bewerbung war die nötige Voraussetzung für mich meine Pläne in die Tat umzusetzen.  Es war zudem ein Job, in dem ich zu diesem Zeitpunkt wirklich arbeiten wollte und nicht nur eine Zwischenlösung um Geld zu verdienen.

Hast du oft Heimweh?

Ich habe kein Heimweh, aber bedauere es hin und wieder, dass Familientreffen etwas komplizierter sind als vorher und von langer Hand geplant werden müssen. Insbesondere seit sich unsere Familie erweitert hat, finde ich das Reisen aufwändig und bin diesbezüglich noch weniger spontan geworden. Videotelefonate weiß ich nun noch mehr zu schätzen.

Wie oft bist du in Deutschland?

Ich versuche circa zweimal im Jahr nach Deutschland zu fliegen, um meine Familie zu besuchen. Damit es sich lohnt, bleibe ich jedes Mal mindestens 1 Woche. Bei besonderen Anlässen schiebe ich auch schon mal einen Extra-Besuch ein.

Wo feierst du Weihnachten?

Die ersten Jahre haben wir Weihnachten mit meiner Familie in Deutschland verbracht. Dann war die irische Heimat meines Mannes mal wieder an der Reihe. Und seit wir zu dritt sind, halten wir Weihnachten recht simpel und wollen unsere kleine Tradition mit unserem Nachwuchs in den eigenen vier Wänden aufbauen. Das heißt aber nicht, dass wir uns das opulente Weihnachtsessen meiner Schwägerin entgehen lassen, das sie jedes Jahr am 1. Weihnachtsfeiertag bei sich zu Hause veranstaltet!

Was vermisst du am meisten an Deutschland?

Es gibt nichts, was ich an Deutschland an sich vermisse. Manchmal stelle ich mir vor bei Sonnenschein im Garten meiner Eltern zu sitzen. Insbesondere wenn sie dort gerade ein Familiengrillen veranstalten und ich nicht dabei sein kann.

Gibt es Sachen, die du dir noch aus Deutschland mitbringen lässt?

Das ist eine Frage, die ich für gewöhnlich nur Freundinnen beantworte und die etwas privat ist. Also ich lasse mir tatsächlich eine bestimmte Marke weiblicher Hygieneartikel importieren, die ich hier nirgendwo bekommen kann. Abgesehen davon, gibt es in Irland wirklich alles zu kaufen – nicht zuletzt dank Lidl, Aldi & Co. Selbst mit Kräutertees muss ich mir nach einem Deutschlandbesuch nicht mehr die Taschen vollstopfen. Danke nochmal an alle, die immer fleißig Verpflegungspäckchen geschickt haben!

Sprichst du deutsch mit deinem Kind?

Ja, ich rede ausschließlich deutsch mit unserem Kind. Anfangs war es in Familie etwas schwierig, da mein Mann kein deutsch spricht und der Kleine noch nichts verstanden hat. Da habe ich es immer noch einmal für meinen Mann übersetzt. Inzwischen hat sich mein Mann ein kleines Vokabular angeeignet bzw. weiß von der Reaktion unseres Sohnes, was gemeint ist. Das klappt ganz gut. Mit fast zwei Jahren spricht unser Zwerg nun eindeutig mehr deutsch als Englisch, was sich aber schlagartig ändern wird, sobald er mit drei in die Vorschule kommt. Ich bin sehr zufrieden wie es bisher läuft und hatte mir das mit der zweisprachigen Erziehung weitaus schwieriger vorgestellt.

Sprichst du Irisch?

Sprachen sind zwar mein Steckenpferd, aber ein Sprach-Genie bin ich nun auch wieder nicht. Wer Irisch oder auch Gaelic (Gälisch) spricht bzw. es noch so nebenbei erlernt ohne damit groß geworden zu sein, den kann ich nur bewundern. Für mich ist es – ohne das abwertend zu meinen – eine Aneinanderreihung nahezu unaussprechlicher Laute, die keiner anderen mir bekannten Sprache ähnelt, außer vielleicht dem schottischen Gälisch. Neben Englisch ist Irisch Amtssprache in Irland. Das heißt offizielle Dokumente, Verkehrsschilder etc. sind immer zweisprachig ausgewiesen. In den Gaeltacht Kommunen sogar nur auf Irisch. Mir selber reicht Englisch vollkommen aus und ich liebe die vielen verschiedenen Akzente, die es auf der Insel gibt! (Siehe dazu auch mein Artikel Verräterische Akzente.)

Träumst du manchmal auf Englisch?

Ich habe mal gehört, dass wenn man in einer Fremdsprache träumt, endgültig in dem entsprechenden Land angekommen ist bzw. sich dort heimisch fühlt. Ich kann das nur bestätigen. Es hat eine Weile gedauert, aber nun träume ich manchmal auf Englisch. Es kommt darauf an, welche Sprache die Personen in meinem Traum sprechen.

Was nervt dich an den Iren am meisten?

Gefährliche Frage, da ich hier garantiert in den Stereotypen-Fettnapf trete. Aber mich nervt schon, dass es manche mit der Zuverlässigkeit nicht so genau nehmen. Gerade zu lockeren Verabredungen wird mal eben gar nicht erschienen oder in letzter Minute abgesagt. Dass die Aussage „Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen“ so gut wie nie ernst gemeint ist, habe ich mittlerweile gelernt. Viele meinen es auch gar nicht böse, wenn sie eine Verabredung verschwitzen. Sie haben meistens einen triftigen Grund oder haben sich schlichtweg zu viel vorgenommen. Ob das dann eher von schlechter Planung oder Unzuverlässigkeit zeugt, darüber lässt sich streiten. In meinem Artikel Typisch irisch habe ich bereits dazu argumentiert.

Wie kommst du mit dem Linksfahren zurecht?

Mittlerweile komme ich sehr gut mit dem Linksfahren zurecht und es ist wirklich in Fleisch und Blut übergegangen. Wenn ich jetzt wieder mal wieder in einem „Linkslenker“ sitze und schalten möchte, stoße ich mir zunächst die Hand an der Tür. Im deutschen Straßenverkehr muss ich aufpassen, dass ich nicht falsch herum in den Kreisverkehr hineinfahre. Alles eine Sache der Gewöhnung! Ansonsten fahre ich routiniert sowohl auf der linken als auch der rechten Seite der Straße. Ich darf halt nur nicht vergessen, in welchem Land ich gerade unterwegs bin…

Ist die irische Küche wirklich so schlecht?

Wenn ich diese Frage gestellt bekomme, gehe ich davon aus, dass Irland entweder mit dem Ruf der englischen Küche assoziiert wird oder diese Person seit Ewigkeiten nicht mehr in Irland gegessen hat. Wenn dann wahrscheinlich in einem schlechten Restaurant. Ich mag das irische Essen. Wenn man so wie ich auf deftige Hausmannskost mit vernünftigen Portionen steht, kann man  schnell ein Freund des Pub-Essens werden.

Wie erträgst du das irische Wetter?

Ganz ehrlich, wenn wir im Februar die dritte Woche in Folge tristes Wetter und viel Regen haben, frage ich mich das auch. Sobald die erste Frühlingssonne herauskommt, alles in tollen Farben leuchtet und die Menschen bei 17 Grad gut gelaunt und in kurzen Hosen & Flip Flops unterwegs sind, sind die dunklen, langen Wintertage (fast) vergessen. Manchmal sehne ich mich ein wenig nach Deutschland, wenn der Sommer so ganz ausbleibt und die Temperaturen einfach nicht über 20 Grad klettern wollen. Höre ich dann allerdings von 40 Grad im Schatten und Trockenheit andernorts, reichen mir die milden, irischen Temperaturen vollkommen aus!

Hast du vor für immer in Irland zu bleiben?

Für mich gibt es kein Zurück mehr. Ich bin hier, wie man so schön sagt, sesshaft geworden. Mir fehlt es an nichts, es ist das Zuhause meiner Familie und ich fühle mich wohl. Kurz um, ja!

Ich werde also auch in Zukunft weitere Erfahrungen in Irland sammeln, sie mit meiner immer noch deutsch eingefärbten Sichtweise verarbeiten und gern mit interessierten Landsmännern und -frauen teilen! Wer auf der Suche nach eher praktischen Tipps zum Thema Krankenversicherung, Wohnungssuche etc. ist, dem möchte ich gern noch einmal meinen Artikel Nochmal nach Irland auswandern? ans Herz legen, der hoffentlich einige Fragen dazu beantworten kann. Ansonsten schickt mir doch gern eine persönliche Nachricht, ich würde mich freuen!




Typisch irisch

Man kennt, belächelt oder verteufelt sie – Klischees. Doch wieviel ist dran an Klischees und Stereotypen, die oft einer ganzen Nation angeheftet werden und nur selten wieder loszukriegen sind? Ein umfangreiches Thema mit dem ich mich sicherlich nicht das letzte Mal beschäftigen werde. Hier zunächst einige persönliche Anekdoten zu den der bekanntesten irischen Klischees.

Wissenslücken mit Klischees füllen

Bevor ich 2008 das erste Mal für ein 6-monatiges Praktikum nach Irland ging, wollte ich mich im Voraus ein wenig über Land & Leute informieren. Irland war bis dato ein weiβer (oder wohl eher grüner) Fleck auf der Landkarte für mich gewesen. Ich wusste dass man dort u.a. Englisch sprach – das reichte mir für die Entscheidung mein Auslandssemester dort zu verbringen. Wenn so man gar nichts über ein Land weiβ, sind Klischees irgendwie ein amüsanter Einstieg. Irland – ah die Insel, wo alle rote Haare haben und es mehr Schafe als Menschen gibt.

Humor ist wenn man trotzdem lacht

Dann ging alles so schnell, dass mir gar nicht viel Zeit für eine angemessene Vorbereitung auf mein bevorstehendes Abenteuer in Irland blieb. Auf dem 2-stündigen Flug ins Ungewisse, von groβer Aufregung geplagt, lenkte ich mit dem Buch “Gebrauchsanweisung für Irland” von Ralf Sotschek ab. Vor kurzem und nachdem ich nun seit 5 Jahren in Irland lebe, habe ich es noch einmal gelesen. Heute kann ich über vieles schmunzeln. Damals verursachten einige “irische Eigenarten” (Klischees?) eher ein mulmiges Gefühl.

#1: Irische Gelassenheit

Eines davon war die “Mañana-Mentalität”, die Ralf Sotschek in seinem Buch beschreibt. Ich war gerade von einem Auslandsaufenthalt aus Spanien zurückgekommen und war dort eigentlich ganz gut mit dieser Lebensart klargekommen. In Irland wurde sie mir in meinen ersten Wochen zum Verhängnis.

Holpriger Start

Nach über 1 Woche im Hostel – meine Arbeit bei einem Reiseveranstalter hatte bereits begonnen – war mir der schon mehrmals versprochene Schlüssel für mein angemietetes Apartment immer noch nicht ausgehändigt worden. Zu den vereinbarten Übergabeterminen, die für mich jedes Mal mit allerlei Strapazen verbunden waren, war niemand erschienen. Nach mehreren Anläufen, einer unseriösen Ausquartierung in ein Ersatzapartment und ein paar Tagen “Unterschlupf” bei einem Fremden im Nachbarhaus meines zukünftigen Apartments konnte ich endlich einziehen.

Irische Gelassenheit oder doch eher Unzuverlässigkeit?

Es hat lange gedauert bis ich über diese Geschichte schmunzeln konnte. Aber ich muss dazu sagen, dass ich so einen Fall von “irischer Unzuverlässigkeit” nie wieder erlebt habe. Deshalb möchte ich die irische Gelassenheit keinesfalls verteufeln oder gar als Unzuverlässigkeit verallgemeinern. Ich sehe sie immer noch als etwas durchaus positives. Nur manchmal, wenn der Klempner mal wieder 2h später als vereinbart erscheint. Oder einfach gar nicht kommt ohne anzurufen. Dann verfluche ich die irische Gelassenheit. Vielleicht nenne ich sie dann manchmal auch “irische Unzuverlässigkeit”. Ganz selten. Und nur ganz kurz. Auch auch nur ganz leise in mich hinein murmelnd.

#2: Irische Geselligkeit

Einher mit der Gelassenheit geht oft auch die irische Geselligkeit. Das gemütliche Zusammensitzen im Pub, das miteinander Musizieren bei jeder Gelegenheit und die Bereitschaft gemeinsam mit Kollegen “nur einen” trinken zu gehen (wobei ich den Stereotyp des trinkenden Iren hier gern auβenvor lassen möchte).

Perfekt für Alleinreisende

Reist man durch Irland, bleibt man nicht lange allein. Schnell wird man in ein freundliches Gespräch verwickelt. Ehrlichgemeintes Interesse lässt beim irischen Gegenüber nicht lange auf sich warten. Irland ist das einzige Land, in das ich alleine gereist bin und mich nie einsam gefühlt habe.

Urlaubsbekanntschaft vs. Langjährige Freundschaft

Doch wie sieht es aus, wenn man seinen Lebensmittelpunkt nach Irland verlagert? Lässt sich ebenso schnell ein Bekanntenkreis aufbauen, der einem auf Dauer erhalten bleibt? Das kann ich persönlich leider nicht bestätigen.

Als ich 2014 nach Irland auswanderte, waren es vor allem die ebenfalls Zugereisten auf meiner Arbeit, die sich um mich bemühten. Dank eines internationalen Teams konnte ich sehr schnell Kontakte knüpfen. Der “irische Anschluss” blieb zunächst aus. Selbst als wir uns unter das (irische) Volk mischten, war mehr als eine unverbindliche Unterhaltung mit Einheimischen oft nicht drin. Ich fühlte mich nicht aktiv ausgegrenzt, aber auch weit entfernt von integriert.

Die Liebe als Türöffner

Mein jetztiger Mann und ich kamen zufällig ins Gespräch, als wir in Dublin im selben Haus wohnten. Zwar ist er Ire, lebte aber lange Zeit in Amerika und war selbst kurz vorher erst wieder nach Irland zurückgekehrt. Er konnte mein Problem daher sehr gut nachvollziehen und gemeinsam (re-)integrierten wir uns beide erfolgreich. Die Anzahl unserer irischen Freunde ist nach wie vor eher begrenzt. Heute jedoch gewollt – Qualität über Quantität wie man so schön sagt.

#3 Der rothaarige Ire

Mindestens so weit verbreitet wie die Schafe in Irland ist das Klischee des “rothaarigen Iren”. Ein Ir(r)glaube? So viele rothaarige Iren wie man vielleicht denkt, gibt es auf der Insel nicht. Nur 10% der Iren sind Rotschöpfe. Betrachtet man jedoch den weltweiten Anteil mit 1-2% und den europäischen mit ca. 4%, ist es schon eine beachtliche Zahl (Quelle: irlandnews.com).

Klischee erfüllt

Meine “Dublin-Mädels”, mit denen ich vor 10 Jahren mein Praktikum in Irland verbrachte, sagten damals schon, dass ich mal einen rothaarigen Iren heiraten würde. Offensichtlich bedienten sie sich da eines Klischees – zumindest was die Haarfarbe meines Zukünftigen anging. Wer konnte ahnen, dass sie damit gar nicht soweit daneben liegen würden. Zwar heiratete ich einen dunkelharigen Iren, aber die Gene zur “erdbeerblonden” Haarfarbe setzen sich letztendlich in unserem Sohn durch. Immerhin tragen mehr als 30% der Iren die rezessiven Erbanlagen dafür in sich. So auch mein Mann.




Weihnachtszauber in der Ferne

Weihnachten in der Ferne war für mich als Kind undenkbar. Es musste zu Hause und nur in Familie gefeiert werden. Wenn wir über die Feiertage das Haus verlieβen, dann nur zum traditionellen Spaziergang durch den Winterwald. Schnee gab es zwar nicht immer, aber zumindest auf die klirrende Kälte konnte man sich in unseren Breitengraden fast immer verlassen.

Die liebe Tradition

Erst als Erwachsene wurde mir bewusst, wie wichtig mir Tradition, insbesondere um die Weihnachtszeit herum, offensichtlich schon immer war. Ich liebte unseren Weihnachtsschmuck, der jedes Jahr aus verstaubten Kisten hervorgeholt und immer am gleichen Ort aufgestellt wurde. Alles hatte seinen Platz. Der bunte Klingelbaum stand auf dem Küchentisch und lieβ bei jeder Mahlzeit sein blechernes Bimmeln ertönen. Auf die Weihnachtsbaumspitze gehörte ein schon etwas abgegriffener Engel, den ich wegen seiner weiβen Haare nach einer alten Tante getauft hatte. Von meinen Lieblingsweihnachtsbaumkugeln blätterte allmählich die Farbe ab, aber auch sie fanden jedes Jahr wieder ihre Daseinsberechtigung am Baum. Neue Dekoration war bei mir ebenso wenig willkommen wie spontaner Besuch über die Festtage, der den “familiären Ablauf” unterbrach.

Veränderungen sind nicht mein Ding

Im Laufe der Zeit veränderte sich unser Weihnachtsfest. Mal waren es groβe Einschnitte wie das 1.Weihnachten ohne Opa. Mal nur kleine, kaum wahrnehmbare praktische Anpassungen, dass nun der Weihnachtsbaum in einer anderen Ecke es Wohnzimmers stand. Als Oma starb, ging mit ihr auch die Tradition des adventlichen Plätzchenbackens. Fast krampfhaft versuchte ich dennoch an gewohnten Familienritualen festzuhalten.

Die Sicht auf die Dinge

Den Adventskalender aus leeren Klopapierrollen, den Oma immer für uns gebastelt und der jedes Jahr an der Flurtreppe gehangen hatte, bastelte ich nun selbst. Ich bat meine Eltern den Baum wieder an dem Ort aufzustellen, wo er früher immer gestanden hatte. Nach wie vor bestand ich darauf beim Weihnachtsbaum schmücken die russichen Märchenfilme anzuschauen, die wir als Kinder so gemocht hatten. Doch Weihnachten war nicht mehr nicht mehr dasselbe. Ich schob es darauf, dass mein geliebter Klingelbaum, der für mich zum Fest dazu gehörte wie ein echter Baum, das Zeitliche gesegnet hatte.

Was ich auch tat um unsere “Weihnachtstradition” aufrecht zu erhalten, die kindliche Aufregung und das Entgegenfiebern auf den Heiligabend kamen nicht zurück. Ich konnte das Weihnachtsfest einfach nicht mehr mit Kinderaugen sehen – was sicherlich daran lag, dass ich nun kein Kind mehr war. All die “magischen Dinge”, die ich sonst in der Vorweihnachtszeit gesehen hatte, waren der nüchternen Sicht eines Erwachsenen gewichen.

Neue Traditionen

Vor 2 Jahren brach ich mit der Tradition “Weihnachten im Elternhaus”. Nicht weil ich nicht mehr mit meiner Familie feiern wollte, sondern weil ich nun eine eigene Familie hatte. Ich realisierte, dass der Weihnachtszauber für mich nur zurückkommen konnte, wenn ich das Leuchten in den Augen meines Kindes suchte und nicht darauf beharrte, Vergangenes wieder heraufzubeschwören. Ich lernte Weihnachten wieder mit anderen Augen, wenn auch nicht mit, sondern in Kinderaugen zu sehen.

Eins für dich eins für mich

Nun steht das 3. Weihnachten “in der Ferne” vor der Tür und wir sind auf dem besten Weg unsere eigenen Traditionen zu etablieren. (Auf der Suche nach einem Klingelbaum, wie wir ihn damals hatten, bin ich zwar immer noch, aber inzwischen gibt es auch anderen Lieblingsschmuck). Im ersten Jahr galt es zunächst die “Grundregeln” festzulegen – was wird “Deutsch” und was wird “Irisch” gemacht. Ich habe den Klorollen-Adventskalender eingeführt, mein Mann die mit kleinen Geschenken gefüllten Strümpfe (Stocking) am Kamin. An die Bescherung am 25. morgens musste ich mich erst gewöhnen. Dass wir den Weihnachtsbaum nun bereits am 1. Advent schmücken, kam mir allerdings sehr entgegen. An Heiligabend gehen wir zum Singen in die Kirche. Das hatten unsere Groβeltern bereits mit uns gemacht als ich noch nicht einmal wusste, worum es da eigentlich ging. Und so schlieβt sich für mich der Kreis aus alten und neuen, deutschen und irischen Traditionen.

Der Zauber ist wieder da

Die Magie von Weihnachten besteht für mich nun darin, eine ganz besondere Zeit mit der Familie zu verbringen – der “alten” und der “neuen”. Ebenso wie alte Erinnerungen aufleben zu lassen und neue zu schaffen.

In diesem Sinne wünsche ich meiner Familie in Deutschland und Irland sowie allen Lesern ein frohes Weihnachtsfest und bis dahin noch eine besinnliche Adventszeit!

P.S. Wem als Erwachsener auch der Glaube an den Weihnachtszauber abhanden gekommen ist, dem möchte ich den Film “Polarexpress” empfehlen. Meine Schwester schenkte ihn mir vor ein paar Jahren und nun weiβ ich auch warum…




Wie kinderfreundlich ist Irland?

(Dieser Artikel ist losgelöst von dem kürzlich in Irland eingeführten Abtreibungsgesetz. Bitte lest hierzu meinen bereits erschienen Artikel Life is Life.)

Als ich vor reichlich viereinhalb Jahren nach Irland kam, war diese Frage für mich noch nicht relevant. Inzwischen ist sie es. Allerdings hätte die Antwort nun keinen Einfluss mehr auf irgendeine meiner Entscheidungen. Denn während ich diese Zeilen schreibe, krabbelt unser kleiner Sohn gerade zu meinen Füβen herum.

Die Frage beschäftigt mich nach wie vor. In dem folgenden Artikel habe ich daher meine persönlichen Erfahrungen während und nach meiner ersten Schwangerschaft in Irland zusammengetragen. Von der medizinischen Versorgung bis hin zur Kinderbetreuung. Ich hoffe damit potenziellen Irland-Auswanderern hilfreiche Tipps zu geben. Es würde mich auβerdem freuen, wenn ich damit vielleicht sogar einen Meinungsaustausch derer anrege, die es betrifft.

Medizinische Versorgung während der Schwangerschaft

Als ich mich das erste Mal richtig mit dem Thema auseinandersetzte, recherchierte ich zunächst Kosten für Kinderbetreuung in Irland. Ich war geschockt. Mir war sofort klar, dass sich Kind und Karriere hier nur schwierig bis gar nicht vereinbaren lassen. Doch da stand ich erst am Anfang meiner Schwangerschaft. Alles was zu diesem Zeitpunkt für mich zählte, war eine vernünftige medizinische Versorgung.

Ich hatte keinerlei Bedenken bezüglich medizinischer Standards in Irland. Ebenso wenig wusste ich, was auf mich zukommen würde. Alles war neu für mich. Das wäre es auch in meiner Heimat Deutschland gewesen. Und so war es ein glücklicher Zufall, dass eine Freundin von mir in Deutschland zur gleichen Zeit schwanger war. Neben den Freuden und Ängsten werdender Mütter, konnten wir demnach hervorragend Parallelen zwischen beiden Gesundheitssystemen ziehen.

Duale Betreuung

Anders als in Deutschland gibt es in Irland die duale Betreuung. Sobald der Hausarzt die Schwangerschaft bestätigt hat, sucht man sich eine Geburtsklinik aus. Die regelmäβigen Untersuchungen finden dann abwechselnd zwischen Hausarzt und dem Krankenhaus statt. Das hat den Vorteil, dass man mit dem Ort der Entbindung bereits vertraut ist. Anstelle nur einmalig an einer “Hausführung” teilzunehmen, steht man in Kontakt mit dem medizinischen Personal und kennt sich schon mal im “Labyrinth der Flure” aus.

Theoretisch bestens gerüstet

Zum Zeitpunkt meiner Schwangerschaft war ich nicht krankenversichert. Das heiβt mir stand lediglich die gesetzliche Krankenversorung (public health care) zur Verfügung. Dennoch hatte ich Zugang zu diversen kostenfreien Angeboten wie dem klassischen Geburtsvorbereitungskurs (inkl. Windelwechselwettbewerb für die werdenden Väter). Ein Physiotherapiekurs bereitete mich zusätzlich auf die körperlichen Strapazen der Geburt vor. Zumindest in der Theorie.

Ich war ein absoluter Neuling was Babies anging. Weder hatte ich in meinem Leben schon einmal eine Windel gewechselt, noch auf Kinder von Freunden aufgepasst. Mein Mann hatte mir da einiges voraus. Dennoch waren wir beide gleichermaβen dankbar für das groβzügige Kursangebot. Vom Baby-Sicherheits-Training für zukünftige Eltern bis hin zur alternativen Geburtsmethoden wie dem Hypnobirthing lieβ das Beratungs-Repertoire nichts zu wünschen übrig.

Hebamme inbegriffen

Ebenfalls als positiv empfand ich, dass die Hebamme im “Gesamtpaket” enthalten war. Sie übernahm im Krankenhaus den Groβteil der Untersuchungen. Ich musste mich weder selber um eine kümmern, noch extra für sie bezahlen. Zwar war nicht garantiert, dass ich jedes Mal auf die gleiche Hebamme traf, aber meistens war das der Fall. Und dank einer sehr ausführlich geführten Krankenakte, gingen keine Informationen verloren. Welche Hebamme bei der Geburt meines Sohnes Dienst hatte, war mir in dem Moment schnurzpiepegal. Ich habe mich jedenfalls bestens aufgehoben gefühlt.

Warum das Rad neu erfinden…

Sobald ich nach der Geburt aus dem Krankenhaus entlassen wurde, informierte man die zuständige Gemeindeschwester. Diese kam in den folgenden Tagen ins Haus, um zu schauen, ob es mir nebst Kind gutging. Auβerdem hatte ich die Gelegenheit, jede Menge Fragen und mitunter auch Ängste mit der sogennanten Public Health Nurse zu besprechen. Das war nicht nur im Rahmen der Hausbesuche möglich, sondern jederzeit telefonisch oder während einer wöchentlichen Sprechstunde. Stolz berichtete ich meinen Eltern von dieser tollen “Erfindung”, die es hier in Irland gab. Meine Mutti entgegnete mir schmunzelnd, dass sie bereits zu DDR-Zeiten von dem Konzept der Gemeindeschwester Gebrauch gemacht hatte, als ich “frisch geschlüpft” war. Schade, dass es das so in Deutschland heute nicht mehr zu geben scheint.

Erstes Kind, was nun

Ich war überzeugt, dass ich nicht der Typ für “Mami-Freundschaften” war. Und schon gar nicht für vormittags nach einer Kinderwagen-Rallye beim Kaffee zu sitzen und Rezepte für zuckerfreie Muffins auszutauschen. Ich hatte mich getäuscht. Inzwischen habe ich einen kleinen Kreis sehr netter Mamis (und Babies) um mich herum. Und ja, der Austausch gesunder Rezepte bleibt da nicht aus. Als Vollzeit-Mama sind mir diese Zusammenkünfte inzwischen sehr wichtig geworden. Und so kann auch ich es nur weitergeben, wie es mir als werdende Mutter empfohlen wurde: Rausgehen und sich ein Mami-Netzwerk aufbauen! Für mich war die örtliche Stillgruppe die perfekte “Kontaktbörse”.

(Alb-)Traum Stillen

Als ich das erste Mal von einer “Breastfeeding-Support-Group” hörte, fand ich den Namen etwas irreführend. Es klang so nach Selbsthilfegruppe und mir war nicht klar, wie diese beiden Dinge zusammenpassten. Inzwischen weiβ ich es. Dabei konnte ich mich glücklich schätzen, dass mir das Stillen von Anfang an keinerlei Schwierigkeiten bereitet hatte. Es spielte eine groβe Rolle, dass ich mich beim Stillen in der Öffentlichkeit hier nie unwohl oder herablassend beäugt gefühlt habe. Im Gegenteil, für (diskretes) Stillen ist man mir oft mit Respekt oder einfach ganz normal begegnet. Bei einem unserer “Notfallstopps” in einer Einkaufspassage brachte mir eine Ladeninhaberin sogar ein Glas Wasser als sie mich stillend auf der Bank sitzen sah. Eine der freundlichen Gesten, die mir positiv in Erinnerung geblieben ist.

Klatschend durch die Morgenstunden

Der Tag muss für mich langsam und vor allem ruhig beginnen. Warum, um Himmels Willen, fangen alle musikalischen Mutter-Kind-Aktivitäten schon morgens 10 Uhr an? Vielleicht sollte ich in diesem Zusammenhang noch erwähnen, dass wir mit einem Langschläferkind gesegnet sind. Ob das angeboren und eher anerzogen ist, wissen wir nicht. Jedenfalls ist auch unser Kleiner nicht allzu “amused”, wenn die Jalousien bereits vor 8 Uhr geöffnet werden. Ein kurzes Grummeln und mit einer Handbewegung das Kuscheltier über’s Gesicht gezogen, sind meist die zu erwartenden Reaktionen. Dabei bin nicht ich diejenige, die zur allwöchentlichen Spielegruppe gehen möchte. Doch spätestens wenn uns meine Freundin mit ihrer stets gutgelaunten Tochter am Tor erwartet, ist die Morgenmuffel-Laune verflogen. Dann sind wir bereit den Vormittag fröhlich klatschend mit Gleichgesinnten zu verbringen.

Der Sprössling will unterhalten werden

Spielegruppen aller Art sowie Aktivitäten für Kinder jeder Altersgruppe gibt es bei uns in der Gegend zur Genüge. Der Fokus liegt auf der Gemeinschaft, dem Kontakte knüpfen und natürlich auch dem Erfahrungsaustausch (womit wir wieder bei den Kochrezepten wären). Die Organisatoren – einige davon ehrenamtlich – sind mit viel Eifer und Einsatz dabei. Zwar kann ich nicht für ganz Irland sprechen, aber wage dennoch zu behaupten, dass es diesbezüglich ein sehr gutes Netzwerk gibt. Nicht alle Angebote sind kostenlos, sondern mitunter recht kostenintensiv (Musikgruppen, Schwimmkurse etc.). Bei uns im Ort sind es bespielsweise die Kirchengemeinde und die Bibliothek, die für einen kleinen Obulus bzw. kostenfrei, Unterhaltung für Kleinkinder anbieten. Am besten informiert man sich über soziale Netzwerke was es so gibt oder verlässt sich auf die altbewährte “Mama-zu-Mama Propaganda”.

Horrende Kosten für Kinderbetreuung

Heikel wird es beim Thema Vollzeit-Kinderbetreuung. Kürzlich las ich einen Artikel in der Irish Times mit dem Titel “Hohe Kosten für Kinderbetreuung zwingen Frauen sich aus der Arbeitswelt zurückzuziehen”. Und tatsächlich lohnt es sich kaum bei monatlichen Betreuungskosten von ca. €1000 wieder ins Berufsleben einzusteigen. Als ich mich während der Schwangerschaft nach Krippenplätzen umschaute, lag das günstigste Angebot bei €950. Dort gab es dann allerdings eine Warteliste. Das teuerste war €1650 pro Monat; 2 – 3 weitere Kinderkrippen lagen irgendwo dazwischen.

Karriere vs. Vollzeit-Mami

Für uns war daher schnell klar, dass die Karriere bei mir den Kürzeren ziehen würde. Sowohl finanziell als auch logistisch hätte eine Vollzeit-Kinderbetreuung für uns keinen Sinn gemacht. Ich denke, dass es vielen Frauen mit niedrigem bis mittlerem Einkommen in Irland so geht. Um das noch einmal deutlich zu machen: Ich hätte verkürzt arbeiten gehen müssen, um unser Kind unter Berücksichtigung meines Arbeitsweges pünktlich in die Kinderkrippe bringen und abholen zu können. Teilzeit hätte weniger Gehalt bedeutet. Nach Abzug meiner Monatskarte für den Zug wäre am Ende des Monats etwa soviel übrig geblieben, wie wir für einen Kinderkrippenplatz gezahlt hätten. Obendrein hätten wir wahrscheinlich noch eine Haushaltshilfe gebraucht. Denn wenn ich schon über 40 Stunden pro Woche von meinem Kind getrennt bin, möchte ich die verbleibende Zeit nicht mit putzen verbringen. Schlussendlich noch draufzahlen? Ich denke diese Rechnung ist einfach…

Günstigere Alternativen

Oft höre ich von Bekannten, dass sie dennoch auf ihr Gehalt angewiesen sind. Oder einfach nach ihrer Elternzeit gern wieder ins Berufsleben einsteigen möchten. Sie stehen jedoch vor dem gleichen Problem. Es bleibt kaum Geld übrig, wenn das Kind professionell betreut werden soll. Viele lassen den Nachwuchs daher tagsüber bei den Groβeltern oder anderen Verwandten. Auch Au-pairs und private Childminder sind eine günstigere Alternative. Allerdings scheint es zunehmend ein Problem zu sein, dass Frauen aus o.g. Gründen nicht an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren.

Aus dem Gröbsten raus

Ist das Kind aus dem Gröbsten raus, entspannt sich die finanzielle Lage erst einmal ein wenig. Ab dem 3. Lebensjahr besteht Anspruch auf einen staatlich geförderten Vorschulplatz mit dem ECCE Programm. Aber auch dieser umfasst nur die Betreuung am Vormittag von 9 – 12 Uhr. Es liegt auf der Hand, dass auch das der Mutter keinen Wiedereinstieg in den Beruf ermöglicht. Die Einschulung erfolgt dann mit 4 oder 5 Jahren. Die Grundschulbildung ist in Irland gebührenfrei. Das heiβt aber nicht, dass keine weiteren Kosten auf die Eltern zukommen. Die durchschnittlichen Kosten für ein Grundschulkind 2018 betragen €830 pro Jahr (Quelle: Zurich.ie). Für ein Kind in der Sekundarstufe (ab 12 Jahren) muss man mit durchnittlich €1.495 im Jahr wieder etwas tiefer in die Tasche greifen. (Stand 2018, Quelle: Zurich.ie).

Kinderfreundlich, ja oder nein?

Ich denke die (medizinische) Versorgung während und nach der Schwangerschaft ist in Irland nicht das Problem, wenn es um obige Frage geht. Wohl aber die hohen Kosten für die Kinderbetreuung. Heiβt das im Umkehrschluss, günstigere Kinderkrippen würden ein kinderfreundlicheres (Ir)Land bedeuten?

Ich denke genau das Gegenteil ist der Fall. Hohe Krippenkosten bedeuten, dass sich Kind und Karriere nicht (gut) vereinbaren lassen. Meiner Meinung nach wirken sie sich nicht negativ auf das Kind aus. Dass ich quasi gezwungen bin mit unserem Kleinen zu Hause zu bleiben, hat nur Vorteile für uns beide. Wir verbringen täglich wertvolle Zeit miteinander. Ich erlebe seine ersten groβen Meilensteine mit. Ich bringe ihm Dinge so bei, wie ich sie für richtig erachte. Ich bin da um ihn zu trösten, wenn es ihm nicht gutgeht. Ich denke, das ist das Beste für unseren Sohn. Diese Zeit, in der es sich für mich finanziell  nicht lohnt wieder arbeiten zu gehen, ist auch die einschneidenste in der kindlichen Entwicklung. In dieser Zeit 100% für mein Kind da zu sein, ist  ziemlich kinderfreundlich, oder?




Als Tourist in der Heimat unterwegs

Vom Rucksacktouristen zum “Pack-Esel”

Als ich dieses Jahr unseren Urlaub plante, war alles anders. Ich war nie wirklich ein Weltenbummler gewesen, aber anstelle eines schicken Hotels durfte es schon gern mal ein Zelt bzw. Hostel sein und statt eines Autos das Fahrrad. Auβerdem musste nicht alles bis in kleinste Detail geplant oder vorgebucht sein. Am Morgen aufstehen mit nicht mehr als einem groben Plan wohin die Reise gehen sollte, war selbst für mich unspontane Person im Urlaub ein willkommenes Abenteuer.

Beim ersten Familienurlaub mit Kleinkind kann gar nicht genug geplant werden. Alles sollte gut organisiert und so wenig wie möglich dem Zufall überlassen werden. Uns auf ein passendes Reiseziel zu einigen, war da eindeutig die kleinste Herausforderung. Denn was bietet sich besser an als ein Heimatbesuch, bei dem man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt: Ich kenne mich aus und wir ersparen uns die Eingewöhnungsphase; ich zeige meinen beiden Männern meine Heimat, von der sie bislang noch nicht allzu viel gesehen haben; und zu guter letzt besteht die Hoffnung auf ein paar Abende für meinen Mann und mich zu zweit, sobald sich die Groβeltern auf das Enkelkind stürzen.

Eine gröβere organisatorische Hürde stellte hingegen die Frage des Gepäckumfanges dar. Ich hatte mich stets damit gerühmt mit leichtem Gepäck unterwegs zu sein. Alles was auf Reisen nicht absolut notwendig war, blieb zu Hause. Doch selbst wenn ich diesem Grundsatz beim Familienurlaub treu blieb, kamen wir nicht mit weniger als drei Koffern aus. Immerhin kam mir meine Fähigkeit des minimalen Packens zu Gute und unser Reisegepäck fiel überschaubar aus.

Auf völlig unbekanntem Terrain bewegte ich mich allerdings, als es um das Finden einer geeigneten Unterkunft ging. Während ich eher etwas schlichtes, verschlafenes im Sinn hatte, warf mein Mann ein, dass es auf jeden Fall genügend Unterhaltungsmöglichkeiten für uns und den kleinen Racker geben sollte. Denn bei allem Fokus auf kinderfreundlich sollte die Woche, bevor es zu meiner Familie ging, auch für uns Urlaub und ein Tapetenwechsel zum heimischen Garten sein.

Nun war es also an mir die Interessen unserer Kleinfamilie in einem einzigen Ferienobjekt zu vereinen, darüber hinaus die Verwandschaft mit einem angemessen langen Aufenthalt zu bedenken und das alles unter Berücksichtigung vertretbarer Fahrtzeiten bei sommerlichen Temperaturen. Das war trotz jahrelanger Erfahrung in der Reiseplanung meine gröβte Herausforderung.

Wir lassen die Kuh fliegen

Ende Juni war es soweit – nach einer mehr oder minder anstrengenden Anreise kamen wir gegen Abend im Dorfhotel Fleesensee an der Mecklenburgischen Seenplatte an. Auf dem Weg zu unserem Apartment – das Gepäck nebst Kind im eigens dafür zur Verfügung gestellten Bollerwagen im Schlepptau (geniale Idee!) – legten wir direkt einen Stopp an dem hübschen, selbstbedienbaren Kinderkarussell ein. Das erste Highlight für unseren Urlaubsneuling. Unsere Ferienwohnung war sehr geräumig, stilvoll eingerichtet und absolut kindersicher. An Schlafen war trotz fortgeschrittener Stunde mit unserem überdrehten Kind jetzt nicht zu denken. Was soll’s, wir hatten Urlaub und so war auch für uns noch ein erstes Highlight in Form eines gemeinsamen Begrüβungscocktails an der Bar drin.

Das “Erwachen”, im wahrsten Sinne des Wortes, kam am nächsten Morgen beim Frühstück als eine tanzende Kuh die Kinder zum “Clubtanz” abholte. Mein Mann und ich schauten uns schmunzelnd an und ohne dass wir auch nur ein Wort sagen mussten, wussten wir was dem anderen durch den Kopf ging: Statt langer Partynächte und lauter Musik am Abend gab es nun einen fast ebenso hohen Lärmpegel am morgendlichen Familienbuffet und das “Abrocken” erfolgte zu eingängigen Kinderliedern unter Anleitung eines überdimensionalen Maskottchens. Unserem Sohn gefiel’s…

Unterschiedliche Auffassungen von “familienfreundlich”

Um gleich bei den Vorteilen eines Familienhotels zu bleiben, Kinderbetreuung war im Dorfhotel inklusive! Die Chance, für die sonst bei diesem Thema so unentspannte “Mama”, das im Urlaub mal ganz entspannt auszuprobieren. Gesagt, getan – Junior ging am Vormittag für 3 Stunden in den Kid’s Club und die Eltern endlich mal wieder nur als Paar in die angrenzende Therme. Alle waren begeistert, selbst die Betreuerin vom so artigen 1-Jährigen und der wiederum von Spielsachen & Co.

Euphorisch meldeten mein Mann und ich uns auch gleich für den nächsten Tag zum Squash spielen an. Auf dem Weg dorthin klingelte das Handy und die Kinderbetreuerin war dran, im Hintergrund unverkennbar das aufgebrachte Weinen unseres Zwerges. Könnte er schon sprechen, hätte er uns sicherlich verklickert, dass “familienfreundlich” nicht hieβ, dass Aktivitäten fortan ohne ihn stattfänden. Und so gab es uns ab sofort im Urlaub wieder nur im Dreier-Pack.

Verkehrte Welt

Während in Irland eine Hitzewelle das Schlauchverbot auslöste (Leute waren angehalten ihre Nachbarn zu verpfeifen, wenn sie ihren Garten bewässerten), kamen wir strandtechnisch an der Müritz so gar nicht auf unsere Kosten. Neben Wanderungen, Tierparkbesuchen und Bummeln an diversen Hafenpromenaden, hatte ich uns natürlich u.a. Kleckerburgen bauend am Seeufer gesehen. Das kühle Wetter machte uns jedoch einen Strich durch die Rechnung und erst pünktlich zu unserer Abreise aus dem Feriendomizil kroch die Sonne wieder aus ihrem Versteck. Nicht nur dass ich mich wochenlang vorm Urlaub umsonst gesorgt hatte, wie wir es wohl bei 30 Grad ohne Klimaanlage in einem Ferienhaus aushalten würden; nein, wir hatten auch noch die einzige Woche in Irland verpasst, in der es mal wärmer als in den meisten Teilen Europas war. Aber unser Deutschland-Trip war ja noch nicht vorbei und wir freuten uns nun auf den Besuch bei meiner Familie.

Die Geschichte mit der Kartoffel

Um unsere lange Fahrtstrecke ein wenig aufzulockern, schaute ich mich nach passenden Sehenswürdigkeiten en-route um. Nach Möglichkeit sollte es etwas sein, das man als “Tourist” unbedingt gesehen haben muss, wenn man in Deutschland unterwegs ist. Während ich noch grübelte, was sich da auf halber Strecke zwischen Meck-Pomm und meiner Heimat Nordsachsen wohl anbot, tauchte das Schild für die Autobahnausfahrt Potsdam auf und ich beschloss meinen beiden Iren das Schloss von Sanssouci zu zeigen. Mich selbst hatte es schon als Kind immer wieder begeistert und ich erinnerte mich, dass es auch bei meinen Eltern meist auf der Agenda stand, wenn ausländische Gäste zu Besuch waren. Perfekter Ort und perfektes Timing also für einen Stopp. Gedanklich bereitete ich mich darauf vor, stolz die Rolle des Reiseleiters zu übernehmen und meinem Mann ein paar Fakten über die Geschichte meines Heimatlandes anhand dieses herrlichen Bauwerkes näherzubringen. Ein paar zusammenhangslose “Brocken” und Jahreszahlen schossen mir in den Kopf, nichts womit ich jemanden hätte beeindrucken können. Dann fiel mir die Geschichte mit den Kartoffeln ein, die immer verstreut auf der Grabplatte Friedrichs des Groβen im Schlosspark lagen. Auf die Frage hin, warum das denn so sei, antwortete ich meinem Mann wie aus der Pistole geschossen “Na weil er sie erfunden hat”. Und erneut waren wir uns einig, dass ich als Touristikerin wohl die schlechteste Reiseleiterin überhaupt bin.

Loslassen

Trotz meiner verstärkten Übersetzertätigkeit am Familientisch war der Besuch bei meinen Eltern für mich zwanglos und entspannend. Die Temperaturen waren inzwischen wieder in sommerliche Höhen geklettert und der paradiesische Garten meiner Eltern bot genügend Platz zum Zurückzuziehen. Auch das Gefühl, dass ich ständig die Augen nach unserem agilen Zwerg aufhalten musste, fiel langsam von mir ab. Sobald ich mich nach ihm umschaute, stellte ich beruhigt fest, dass Oma und Opa sich ganz vertieft mit ihm beschäftigten. Es war ungewohnt für mich einfach so aufstehen zu können und mich kurz vom Junior zu entfernen, ohne die Umgebung nach möglichen Gefahrenquellen abzuscannen. Mit der Zeit wurde ich mutiger und am Ende schafften mein Mann und ich es sogar zweimal abends allein auszugehen. Danke nochmal an die Groβeltern!

Wenn die Heimat nicht mehr das Zuhause ist

Wenn ich in meiner Heimatstadt Torgau unterwegs bin, habe ich oft das Gefühl ein Gast in einer gewohnten Umgebung zu sein. Andererseits ist es wie eine Reise in die Vergangenheit, die an jeder Ecke Erinnerungen hervorbringt.

Als mein Mann und ich abends zum Essen ausgingen, steuerte ich wie selbstverständlich auf die Sparkasse am Markt zu, die 24 Stunden geöffnet hat und mir früher öfter zu einem letzten Absacker verhalf, wenn ich als Teenager auf Kneipentouren mal wieder nicht genug Bargeld dabei hatte (sie lag praktisch auf dem Weg zwischen meinen Stammkneipen). Erst als sich die Tür nicht wie gewohnt öffnen lieβ, bemerkte ich das Schild, dass die Filiale bereits seit 2017 geschlossen war. Eigentlich keine groβe Sache, aber ich war ganz kurz wie vor den Kopf gestoβen. Sie war quasi eine Institution für mich, in der ich oft noch schnell Geld gezogen hatte, obwohl ich schon spät dran war, um mich mit einer Freundin auf einen Kaffee zu treffen. Nicht selten hatte ich hier verdutzt auf meinen Kontoauszug geschaut um die eine oder andere Abhebung aus den frühen Morgenstunden nachzuvollziehen. Manchmal ging ich nur hinein, um nicht in der Kälte warten zu müssen oder die verspiegelte Wand für einen letzten Check vor dem Ausgehen zu nutzen. Und jetzt war der kleine, eigentlich unbedeutende Raum mit dem Geldautomaten in der Mitte zu. Und das schon seit fast 1 Jahr, was demnach bedeutete, dass ich schon länger nicht mehr vor dieser Tür gestanden hatte – wie die Zeit vergeht!

Für den Moment hatten wir aber genug Geld dabei, um in einem meiner ehemaligen Stammlokale noch einen Drink in der Abendsonne zu genieβen. Der Biergarten mit dem herrlichen Blick über die Elbe war wie immer. Allerdings sah ich, nicht wie sonst, auch nur ein einziges bekanntes Gesicht, abgesehen mal von den Kneipenwirten. Wenigstens hörte ich um mich herum den mir vertrauten Dialekt. Ich wendete mich den Leuten am Nachbartisch zu um sie etwas zu fragen. Als ich ihre Antwort akustisch nicht auf Anhieb verstand und sie bat sie zu wiederholen, hörte ich plötzlich jemand anders sagen: “Du musst Englisch sprechen, die verstehen dich nicht.”. Mir verschlug es im wahrsten Sinne des Wortes kurz die Sprache und die noch nicht einmal richtig zustande gekommene Unterhaltung war abrupt beendet. Noch nie war ich mir mehr wie ein Tourist in meiner eigenen Heimatstadt vorgekommen als in diesem Moment…




Das Meer – mein ständiger Begleiter

Als geborener “Binnenländer” bleibt das Meer für einen irgendwie immer etwas besonderes, selbst wenn man es irgendwann direkt vor der Nase hat.

Ich erinnere mich wie mir als Kind meine Groβeltern immer von ihren Ostseeurlauben vorschwärmten. Sie schien für mich unerreichbar bzw. fünf lange Autostunden im (unklimatisierten) Trabant von Zuhause entfernt. Es sollte noch einige Jahren dauern bis ich die Ostsee selbst zu Gesicht bekam…

Letzendlich machte ich zuerst mit dem Mittelmeer Bekanntschaft, wo ich mehrere tolle Sommerurlaube mit meiner Familie verbrachte. Allein die Erinnerung an die warme Luft, leicht angereichert mit dem Duft von Sonnencreme und das gleichmäβige Rauschen der Wellen lösen noch heute ein wohliges Gefühl in mir aus. Das war der Beginn einer lebenslangen Faszination.

Durch glückliche Umstände verschlug es mich Jahre später zum Studieren an die Ostseeküste nach Stralsund. “Studieren wo andere Urlaub machen” heiβt der stolze Slogan der Hochschule. Wie oft haben meine Mitstudenten und ich ihn verflucht, wenn wir statt am Strand auf dem Campus zum Lernen saßen. Doch manchmal, wenn ich an der Sundpromenade mit Blick auf das spiegelglatte Wasser entlang radelte, lächelte ich zufrieden vor mich hin und dachte: “Kaum zu glauben, ich wohne am Meer!”

Danach zog ich in das auch irgendwie maritime Hamburg. Perfekt zwischen Nord- und Ostsee gelegen, war da immer noch der eine oder andere Wochenendausflug an die Küste drin.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Herbstausflug mit einer sehr guten Freundin nach St. Peter Ording, dessen Ruf als Traumstrand ihm vorauseilte und wovon wir uns unbedingt selber überzeugen wollten. Schön warm eingemummelt trotzten wir der steifen Brise und belohnten uns im Anschluss an den Spaziergang mit einem heiβen Kakao in einem reetgedeckten Café hinterm Deich. Auch das ist “Strandurlaub”.

 

Nach ein paar Jahren Hamburg ging es dann für mich nach Dublin. Zwar nicht des Meeres wegen, aber auf einer Insel zu leben, wo es so viele malerische Sandstrände, spektakuläre Steilküsten und einsame Buchten gibt, hat schon etwas für sich. Inzwischen sind wir aus der Stadt noch weiter in Richtung Meer gezogen und nun ist es mein Mann, der immer sagt, “Wir leben da, wo andere Urlaub machen” und ich denke mir, recht hat er!

Lieblingsstrände

Schon bei meinen Kurzbesuchen in Dublin, bevor ich auswanderte, musste neben Groβstadtleben und Pub mindestens ein Strandspaziergang drin sein. Und das ist auch gar nicht so schwierig zu vereinbaren. Innerhalb von wenigen Minuten ist man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an einen der breiten Sandstrände vor den Toren der Stadt gefahren. Ich möchte euch hier  einige meiner persönlichen Lieblingsstrände in Dublin und Umgebung vorstellen.

Der Strand der mein Leben veränderte

Ich erinnere mich gut an einen verregneten Oktobermorgen, an dem ich ein wenig deprimiert im Hotel auf einem meiner alljährlichen Kurztrips nach Dublin saß. Für das verlängerte Wochenende war eigentlich ein Treffen mit der Mädels-Clique aus meinem Irland-Praktikum geplant, was aus diversen Gründen leider nicht stattfinden konnte. Und so strandete ich allein in besagtem Hotelzimmer. Ich gab mir gedanklich einen kräftigen Tritt in den Hintern und nahm trotz Regen und Stimmungstief den nächsten Zug zu dem meist menschenleeren Kieselstrand von Killiney, den ich schon von vorherigen Besuchen kannte. An diesem wettertechnisch miesen Tag war er besonders einsam, doch mit jedem Schritt hob sich die Laune unter meinem großen Regenschirm. Ich hing meinen Gedanken nach, grübelte über Vergangenes und die Zukunft und das war der Moment als ich beschloss, nach Irland auszuwandern. Wenn es mir hier trotz fehlender Gesellschaft und tristem Wetter so gut ging, war das schon mal eine positive Voraussetzung. Und es stellte sich heraus, dass ich meine Entscheidung nicht bereuen würde.

Strand ohne Meer

Der Strand von Sandymount war lange Zeit unser persönlicher “Hausstrand”, als mein Mann und ich noch in Dublin wohnten. Seine “Wahrzeichen”, die zwei rot-weißen Industrieschornsteine, werden liebevoll die “Twin Towers” genannt und stehen meines Erachtens jetzt sogar unter Denkmalschutz. Bei Ebbe bietet der eigentlich vergleichsweise kurze Strandabschnitt jede Menge Platz für einen ausgedehnten Spaziergang – es sei denn man legt Wert darauf das Meer auch zu Gesicht bekommen. Das passiert manchmal allerdings schneller als einem lieb ist – so wie uns bei einem Neujahrsspaziergang als wir ganz plötzlich von eiskaltem Wasser umringt waren. Das bekamen unsere dann zwangsläufig nackten Füβe gnadenlos zu spüren. Immerhin entstanden so seltene Aufnahmen von mir in der Irischen See, was so schnell nicht wieder vorkommen sollte.

Strand der tausend Muscheln

Selbst vor Kälte fast taube Finger können mich nicht davon abhalten am Strand Muscheln zu sammeln. Und so hüpfte ich an einem kalten Wintertag am Strand von North Bull Island, den Blick nach unten gerichtet, von Muschel zu Muschel bis sich meine Hosentaschen schwer und durchgeweicht nach auβen wölbten. Es musste vorher einen Sturm gegeben haben, denn der Boden war nur so von Muscheln übersät. Es ist als käme da ein kindlicher Sammeltrieb in mir durch. Immer wieder entdecke ich eine, die noch schöner ist als die andere oder einfach mit muss, weil sie so auβergewöhnlich aussieht. Zu Hause landen sie zumeist in einer Kiste oder ich verschenke sie weiter, weil mein Mann kein groβer Fan von Muschel-Deko ist. Aber irgendwie geht es auch gar nicht darum sie zu besitzen. Es ist vielmehr die Freude sie zu finden, wie sie da so über den ganzen Strand verteilt liegen. Kleine “Schätze der Natur”, die mir jedes Mal ein Lächeln auf’s Gesicht zaubern so wie an jenem frostigen Wintertag.

“Na das ist doch dein Junggesellinnenabschied”

Im Norden von Dublin liegt die Halbinsel Howth, die man oft schon beim Landeanflug auf die Stadt sehen kann. Hier gibt es zwar auch einen Strand, aber das eigentliche Highlight ist für mich der Küstenwanderweg bzw. Howth Summit, von dem aus man einen Wahnsinnsblick über die gesamte Dubliner Bucht hat. Der vorgelagerte Leuchtturm ist mein persönliches Lieblingsfotomotiv (und sicherlich nicht nur meins). Auβerdem mag ich Howth wegen seiner (Fisch-) Restaurants und kleinen Cafes, wo man sich nach einem Spaziergang nett was gönnen kann. Das wollten wir auch unserer Hochzeitsgesellschaft nicht vorenthalten und beschlossen das Abendessen am Vorabend unserer “Spontan-Trauung” in Howth stattfinden zu lassen. Nach einem gelungenen Dinner erhaschten wir im Halbdunkel noch kurz einen Blick auf den Leuchtturm und die herrliche Steilküste. Die dabei entstandenen Bilder sind eine wunderbare Erinnerung an einen ausgelassenen Abend und meine Freundin kommentierte sie mit den Worten: “Jetzt hattest du wenigstens noch so etwas wie einen Junggesellinnenabschied.”

 

Karibik, Australien? Nein, Brittas Bay!

Wenn wir am Wochenende die Strandtasche für einen Ausflug nach Brittas Bay packen, sind Badesachen etwas, was garantiert nicht hineinkommt. An den Strand gehen heiβt in Irland, dass man dort ein nettes Picknick macht, Sandburgen baut und sich  – wenn man keinen Pullover braucht – ganz dick mit Sonnencreme einschmiert. Auch ich habe die irische Sonne, gepaart mit der kühlen Brise am Wasser, schon des öfteren unterschätzt.

Bislang macht der Sommer in diesem Jahr temperaturtechnisch so einiges gut, was der lange, verregnete Winter “verbockt” hat. Dennoch habe ich in Brittas Bay nie mehr als eine Handvoll Leute angetroffen, die man an dem langen, breiten Strand kaum wahrnimmt. Die hohen Dünen bieten sowohl Wind- als auch Sichtschutz und mein junggebliebener Ehemann nutzt sie gern, um sich herunterrollen zu lassen. Das blieb beim letzten Mal nicht unnachgeahmt. Brittas Bay daher meine Empfehlung für den perfekten Sonntagsausflug für Jung, Alt und alles was dazwischen liegt so wie mein Mann und ich ;-).

Ich kehre gern zu den Stränden zurück, mit denen ich positive Erlebnisse verbinde. Hin und wieder entdecke ich auch neue kleine “Paradiese”, sodass hoffentlich viele weitere schöne Erinnerungen auf meiner Lieblingsinsel hinzukommen werden.




Zwei Hochzeiten und zum Glück kein Todesfall

Wenn wir Leuten von unserer Hochzeit erzählen, bekommen wir oft gesagt, dass das die Geschichten seien, die man später mal seinen Enkelkindern erzählt. Warum also so lange warten?

Wann und wie wir heiraten wollten, war meinem Jetzt-Mann und mir schnell klar: möglichst bald und eher unauffällig klein. Die passende Location war schnell gefunden, Details besprochen, eine Anzahlung geleistet, Einladungen verschickt. Nur der unangenehme Papierkram stand noch aus, bei dem wir allerdings auch keinerlei Schwierigkeiten erwarteten – Fehler Nummer 1. Denn wer hätte gedacht, dass es “Beamtendeutsch” und unnötige Bürokratie auch in Irland gibt. Bei der Antragstellung im Standesamt wurde uns gesagt, dass es aller Voraussicht nach Probleme mit den amerikanischen Scheidungspapieren meines Zunkünftigen geben wird. Auf unsere Nachfrage hin, was genau und was zu tun sei, konnte bzw. wollte man uns vor Ort keine Antwort geben, sondern ließ uns dennoch den Antrag ausfüllen, auf den wir dann von “offizieller Stelle” eine Antwort bekommen sollten. Dies dauerte seine Zeit, aber schlussendlich bekamen wir Bescheid und wurden aufgefordert weitere Unterlagen nachzureichen, die das Problem beheben sollten. Als dieser Antrag auf Eheschließung nach nochmaliger Wartezeit ebenfalls abgelehnt wurde, traf uns das erstmal wie ein Schlag. Es stellte sich heraus, dass das ganze Unterfangen von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, da die Scheidungspapiere aus den USA nur dann in Irland anerkannt werden könnten, wenn mein Verlobter dort nach wie vor seinen Wohnsitz hätte. Eine völlig sinnfreie Regelung…

Nach einem Informationsgespräch mit einer darauf spezialisierten Anwältin hieß es jedoch,  dass das ein nicht selten vorkommender, schnell zu lösender Prozess sei und wir atmeten auf – Fehler Nummer 2.

Hotels für unsere Gäste wurden reserviert, Freunde und Familie buchten Flüge aus Deutschland und Amerika, um bei dem freudigen Ereignis dabei zu sein. Nur dass uns die Planung allmählich so gar keine Freude mehr bereitete, denn zunächst galt es die längst neu verheiratete Ex-Frau meines Verlobten nach 13 Jahren Funktstille aufzuspüren, um ihr noch einmal eine Unterschrift für die Scheidungspapiere abzuringen. So hatte es die Anwältin uns erklärt und wir vertrauten ihrer Kompetenz – Fehler Nummer 3.

Zwei Ja’s und ein Nein

Knapp 3 Monate vor dem geplanten Hochzeitstermin – wir waren immer noch zuversichtlich, dass alles seinen Gang gehen würde – erfuhren wir, dass der Richter der Anerkennung einer amerikanischen Scheidung nur hätte stattgeben können, wenn dieser Verfahrensweg voher durch unsere Anwältin angekündigt worden wäre. Da dies nicht geschehen war, bliebe uns nur die Möglichkeit einer erneuten Scheidung – dieses Mal nach irischem Recht – was sich dann allerdings noch etwas länger hinziehen würde. Ein kleinlautes “ Sorry” unserer Anwältin des Vertrauens tröstete uns nur wenig über eine allem Anschein nach nicht stattfindende Eheschlieβung hinweg.

Um das finanzielle Disaster im Rahmen zu halten, stornierten wir das Hochzeitshotel und informierten unsere Gäste über die Situation, die nun auf Flugtickets zu dem wohl deprimierendsten Ereignis des Jahres saβen – einer geplatzten Hochzeit.

Tagesausflug statt Hochzeitsfeier

Immerhin hatten wir nun noch etwa 2 Monate Zeit uns damit abzufinden, dass wir am 7. Mai 2016 nicht heiraten würden, aber dennoch einen Ansturm von Freunden und Familie zu erwarten hatten, die die Gelegenheit für einen Kurzurlaub in Irland nutzen wollten. Nun war es also daran das Beste aus der Situation zu machen und uns allen eine schöne Zeit zu bescheren, anstelle Trübsal zu blasen. Schnell war ein Reisebus organisiert und ein zünftiges Pub-Essen gebucht. Zwischendurch eine Tour zum touristischen Highlight Glendalough in den Wicklow Mountains sollte auch “Irland-Neulingen” Geschmack auf einen nochmaligen Besuch machen – zum potenziellen neuen Hochzeitstermin.

Kalte Füβe

Doch so weit sollte es gar nicht kommen. Eine Woche vor unserem usprünglich geplanten Termin war nun auch offiziell die irische Scheidung durch. Allerdings viel zu spät um eine Heirat beim Standesamt anzumelden, geschweige denn eine Hochzeitsfeier auf die Beine zu stellen. Wären da nicht die ermunternden Worte unseres örtlichen Pfarrers gewesen, der bereit war für unsere Gäste, allen voran aber für uns, die kirchliche Trauung durchzuführen. Er kannte uns gut und wusste wie wichtig die religiöse Zeremonie für uns war und auch, dass Familie und Freunde extra anreisten, die mitunter nicht so schnell wieder nach Irland kommen würden. Also beschlossen wir kurzer Hand unsere bisherigen Vorstellungen der Hochzeitsfeier über Bord zu werfen und uns dennoch im Kreise unserer Lieben das Ja-Wort zu geben. Somit stand 3 Tage vor dem 7. Mai die Hochzeit wieder auf dem Plan und eine leichte Nervosität stellte sich ein…

Unbezahlbare Hochzeitsplaner

Wenn man nur 3 Tage Zeit hat, um eine komplette Hochzeit zu planen, sind die Möglichkeiten begrenzt. Man könnte meinen, dass das dem angeblich schönsten Tag im Leben Abbruch tut, aber in unserem Fall war es das Beste, was uns passieren konnte. Statt Sightseeing mit den Verwandten hieβ es nun Ärmel hochkrempeln und loslegen. Alle früher angereisten Gäste bekamen eine Aufgabe zugeteilt und alles fügte sich zusammen als hätte es nie anders sein sollen. Es tat so gut zu sehen, dass alle nach dem ganzen Auf & Ab mit soviel Herzblut dabei waren, um uns einen unvergesslichen Tag zu bereiten.

Der schönste chaotischste Tag in meinem Leben

Der Hochzeitstag begann für mich auf einem zusammengesunkenen Luftbett zu Füβen meines eigenen, in dem ich meine Freundin einquartiert hatte. Hätte ein Fotograf am Morgen Fotos von der “Braut beim Ankleiden” machen wollen, hätte er sich den Weg durch mein kleines und mit Sachen vollgepacktes Apartment bahnen müssen, in dem ich mit Hilfe meiner zwei “Brautjungfern” lachend in mein Kleid stieg. Das obligatorische schwarz-weiβ Bild meines Brautkleides auf dem Kleiderbügel habe ich dank meiner “Starfotografin” Susanne aber trotzdem bekommen – allerdings mit dem an die Wand gelehnten Luftbett im Hintergrund. Und ich hätte es nicht anders haben wollen, denn alles war so herrlich imperfekt, was meiner Perfektionistenseele überraschenderweise unheimlich guttat.

Die Trauung in der Kirche hingegen war dann absolut perfekt – eine wunderschöne Zeremonie im engsten Kreis mit herzerwärmender gesanglicher Untermalung, meinem emotionalen Papa, der mich zum Altar führte, meiner Schwester, die als Trauzeugin in der wenigen Zeit einen groβartigen Job geleistet hatte, einem wunderbar unkonventionellen Pfarrer und seinen wohlgewählten Eröffnungsworten, die meine Freundin Claudia trotz ihrer Kirchenvorbehalte spontan ins Deutsche übersetzte und somit die Sprachbarriere überbrückte.

Unsere kleine “Touristenfuhre” durch die Berge und nach Glendalough fand im Anschluss an die Trauung wie geplant statt – nur dass ich statt Wanderschuhen ein Hochzeitskleid und einen neuen Nachnamen trug. Im Bus gab’s Dosenbier, Knabbereien und Sandwiches, die meine Eltern auf dem Weg zur Kirche noch schnell aus dem Supermarkt geholt hatten. An einem der für mich schönsten Aussichtspunkte Irlands, Sally’s Gap, gab es Sekt aus Plastikbechern und die ersten Hochzeitsbilder mit im Wind wehenden Haaren wurden geschossen. Für die Rede des Brautvaters bot sich ein kleiner Erdhügel mit Blick auf den im Tal liegenden See geradezu an. In Glendalough, vor perfekter irischer Kulisse, entstanden dann unsere offiziellen Hochzeitsfotos. Zurück im Bus ging es beschwingt zum Johnnie Fox’s Pub. Als ich dort aus dem Bus stieg, erwarteten mich regelrechte Begeisterungsstürme, denn offensichtlich mischt sich eine Braut nicht allzu oft unter das “gemeine Pubvolk” in rustikalem Ambiente.

Das Versprechen – eine unendliche Geschichte

Nicht nur mein Mann und ich hatten uns am 7. Mai ein Versprechen gegeben, sondern auch wir dem Pfarrer, dass wir die standesamtliche Trauung unverzüglich in Angriff nehmen würden. Dass es noch einmal fast ein ganzes Jahr dauern würde, ahnten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Als wir dann endlich vor die Standesbeamtin traten, zeigten uns ihre Schweissperlen auf der Stirn und ihr leicht nervöses Lächeln, dass sie sich an uns und unsere Geschichte sehr wohl erinnerte. Mein “Nun-bald-auch-offiziell-Ehemann” versetzte die ganze Angelegenheit noch immer so in Rage, dass wir froh sein können, dass sich zu den 3 Scheidungen und 2 Hochzeiten letztendlich kein Todesfall gesellte.




Nochmal nach Irland auswandern?

Persönliches Fazit & Tipps für Auswanderer

Inspiriert von etlichen Anfragen zum Thema Auswandern nach Irland, habe ich mir obige Frage nach nun genau 4 Jahren, die ich in Irland lebe, noch einmal ganz objektiv gestellt. Insofern das möglich ist, denn in meinem Artikel Warum Irland? habe ich ja schon erläutert, weshalb eine Pro- und Kontraliste bei mir nicht wirklich Sinn macht. Und wer Mein Gott und die Welt gelesen hat, weiβ auch, dass meine subjektive Antwort definitiv “Ja” lauten würde.

Das nützt jedoch potentiellen Auswanderern nicht viel, die mich fragen, ob ich Irland zum Leben empfehlen kann. Deshalb möchte ich versuchen, das Ganze noch einmal neutral zu betrachten und hoffentlich hilfreiche Tipps zum Auswandern zu geben.

Urlaub versus Alltag

Meiner Meinung nach ist es ein Unterschied, ob man ein Land nur vom Reisen her kennt oder auch mal etwas länger dort verbracht hat. Sobald man sich um eine Wohnung kümmern musste, kleinere Behördengänge erledigt hat, Geld verdient und den einen oder anderen Arztbesuch hinter sich gebracht hat (letzteres bitte nicht auf Teufel komm raus!), weiβ man, wie die Uhren so ticken. Aus diesem Grund würde ich persönlich keine überstürzte Entscheidung nach einem beflügelnden Urlaubserlebnis treffen, sondern mich zunächst intensiv mit Land und Leuten auseinandersetzen.

Dabei ist es natürlich auch von Vorteil sich selbst gut zu kennen. Wie wichtig sind mir “deutsche Tugenden” und kann ich auf Dauer damit leben, dass gewisse Dinge anders (nicht unbedingt schlechter!) als in Deutschland sind. Auch ich habe mich anfangs oft sagen hören: “Das wäre aber in Deutschland nicht passiert” oder “Hier ist das aber viel teurer.” Inzwischen schätze ich gewisse Sachen hier, die es in Deutschland nicht gibt. Und es gibt kaum noch etwas, das ich mir von Familie oder Freunden aus Deutschland mitbringen lasse. Für mich war das ein entscheidender Schritt, angekommen zu sein. Denn ich lebe in Irland mit allem was dazu gehört und möchte nicht mehr gedanklich zwischen zwei Ländern hin und her pendeln.

Irland = Träume verwirklichen?

Die meisten Auswanderer haben ihre Gründe das Heimatland zu verlassen. Dabei unterscheidet sich, ob man einfach nur weg will, egal wohin oder ob man sich Irland ganz bewusst aussucht. In jedem Fall hat man jedoch mit Sicherheit eine (Wunsch-)vorstellung wie das neue Leben aussehen bzw. was im Vergleich zu Deutschland anders laufen soll. Und dann sollte man sich die Frage stellen, wie wahrscheinlich ist es, dass sich gerade das in Irland umsetzen lässt.

Das ist natürlich sehr individuell und ein “Lebensgefühl” lässt sich auch nur schwer auf einer Checkliste bewerten. Aber Traumland hin oder her, man sollte dennoch realistisch im Rahmen seiner Mittel und Möglichkeiten bleiben, um sich selbst vor Enttäuschungen zu bewahren.

Job und Wohnung – das A und O

Nachdem man sich also gefühlsmäβig soweit vorstellen kann in Irland zu leben, würde ich den praktischen Teil ganz klar mit der Jobsuche beginnen. Ich persönlich fände es zu riskant ohne einen Arbeitsvetrag in der Tasche nach Irland zu kommen. Oder sagen wir mal so, ich hätte mich nicht allzu lange ohne ein Einkommen über Wasser halten können. Auβerdem ist es auch hilfreich zu wissen, ob/wo Arbeitskräfte benötigt werden, um seine eigenen Chancen einzuordnen. Als Deutschsprachiger sind diese derzeit gar nicht so schlecht. Auf der Webseite www.jobs.ie lässt es sich gut nach verschiedenen Branchen sortiert suchen. Das irische Durchschnittsgehalt liegt etwas über dem Deutschen, aber ebenso auch die Lebenshaltungskosten. Als Nichtraucher und bei mäβigem Alkoholkonsum kommt man mit Aldi und Lidl aber auch in Irland ganz günstig davon :-).

Nicht so allerdings, wenn es um das Dach über dem Kopf geht. Die derzeitige Wohnraumsituation in Irland ist ein Dilemma. Die Mieten im Groβraum Dublin sind horrende, aber nur hier gibt es Jobs. Seit 2013 sind die Mieten in Dublin jedes Jahr um mind. 10% gestiegen (auβer in 2015 nur um 8,2%; Quelle: Irish Rental Price Report). Im Landesinneren kann man sich vielleicht ein hübsches Häuschen leisten, aber das Pendeln wird zum Albtraum. Das bringt mich wieder zu vorheriger Frage zurück – was will ich? Kann ich mich für meinen Traum in Irland zu leben mit einem kleinen, überteuerten Apartment in der Stadt, meist weit unter dem deutschen Standard, arrangieren? Oder lege ich wert auf ein gemütliches Zuhause und bin dafür bereit tief in die Tasche zu greifen oder einen langen Arbeitsweg auf mich zu nehmen? Die Wohnungssuche lässt sich besser vor Ort gestalten, aber es schadet nicht sich schon einmal vorab zu informieren, z.B. auf www.daft.ie oder www.myhome.ie. Ihr dürft geschockt sein!

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Häufig werde ich zum Thema Krankenversicherung in Irland gefragt, weswegen ich das hier kurz erwähnen möchte. Gesetzlich krankenversichert ist man in Irland nicht automatisch. Einige groβe Firmen bezahlen ihren Arbeitnehmern eine private Krankenversicherung, ansonsten kann man diese auch eigenständig abschlieβen. Der Jahresbeitrag variiert stark, je nach Anbieter und was man inkludiert haben möchte. Ich habe bisher ganz gut ohne eine Krankenversicherung gelebt (und beim Schreiben dieser Zeile mal eben kräftig auf Holz geklopft). Man bezahlt ganz einfach wenn man zum Arzt geht (Hausarzt so zwischen €50 – €80 pro Konsultation, Kinder unter 6 Jahren frei). Facharzttermine mit Überweisung sind kostenfrei. Allerdings kann es sein, dass man als Nicht-Privatpatient lange auf einen Termin warten muss, was dann eher für eine Krankenversicherung spricht. In Notfällen bezahlt man einen Pauschalbetrag von derzeit €100 sowie Krankenhaustagegeld. Alle Leistungen für werdende Mütter im Rahmen der Schwangerschaft sind kostenfrei. Weiterführende Informationen zu diesem Thema gibt es hier.

Kinderbetreuung spielt seit kurzem auch für uns eine Rolle. Aus diversen Gründen haben wir uns entschieden, dass ich zunächst mit unserem Kind zu Hause bleibe und wir keine Fremdbetreuung in Anspruch nehmen. Obwohl dies eine gewollte Entscheidung war, hätte es auch finanziell für mich nicht allzu viel Sinn gemacht, wieder in meinen alten Beruf einzusteigen. Bei meinen Recherchen wurden mir Gebühren von €850 – €1650 monatlich für einen Vollzeit-Kinderkrippenplatz genannt. Unter Berücksichtigung des Arbeitsweges und der Öffnungszeiten der Kindereinrichtung hätte ich verkürzt arbeiten müssen und was da am Ende des Monats übrig bleibt, ist den Aufwand nicht wert. Träumt man also von Groβfamilie und Karriere, sollte man lieber nicht nach Irland auswandern.

Was die Schul- bzw. Ausbildung angeht, gibt es staatliche, also kostenfreie Schulen sowohl in der Primär- als auch in der Sekundarstufe, es sei denn man entscheidet sich für eine Privatschule. Einschulungsalter in Irland ist 4 bzw. 5 Jahre. Ab dem 3. Lebensjahr kann ein kostenloser Vorschulplatz in Anspruch genommen werden. Für staatliche Universitäten bezahlt man derzeit eine fixe Studiengebühr von €3,000 pro Jahr. Diese Zusammenfassung des irischen Bildungssystems finde ich zu diesem Thema sehr hilfreich.

Irland ja oder nein?

Beim Beantworten der Fragen potentieller Irland-Auswanderer ist mir bereits aufgefallen, dass ich nicht gerade ein positives Bild der Grünen Insel zeichne. Und tatsächlich spricht vor allem die finanzielle Bilanz nicht gerade für mein Traumland. Nach wie vor schätze ich, was mich nach Irland gelockt hat: die freundliche und offene Art der Menschen, die herrliche Natur, die Sprache. Aber ich weiβ auch zu schätzen, dass ich unbewusst den richtigen Zeitpunkt zum Auswandern abgepasst habe. Wahrscheinlich würde ich auch heute noch einmal nach Irland auswandern. Ob ich es mir leisten könnte, ist eine andere Frage.




Im Moment bin ich glücklich

Gerade eben bin ich von einem Spaziergang zurück, bei herrlichem Sonnenschein und fast 13 Grad. Und das erste Mal roch die Luft anders, so als stünde der Frühling vor der Tür. Wenn es doch nur schon Frühling wäre, dachte ich, dann fängt endlich wieder alles an zu blühen und es riecht immer so frisch.

Einen ähnlichen Gedanken hatte ich, als ich im Dezember durch unseren Ort lief und das erste Mal die Weihnachtsbeleuchtung eingeschaltet war: Endlich ist es soweit – so lange habe ich mich schon auf die Adventszeit gefreut, in der wir es uns vorm Kamin gemütlich machen können. Aber bald wird dann auch der deprimierende Januar ran sein, schoss mir gleich als nächstes durch den Kopf.

Vergangenes Wochenende waren wir in sämtlichen Baumärkten und Innenausstattern unterwegs – die Renovierung unseres Wohnzimmers steht an. Wir haben uns Wandfarben ausgesucht, eine Vorauswahl der dazu passenden Vorhänge getroffen und im Kopf Möbel gerückt. Seither juckt es mir in den Fingern und ich möchte am liebsten sofort loslegen. Plötzlich sehe ich in nur noch die verblasste Farbe an der Wand und die Ecken, die ausgebessert werden müssen. Dabei ist es doch immer noch das gleiche, gemütliche Wohnzimmer.

Unser kleiner “Sonnenschein” ist inzwischen 8 Monate und verändert sich jeden Tag. Die ersten Zähnchen gucken und er brabbelt munter vor sich hin. Oft ertappe ich mich dabei, wie ich stolz jemandem erzähle, dass er nun schon “Da-da” für Daddy sagt, oder ich mich erkundige, wie viele Zähne ein gleichaltriges Baby denn hat. Und sollte er nicht jetzt auch schon richtig krabbeln können? Die Zeit mit ihm vergeht so schon wie im Flug, warum wünsche ich mir also, dass alles noch schneller geht?

Auf neudeutsch heiβt es Mindfulness

Alle diese Beispiele haben eines gemeinsam: sie befördern mich gedanklich aus der Gegenwart in die Zukunft. Mir fällt es unheimlich schwer, einfach mal im Moment zu sein und das zu genieβen, was ich habe. Selbst wenn alles nahezu perfekt ist (wenn man mal von einem unrenovierten Wohnzimmer absieht), bin ich manchmal grummelig oder ungeduldig, weil mir ein mögliches Szenario in der Zukunft die Laune vermiest oder ich etwas nicht erwarten kann.

Oft habe ich schon darüber nachgedacht, mal einen Mindfulness-Kurs zu besuchen. Dabei ist das Konzept, seinen Fokus bewusst auf den Augenblick zu richten, simpel – lediglich für mich nicht einfach umzusetzen. Bei unangenehmen Haushaltsarbeiten muss eben immer eine mehr oder weniger stumpfsinnige Fernsehsendung laufen, als dass ich mich auf das Hier & Jetzt konzentriere. Wobei es beim Wäsche zusammenlegen ja noch verständlich ist, dass man sich in eine andere (Gedanken-)Welt wünscht…

Ich komme daher zu der Erkenntnis, dass ich nicht gern mit meinen Gedanken alleine bin. Oder bin ich es einfach nicht mehr gewohnt? Habe ich mal 5 Minuten Leerlauf, wird gleich das Handy gezückt. Nicht dass ich denke, es hat sich seit dem letzten Mal soviel getan, dass ich etwas verpassen könnte. Nein, ich hoffe darauf – irgend etwas wird mich schon “unterhalten”. Dabei weiβ ich schon vorher, dass nichts auf Facebook & Co. so wichtig ist wie das echte Leben.

Verspätete Neujahrsvorsätze

Wenn ich das nächste Mal in der Wintersonne spazieren gehe, die Bäume noch kahl sind und es nach Frühling riecht, werde ich mich daran erfreuen und mir nicht den Frühling herbeiwünschen. Und im Frühling dann nicht den Sommer, im Herbst nicht Weihnachten usw.

Anstelle mir ein langersehntes Ereignis bereits mit Gedanken daran zu vermiesen, dass es bald vorbei sein wird, werde ich versuchen jeden Moment bis dahin zu genieβen und mir ein kleines Highlight für danach zu setzen. Positives Denken kann nicht schaden :-).

Eine meiner gröβeren “Baustellen”, an der ich arbeiten möchte, ist es mich darauf zu besinnen, was ich habe und nicht ständig nur das zu sehen, was gerade fehlt oder besser sein könnte. Leichter gesagt als getan, aber es wären ja keine Neujahrsvorsätze, wenn sie einfach umzusetzen wären.

Kein Problem wird es hingegen für mich sein, jeden Moment mit unserem kleinen Sohn zu genieβen, ohne ständig zu bewerten, was er in seinem Alter jetzt eigentlich schon können sollte oder nicht. Manchmal lasse ich mich da wohl von Gesprächen mit anderen Müttern etwas verrückt machen. Aber er ist perfekt so wie er ist und ich werde jede Veränderung an ihm, wann immer sie kommt und wie lange sie auch dauert, ganz bewusst genieβen.

Und einen Vorsatz kann ich direkt von der Liste streichen – nämlich diesen Artikel so schnell wie möglich online zu stellen, um meine Neujahrsvorsätze offiziell zu machen und sie nicht länger ignorieren zu können.

 

 




In Wicklow angekommen

Unser erster Sommer im eigenen Haus neigt sich dem Ende und voller Vorfreude sehen wir gemütlichen Herbstabenden am Kamin entgegen. Dennoch trauere ich dem entschwindenden Sommer ein wenig nach, der wie ich finde  – für einen irischen – ausgzeichnet war. Zugegeben sind die Kriterien dafür hier ein wenig anders, aber immerhin kamen kurze Hosen, ein aufblasbarer Swimming Pool im Garten und Sonnencreme darin vor.

Beflügelt vom guten Wetter haben wir enthusiastisch unseren neuen Wohnort nebst Umgebung erkundet und waren wir recht viel unterwegs, im County Wicklow. Dabei haben wir ein paar echte „Perlen“ entdeckt.

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Life is Life

Das 1. Mal den Herzschlag seines ungeborenen Babys zu hören ist ein ganz besonderer Moment, den ich im vergangenen Jahr zu meinem großen Glück selbst erleben durfte. Wenn es dann noch ein Wunschkind ist und man es kaum erwarten kann, bis es nach neun Monaten (in meinem Fall sogar 9 1/2) endlich das Licht der Welt erblickt, ist es um so schöner.

Doch was wenn man in einer schwierigen Lebenssituation ungeplant ein Kind erwartet? Seien es Probleme finanzieller Natur, dass man nicht den richtigen/keinen Partner an der Seite hat oder es einfach nur der falsche Zeitpunkt ist. Hat man dann das Recht es abtreiben zu lassen? Und wenn ja, bis zu welchem Monat? Und, ist es allein das Recht der Frau dies zu entscheiden?

Fragen, die man sich aktuell in Irland stellt und heftig öffentlich diskutiert. Derzeit ist das Leben des ungeborenen Kindes im 8. Zusatzartikel der irischen Verfassung, dem sogenannten 8th Amendment, geschützt und demnach eine Abtreibung verboten; es sei denn das Leben der Mutter ist gefährdet.

Es haben sich zwei Lager gebildet: Pro Choice mit seinem Slogan “Repeal the 8th”, welches sich für die Abschaffung des Paragraphen und die freie Entscheidung der Frau zu einer Abtreibung ausspricht. Und Pro Life, das sich für das Recht auf Leben des ungeborenen Kindes einsetzt und den Artikel erhalten will.

Bestimmt die Nachfrage das Angebot?

Jährlich reisen tausende irischer Frauen nach Großbritannien, um dort eine Abtreibung durchführen zu lassen. Diese ist dort bis zur 24. Schwangerschaftswoche (6. Monat) ohne Angabe von spezifischen Gründen erlaubt. Eine in fünf Schwangerschaften endet in einer Abtreibung (Quelle: loveboth.ie). Im Jahr 2016 wurden 3.265 Abtreibungen von britischen Kliniken verzeichnet, bei denen ein irischer Wohnsitz des “Patienten” angegeben wurde (Quelle: ifpa.ie). Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich wesentlich höher, da man davon ausgehen kann, dass nicht immer eine korrekte Adresse genannt wird bzw. andere Länder zur Durchführung einer Abtreibung aufgesucht werden. Man schätzt dass ca. 5000 irische Frauen jedes Jahr ins Ausland reisen, um eine Schwangerschaft abzubrechen (Quelle: ifpa.ie). Die wahren Gründe für eine Abtreibung können nur schwer erfasst werden. Meist werden sie unter der sogenannten “Abtreibung aus sozialen Gründen” zusammengefasst, was somit nicht sehr aussagekräftig ist (Quelle: AbortionReview.org).

Die Pro-Choice Seite argumentiert, dass man diesen Frauen nicht zumuten kann, die beschwerliche Reise auf die Nachbarinsel anzutreten, um sich dort dem in Irland gesetzeswidrigen Eingriff zu unterziehen. Dass sie selbst über ihren eigenen Körper bestimmen dürfen sollten und dass es somit ihr Recht sei, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Heißt das, weil pro Tag ca. 12 irische Frauen nach einer Abtreibung verlangen, sollte man ihrem Wunsch nachkommen und sie in Irland legalisieren?

Du bist nicht allein

Wenn es dabei nur um ihren eigenen Körper ginge vielleicht, aber das ist ja ganz klar nicht der Fall. Bereits ab der 3. Schwangerschaftswoche beginnt das Herz des Babys zu schlagen und zu diesem Zeitpunkt hat man zumeist noch nicht einmal die Schwangerschaft festgestellt. Das bedeutet, wann immer man sich für eine Abtreibung entscheidet, hat man es bereits mit einem kleinen menschlichen  Wesen zu tun und das sieht spätestens ab der 12. Schwangerschaftswoche auch schon so aus. Wer gibt also den Frauen das Recht das Leben eines anderen Menschen zu beenden, nur weil sie ihn nicht haben wollen? Abgesehen davon, wer oder was bestimmt in dem Fall bis wann ein Abbruch legitim ist?

Tötet eine Mutter ihr Neugeborenes, weil sie sich in einer verzweifelten Lage befindet, sind sich alle einig, dass das Mord ist und die Gesetzeslage ist eindeutig. Täte sie dies in der 24. Schwangerschaftswoche während sich das Kind noch in ihrem Bauch befindet, obwohl es zu diesem Zeitpunkt schon geboren werden und überleben könnte, ist das ein legitimer Schwangerschaftsabbruch? Das leuchtet mir nicht ein. Wo ist der Unterschied zwischen einer verzweifelten Frau vor der Geburt und einer Frau in der gleichen misslichen Lage danach? Wäre es nicht sinnvoller sich stattdessen von Vornherein für gezielte Hilfe in Krisenschwangerschaften einzusetzen um beide diese Extremfälle zu vermeiden?

Eene meene Muh…

Bliebe noch ein früheres Abtreibungslimit zu diskutieren, so wie derzeit die  14. Schwangerschaftswoche in Deutschland. Aber auch hier ist für mich fraglich, welche Kriterien zur Ermittlung dieser Frist ausschlaggebend sind. Das Gehirn des Babys arbeitet dann bereits, sendet Impulse mit denen es die Mimik und sogar seine kleinen Händchen steuern kann. Und das Herz pumpt schon seit fast 3 Monaten fleißig Blut durch den winzigen Körper. Das Argument, dass es ja noch kein Bewusstsein habe und nichts merke, finde ich irrelevant, weil dies zum einen nicht eindeutig “gemessen” bzw. belegt werden kann. Zum Anderen könnte man dann auch argumentieren, dass ein Neugeborenes bzw. ein Frühchen auch nicht bewusst wahrnimmt, was um es herum geschieht.

Letztendlich läuft es doch einzig und allein auf die Frage hinaus, ob es sich bei einem ungeborenen Kind, unabhängig seines Alters und Entwicklungsstandes, um ein Lebewesen handelt oder nicht. Wenn man sich diese Frage mit ja beantwortet, kann man eine Abtreibung nicht befürworten.

Unser Kind schuldet uns nichts, wir schulden ihm alles

Seit Mai diesen Jahres bin ich selbst Mutter und bereits in der Schwangerschaft galt für mich ganz selbstverständlich der Grundsatz “Das bin ich meinem Kind schuldig”. Nein, ich habe nicht mehr das Recht mal eben eine Zigarette zu rauchen oder ein Glas Wein zu trinken, wenn mir danach ist. Mich mit Zucker und Junk Food vollzustopfen (nicht dass ich das ständig täte), ist schon schlimm genug für meinen eigenen Körper, aber ein Tabu, wenn man einen “Mitbewohner” hat, der einen anzapft. War das immer einfach, wenn man schon mit diversen anderen Unnanehmlichkeiten wie zunehmender Unbeweglichkeit und dem Verzicht auf die geliebte Bauchlage in den letzten ungestörten Nächten zu kämpfen hat? Ganz sicher nicht. Und habe ich immer alles zu 100% korrekt gemacht? Bestimmt eben so wenig. Aber ich bin es meinem Kind schuldig, mein mir Möglichstes zu versuchen, auch wenn es mir nicht immer leicht fällt.

In den drei Monaten, die unser kleiner Sonnenschein nun schon auf der Welt ist, (über-)lebe ich ebenfalls nach diesem Motto. Klar gibt es neben dem herzerweichendsten Lächeln auch die schlaflosen Nächte, von denen alle sprachen und natürlich kommen auch Momente, in denen ich trotz aller Freude an meine Grenzen stoße. Aber der kleine Wurm ist nicht (nur) da, um uns glücklich zu machen. Mit der Entscheidung ein Kind zu haben, sind wir beide eine große Verantwortung eingegangen, die wir nicht einfach ablegen können wie es uns beliebt. Wir haben uns dazu “verpflichtet” immer zusammen für es da zu sein. Es zu beschützen und nach bestem Wissen und Gewissen zu fördern. Unsere eigenen Befindlichkeiten hinten anzustellen, solange es von uns abhängig ist.

Gleichtzeitig bekommen wir nicht automatisch das Recht das Kind als unser Eigentum zu behandeln und es etwa zur Verwirklichung eigener verpasster Träume zu benutzen oder um unsere Partnerschaft oder Lebenssituation aufzuwerten. Alle Entscheidungen, die wir für unser Kind treffen, bevor es dies selber tun kann, sollten in seinem Interesse sein. Allen voran muss deshalb die Entscheidung “Pro Life”, also für das Leben stehen.




“Mein” Gott und die Welt

Ich bin nicht gläubig oder sollte ich eher sagen, noch nicht? Denn vielleicht ist es für mich an der Zeit, alte Ansichten zu revidieren. Normalerweise werden die Sichtweisen der Kirche oft als verstaubt und nicht mehr ganz zeitgemäß betrachtet. Für mich persönlich sind sie jedoch völlig neu. Und auch das Konzept einer „höheren Macht”, die Dinge leitet und nicht kontrollierbar ist, finde ich nicht mehr so abwegig wie noch vor ein paar Jahren.

Ich wurde in der ehemaligen DDR geboren und da war Religion nicht gerade an der Tagesordnung. Meine Eltern legten Wert darauf, uns christliche Moralvorstellungen als Bestandteil der abendländischen Kultur mit auf den Weg zu geben, aber der Fokus lag dabei mehr auf historischen Aspekten als auf spirituellen. Passierten unvorhersehbare Dinge, war von Schicksal die Rede, aber ich kam nicht auf die Idee, mich bei “jemandem” zu bedanken, geschweige denn um Hilfe zu bitten. Das fällt mir nach wie vor schwer, aber meine streng atheistische Teenager-Meinung von damals scheint langsam zu bröckeln.

Immer öfter stelle ich mir die Frage, was eigentlich so falsch daran sein kann, sich mit seinen Ängsten und Nöten an eine höhere Macht zu wenden, wenn es einem Hoffnung und Kraft gibt. Und, ist es wirklich immer nur Glück, wenn alles “rund läuft” ohne großes Zutun?  Oder andersherum, wenn einem trotz Bemühungen gewisse Sachen nicht gelingen und man später feststellt, dass man nur vor etwas bewahrt wurde, das nicht gut für einen gewesen wäre. Und würde einem der Gedanke eines vorbestimmten Weges nicht auch helfen Gegebenheiten zu akzeptieren, die man nicht ändern kann ohne deswegen ewig mit dem Schicksal zu hadern? Zu wissen, dass nur das, was für einen bestimmt ist, einen glücklich machen und ausfüllen kann bzw. dass alles was geschieht einen Sinn hat? Und ist es dann nicht auch nur fair, sich mal “irgendwo” zu bedanken für das was man erreicht hat, wovor man beschützt wurde und wohin es einen geführt hat? Ob man diesen Dank an das “Schicksal” richtet oder sich tatsächlich an (einen) Gott wendet, sei erst einmal dahingestellt.

Spiritueller Laie trifft auf sattelfesten Katholiken

Diese Gedanken kommen nicht von ungefähr, sondern inzwischen ist Religion ein Teil meines Alltages: mein Mann ist Katholik und das nicht nur laut Taufschein. Er lebt seinen Glauben aktiv mit allem was dazugehört. Und um ehrlich zu sein bin ich manchmal etwas neidisch, wie viel es ihm gibt und wieviel Kraft er daraus schöpft. Warum sollte ich mich also nicht auch einmal darauf einlassen?

Ich werde von ihm wiederum um meine Intuition beneidet; angeblich hätte ich einen viel besseren Draht zu Gott, sagt er. Und das hat ebenfalls seine Gründe: trotz meiner Angst vor großen Entscheidungen und davor  Verantwortung zu übernehmen, habe ich bereits etliche lebensverändernde Schritte gewagt; einzig und allein auf einem “Bauchgefühl” basierend und oft entgegen aller Warnungen anderer und jeglicher Schwarzmalerei. Zugegeben, ich habe mich mit den meisten davon sehr schwergetan, aber letztendlich immer einzig und allein darauf vertraut, dass es sich richtig anfühlt. Und mein Mut wurde belohnt – mit vielen positiven Wendungen in meinem Leben, die mir einfach so zugeflogen zu sein scheinen.

Wer(s) glaubt…

Also entweder bin ich so clever und weiß immer, was das Richtige für mich ist oder es gibt tatsächlich einen Gott. Einen Gott, der es mir mit nur einer Jobbewerbung ermöglicht hat, in mein Traumland auszuwandern. Einen Gott, der mir bei der doch recht bescheidenen Auswahl an bezahlbarem Wohnraum in Dublin geholfen hat, die Wohnung zu finden, wo mein jetziger Ehemann als Nachbar wohnte und uns kurz darauf auf romantische Art & Weise zusammenbrachte. Einen Gott, der mir ohne mein Zutun zu einem Karriereschub verholfen hat, welcher mich wiederum davor bewahrte, meine eisernen Reserven restlos aufzubrauchen und somit in meiner neuen Wahlheimat bleiben zu können. Einen Gott, der mir nach unglaublich kurzer Suche das perfekte Auto und mit dessen Hilfe mein Traumhaus quasi vor die Füße gelegt hat, von dem ich nicht einmal gehofft hatte, es irgendwann zu besitzen. Keine endlose Suche und Kampf um Gebote beim Kaufpreis, was hier Standard ist. Nein, einfach so, die allererste Besichtigung, Blick auf’s Meer inklusive.

Auch mir werden ab und zu Steine in den Weg gelegt, so ist das nicht. Die Organisation unserer Hochzeit, zum Beispiel, lief nicht ganz so reibungslos ab. Im Gegenteil – alle unsere Pläne wurden von Problemen mit den Formalitäten durchkreuzt. Doch auch hier hat uns der scheinbare Rückschlag und die Absage unserer “Traumhochzeit” die wohl spontanste Hochzeit in der irischen Geschichte beschert, die rückblickend betrachtet viel mehr in unserem Sinne war als die zuvor angedachte, perfekt durchorganisierte Riesenfeier.

Und ich könnte jetzt noch eine Weile so weitermachen mit Aufzählungen großer und kleiner glücklicher Fügungen in meinem Leben. Oft hört man dann „es hat halt so sollen sein“, was mich wieder zu meinen Anfangsfragen zurückbringt: Wer oder was bestimmt, ob einem etwas ohne große Anstrengung gelingt oder man sich daran die Zähne ausbeißt und es letztendlich doch erfolglos bleibt? Gibt es also diesen einen vorbestimmten Plan und demnach etwas Überirdisches, was einen lenkt und einem ein gutes Gefühl bei Dingen gibt, die „richtig“ sind und Gewissensbisse bzw. Zweifel bei falschen Entscheidungen?

Ich habe jedenfalls das Gefühl, genau dort angekommen zu sein, wo ich zum jetzigen Zeitpunkt in meinem Leben sein soll. Alles fühlt sich richtig und gut an. Ich denke das ist einer der Gründe, warum ich derzeit verstärkt nach einer Antwort suche, wer oder was mich hierher geführt hat.

Der Glaube kommt nicht über Nacht

Mein “Experiment” läuft seit ca. 2 Jahren: mein Mann und ich gehen gemeinsam in die Kirche und ich mag unser “Sonntagsritual”. Anfangs habe ich noch gewitzelt und wollte mir eine Art „Pilgerpass“ zulegen, in dem ich dann einen Stempel für jede neue Kirche bekomme, in der ich einen Gottesdienst besucht habe. Inzwischen betrachte ich es mit ein wenig mehr Ernsthaftigkeit, was konkret für mich erst einmal heißt, dem Ganzen offen und unvoreingenommen gegenüberzustehen, ergo Vorurteile abzustreifen. Die Predigten sind tagesaktuell, regen zum Nachdenken an und bieten eine hervorragende Diskussionsgrundlage für meine Fragen rund um Religion und Glauben, die mein Mann danach jedes Mal geduldig beantwortet.

Wir haben uns katholisch trauen lassen. In erster Linie habe ich einer kirchlichen Hochzeit zugestimmt, weil ich wusste, wieviel es meinem Mann bedeutet. Andererseits konnte ich auch für mich persönlich nichts finden, was dagegen gesprochen hätte.

Theoretisch bin ich also schon irgendwie auf einer spirituellen Reise. Bei der praktischen Umsetzung steht mir mein rationeller Dickschädel noch ein wenig im Weg.

 

Passend zum Thema habe ich kürzlich diese interessante Reportage in der ARD gesehen.




Gräbt sich Irland das Wasser ab?

Zwei Meldungen über Irland haben im vergangenen Jahr die Touristikerin in mir aufhorchen lassen:

Laut einer Umfrage des renommierten US-Magazins Condé Nast Traveler, sind zwei irische Städte unter den Top 6 der freundlichsten Städte weltweit – Dublin auf Platz 3 und Galway auf Platz 6 (Quelle: Tourism Ireland).

Die andere war in der Irish Times Mitte August zu lesen – Dublin ist nun nach Aussage des Hotelbuchungsportals HRS zweiteuerste Stadt was Unterkünfte in Europa betrifft. Vielleicht keine 100% repräsentative Studie, aber allein der Fakt, dass der durchschnittliche Übernachtungpreis dort bei €188,- liegt und demzufolge die Nachfrage da ist, ist meiner Meinung nach aussagekräftig genug.

Und apropos Nachfrage, die Besucherzahlen sind in der ersten Hälfte des Jahres 2016 um 14% im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr gestiegen. In Zahlen sind das ca. 420.000 Besucher mehr als in 2015 (Quelle: Tourism Ireland). Zurecht ist man stolz auf ein solches Ergebnis; die Wirtschaft boomt wieder und die Krise scheint endlich überwunden.

Bedenken einer begeisterten Auswanderin

Ich beobachte diese Entwicklung, die auf diversen Reise‑Workshops immer wieder freudig präsentiert wird, jedoch mit ein wenig Sorge. Einerseits aus der ganz egoistischen Befürchtung, die Insel selbst bald nur noch mit großen Menschenmengen und endlosen Warteschlangen in den Sommermonaten erleben zu können. Zum anderen habe ich rein pragmatische Bedenken – wohin mit der enormen Anzahl zusätzlicher Besucher in einem Land, das limitiert durch das Meer, nur über begrenzt Platz bzw. touristische Infrastruktur verfügt. Die logische Konsequenz wäre, soweit eben möglich, mehr Unterkünfte etc. zu schaffen, um dem den Prognosen nach auch 2017 zu erwartenden Ansturm gerecht zu werden.

Aber halt, hatten wir das nicht schon einmal? Einen Bau-Boom in der Euphorie des Celtic Tigers Mitte der 1990er Jahre? Mehr Hotels, mehr Visitor Centre, mehr Restaurants, um dem internationalen Gast etwas zu bieten? Oder war es doch eher das Interesse am eigenen Profit, was im Vordergrund stand, bevor 2008 alles gehörig nach hinten losging und das „Kartenhaus“ zusammenbrach. Egal, denn die Touristen wurden weniger. Und wenn man wiederum anderen Umfragen Glauben schenkt, kommen die meisten ohnehin nicht wegen etwaiger massiver Neubauten, sondern paradoxerweise gerade dem Gegenteil – etwas, das die Grüne Insel auch so (zumindest noch) zu bieten hat: viel Natur und Ursprünglichkeit.

Der Ast auf dem ich sitze…

Keinesfalls möchte ich alle Iren als habgierig und profitorientiert hinstellen. Ebenso liegt es mir fern, mich als „Wirtschaftsorakel“ zu versuchen. Aber so viel kann ich sagen: in meiner eigenen kleinen Welt, d.h. im Büro, wo ich täglich gemeinsam mit zahlreichen Vertretern der irischen Tourismusindustrie diverse Gruppenreisen über die Insel konzipiere (ja, ich bin auch aktiv an der Steigerung der Besucherzahlen beteiligt und stehe ihr dennoch kritisch gegenüber), schlägt mir zunehmend ein neuer Ton entgegen. Ein Hoch auf die Hotels, die uns nach wie vor als gleichgestellten Partner betrachten und das Geschäft, das wir ihnen seit Jahren bringen, wertschätzen. Das sind leider die wenigsten. Habgier und Arroganz bestimmen derzeit meinen Arbeitsalltag. Ein wahrhaft undankbarer Zustand. Kaum im wirtschaftlichen Aufschwung angelangt, sehen meine Kollegen und ich nahezu hoffnungsvoll der Kehrtwende entgegen, die einige Überflieger wieder zurück auf den Boden bringen sollte. Schade, wenn das nur über Extreme zu bewerkstelligen ist; ein gesundes Mittelmaß wäre hier wünschenswert.

Zumindest der Gast bekommt von dem derzeit leicht unterkühlten Verhältnis anscheinend nichts mit, denn immerhin sind „wir“ unter die freundlichsten Städte der Welt gewählt worden. Aber wenn wir schon einmal dabei sind, bekommt auch diese Statistik von mir ihr Fett weg. Erst kürzlich habe ich mich mit meinem Mann genau darüber unterhalten und er als Einheimischer erinnert sich noch an ein ganz anderes Dublin. Auslöser für unsere Debatte war ein kleiner “Schnack” mit einer Verkäuferin in einem Laden in Wexford, einer Stadt an der Süd-Westküste Irlands. Er meinte, dass man das, was früher Gang und Gäbe war, kaum noch in Dublin erlebt: einfach mal ganz gemütlich über’s Wetter plaudern ohne das hinter einem gleich einer mit den Augen rollt. Und das ist kein Vorwurf an Unbekannt, sondern auch ich zähle mich zu denjenigen, die oftmals nur noch mit Tunnelblick durch die Stadt stratzen ohne wahrzunehmen, was rundherum passiert. Trotz der Statistik, wonach die irische Hauptstadt die drittfreundlichste Stadt der Welt ist, habe ich persönlich das Gefühl, dass es im schnelllebigen Dublin kaum noch Zeit für außerordentliche Freundlichkeit und die berühmte „irische Gelassenheit“ gibt. Verständlicherweise, denn welche(r) Kassierer(in) im Supermarkt oder in den vollen Läden der Innenstadt erkundigt sich schon nach dem Befinden, während sie/er gleichzeitig von duzenden genervten Blicke der Wartenden durchbohrt werden. Neulich im überfüllten Bus auf dem Weg zur Arbeit drohte eine Frau zu kollabieren. Sie fragte, ob jemand den Halteknopf für sie betätigen könnte und am nächsten Stopp stieg sie im Sog der Menge aus, um sich dann allein in die Ecke des Bushäuschens zu kauern. Ich fühlte mich schrecklich, denn auch ich war nicht ausgestiegen, um ihr Hilfe anzubieten.

Reif für die Insel auf der Insel

Stellt sich die Frage, Huhn oder Ei, was kam zuerst – die hektische Großstadt, die es schwer macht die „alten (irischen) Tugenden“ aufrecht zu erhalten oder sind wir es mit Smartphone & Co., die sich davon abhalten dem Zwischenmenschlichen gesteigerte Aufmerksamkeit zu schenken und Dublin mehr und mehr in eine anonyme Metropole verwandeln?

Das sind jedoch nur Denkansätze von mir und im Gegensatz zu den anderen Tatsachen nicht durch eine Studie zu belegen. Mag sein, dass da gar nichts dran ist und ich nach meinem jahrelang gehegten und letztendlich erfüllten Wunsch in einer vibrierenden Großstadt zu leben, nun einfach an einem Punkt angekommen bin, an dem es Zeit ist, mich in ruhigere Gefilde zurückzuziehen. Wenn mir im Dorfladen zum wiederholten Male ein Gespräch ans Bein gebunden wird und ich es doch dann gerade eilig habe, revidiere ich meine Meinung gern.

Wer sich nun fragt, wie ich mit einem Blog über Irland Erfolg haben möchte, wenn ich doch (derzeit) so negativ darüber denke, dem soll gesagt sein, dass eine Liebesbeziehung auch mal Kritik abkönnen muss.




Verräterische Akzente

Als ich in die Schule kam und schreiben lernte, konnte ich es kaum erwarten endlich meine ganz eigene Handschrift zu haben. Ich wollte schreiben „wie die Großen“ und fragte ungeduldig immer wieder meine ältere Schwester, wann es denn endlich so weit sein würde mit der „Erwachsenen-Schreibschrift“ und wie lange ich dafür noch üben müsse.

Wie kindisch, denke ich heute rückblickend, denn irgendwann war sie natürlich ohne großes Zutun da, meine individuelle Handschrift und heute wünsche ich mir manchmal, sie würde sich noch einmal ändern, aber das steht auf einem anderen Blatt.

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Hellfire Club – Dublins Nachtclub der anderen Art

In Dublin gibt es zweifelsohne zahlreiche Orte, an denen man sich zu einem romantischen Date verabreden kann: im Park von St. Stephen’s Green, an der berühmten Ha’Penny Bridge, an einem der stadtnahen Strände oder einfach in einem kuscheligen kleinen Café. Bei mir darf es allerdings eher etwas mit „Gruselfaktor“ sein.

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Woanders ist das Gras grüner…

…als in Irland? Wohl kaum!

Aber wie ist es eigentlich, wenn man sich seinen Traum erfüllt und in das Land auswandert, das man bislang weitestgehend nur aus dem Urlaub kennt? Für gewöhnlich mit einem ordentlichen Budget ausgestattet, um es sich richtig gutgehen zu lassen. Für zwei Wochen im Sommer mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auf gutes Wetter. Die wichtigsten Vokabeln aufgefrischt, um sich durch die Speise- und Getränkekarte zu fragen und notfalls, mit viel Mut, einen Einheimischen nach dem Weg.




Warum Irland?

Als ich vor 2 Jahren nach Irland ausgewandert bin, bekam ich genau zwei Arten von Reaktionen:

  1. Warum denn gerade Irland? Hättest du nicht nach Spanien gehen können, wo es wenigstens warm ist?
  2. Wow Irland, da wollte ich auch schon immer mal hin. Da ist alles so schön grün und es gibt überall Schafe.

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