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Land in Sicht! Trendiges Landleben dank cooler Konzepte

Landleben in WicklowLandleben in WicklowLandleben in WicklowLandleben in Wicklow

Zum Glück auf‘s Land

Trotz meines Wunsches der Zivilisation zu entfliehen und mich auf eine einsame Bergspitze zurückzuziehen, leben wir nach wie vor in unserem geliebten Häuschen im Co. Wicklow. Manchmal können wir es immer noch nicht fassen, was für ein Glück wir bei der Haussuche hatten. Gleich auf Anhieb das perfekte Zuhause zu finden, kann sicherlich nicht jeder von sich behaupten. Genau eine Besichtigung brauchte es, um unser City Apartment in Dublin gegen das Landleben im Küstenort Greystones einzutauschen. Fußläufig zum Ortskern mit all seinen Geschäften und was man sonst so zum Leben braucht, sind wir seit Dezember 2016 hier heimisch.

Die Payne FARMily

Heimisch fühlen wir uns definitiv. In unserem schönen Haus, das wir in den vergangenen 5 Jahren in das verwandelt haben, was wir uns unter einem gemütlichen, aber praktischen Cottage vorstellen. Der große Garten vor und hinter dem Haus hatte unsere Herzen vom ersten Moment an erobert. Eigentlich ist er das Reich meines Mannes John. Aber während des langen Lockdowns, habe auch ich zunehmend Gefallen an der Gartenarbeit gefunden. In diesem Jahr kam zu unserer kleinen Obstplantage und dem Kräutergarten noch ein großes Gemüsebeet hinzu. Vor Ostern zogen außerdem unsere zwei Hühner Chicken Nugget und Jelly Bean ein. Seitdem nenne ich es liebevoll die Payne FARMily.

Greystones – Nicht ländlich genug

Als wir im Sommer 2016 das erste Mal zu unserer Hausbesichtigung nach Greystones kamen, fielen uns lediglich ein paar wenige Eigenheim-Baustellen auf. Normal für einen beliebten und attraktiven Ort wie Greystones. In letzter Zeit jedoch schießen um uns herum neue Wohngebiete wie Pilze aus dem Boden. Wohin man nur schaut, entstehen Häuser und riesige Apartmentkomplexe. Ich beobachte das mit Unbehagen. Es mag übertrieben klingen, aber manchmal fühle ich mich nahezu klaustrophobisch, wenn wieder ein grünes Feld dem Bauboom weicht. Was wird aus der ländlichen Infrastruktur, für die wir uns bewusst entschieden als wir das geschäftige Dublin für das Landleben im Garten-County Wicklow verließen? Vielleicht hätten wir uns für eine noch ländlichere Region entschieden, wenn diese Entwicklung damals abzusehen gewesen wäre.

Lust auf Land

Es scheint paradox, dass ich mich im nicht endenden Lockdown nach Isolation sehne. Vielleicht habe ich aber einfach Gefallen am zurückgezogenen Leben in unserem herrlichen Garten gefunden, der wie eine grüne Oase unser Haus einrahmt. Auch meine Ausflüge ziehen mich immer wieder aus Greystones hinaus in die grüne Umgebung. Ich genieße die Stille der irischen Wälder, je weniger Leute desto besser.

Mit diesem Wunsch scheine ich jedoch nicht allein zu sein. Während nach wie vor viele Deutsche als Auswanderer mehr Ruhe und Platz in Irland suchen, gibt es auch in Deutschland einen Trend hin zum Landleben. Laut einer Studie könnten sich 41% der Deutschen vorstellen ihr städtisches Umfeld gegen ein ländlicheres zu tauschen. Das Home Office und die daraus resultierende örtliche Flexibilität während der Pandemie machen es möglich.

Lange Zeit waren es hohe Mieten und Wohnungsmangel in den Städten, die die Leute auf‘s Land drängten. Das Image vom langweiligen Landleben zwischen Feldern und stinkenden Kuhställen scheint sich jedoch gewandelt zu haben. Mehr und mehr wird es zur Wunschoption für junge Leute, die den Berufseinstieg hinter sich und die Familienplanung vor sich haben. Das zeigt der Anstieg der Hauspreise im ländlichen Raum um etwa 40% in den vergangenen 4 Jahren (Quelle: ZDF Reportage “Raus aus der Stadt – Der Traum vom Leben auf dem Land”).

Landleben auf Probe im ‘Coconat‘

Bevor man in ein Eigenheim auf dem Land investiert, sollte man sicher sein, dass einem das Landleben schmeckt. Denn neben einer oftmals romantisierten Vorstellung kann eine schlechtere oder gar fehlende Infrastruktur zur Herausforderung werden. Im Coconat, etwa eine Stunde südwestlich von Berlin, kann man Landluft auf Probe schnuppern. Auf einem ehemaligen Gutshof in Klein Glien haben Gründer Julianne Becker, Janosch Dietrich und Iris Wolf ein großartiges Landleben-Projekt geschaffen. Derzeit zieht es vor allem junge Leute aus der Hauptstadt an. Aber natürlich steht es jedem offen, der flexibel arbeiten kann und sich von der idyllischen Umgebung inspirieren lassen möchte.

   © 1: Coconat, 2 & 4: Tilman Vogler, 3: Andreas Plata

Auf dem großen Gelände stehen Gemeinschaftsarbeitsplätze und Unterkünfte zur Verfügung. Je nach Bedarf kann man sich hier für eine Nacht oder gleich ein paar Monate einmieten. Ob isoliert in der Natur arbeiten oder gemeinsam mit anderen in der umgebauten Scheune Ideen austauschen – Coconat bietet ein facettenreiches Umfeld für Großstädter, die sonst mitunter in einem Ein-Personen-Haushalt ihr Home Office hätten. „Ich möchte erstmal herausfinden was ich eigentlich will auf dem Land“, sagt Landwirtschafts-Bloggerin Svenja Nette dem ZDF, als sie sich als Gast bei Coconat unter anderem um die Hühner kümmert. „Dafür ist das Coconat eben ein total schöner Zwischenraum“, findet Svenja.

Auch die Einwohner des 80-Seelendorfes Klein Glien werden in das Leben der bunt zusammengewürfelten Gemeinde einbezogen. Denn auch der Ort soll davon profitieren, dass der Gutshof nun seit vielen Jahren des Leerstandes wieder belebt ist. So findet dort zum Beispiel auf Wunsch der Dörfler das alljährliche Feuerwehrfest statt. Und auch sonst stellt das Gründer-Trio sicher, dass es neben Co-Working und Co-Living Space eine friedliche Koexistenz zwischen den alten und neuen Bewohnern von Klein Glien gibt.

Aus Alt mach Neu – Dein Jahr in Loitz

Annika und Rolando, ein kreatives junges Paar zog kürzlich von Berlin in das vorpommersche Loitz. Zuvor wurden sie aus 17 Finalisten ausgewählt, die sich für das Projekt „Dein Jahr in Loitz“ beworben hatten. Doch was bewog die beiden dazu ihr Leben in der Großstadt aufzugeben, um für 1 Jahr in einer strukturschwachen Region zu leben und dort ein Abrisshaus wieder aufzumöbeln?

Das Ganze ist Teil des bundesweiten Wettbewerbes „Zukunftsstadt 2030“, bei dem Loitz 2015 Städte wie Berlin und Freiburg aus dem Rennen warf. Die Idee – verödete Regionen für junge Leute wieder attraktiv zu machen und der vorherrschenden Landflucht entgegen zu wirken. Das Konzept – Loitz lockt innovative Großstädter in seine leerstehenden Häuser, wo sie kostenlos wohnen dürfen und obendrauf noch ein Basiseinkommen von €1000 pro Monat erhalten. Im Gegenzug hauchen sie der verlassenen Immobilie wieder Leben ein und idealerweise gleich dem ganzen 4300-Seelenort Loitz.

So kam es also, dass sich die Berlinerin Annika und der gebürtige Venezuelaner Rolando mit ihrer Vision gegen anfänglich 93 Bewerber/innen durchsetzten. Mitte April 2021 bezogen sie ihr neues Domizil in Loitz. Gemeinsam mit Nachbarn und Freiwilligen aus der Gemeinde soll im Untergeschoss ihres Hauses nun etwas entstehen, wovon ganz Loitz profitiert und darüber hinaus Gleichgesinnte anlockt. Ein ungewöhnliches Projekt, das für beide Seiten eine Bereicherung sein könnte. Hoffentlich auch über das „Jahr in Loitz“ hinaus.

Trendiges Landleben coole Konzepte   © Dein Jahr in Loitz; 1, 2 & 4: Matthias Marx

“Es braucht ein Dorf um ein Kind zu erziehen“

Nicht nur wo, sondern auch wie wir leben, scheint sich wieder mehr an traditionelle Lebenskonzepte anzulehnen. Als ich meine Freundin Julia frage, warum sie ihre Stadtwohnung mitten in Hamburg aufgibt, um in ein Wohnprojekt nach Flensburg zu ziehen, antwortet sie mir folgendes: „Es braucht ein Dorf um ein Kind zu erziehen. Und genau das erhoffe ich mir von ‘Freiland Flensburg‘“.

Julia ist Alleinerziehende einer 5-jährigen Tochter. Bislang liebte sie das Leben in der Großstadt mit allem was dazu gehört. „Nun ist es Zeit für etwas Neues“, sagt mir Julia. „Mein Großvater war ursprünglich aus Flensburg. Vielleicht ist es ein Zeichen, dass wir nun gerade dort gefunden haben, wonach wir suchten.”

Das Wohnprojekt ‘Freiland Flensburg’ befindet sich unweit vom Flensburger Stadtzentrum, aber dennoch mitten im Grünen. Es umfasst verschieden große unabhängige Wohneinheiten für jegliche Altersgruppen und Haushaltsgrößen. Reihenhäusern, Ein-Zimmer-Wohnungen und Flächen zur gemeinschaftlichen Nutzung, wie einer Gemeinschafts-Küche, einer Dachterrasse und einem Innenhof verschmelzen hier zu einem modernen Mehr-Generationen-Haushalt.

„Meine Tochter wird alleine draußen spielen können, ohne dass ich ständig ein Auge auf sie haben muss. Es werden immer andere Menschen oder Kinder in der Nähe sein, sodass sie Gesellschaft hat, wenn ich Sachen im Haus erledigen oder arbeiten muss“, erklärt mir Julia ihre Beweggründe. Und auch Julia kann auf Unterstützung zurückgreifen, sollte sie selbst einmal Hilfe benötigen. Im Gegenzug bringt auch sie wertvolle Fähigkeiten mit in die überdimensionale Wohngemeinschaft. So könnte sie zum Beispiel Senioren den Umgang mit dem Computer näherbringen oder Interessierten einen Nähkurs geben. Auch ihre Backkünste sind nicht zu verachten und werden sicherlich einige Türen für sie öffnen.

Schrebergarten auf Irisch

Auf‘s Land zu ziehen und sich bewusst gegen einen Garten zu entscheiden, passt für mich irgendwie nicht zusammen. Dennoch beobachte ich in Greystones immer wieder wie schnell und gut sich riesige Eigenheime mit kaum Außenfläche verkaufen. Wenn es einen Garten gibt, ist er oft  gepflastert, mit Kunstrasen oder Kieseln ausgelegt – weit entfernt von meiner Idee einer natürlichen Erholungsoase.

Um so erfreuter war ich als ich neulich über ein Projekt ganz bei uns in der Nähe las. Huw, der Initiator der ‘Schrebergärten auf Irisch‘, erklärte dem Greystones Guide, was seine Vision für die nächsten 5 Jahre ist. “Tírmór Allotments (=Parzellen) soll auf dem Konzept des Feldwaldbaus basieren“, sagt er. „Dabei wird es um Artenvielfalt und hohe Bodenqualität gehen. Zurück zu den Ursprüngen der Landwirtschaft sozusagen, bevor wir versuchten die Natur auszutricksen und nun mancherorts zum Beispiel mit Überflutungen zu kämpfen haben.”

Dafür transformiert Huw einen Teil seiner 150 Jahre alten Familienfarm und unterteilt sie in verschieden große Parzellen. Diese können dann von Pächtern und Hobbygärtnern in diesem Sinne bewirtschaftet werden. Bereits auf dem Gelände vorhanden sind Büroräume zur gemeinschaftlichen Nutzung, sogenannte Co-Working Spaces, wie auch bei Projekt Coconat. Darüber hinaus sollen individuelle Gartenlauben und eine Außenküche, nebst Campingplatz entstehen. „Die Leute, die bei uns ihr Home Office haben, können dann in ihrer Mittagspause ihr Gemüse anbauen und später ernten“, sagt Huw mit einem Lachen.

Weniger ist Mehr

Die vorgestellten Konzepte zeigen, dass wir das Rad nicht neu erfinden müssen, sondern durchaus davon lernen können, was andere Generationen vor uns erfolgreich gemeistert haben. Als Teenager hätte ich nie gedacht, dass ich einmal ein Fan des Landlebens sein würde. Je älter ich werde, um so mehr lerne ich traditionelle Lebenskonzepte zu schätzen.

Etwas mit seinen Händen zu erschaffen, aus eigener Kraft für die Familie zu sorgen; und dabei den Jüngsten zu zeigen wo Dinge ihren Ursprung haben, empfinde ich als sehr bereichernd. Aus dem Garten zu ernten, täglich frisch zu kochen und selber Brot zu backen gehören für mich inzwischen zum Alltag. Immer wieder wird mir dabei bewusst wie wenig wir eigentlich wirklich zum Leben brauchen. Ein Hoch auf das Landleben!




Nicht einsam genug – Raus aus der Zivilisation!

Der (irische) Corona-Regel-Wahnsinn

Wenn wir an dem überfüllten Spielplatz in unserem Ort vorbeilaufen, wo hunderte Kinder auf engstem Raum zusammen spielen, wir aber nicht auf den einsamen Waldwegen im Umkreis spazieren gehen dürfen, weil diese außerhalb unseres Bewegungsradius liegen. Dann möchte ich mich auf eine einsame Bergspitze verkrümeln, um mich nicht länger über die teilweise unsinnigen Corona Maßnahmen aufregen zu müssen.

Wenn unser Großer fragt, warum er sich am Nachmittag keinen Freund zum Spielen in den Garten einladen darf, obwohl er morgens im Kindergarten mit 20 Kindern und vielleicht sogar mit selbigem Freund gespielt hat. Dann möchte ich mir keine plausible Erklärung einfallen lassen müssen, sondern einfach meine Sachen packen und mich mit meiner Familie gleich freiwillig isolieren – auf einem abgelegenen Berggipfel. Welchen Unterschied macht das denn noch?

Wer braucht schon Kindersachen?

Wenn ich durch die Hauptstraße in unserem Ort bummele und all die geschlossenen Ladenfronten sehe – mit Postern davor, auf denen ich  “Unterstützt die lokalen Händler” lese. Wenn ich trotz dieser Aufforderung, der ich gern nachkommen würde, alles online bestellen muss, weil im Lockdown Level 5 nicht einmal ‘Click & Collect’ möglich ist. Wenn ich im Supermarkt zur abgesperrten Klamottenabteilung hinüberschiele um herauszufinden, ob Unterwäsche und Socken jetzt unter die ‘lebensnotwendigen’ Güter fallen oder nicht. Wenn ich dann feststelle, dass ich Socken zwar kaufen kann, die saisonale Kinderjacke jedoch hinter der Absperrung baumelt und ich sie somit nur aus der Ferne betrachten, aber nicht kaufen kann.

Reisefreiheit? Leider nicht ohne Reisepass!

Wenn mir meine Eltern erzählen, dass man von Deutschland aus zwar in den Urlaub nach Mallorca fliegen darf, der Besuch bei der Familie im Nachbarort jedoch gegen die Corona Bestimmungen verstößt. Wenn die Passstelle in Irland in der höchsten Lockdownstufe mal eben gar keine neuen Reisepässe mehr ausstellt, sondern der Kinderreisepass bis nach dem Lockdown warten muss. Wenn ich darüber nachdenke, was wir mit unserer anderthalbjährigen Tochter ohne Pass machen, falls wir doch aus triftigen Gründen zu meiner Familie nach Deutschland reisen müssen. Wenn ich die Variante, sie derweil bei der irischen Familie unterzubringen auch verwerfen muss, weil die nicht im selben County wohnt und unsere Kleine seit Monate nicht gesehen hat.

Dann kommt mir wieder der einsame Berggipfel in den Sinn, für den man – zumindest in meiner Fantasie – weder einen Reisepass braucht, noch seinen Bewegungsradius verlassen muss.

Greystones – Das Zuhause der ‘Cash-Kuh’

Wenn in unserem Ort Greystones und das angrenzende Delgany wieder ein Stück der herrlich grünen Landschaft zubetoniert wird, um mehr Häuser zu errichten. Wenn ich sehe wie schöne alte Gebäude plattgemacht werden und modernen, mehrstöckigen Apartmentkomplexen weichen. Wenn wieder irgendwo ein “New Development-Schild” auf einer Weide auftaucht, wo eben noch Schafe gemütlich grasen, in ein paar Monaten dann aber Bagger ihren Platz einnehmen. Wenn mir bewusst wird wie viel seines ursprünglichen Charmes das einst gemütliche Fischerdorf Greystones bereits eingebüßt hat und trotzdem kein Ende der Verschandelung abzusehen ist. Dann sehne ich mich nach dem Berggipfel hoch oben im Grünen.

Wenn ich mir vorstelle wie es wohl gewesen sein muss durch das wunderschöne Glen of the Downs zu spazieren, ohne das monotone Geräusch der Autobahn zu hören, die nun direkt durch das Tal verläuft. Wenn die engen, von Steinmauern gesäumten Country Roads allmählich verschwinden und breite Straßen entstehen, um dem täglich zunehmenden Verkehr standhalten zu können. Wenn ich daran denke, wie wir jeden Sonntag in der malerischen Kirche von Delgany bei der Andacht waren, mit den freundlichen Nonnen aus dem angegliederten Kloster. Wenn ich mir vorstelle, wie hart deren Umsiedlung aus dem Convent für sie gewesen sein muss. Wenn ich mir vor meinem geistigen Auge vorstelle wie das altehrwürdige Gebäude nun ebenfalls Teil eines modernen Wohnkomplexes wird. Dann möchte ich weg aus Greystones mit seiner allgegenwärtigen Cash-Kuh, die hier unerbittlich gemolken wird.

Eine zivilisierte Welt sieht anders aus

Wenn ich in den Nachrichten höre, dass der Begriff ‘Mutter’ aus britischen Geburtskliniken verbannt wurde und man nun der politischen Korrektheit halber ‘Gebärende Person’ sagt. Oder man in einer irischen Krebsvorsorge-Kampagne gar die umständliche Phrase ‘Person mit einem Gebärmutterhals’ anstelle von ‘Frau’ verwendet. Wenn Eltern in Kanada per Gesetz gezwungen werden können Hormonbehandlungen und Pubertätsblockern für ihre minderjährigen Kinder zuzustimmen, wenn diese eine Geschlechtsumwandlung anstreben, da der Staat ihnen die Kinder sonst entziehen kann. Wenn ich hoffe mich verhört zu haben, aber es tatsächlich nicht binäre Geschlechtsidentitäten gibt, die sich als Wurm oder gar Elf identifizieren und nun ein Recht darauf haben, auch so angesprochen zu werden. Wenn in einem Restaurant die dritte Toilette, neben dem männlichen und weiblichen Symbol, einen Alien abbildet und das weniger beleidigend sein soll als gar nicht erst eine dritte Option zu haben.

Dann denke ich nur – nichts wie ab auf den Berg in die Einöde, denn das ist nicht die zivilisierte Welt, in der ich leben möchte.

Der Berg ruft!

Vielleicht hat das Corona-Jahr mich verändert und ich bin durch die soziale Isolation weniger weltoffen und tolerant geworden. Vielleicht habe ich mich zu sehr auf meine eigene Familie fokussiert, dass es mir schwerfällt andere Meinungen zu akzeptieren, die zu stark von meiner eigenen abweichen. Vielleicht werde ich einfach alt oder war schon immer irgendwie konservativ. Vielleicht suche ich auch nur nach Gründen mich einzuigeln, um mich nicht mit meiner Sozialphobie auseinandersetzen zu müssen. Wie auch immer. Ich bin mir sicher, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem meine Familie und ich die Flucht auf einen einsamen Berggipfel ergreifen. Bis es soweit ist, sind wir in unserem geliebten idyllischen Garten zu finden :-).




Leben wie die Carmeniter – Familienurlaub in Irland

Verwirrt von der Überschrift und drauf und dran mich auf den vermeintlichen Tippfehler aufmerksam zu machen? Dranbleiben und weiterlesen, denn ich habe mich nicht verschrieben! Ein wenig geht es in diesem Artikel auch um Spiritualität, aber einem Klosterorden sind wir in unserem Familienurlaub im Co. Sligo nicht beigetreten. Dennoch haben wir einen neuen, sehr inspirierenden Lebensstil für uns entdeckt. Aber alles der Reihe nach!

Familienurlaub Sligo_Carrowkeel

Familienurlaub im eigenen Land

Genauso wie vielen anderen blieb auch uns in diesem Jahr nichts anderes übrig, als den Familienurlaub im eigenen Land zu verbringen. Aufgrund der nach wie vor bestehenden Quarantäneregeln bei der Einreise nach Irland, wussten wir frühzeitig, dass unsere Deutschlandreise diesen Sommer ins Wasser fallen würde. Abgesehen von der Enttäuschung meine Familie nicht sehen zu können, gab es Schlimmeres als den Familienurlaub auf der Grünen Insel zu verbringen. Und so freuten wir uns auf einen Tapetenwechsel ohne großen Reiseaufwand und unseren ersten Familienurlaub zu viert.

Während hier viele vom sogenannten “Staycation-Trend” sprechen, also den Urlaub zu Hause zu verbringen, sahen wir unseren Trip nach Sligo durchaus als richtigen Urlaub an. Immerhin reisten wir einmal quer durch Irland und blieben eben nicht zu Hause, wie der Begriff eigentlich vermuten lässt. Das aber nur zur Begrifflichkeit.

Bevor es jedoch soweit war, galt es zunächst eine geeignete Unterkunft zu finden und das ziemlich auf den letzten Drücker. Da wir gemeinsam mit Freunden fahren wollten, deren 2 Kinder im gleichen Alter wie unsere beiden waren (3 Jahre + 11 Monate), kam nur ein geräumiges Ferienhaus mit 4 Schlafzimmern in Frage. Eine echte Herausforderung in Zeiten des “Staycation”-Boom.

Ich lasse mich taufen!

Schon wieder eine Überschrift zum darüber Stolpern, ich weiß.  Dabei bleibe ich voll und ganz beim Thema “Familienurlaub in Irland”, versprochen!

Denn es stand in der Tat im Zusammenhang mit unserem Urlaub, dass ich endgültig die Entscheidung traf, mich in nächster Zukunft taufen zu lassen. Schon viele Male zuvor hatte ich mich mit verschiedenen Dingen hoffnungsvoll an eine ‘höhere Macht’ gewandt. Dabei ging es nicht nur um so nichtige Sachen wie einen Familienurlaub, sondern lebensverändernde ‘Wünsche’. Dinge, die mich entweder verzweifeln ließen oder die ich mir sehnlichst erhoffte. Als im vergangenen Jahr ein Wunder geschah, wofür ich besonders inständig ‘gebetet’ hatte, geriet mein Gotteszweifel ins Wanken.

Gebete erhört!

Als es nun Mangels passender Unterkunft düster für unseren spontanen Familienurlaub aussah, sandte mein Mann ein Stoßgebet zum Himmel. Er war ausgebrannt von der Arbeit und brauchte dringend eine Auszeit vom Home Office. Auch ich hatte mich nach Wochen des Lockdowns auf einen Ortswechsel und die Zeit mit unseren Freunden gefreut. Enttäuschung machte sich breit, als sich so absolut nichts finden ließ.

Nach tagelanger, erfolgloser Suche, bei der meine Freundin und ich diverse Buchungsportale nach einem Selbstversorger-Cottage durchkämmt hatten, tauchte wie aus heiterem Himmel dieses Traumhaus auf. Zu schön um wahr zu sein, dachte ich mir. Genau das was wir gesucht hatten (eigentlich noch besser) und ausschließlich verfügbar für die 4 Nächte, in denen wir reisen konnten. Davor und danach komplett ausgebucht, weswegen ich eher eine technische Panne als eine glückliche Fügung vermutete.

Doch Johns Gebete waren erhört worden! Mit der Buchungsbestätigung, die kurze Zeit später hereinflatterte, war es besiegelt. Es ging zum Familienurlaub nach Ballymote im Co. Sligo!

Nun war es an mir meine Seite der ‘Abmachung’ einzuhalten. Das freie Traum-Ferienhaus war dabei nur das Zünglein an der Waage meiner Tauf-Entscheidung. Und das sollte nicht das einzige Wunder unseres Familienurlaubs bleiben. Zeit meinen Gotteszweifel endgültig abzulegen!?

Leben wie die Carmeniter_Carmen's & Robert's PlaceLeben wie die Carmeniter_Carmen's & Robert's PlaceLeben wie die Carmeniter_Robert's Garten EdenLeben wie die Carmeniter_Robert's Garten Eden

Ankunft im Paradies

Die Überschrift ist keine religiöse Metapher, sondern eine ziemlich treffende Beschreibung unserer Ankunft in Ballymote und somit der Beginn unseres Familienurlaubs. Nach einer entspannten, knapp 3-stündigen Fahrt durch die irischen Midlands erreichten wir unser Ferienhaus. Wir waren bereits zuvor im Co. Sligo unterwegs gewesen, aber die ländliche Gegend um Ballymote gefiel mir besonders gut. Als wir die Autobahn verließen, ging es über kurvige Landstraßen weiter, die von grünen Büschen und kleinen Steinmauern eingerahmt waren. Rechts und links wechselten sich Schafe und Kühe friedlich grasend auf den saftigen Wiesen ab. Im Kontrast zur flachen Weidelandschaft stand eine für Irland verhältnismäßig hohe Gebirgskette, auf die wir schon seit einer Weile zugefahren waren. Nach einem kurzen, aber kräftigen Regenschauer war die Luft frisch und roch ein wenig nach Landwirtschaft. Abgekühlt hatte es sich aber nicht und es versprach eine laue Sommernacht zu werden. Der perfekte Start in unseren Familienurlaub.

Träumen erlaubt

Es ist ja nicht gerade so, dass wir in einer geschäftigen Großstadt lebten. Wir waren extra auf’s Land gezogen, um von der Natur umgeben zu sein. Unser gemütliches Seebad Greystones schien sich jedoch allmählich in eine mittelgroße Stadt zu verwandeln. Überall schossen neue Wohnsiedlungen und Einkaufszentren wie Pilze aus dem Boden. Zu schnell und zu viel für meinen Geschmack.

Als wir uns 2016 auf Haussuche begaben, hatte ich bereits von einem einsamen Landhaus geträumt. Aus Vernunftgründen entschieden wir uns gegen die Einöde, was gut und richtig war. Aber man wird ja noch träumen dürfen. Und da sehe ich mich weit ab von der Zivilisation in einem Landhaus im Grünen.

Unser Airbnb in Ballymote war genau solch ein Traum von einem Landhaus.

Abendessen im Gewächshaus

Bei unserer Ankunft waren unsere Freunde bereits da und herzlich von unseren Gastgebern in Empfang genommen worden. Zum Abendessen versammelten wir uns um den langen Tisch im gemütlichen Wintergarten, der gleichzeitig als Gewächshaus fungierte. Zwischen duftenden Tomaten- und Gurkenpflanzen tauschten wir die ersten Neuigkeiten aus. Unsere Großen waren viel zu aufgeregt, als dass sie auch nur einen Bissen hinunter bekommen würden. Dabei war ihnen noch gar nicht so richtig bewusst, dass sie die kommenden 4 Nächte zusammen in diesem tollen Anwesen verbringen würden. Familienurlaub mit “Freundschaftsbonus” sozusagen.

Familienurlaub in Carmen's & Robert's PlaceFamilienurlaub in Carmen's & Robert's PlaceFamilienurlaub in Carmen's & Robert's Place

Willkommen im mediterranen Irland

Die Tür, die von der gemütlichen Küche in das Gewächshaus – die sogenannte Orangerie – führte, war mit Weinreben gesäumt. Statt unserer flugs gekochten Spagetti naschten die Kinder lieber die süßen Trauben vom Türrahmen. Auch den Weg zur Terrasse hinaus konnte man sich sozusagen “freinaschen”. Dort standen einladend zwei gemütliche Sonnenliegen vor der Natursteinwand. Der Freisitz hatte beinahe mediterranen Charakter, wozu die 2 Olivenbäume und der üppige Feigenbusch beitrugen. Aber wer brauchte schon das Mittelmeer, wenn beim Familienurlaub in der ländlichen Idylle Irlands alle Annehmlichkeiten bis hin zum sommerlichen Wetter zusammenkamen?

Der Garten (Eden)

Der Herr des Hauses, Robert, hatte mit dem Garten, der unser Gästehaus und sein eigenes miteinander verband, ein wahres Kleinod geschaffen. Alles war außerordentlich gut gepflegt ohne dabei abgezirkelt zu wirken. Überall grünte und blühte es. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen ging es für unsere Großen sofort auf Erkundungstour nach draußen. Dort hatten sie jede Menge Platz zum Herumtoben und keine Möglichkeit zu entwischen. Abgesehen davon, dass die nächste befahrene Straße ohnehin fast 1km weit weg war. Somit konnten wir in Ruhe zu Ende frühstücken bzw. ungestört das Essens-Chaos ihrer jüngeren Geschwister beseitigen.

Überhaupt hatten wir an an diesem Morgen keine Eile diesen wunderbaren Garten zu verlassen. Erst gegen Mittag entschieden wir uns zum Strand aufzubrechen, um das gute Wetter zu nutzen. Das musste man in Irland, da man nie wissen konnte, wie lange es anhalten würde. Viel Zeit uns vor unserem Familienurlaub über Aktivitäten in der Gegend zu informieren, hatten wir nicht gehabt. Die Wahl fiel auf Aughris Head am Wild Atlantic Way, was die erste Empfehlung auf der von unseren Gastgebern bereitgestellten Liste war.

Traumstrand Aughris Head

Wir wurden nicht enttäuscht. Trotz unseres späten Starts waren wir einige der ersten, die an dem herrlich breiten Sandstrand eintrafen. Bald sollte sich dieser mit Schwimmern und Sonnenanbetern füllen. Doch wir waren allen zeitlich einen Schritt voraus. Zunächst entflohen wir der Mittagshitze in die angrenzende Beach Bar, um erst einmal die hungrigen Mäuler zu stopfen. Als das Pub dann immer mehr Ausflügler anzog, verkrümelten wir uns frisch gestärkt an den Strand. Besser hätten wir es nicht planen können, selbst wenn wir es versucht hätten.

Familienurlaub Sligo_Aughris HeadFamilienurlaub Sligo_The Beach BarFamilienurlaub Sligo_Aughris HeadFamilienurlaub Sligo_The Beach Bar

Irische Atlantik-Premiere

Zum Strand in Irland keine Badesachen mitzunehmen, ist eigentlich nichts ungewöhnliches. Zumindest nicht für mich. John hatte seinen Neoprenanzug dabei und freute sich auf die kühlen Fluten. Dass das Wasser hier so viel wärmer sein würde als bei uns an der Ostküste, hatte ja keiner ahnen können. Das konnte auch ich mir nicht entgehen lassen. Nach kurzem Zögern hüpfte auch ich trotz fehlender Badebekleidung durch die seichten Wellen. (Nein, nicht in deutscher FKK-Manier, sondern mit improvisierter Körperbedeckung!)

Zwar war ich bei einem Surf-Trip vor 6 Jahren schon einmal im irischen Atlantik gewesen, aber da hatte mich ein Neoprenanzug vorm Erfrieren bewahrt. Deshalb war das wohl meine Bade-Premiere in Irland und ein weiteres Wunder unseres Familienurlaubs.

Der perfekte Abschluss eines perfekten Tages

Als wir nach diesem herrlichen Strandtag wieder an unserem Ferienhaus ankamen, hatte Robert schon den urtümlichen Steingrill im Garten angeworfen. Während sich das Feuerchen warm knisterte, bereitete die Dame des Hauses (übrigens eine Deutsche!) leckeren Kartoffelsalat und andere Köstlichkeiten vor. Die Kinder wurden mit Feuerholz holen beschäftigt, während wir in aller Ruhe einen Schwatz mit unseren Gastgebern hielten.

Als es dunkel wurde, eröffnete sich uns ein klarer Sternenhimmel, der an diesem einsamen Fleckchen Erde durch nichts getrübt (oder vielmehr beleuchtet) wurde. Ebenso wie die absolute Stille, durch die lediglich das leise Muhen der Kühe auf dem Nachbarfeld und unser schallendes Gelächter tönte. Dank des milden Sommerwetters saßen wir bis weit in die Nacht hinein in kurzen Sachen im Freien. Eine absolute Seltenheit in Irland! Noch ein Urlaubswunder oder doch nur der Golfstrom, der uns an der irischen Westküste diese grandiose Spätsommernacht bescherte?

Top-Tipp für Kinder und Erwachsene

Für den nächsten Tag hatten wir uns ein nahegelegenes Vogelreservat mit Flugshow als Ausflugsziel ausgeguckt. Es war gar nicht so einfach die Kinder aus dem Garten loszueisen, wo sie eifrig damit beschäftigt waren ‘Salat’ aus Roberts Himbeersträuchern zu machen. Als wir endlich alle im Auto hatten, schlief unser Großer auf der kurzen Fahrt bis zum eagles flying ein und wachte auch während der äußerst unterhaltsamen Flugshow nicht auf. Aber auch danach gab es noch Gelegenheit die “Harry-Potter-Eule” und andere imposante Raubvögel aus nächster Nähe zu betrachten.

Nichtsdestotrotz waren eher die Tiere mit Fell im angrenzenden Streichelzoo das Highlight für die Kiddis, wo wir ausgiebig viel Zeit verbrachten. Und so kamen auch am zweiten Tag unseres Familienurlaubs alle auf ihre Kosten. Ein großes Dankeschön an das Team von eagles flying, das den Nachmittag auch für uns Erwachsene zu einem echten Erlebnis gemacht hatte. Absolut empfehlenswert für Groß und Klein!

Sligo aus der Vogelperspektive

Der Trip zum Vogelreservat war nur schwer zu toppen. Und dennoch fanden wir, dank Roberts Empfehlung, einen weiteren und auf ganz andere Weise beeindruckenden Ort. Dieses Mal sahen wir Sligo aus der Vogelperspektive.

Es ging zu den Hügelgräbern von Carrowkeel in den Bricklieve Mountains. Aber Achtung, es gibt ein weiteres Carrowkeel, das sich in etwa gleicher Entfernung, aber entgegengesetzter Richtung von Ballymote, unweit vom Megalithenfriedhof Carrowmore, befindet. Unsere Freunde hatten das schmerzlich erfahren müssen, als sie das falsche Carrowkeel ansteuerten und die doppelte Strecke mit nörgelnden Kindern auf dem Rücksitz zurücklegen mussten.

Doch es lohnte sich allemal! Ebenso die kurze, kinderwagenfreundliche Wanderung zum Fuße des Hügels, auf dem sich drei intakte, über 5000 Jahre alte Ganggräber befanden. Von hier aus bot sich uns – trotz eingetrübter Sichtverhältnisse –  ein atemberaubender Blick über die Seen und grünen Felder von Sligo.

Carrowkeel Hügelgräber Irland

Newgrange in Miniatur

Um zu den Grabhügeln aus Stein zu gelangen, mussten wir den Gipfel des Hügels erklimmen. Das war mit ein wenig Kraxelei verbunden, aber mit den Kindern (allerdings ohne Kinderwagen) durchaus machbar. In einer Linie erbaut, ragten die drei steinernen Kuppeln aus dem Gras heraus. Eine vorbeigehende Wanderin erklärte mir, dass Carrowkeel nicht die einzigen, auf einer Bergspitze erbauten Megalithengräber in der Gegend seien. Sie zeigte auf den uns gegenüberliegenden Berg, auf dem ich in der Ferne einen weiteren Steinhügel ausfindig machen konnte. Dabei handelte es sich um Knocknarea, das Grab der Königin Maeve, auf 320 Metern Höhe.

Was für ein Juwel wir mit Carrowkeel inmitten in der einsamen, irischen Natur entdeckt hatten. Während sich in Newgrange Schlangen von Besuchern bildeten, um einen Blick durch die berühmte Dachluke zu werfen, lernten unsere Kinder auf abenteuerliche und ganz ‘un-touristische’ Weise einen viel magischeren und ebenso spirituellen Ort kennen. Daumen hoch für die Tauglichkeit als Familienurlaubs-Ziel.

(Anm.d.R.: Wie bereits in “Verlassen in Irland” beschrieben, ist es für mich schwer nachvollziehbar, wie sich mancherorts ein Massentourismus herausbildet, während anderswo ein ebenso großes (touristisches) Potenzial einfach so sich selbst überlassen wird. Zum Glück!)

Selbstversorger-Wellness

Und wieder endete der Tag wie er schöner nicht hätte enden können. Zumindest für die Mädels unserer kleinen Reisegruppe. Denn wir hatten uns für eine Massage in unseren eigenen vier Airbnb-Wänden eingebucht. Dazu wartete unsere Gastgeberin in einem gemütlichen Zimmer in der oberen Etage auf uns. Die entspannende Ganzkörpermassage war ein wahrer Genuss. Bei der indischen Kopfmassage konnte ich sogar die Geräuschkulisse unserer lärmenden Kinder ausblenden, die John zeitgleich unter vollem Körpereinsatz ins Bett brachte.

Wo gibt es das schon? Eine Wellness-Behandlung vor Ort, in einem Selbstversorger-Familienurlaub? Ein würdiger Abschluss unseres unvergesslichen Kurztrips.

Die Nachwirkungen

Als wir am nächsten Tag zu Hause ankamen (die Kinder hatten die gesamte Fahrt über durchgeschlafen), waren wir tiefenentspannt. Einmal mehr wurde uns bewusst, wie sehr wir beide diese Auszeit gebraucht hatten. Trotz des üblichen Familienurlaubs-Chaos mit kurzen Nächten und jeder Menge Trubel hatten wir unsere Batterien aufladen können. Wir strotzten geradezu vor Energie und Inspiration.

Unsere Ankunft zu Hause in Wicklow wurde von monsunartigem Regen begleitet, der für mich spürbar das Ende unseres Familienurlaubs einläutete. Als John die Haustür öffnete, merkte er an wie klein unser Haus im Vergleich zu Carmen’s & Robert’s Country House Retreat war. Unser Ehebett wirkte gegen die Himmelbetten im Ferienhaus geradezu mickrig. Aber es war gar nicht so sehr die Größe gewesen, die mich an unserer Unterkunft in Ballymote so beeindruckt hatte. Es waren die vielen, liebevollen Details und gemütlichen Rückzugsorte, die dem modernsierten Farmhaus seinen ganz besonderen Charme verliehen. Auch wir wollten unser Haus “carmenisieren”, wie wir es scherzhaft in Anlehnung an die Dame des Hauses nannten.

‘Carmanter’ geht es nicht

Bei Carmen hatten wir uns tatsächlich noch einiges abgucken können, was Dekoration und vollendete Perfektion anging. Zwar waren wir mit Kleinkindern im Hinblick auf delikate Zierobjekte etwas eingeschränkt, aber das konnte meiner Euphorie für den neu entdeckten Wohnstil keinen Abbruch tun. Das was Carmen  und Robert geschaffen hatten, ging weit über eine zweckmäßige Ferienunterkunft hinaus. Es fehlte an nichts und dennoch war alles ganz praktisch durchdacht. Verschiedene, perfekt aufeinander abgestimmte Einrichtungsstile vermischten sich hier zu einer Oase der Erholung und zum Seele baumeln lassen. (M)Ein absoluter Traum von einem irischen Landhaus!

Leben wie die Carmeniter_Charming LandhausFamilienurlaub in Carmen's & Robert's PlaceLeben wie die Carmeniter_Charming LandhausLeben wie die Carmeniter_Charming Landhaus

Ich werde ‘Carmeniter!’

Selbst Carmens und Roberts Lebensstil war im Einklang mit dem, was ihr Zuhause vermittelte. Ein Leben, das ich vorher nur aus romantisierten Rosamunde-Pilcher-Filmen kannte. Ursprüngliches Landleben, verbunden mit angenehmem Komfort und Rückbesinnung auf das Wesentliche. Dazu gehörten der wöchentliche Ausflug zum Bauernmarkt, um lokale Bio-Produkte einzukaufen, selbstgebackenes Brot, Obst und Gemüse aus Eigenernte sowie frische Gartenblumen überall im Haus. Ihren gesunder Lebensstil, gepaart mit einer eben so gesunden Einstellung zum Leben und in dieser paradiesischen Umgebung waren erstrebenswert. Die interessanten Gespräche mit Carmen und Robert sowie unser kurzer Aufenthalt in dieser ganz eigenen kleinen Welt haben mir das erneut bewusst gemacht.

Familienurlaubs-Fazit

Unser Familienurlaub in Sligo hat mir so viel mehr als nur eine tolle Zeit mit Familie und Freunden beschert. Nämlich meine eigene Sauerteigkultur mit der ich seitdem stolz backe, so wie Carmen. Nein ganz im Ernst, die wenigen Tage gaben mir so viel Auftrieb und Inspiration wie schon lange nicht mehr.

Die geselligen Nächte mit unseren Freunden am Lagerfeuer, in denen wir so viel gelacht haben. Auch mal ‘Quality Time’ unter Erwachsenen zu haben, bei der es um andere Dinge als nur die Kinder ging. Bei sommerlichen Temperaturen bis spät im Garten zu sitzen, umgeben von all den herrlichen Gerüchen (einschließlich dem des Grills!). Die gemeinsamen Aktivitäten, an denen jeder seine Freude hatte. Eine so wunderschöne Region Irlands besser kennenzulernen und Neues über Land und Leute zu erfahren. Das Gefühl bei eigentlich Fremden so herzlich willkommen und aufgenommen worden zu sein. Wir kommen wieder, ganz bestimmt!




 

VERLASSEN IN IRLAND

Als ich vor ein paar Wochen anfing diesen Artikel zu schreiben, wusste ich nicht, dass Irlands Sehenswürdigkeiten im wahrsten Sinne des Wortes verlassen sein würden.  Bei der Wahl des Titels hatte ich keineswegs eine Pandemie im Sinn. Vielmehr sollte es um Orte gehen, die für immer verlassen sind. Verwaist und zerfallen. Geheimnisvolle Hüllen einstig glanzvoller Gebäude. Ruinen. Mauerreste.

Trotz der Ausnahmesituation, in der nun alle touristischen Attraktionen auf der Insel wie ausgestorben sind, soll es nach wie vor um meine Lieblingsruinen gehen. Es ist eine Katastrophe, dass die Tourismusindustrie zum Erliegen gekommen ist. Dabei hätte doch ein kleiner Dämpfer ausgereicht. Ich denke profitgierige Hotels und Anbieter von Dumping-(P)Reisen haben ihre Lektion gelernt.

Fotos © Sylvia & John Payne, Hartmut Wallburg

WHAT’S THE STORY?

Ich mag Altes. Mein Mann sagt, das sei der Grund, warum ich ihn geheiratet habe. Obwohl er damit nicht ganz Unrecht hat, hatte ich dabei eher alte Gebäude im Sinn. Was alt ist, hat eine Geschichte. Und die ist es, die mich interessiert. Von einem verlassenen Ort geht eine ganz eigene Energie aus. (Von meinem Mann auch, aber der bleibt hier außen vor.) Ich mag es mir vorzustellen, wie ein Ort ausgesehen haben könnte, bevor er zur Ruine wurde. Wie lange liegt er wohl schon so da? Unter welchen Umständen wurde er verlassen? Und dann sind meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt.

GRUNDSTEIN GELEGT

Als Kinder besuchten meine Schwester und ich mit meinen Eltern zahlreiche antike Stätten, vornehmlich in der Türkei und in Griechenland. Einige davon wahre Touristenmagneten. Andere wiederum hatten kaum eine touristische Infrastruktur und waren nahezu menschenleer. Trotz ihrer historischen Bedeutung lagen sie unbeachtet und verlassen da. Auf mich hatten diese einen besonderen Reiz. Schließlich machte sie ihre geringere Popularität nicht weniger interessant. Damit legten meine Eltern und insbesondere mein Papa den Grundstein für mein Interesse an verlassenen Orten.

KINDLICHE FANTASIE

Angefeuert von meiner kindlichen Fantasie und Büchern, malte ich mir Szenarien aus wie diese Ausgrabungsstätten wohl in ihrer vollen Blüte ausgesehen haben mögen. Ich stellte mir vor, wie die Menschen vor tausenden von Jahre den gleichen Boden beschritten wie ich jetzt. Wie die Sonne auf ihrer Haut brannte und sie genauso die Zikaden zirpen hörten. Spielte es dafür eine Rolle, ob ich mir sie in ihren historisch korrekten Gewändern vorstellte? Für mich nicht. Woran ich mich erinnere, ist ein Gefühl. Keine geschichtlichen Fakten, die man jederzeit irgendwo nachschlagen kann.

WENIGER IST MEHR

Manchmal bevorzuge ich es, mir ein eigenes Bild zu machen als die Geschichte eines Ortes in einem Museum auf dem Silbertablett serviert zu bekommen. Rekonstruktionen und Ausstellungen können informativ sein, aber kurbeln nur selten meine Fantasie an. Verlassene Orte sprechen für sich, auch wenn nicht jeder Besucher die gleiche Geschichte ‘hört’. In Irland gibt es viele Sehenswürdigkeiten, die es trotz großer Besucherzahlen schaffen, ihre Atmosphäre zu bewahren. “Touristenfallen” hingegen, haben weder eine Atmosphäre noch wollen sie lediglich den Besucher informieren.

NACHHALTIG

So wie grasende Schafe in saftigem Grün, gehören auch Ruinen zu Irlands Landschaftsbild. Manch einer kann es kaum fassen, dass die hier einfach so herumstehen. Ganz ohne Eintritt oder Souvenirladen. Vermarkten kann man fast alles, aber wirklich nachhaltig ist das nicht. Manchmal reichen, wie ich finde, ein Wegweiser und ein Toilettenhäuschen aus. Alle Fotos in diesem Artikel sind an verlassenen Orten entstanden. Einige davon haben keine touristische Infrastruktur, was sie in meinen Augen sogar attraktiver macht. Meine Vorstellungskraft kann sich besser entfalten, wenn nicht jede Minute ein neuer Reisebus ‘ausgekippt’ wird.

 

FLUCH…

Vor nicht allzu langer Zeit war ich selber im Tourismus tätig und habe dazu beigetragen, tausende von Touristen pro Jahr in großen Gruppen nach Irland zu bringen. Schon bevor ich als Vollzeit-Mama zu Hause blieb, habe ich mich mit der Massenvermarktung im irischen Tourismus nicht mehr so richtig wohlgefühlt. Auf der einen Seite setzten mich die Kunden unter Druck, um Dumpingpreise herauszuschlagen. Auf der anderen Seite standen die irischen Leistungsträger, die mit dem erneuten Wirtschaftsboom plötzlich der Bustouristen überdrüssig geworden waren. Oder schlichtweg an die Grenzen ihrer Kapazitäten stießen.

…& SEGEN

Richtig angestellt ist Tourismus eine wichtige Einnahmequelle, insbesondere in weniger favorisierten Regionen des Landes. Aber ich habe das Gefühl, dass Irland das Konzept von Nachhaltigkeit und moderatem Wachstum missachtet. Stattdessen gilt der Grundsatz “Je mehr und schneller, desto besser”. Besucherzentren, die in Hoch-Zeiten wie Pilze aus dem Boden schießen, sollten nicht die ursprüngliche (meist natürliche) Attraktion überlagern. Viele kommen nach Irland, weil sie die Ursprünglichkeit schätzen. Unberührte Natur und Authentizität. Attribute, die mit dem Massentourismus verschwinden. Sind sie einmal zerstört, ist der Schaden irreversibel.

DILEMMA

Ich sollte mich freuen, dass sich der Massentourismus auf eine Handvoll von Sehenswürdigkeiten beschränkt, die in jeder Reisebroschüre beworben wird. Keine Frage, auch ich wollte genau diese zuerst sehen, als ich Irland das erste Mal besuchte. Nach ein paar Jahren, die ich nun hier lebe, fühle ich mich nahezu verpflichtet, stattdessen ein paar Insider Tipps zu teilen. Es ist ein Dilemma – einerseits möchte ich, dass meine verlassenen Lieblingsplätze ‘verlassen’ bleiben. Andererseits sind sie zu schön um nicht gesehen zu werden. Zum Glück liegt es nicht in meiner Macht weder das eine noch das andere zu bewirken.

WÄNDE SPRECHEN

Die Ruinen in meinem Artikel habe ich zufällig entdeckt. Ich bin nicht aufgrund von Empfehlungen oder einem Reiseführer auf sie gestoßen. Dementsprechend hatte ich den Überraschungs-WOW-Effekt auf meiner Seite. Völlig unvoreingenommen konnte ich mich meinen Gedanken über die mögliche Geschichte es Ortes widmen, möge sie wahr sein oder nicht. Ganz ohne Nachbauten, die der Fantasie auf die Sprünge helfen. Einfach nur Steine, wie sie einst von ihren Erbauern errichtet wurden. Authentischer geht es kaum. Doch was macht einige Ruinen Irlands populärer als andere? Eine Frage, die ich mir bislang noch nicht beantworten konnte.

FRIEDHÖFE

(Alte) Friedhöfe haben mich schon immer besonders fasziniert. Die keltischen Hochkreuze machen sie in Irland regelrecht zu einer Sehenswürdigkeit. Berühmte Beispiele sind Glasnevin, Monasterboice, Rock of Cashel und Clonmacnoise (letztere beinhalten einen ganzen Gebäudekomplex). Trotz hoher Besucherzahlen ist es ihnen gelungen, die Würde und den Ursprung der Stätte zu bewahren. Zwei weniger bekannte Friedhöfe, die mich mindestens genauso beeindruckt haben, sind der Hill of Slane, Co. Meath und  The Old Burial Ground in Delgany, Co. Wicklow.

HILL OF SLANE

Der Hill of Slane war eine echte Überraschung. Auf einem grünen Hügel tat sich vor uns auf einmal ein großes Areal historischer Ruinen nebst einem Friedhof auf. Unmittelbar daneben grasten ein paar Kühe. Diese und ein freundlicher Herr in Gummistiefeln waren die einzigen Lebewesen, denen wir dort begegneten. Offensichtlich war keiner von beiden, so wie wir, an den beeindruckenden Mauerresten und Grabstätten interessiert. Eine Sehenswürdigkeit, wie ganz selbstverständlich, in das Alltägliche integriert und somit wirklich typisch irisch.

DELGANY

Von einer geschäftigen Straße aus betraten wir durch ein Mauerloch den Old Burial Ground in Delgany. Wie einen geheimen Garten, würde ich seine Atmosphäre beschreiben. Statt gestochener Rasenkanten und geharkte Wege erwarteten uns hochgewachsenes Gras und Wildblumen. Als einzige Besucher sahen wir uns in aller Ruhe um. Die halb verwitterten, schwer leserlichen Grabsteine gingen bis 1700 zurück. Eine Bank unter einem riesigen Baum spendete Schatten und lud regelrecht zum Verweilen ein. Kann man sich einen schöneren Ort der Stille für die Verstorbenen und Besucher vorstellen?

BALTINGLASS

Klöster sind für mich der Klassiker unter den Ruinen. Wie Friedhöfe sind sie Orte der Ruhe und inneren Einkehr. Für mich haben sie sogar etwas majestätisches. Irland ist voll davon und selbst als Ruinen verlieren sie ihre Aura nicht. Mit meinen Eltern im Schlepptau fuhren wir an einem regnerischen Tag in Richtung Baltinglass Abbey. Wir hatten uns zu fünft in unseren Kleinwagen gequetscht. Die Panoramaroute durch die Berge dauerte doch länger als erwartet. Bei der Ankunft waren wir leicht genervt und vor allem hungrig. Sicherlich ein Grund dafür, dass sich mir die Schönheit des ehemaligen Zisterzienserklosters  nicht auf den ersten Blick erschloss. Bei näherem Betrachten und noch später auf den Fotos taten sich jedoch wunderschöne Details auf. Mit seinen verzierten Steinen ist die Abtei aus dem 12. Jahrhundert eines der schönsten Beispiele romanischer Architektur in Irland. Und keine Menschenseele da, um sie zu bewundern.

LUST AUF RUINE?

Wann immer mir nach dem Besuch einer Ruine zumute ist, brauche ich nur den Fuß vor die Tür zu setzen und stehe schon fast vor dem Kindlestown Castle. Nicht selten spielen wir mit unseren Kindern auf der Wiese davor Ball oder beobachten den Sonnenuntergang. Schnell vergisst man dabei, dass es sich um ein historisches Gebäude aus dem 9. Jahrhundert handelt. Als Nationales Denkmal ist es Teil des Delgany Heritage Trail. Ebenfalls bei uns in der Nähe, im schönen County Wicklow, befindet sich Belmont Demesne. Als Teil eines Waldareals mit herrlichen Wanderwegen und Ausblicken befindet sich dort die Ruine des gleichnamigen Hauses. Sie ist eher unspektakulär anzusehen. Bereits halb von der Natur zurückerobert, scheint sie und ihre Umgebung allerdings Eindruck auf diverse Filmproduzenten gemacht zu haben. Unter anderem wurde hier King Arthur gedreht, wonach nun das angeschlossene Café benannt ist.

BUCH TIPP

Zu guter letzt möchte ich passend zum Thema noch ein Buch empfehlen. Geschrieben hat es Tarquin Blake. Mein Mann schenkte es mir mit folgenden Worten in den Einband geschrieben: „To my beautiful wife. On her first birthday as my wife. One day we will build a home of our own. Your husband.“ (Anm. d. Red.: Nur 3 Wochen später haben wir unser Zuhause gefunden.) Diese rührenden Worte haben mich zum Nachdenken angeregt. Die Ruinen, die der Autor in seinem Buch Abandoned Mansions of Ireland beschreibt, nannte tatsächlich einmal jemand sein Zuhause. Seine großartigen Fotografien zeigen, wie die Natur die nun verlassenen Herrenhäuser langsam wieder für sich einnimmt. Und natürlich hat jedes Gemäuer seine eigene Geschichte. Bevor ich sie lese, lasse ich jedoch auch hier zunächst die Bilder auf mich wirken und tauche ein in meine Fantasiewelt aus eigenen Geschichten, wie ich es schon als Kind getan habe.

 

 

Kleine Bilder, von links nach rechts, horizontal: Glen of the Downs (Co. Wicklow); Baltinglass Abbey (Co. Wicklow), Belmont Demesne (Co. Wicklow); Hill of Slane (Co. Meath); Cathedral of St. Peter & St. Paul, Glendalough (Co. Wicklow),  Monasterboice (Co. Louth); Selskar Abbey (Co. Wexford); Cathedral of St. Peter & St. Paul, Glendalough (Co. Wicklow), Famine Wall, Ballina (Co. Mayo); Old Burial Ground, Delgany (Co. Wicklow); Hill of Slane (Co. Meath); Old Burial Ground, Delgany (Co. Wicklow); Baltinglass Abbey (Co. Wicklow); Kindlestown Castle (Co. Wicklow)

Bildrechte © Sylvia & John Payne, Hartmut Wallburg

 




WENN BÄUME SPRECHEN KÖNNTEN

...was würden sie sagen?

Würden sie uns verraten, dass kleine Feen und Kobolde in ihnen wohnen? So wie sie in der irischen Folklore und in Legenden vorkommen? Könnten sie sich an die Geschichten erinnern, so wie sie sich tatsächlich zugetragen haben? Wer weiß. Da wir uns auf die Überlieferungen verlassen müssen, wie sie von Generation zu Generation weitergegeben wurden, werde ich den Bäumen meine Stimme leihen und euch einen kleinen Einblick in die irische Mythologie gewähren.

Baum- & Waldfotografie © Sylvia & John Payne

HERZ ÜBER VERSTAND

Vorher ein paar Worte, warum Bäume auch in meinem Leben eine Rolle spielen. Wenn mich vor Jahren jemand gefragt hätte, wo ich leben möchte, hätte ich sicherlich gesagt am Meer. Noch heute denke ich, ja das klingt toll, ein Haus am Meer. Es hört sich nach jedermanns Traum an. Insbesondere für jemanden wie mich, der weit weg vom Meer aufgewachsen ist und für den es lange unerreichbar schien. Nun habe ich es durch einen glücklichen Umstand direkt vor der Nase. Höre ich jedoch auf mein Gefühl, schlägt mein Herz für den Wald. Für knorrige, moosbewachsene Bäume. Ich liebe es, wenn die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach flimmern. Der Geruch von feuchtem Waldboden, der sanft jeden Schritt abfedert. Ich würde mich nicht als Naturmensch bezeichnen. Aber meine Eltern haben mir in jedem Fall die Liebe zu Bäumen mitgegeben.

IM WALD GEBOREN

Ich habe das Gefühl,  dass wenn man jung ist, immer von dem weg möchte, was man hat. Je älter man wird, desto wohler fühlt man sich in der Nähe dessen, was man kennt und lieben gelernt hat. Mein Name Sylvia bedeutet “die im Wald Geborene“. Und der ist auch ganz treffend. Mein erstes Lebensjahr verbrachte ich mit meiner Familie in einem Haus am Waldrand. Das nächste Dorf war etwa 1, 5 km entfernt. Unsere Adresse war einfach “Haus am Wald”. Das klingt sehr abenteuerlich, aber bewusst kann ich mich daran selbstverständlich nicht erinnern. Meine Mama hat mir jedoch erzählt, dass sie mit mir im Kinderwagen jeden Tag durch den Wald spazieren gegangen ist. Ich hätte immer ganz interessiert nach oben geschaut, wie die Baumkronen wackelten und an mir vorüberzogen, bis mir die Augen schwer wurden und ich schließlich einschlief.

KINDHEITSERINNE-RUNGEN

Als ich 1 Jahr alt war, zogen wir in die nächst größere Stadt um. Solange ich denken kann, kamen wir fast jedes Wochenende zum Spazieren gehen in den Wald an unserem alten Haus zurück. Es war das Elternhaus meiner Mama und sie verband sehr viel mit dem Ort. Auch uns war es vergönnt zahlreiche Kindheitserinnerungen dort zu sammeln, auch nachdem wir weggezogen waren. Im Winter nahmen wir den Schlitten mit in den Wald. Einmal hatte mein Papa die Idee, ihn ans Auto zu binden und so sausten wir über die verschneiten Waldwege. Zu Ostern versteckten meine Eltern bunte Schoko-Eier am Wegesrand. Naiv wie wir waren, brachten meine Schwester und ich sie immer wieder zu meinen Eltern zurück, damit sie sie für uns tragen konnten. Die Ausbeute am Ende war ernüchternd, weil wir sie alle doppelt und dreifach gesucht hatten.

KONSTANTE

Ich habe die Waldspaziergänge mit meiner Familie immer genossen. Dass heißt meistens. Als Teenager gab es natürlich schöneres als nach einer kurzen Nacht “frische Luft schnappen” zu gehen. Abgesehen davon ist insbesondere dieser Wald eine Konstante in meinem Leben und war immer ein wichtiger Bestandteil unseres Familienlebens. Für tiefgreifende Gespräche und so manche urkomische Episode. Vielleicht geben mir Wälder deshalb ein positives Gefühl.

 

UNABDINGBAR

Oder das ist alles sentimentales Gefasel und ich mag schlichtweg Bäume. Wie auch immer. In jedem Fall hat es mich in ein Land verschlagen, in dem Bäume als magisch gelten. Zumindest bei den Fabelwesen, die sie laut irischer Mythologie bewohnen. Bäume spielen in der irischen Folklore eine große Rolle. Schon damals wussten die Menschen, dass Bäume zum Überleben unabdingbar waren. Lernten aber auch, von welchen sie sich lieber fernhalten sollten.

ETHYMOLOGIE

Beweise dafür lassen sich in ganz Irland finden. Viele Ortsnamen enthalten Silben die auf Bäume zurückzuführen sind. So zum Beispiel “cullen”, was Stechpalme bedeutet oder “deagh” für Birkenhain. Orte mit der Vorsilbe “kil” oder “kyle” beziehen sich mitunter auf das irische Wort “coill”, was Wald heißt. Die Stadt Youghal im Co. Cork ist abgeleitet von “yew wood” = Eibenwald und Derry von “daire” = Eichenwald. (Quelle: forestryfocus.ie)

SYMBOLIK

In der irischen Mythologie dominieren drei Bäume: die Eiche, die Birke und die Esche. Die Eiche gilt schon immer als Zeichen für Stärke sowie Fruchtbarkeit und wurde demnach oft den Königen zugeschrieben. Deshalb findet man sie häufig in der Nähe von königlichen Grabstätten. Die Birke ist ein keltisches Symbol der Liebe. Oft hängten die Menschen Birkenzweige über die Wiege, um ihre Babies zu beschützen. Die Esche mit ihrem starken, aber dennoch flexiblen Holz steht für allgemeines Wohlbefinden. In Verbindung mit Brunnen oder natürlichen Quellen wird sie auch mit Heilung assoziiert. (Quelle: Niall Mac Coitir “Irish Trees – Myths, Legends & Folklore”, Gill Books)

ABERGLAUBE

Vielleicht ist es nur ein Klischee, dass die Iren besonders abergläubisch sind. Ihre Feenbäume nehmen sie allerdings ernst und achten darauf, dass ihnen niemand zu Leibe rückt. Ein Feenbaum ist zumeist eine Esche oder ein Weißdorn. Entscheidendes Merkmal ist jedoch sein Standort. Fernab von seinen Artgenossen steht er allein in der Mitte eines Feldes oder am Wegesrand. Die Blüten des Weißdorn galten seit jeher als unheilbringend. Lange nachdem der Busch seinen Ruf weg hatte, fanden Wissenschaftler heraus, dass seine Blüten eine Chemikalie enthalten, die auch beim Zersetzungsprozess menschlicher Haut vorkommt. Grund genug den Busch zu meiden, oder? (Quelle: YourIrish.com)

LEGENDEN

Als man sich Dinge noch nicht wissenschaftlich erklären konnte, erfanden die Menschen Geschichten, um sich auf gewisse Naturphänomene einen Reim zu machen. Hat St. Patrick wirklich die Schlangen aus Irland vertrieben? War es ein Riese, der den Giant’s Causeway in Nordirland gebaut hat? Wahrscheinlich nicht, aber die Legenden dazu existieren bis heute. Die Überlieferungen mögen übernatürliche Elemente enthalten, aber sie sind mehr als nur Märchen. Sie spiegeln die Gefühle jener Menschen wider, die sie erfanden und berichten von ihren Sorgen und Ängsten. (Quelle Biggs „Pocket Irish Legends“, Gill Books)

VORZEIGEKOBOLD

Heutzutage helfen Legenden eher dabei Irland als Land der Leprechauns und Geschichtenerzähler zu vermarkten. Während diese beiden Attribute tatsächlich auf Irland zutreffen, wurde der Leprechaun selbst mal eben der irischen Nationalfarbe angepasst. Anstelle einer braunen Jacke und eines roten Hutes erscheint der Vorzeige-Kobold nun in knalligem Grün mit überdimensionalem Hut, welcher in keinem Souvenirshop zu übersehen ist. In der irischen Folklore ist der Leprechaun allerdings ein garstiger Naturgeist und ganz und gar kein niedliches Souvenir. Wenn ihn jemand zu fangen vermochte, musste es ihm gelingen ihn solange festzuhalten, bis ihn der Leprechaun zum Topf voller Gold führte. Der kleine Geselle war jedoch viel zu schlau und entwischte jedes Mal. Deshalb ist der heißbegehrte Schatz nach wie vor am Ende irgendeines Regenbogens versteckt.

FEENFRAU

Der Geist dessen Erscheinen ich am meisten fürchte, ist die Banshee. Vor allem das, wofür sie steht. Der Name kommt aus dem irischen von Bean-Sidhe und bedeutet Feenfrau. Über ihr Aussehen ist man sich nicht einig, zumal sie wohl im Stande ist, verschiedene Gestalten anzunehmen. Meist wird sie als wunderschöne junge Frau mit langen weißen (oder roten) Haaren beschrieben. In Irland erzählt man sich, dass ihr eigener Tod so schrecklich gewesen sein soll, dass sie nun über Familien wacht und diese warnt, wenn das Ableben eines Angehörigen unmittelbar bevorsteht. Das tut sie mit einem hohen Kreischen oder Heulen. Manche sagen, dass sie Sterbende sogar sicher bis auf die “andere Seite” begleitet. Eine dramatische Legende, aber ein schöner Gedanke so von der Welt zu gehen. Dennoch würde ich der Banshee lieber später als früher begegnen. (YourIrish.com)

FAKE NEWS

In meiner Zeit in Irland habe ich so manche Legende gehört und gelesen. Oft sind sie harsch und brutal und erinnern damit ein wenig an die Märchen der Gebrüder Grimm. Beide enthalten einen tieferen Sinn oder eine lehrreiche Botschaft. Ich denke, dass Überlieferungen, aus denen wir eine Lehre ziehen sollen, ein gewisses Maß an Drama oder eine schockierende Wende enthalten müssen. Das bringt uns doch erst dazu aufzuhorchen oder uns näher mit etwas zu beschäftigen. Nicht zuletzt dienen die irischen Legenden auch der Unterhaltung. In erster Linie wurden auf diesem Weg jedoch Heldentaten, Warnungen und der respektvolle Umgang mit der Natur von Generation zu Generation weitergegeben. Ein bisschen wie mit den Fake News unserer heutigen Informationsgesellschaft. Nicht alles entspricht komplett der Wahrheit, aber sie finden Anklang. Was meint ihr?

Wer mehr über die irische Feenwelt wissen möchte, dem kann ich die Hörsendung der freien Journalistin Dorothea Brummerloh empfehlen.




Wie wir unser Traumhaus in Wicklow fanden

Eigentlich war es ein Zufall, dass wir vor drei Jahren von Dublin in das County Wicklow umgezogen sind. Nicht dass wir umzogen, aber wohin. Es war also nicht so, dass wir uns bewusst für das schönste County des Landes entschieden haben. Direkt an der Küste und mit dem atemberaubenden Wicklow Mountains Nationalpark. Was obendrein ausgesprochen familienfreundlich ist und allerlei kinderfreundliche Aktivitäten zu bieten hat. So fanden wir unser Traumhaus und damit unser Glück in Wicklow:

Die Haussuche

Über ein Jahr lang informierte ich mich online über Kaufangebote für Häuser. Ich hatte einen Newsletter bei den wichtigsten Immobilien-Portalen abonniert, von denen ich regelmäßig Angebote bekam, die unseren Kriterien entsprachen. Es war quasi zu meiner täglichen Routine geworden morgens einen Blick auf die zum Verkauf stehenden Eigenheime zu werfen. Was die Suchmaschinen für mich herausfilterten, ging dann noch einmal durch meinen „Filter“, bevor es mein Mann John zu Gesicht bekam. Es lag also in meiner Hand unser Traumhaus zu finden.

Man wird doch wohl träumen dürfen

Hin und wieder verlor ich mich in der Fantasie vom Leben in einem gemütlichen, kleinen Cottage auf dem Land. Diese gab es zur Genüge, aber oft mitten im Nirgendwo. Während ich gedanklich schon unsere Kinder im Vorgarten herumspringen sah, musste mich John immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Wir arbeiteten beide in Dublin und jeden Tag mehrere Stunden auf den stark frequentierten Pendlerstrecken im Berufsverkehr zu verbringen, war nicht erstrebenswert. Dennoch wollte ich meine Klischee-behaftete Vorstellung vom Traumhaus zwischen grünen Hügeln und grasenden Schafen nicht ganz aufgeben.

Wird es ein Hattrick?

Aus der entspannten Suche nach unserem Traumhaus wurde ganz plötzlich eine Notwendigkeit als wir herausfanden, dass ich schwanger war. Wir hatten im Mai geheiratet und uns kurz darauf in weiser Voraussicht auf die Haussuche ein Auto gekauft. Damit, dass 2016 uns gleich so viele Großereignisse bescheren würde, hatten wir nicht gerechnet. Würden wir in diesem Jahr womöglich einen Hattrick in unserem persönlichen Spiel des Lebens erzielen?

Zu schön um wahr zu sein

Auf einmal flatterte ein Exposé herein, das zu gut klang um wahr zu sein. Ein Bungalow in einem Küstenort, etwa eine Dreiviertelstunde Fahrtzeit von Dublin entfernt. Neben der Lage war für mich besonders ausschlaggebend, dass er freistehend war. John hatte bis dato nicht daran geglaubt, dass wir mit unserem Budget etwas anderes als ein Reihenhaus finden würden. Er hatte die perfekte Größe und einen Garten vor und hinter dem Haus. Ein großzügiges Grundstück hatte für uns oberste Priorität. Darüber hinaus wollte John eine geräumige Küche und ich (Platz für) eine Badewanne. Alles schien laut Beschreibung und Fotos vorhanden zu sein. Unser Traumhaus?

Ich war ganz aus dem Häuschen (haha!), dass unser Traum(haus) nun in greifbare Nähe rückte. Das erste Mal schien – zumindest auf dem Papier – alles zu passen. Ohne überhaupt mit John Rücksprache zu halten, vereinbarte ich direkt einen Besichtigungstermin. John nahm es gelassen und war bei Weitem nicht so aufgeregt wie ich.

Der Beginn einer langen Reise?

An einem nebligen, regnerischen Tag Anfang September 2016 machten wir uns auf den Weg von unserem kleinen City Apartment in Rathgar auf’s Land zu unserer ersten Hausbesichtigung. Nach mehrmaligem Verfahren auf den schmalen, typisch irischen Landstraßen, erreichten wir endlich unser Ziel an der Küste von Nordwicklow. Ich war voller Hoffnung, denn irgendwie schien das unser Jahr zu sein. Andererseits wollte ich keine zu großen Erwartungen in den Termin setzen. Das Haus war bereits ungewöhnlich lange auf dem Markt und wir waren überzeugt, dass es einen Grund dafür gab. Und wie hoch waren die Chancen, dass wir gleich bei der allerersten Besichtigung auf unser Traumhaus treffen würden? Wir sahen es mehr als den Beginn einer langen Reise, auf die wir uns freuten und der wir gespannt entgegen sahen.

Schlechtes Omen

Der Makler begrüßte uns sehr freundlich und schien kein bisschen genervt, dass wir ihn wegen unserer Irrfahrt eine halbe Stunde hatten warten lassen. Wir betraten einen großzügigen Korridor, der nach einem aufdringlichen Raumerfrischer roch, der mir direkt in die Nase fuhr. Gerüche spielen ja bekanntlich eine entscheidende Rolle, wenn es darum ging, ob man etwas mochte oder nicht. Dieser schlug mir jedenfalls wie ein schlechtes Omen entgegen.

Gemischte Gefühle

Schweigend liefen John und ich Raum für Raum durch das reichlich 100 qm große, ebenerdige Haus. Mir gefiel was ich sah. Die Zimmer waren angenehm groß und räumlich voneinander abgetrennt. Wir waren beide keine Fans von offenen Wohn-Essbereichen, sondern bevorzugten das gemütliche Landhaus-Feeling. Es gab drei Schlafzimmer sowie zwei Wohnzimmer, letztere jeweils mit einem offenen Kamin. Die Küche war allem Anschein nach seit der Erbauung des Hauses in den 1970ern nicht mehr modernisiert worden. Aber sie hatte ihren ganz eigenen Cottage-Charme mit dunklen Balken an der Decke, von der Küchenutensilien herunterhingen.

Das Badezimmer war ein echter Schock. Uns wurde klar warum davon keine Bilder im Exposé zu finden waren. Die Wände und Armaturen spiegelten in ihrem kreischenden Türkis unverkennbar die Mode der 70er wider. Über der leicht vergilbten Eisenbadewanne baumelte eine viel zu niedrig montierte Dusche. Auch der schwere, in die Wand integrierte Spiegel ließ darauf schließen, dass die Vorbesitzer recht klein gewesen waren. Die Toilette mit ihrer schweren, schwarzen Klobrille hatte ebenfalls schon bessere Zeiten gesehen.

Geplatzter Traum

Mit der immer länger werdenden Liste reparaturbedürftiger Sachen, sah ich unseren Traum vom Traumhaus – zumindest von diesem – zerplatzen. Niemals würde John zustimmen ein Haus zu kaufen, in das wir zunächst so viel investieren müssten. Zwar lag der Kaufpreis in unserem finanziellen Rahmen, aber mit der 10% Anzahlung würden unsere Ersparnisse erst einmal aufgebraucht sein. Ich hatte mir einfach zu viele Hoffnungen gemacht und war nun enttäuscht. Denn bis auf die kosmetischen Makel konnte ich mir durchaus vorstellen hier zu leben.

Vom Garten und dem heiß ersehnten Meerblick konnten wir an diesem Tag nicht viel sehen. So dicht war der Nebel und es nieselte fies vor sich hin. Wir verabschiedeten uns von dem Makler und nach wie vor ohne groß zu reden trotteten wir den langen Gartenweg hinauf durch das kleine, schmiedeeiserne Tor, das quietschend hinter uns zufiel.

Füreinander bestimmt

Bis wir wieder im Auto saßen, hatte ich Johns Blick keine Tendenz entnehmen können. Erst als wir uns beide mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht ansahen, wusste ich, dass es ihm genauso ging wie mir. Er hatte lediglich vor dem Makler sein Pokerface wahren wollen. Das Haus hatte es uns beiden angetan. Es war nicht perfekt, aber perfekt für uns.

Mit einem Fuß im County Wicklow

Leicht perplex, dass gleich unsere erste Hausbesichtigung eingeschlagen hatte wie eine Bombe, versuchten wir uns das Haus halbherzig auszureden. Noch auf der Fahrt schrieb ich eine Liste mit Vorzügen und Mängeln, wobei ich mich bewusst auf die negative Seite konzentrierte. Wir konnten unmöglich gleich nach der allerersten Besichtigung unsere Haussuche beenden. Und in einen Ort ziehen, den wir kaum kannten. Und doch saßen wir nun hier, in einem Pub in besagtem Ort. John tippte wild auf seinem Handy herum um nochmals grob unsere Finanzen zu überschlagen. Ich murmelte immer wieder vor mich hin, dass wir unbedingt mehr Immobilien anschauen sollten, ohne es richtig ernst zu meinen.

Home sweet Home

In den drei Jahren, die wir nun in diesem, unserem Traumhaus wohnen, haben wir unsere Entscheidung nicht ein einziges Mal bereut. Es war Liebe auf den ersten Blick und wir lagen richtig mit unserem Bauchgefühl. Wir hatten beide das Potential des charmanten kleinen Bungalows erkannt und ihn in unser Zuhause verwandelt. Unsere Kinder wurden beide hier geboren (nein, keine Hausgeburten!) und wir fühlen einfach, dass wir angekommen sind. Das Haus hatte seinen ganz eigenen Charakter als wir es zum ersten Mal sahen. Und nun hat es seinen ganz eigenen Charakter mit unserem persönlichen Touch.

 

\\A M   R A N D E…//

Als wir 2016 unser Haus kauften, lag der offizielle Verkaufspreis für ein 3-Raum Reihenhaus im Co. Wicklow durchschnittlich bei rund €269.000. Zum Vergleich, im Co. Dublin waren es etwa €314.000. Der nationale Durchschnitt lag bei €221.000, wobei die Hauspreise im Co. Longford mit knapp unter €65.000 am niedrigsten waren.

Im Jahr 2019 sah das schon ganz anders aus. Der durchschnittliche Hauspreis im Co. Wicklow lag da bei über €322.000. Landesweit war er auf €265.000 geklettert. Co. Dublin war natürlich wieder an der Spitze mit €368.000. Das Schlusslicht bildete erneut Co. Longford, was aber auch auf immerhin €96.750 in 3 Jahren angestiegen war. (Quelle: myhome.ie)

Auch die Kaufbereitschaft hat sich in den letzten Jahren enorm gesteigert. Während 2013 24.568 Hauskäufe verzeichnet wurden, waren es in 2016 schon 40.150 und in 2019 45.276.

Am teuersten waren die Häuser bislang auf dem Höhepunkt des Celtic Tigers in 2007. In 2012 betrugen die Hauspreise knapp die Hälfte davon (46,7%). In 2019 stiegen sie bereits wieder auf 82,7% des Boomniveaus an. (Quelle: Central Statistics Office)




Blut am Adventskranz

Seit nunmehr 6 Jahren dekoriere ich gemeinsam mit meinem Mann John für Weihnachten. Er ist dabei dabei der Impulsgeber, ich habe nur Veto-Rechte. Er lieeebt Weihnachten und hüpft am 1. Dezember mit leuchtenden Augen durch das Haus, während er alle Kisten mit dem Adventsschmuck zusammensucht. Je mehr und bunter desto besser, lautet seine Devise. Ich bin eher für die dezente grün-rote Variante. Eine Einigung lässt sich da nur schwer erzielen.

Jahrmarkt-Feeling im Wohnzimmer

Die bunten Girlanden aus den 70ern, die wir im ersten Jahr noch quer durch Johns altes Apartment spannten, blieben seitdem zum Glück in der Kiste. Sie hatten für mich so gar nichts mit Weihnachten zu tun. Dezent geschmückt ist unser Haus allerdings auch in diesem Jahr nicht. Wenn wir die gesamte Beleuchtung einschalten, könnte man unser Wohnzimmer für einen Weihnachtsmarkt halten. Aber bis auf ein paar kleine kitschige Elemente finde ich unsere Weihnachtsstube urgemütlich.

Prinzipien…

Für mich muss es ein echter Baum sein, weil ich den Tannenduft so liebe und weil er mich so an Weihnachten in meiner Kindheit erinnert. Bei John dürfen die persönlichen Sachen am Weihnachtsbaum nicht fehlen. All die Spielsachen und Kugeln, die in seiner Kindheit schon am Baum hingen. Einige sind sogar noch mit Süßigkeiten befüllt, die älter sind als ich. Seit wir zusammen sind, kaufen wir jedes Jahr gemeinsam einen Weihnachtsschmuck, der unsere Sammlung ergänzt.

…und Kompromisse

Statt filigraner Kugeln und einem ‘Thema’ gibt es bei uns am Baum ein buntes Durcheinander mit dem alle gut leben können. Ganz unten hängt Unzerbrechliches, das unser 2-Jähriger abnehmen und damit spielen darf. Die 40-Jahre alten, mit Schokolade befüllten Anhänger verbannen wir ganz nach oben, damit sich niemand den Magen verkorkst.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Es bekommt also niemand seinen Willen. John nicht seinen Tinsel und ich nicht mein grün-rotes Farbthema. So ist das wohl in einer Ehe. Bei den Weihnachtsgeschenken läuft das hoffentlich anders und es bekommt jeder was er möchte.

Um so erfreuter war ich, als ich bei der Predigt in der Kirche am 3. Advent hörte, dass der Weihnachtsbaum ursprünglich lediglich mit roten Äpfeln geschmückt war. Als die meisten Menschen weder lesen noch schreiben konnten, wurden Bibelgeschichten durch Aufführungen erzählt. Am Weihnachtsabend gab es traditionsgemäß die Geschichte von Adam & Eva. Dafür brauchte man einen Baum der im Winter noch grün war. Und Äpfel spielten bekanntlich auch eine tragende (bzw. hängende) Rolle. Mein unterbewusster Wunsch nach der traditionellen Zweifarbigkeit kam also nicht von ungefähr!

Woher kommt jetzt das Blut am Adventskranz?

Ein Streit entbrannte deswegen zwischen John und mir trotzdem nicht. Woher kommt nun also das Blut am Adventskranz wenn nicht vom Streit um die Weihnachtsdekoration? Auch der Adventskranz, der in Irland für gewöhnlich in der Weihnachtszeit die Haustüren schmückt, hat einen tieferen Sinn. Er entstammt den alten Römern, die einen geflochtenen Blätterkranz auf dem Haupt trugen, wenn sie siegreich nach Hause zurückkehrten. Nach der Kreuzigung Jesu übernahmen seine Anhänger dieses Symbol als Siegeszeichen über den Tod. Geläufiger ist wohl die Symbolik des immergrünen, runden Kranzes als Sinnbild für das ewige Leben. Doch keine Kreuzigung ohne Blut. Rote Beere, die zum Teil heute noch unsere Adventskränze schmücken oder durch Kugeln und Schleifen ersetzt werden, sollen das Blut Christus’ symbolisieren.

Wieder was gelernt

Ich gehe nun schon eine Weile regelmäßig mit meinem Mann und den Kindern in die Kirche. Das Kirchenjahr habe ich bereits mehrmals durchlaufen. Dennoch lerne ich jede Woche etwas Neues. Dieses Mal fühlte ich mich allerdings ein bisschen wie ein Schulkind, das es kaum erwarten kann das Gelernte zu teilen. Ich mochte diese leicht verdaulichen Informationen, die ich im Gegensatz zu den wöchentlichen Lesungen einmal nicht in der Kinderbibel unseres Sohnes nachlesen brauchte.

Mit dieser kleinen Weihnachtsschmuckkunde verabschiede ich mich in die Weihnachtsferien. Ich wünsche allen ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Danke für’s Lesen, aber über die Feiertage ruhig mal das Handy oder den Computer beiseite legen. Genau das werde ich auch tun. Ich freue mich auf eine schöne und besinnliche Zeit mit meiner Familie.




Vom irischen Sommer, Schriftstellerträumen & Sommerblues oder auch: 5 Tipps gegen Schreibblockaden

Wenn der Sommer auf einen Dienstag fällt

Wenn in Irland die Temperaturen knapp über 20 Grad klettern, nennen wir das eine Hitzewelle. Anderswo wäre das lediglich der Sommer. Das ist hier, selbst im Juli, etwas besonderes. Man weiß nicht wie lange es anhalten wird oder ob man mitunter noch am selben Tag die Regenjacke wieder rausholen muss.

Deshalb heißt es alles stehen und liegen, wenn das Thermometer die magische Zahl mit der zwei davor anzeigt und ab nach draußen. Jedoch nicht ohne vorher eine dicke Schicht Sonnencreme aufgetragen zu haben. Die gnadenlose, irische Sonne hat es nicht nur auf die Hellhäutigen abgesehen!

So ging es auch mir in den letzten Tagen bzw. Wochen. Neben ein wenig Projektarbeit zum Thema Reisen in Irland und den alltäglichen Aufgaben einer Vollzeit-Mami, habe ich das tolle Sommerwetter genutzt und viel Zeit im Freien verbracht.

Stellt euch mich also mit einem kühlen Getränk am Laptop in unserem wunderschönen, neu gestalteten Garten vor. Unser 2-Jähriger brav neben mir im Pool planschend. Meine Finger fliegen über die Tasten und die Wörter nur so auf’s Papier.

Sommerloch statt Urlaubsroman

Soviel jedenfalls zu meiner Wunschvorstellung als Hobby-Schriftstellerin. Abgesehen davon, dass ich im gleißenden Sonnenlicht so gut wie nichts auf dem Bildschirm erkennen konnte und unser lieber Sohn dann doch allein nicht so brav planschte, wollte mir partout nichts einfallen. Daran hätten auch perfekte Bedingungen nichts geändert.

Geplagt von Selbstzweifeln und Konkurrenzdruck war ich drauf und dran meinen Blog aufzugeben. Wer liest das schon? Tipps zu Irland und zum Auswandern gibt es doch schon jede Menge. Wenn ich damit mein Geld verdienen müsste, wären wir schon verhungert.

Ein eigenes Buch schreiben, das wäre toll. Aber hätte ich überhaupt die Zeit und Energie, die es braucht um solch ein Projekt in die Tat umzusetzen? Ich glaube nicht. Andere haben da mehr Biss und Durchhaltevermögen.

Sommerblues – gibt es so etwas überhaupt?

An Tagen, an denen mir solche Gedanken durch den Kopf gehen, heitert mich selbst die strahlende irische Sonne nicht auf. Da ist es dunkel in mir und ziemlich leer, nicht nur was das Schreiben angeht. Mein eigentlich perfektes Leben, meine wunderbare Familie und die Tatsache dass es uns an nichts fehlt, hilft mir nicht darüber hinweg.

Im Gegenteil – es zeigt mir, dass diese ‘depressiven Verstimmungen’, wie es wohl im Fachjargon heißt, jeden treffen und jederzeit auftreten können. Dabei spielt es keine Rolle, ob es einem objektiv betrachtet gut geht oder nicht.

Ich arbeite gerade daran, nicht mehr nach Ursachen zu suchen, sondern diese Phasen einfach so hinzunehmen. Das fällt mir nicht leicht. Ebenso wie hier darüber zu schreiben. Das war keineswegs meine Absicht, als ich angefangen habe diesen Artikel zu tippen. Aber ich bin mir sicher, dass es den einen oder anderen Leser gibt, dem es ähnlich geht und dem man es auch nicht auf den ersten Blick ansieht.

Schreibblockade, was tun? – Hier ist meine 5 Tipps:

Sommerblues und Schreibblockade zum Trotz hinterlasse ich mir eine positive Nachricht und simple Handlungsschritte für meine Blogger-Zukunft:

1. Locker statt gezwungen

Schreiben ist und bleibt mein Hobby. Es tut mir gut und bringt mir Freude, unabhängig davon wie viele Leser ich habe. Also kein Stress oder Druck! Was ist das Schlimmste, das passieren kann, wenn ich einen Post nicht pünktlich veröffentliche. Und was heißt schon ‘pünktlich’, wenn ich selber die Regeln aufstelle. Deadlines sind hilfreich und definitiv notwendig, wenn man mit Schreiben sein Geld verdient. Aber das tue ich nicht und deshalb verbanne ich Termindruck aus meiner Freizeit.

2. Kurz und oft

Ja gut, es gab lange nichts Neues auf meinem Blog und es wird mal wieder Zeit. Die Erwartung an mich, etwas Tiefgründiges oder besonders Originelles zu fabrizieren ist dann um so größer. Aber muss es denn gleich ein mehrseitiger Artikel sein, wenn mir doch gerade die Zeit und Muse fehlt? Kurz und regelmäßig heißt daher meine neue Devise!

3. Konkurrenz – na und?

Klar, über jedes Thema – insbesondere so ein beliebtes wie Irland – wurde irgendwann und irgendwo schon einmal etwas geschrieben. Vielleicht auch in ähnlicher Form wie ich das tue. Aber: alles was ich schreibe sind meine persönlichen Erfahrungen. Es ist nichts abgekupfert oder erfunden. Das sollte doch auch etwas wert sein, oder?

4. Kritik gehört dazu

Natürlich bekomme ich lieber positives Feedback und Anerkennung für meine Texte. Kritik zieht mich ehrlich gesagt immer etwas runter. Aber wem geht das nicht so? Immerhin hilft sie einem dabei, sich weiterzuentwickeln. Ich berufe mich einfach darauf, dass es nachweislich um ein Vielfaches wahrscheinlicher ist, dass jemand einen negativen Kommentar hinterlässt als einen positiven.

5. Disziplin vs. Kreativer Wahnsinn

Eigentlich bin ich jemand, der Struktur und klare Arbeitsanweisungen braucht. Deshalb versuche ich mich auch immer wieder an „Wie-organisiere-ich-meinen-Tag-Ratgebern“ und „Schritt-für-Schritt-Schreib-Anleitungen“. Diverse Techniken und To-do-Listen funktionieren bei mir aber nur dann, wenn ich ohnehin schon voller Energie stecke und hochmotiviert bin. Ist das nicht der Fall, werfe ich alles über den Haufen, obwohl ich sie gerade dann am nötigsten hätte. So bin ich eben. Meine selbsternannte Technik lautet daher: Schreib wann immer es fließt und dann am besten ohne Unterbrechung (der Haushalt kann warten)! Vergiss es, dich vor ein leeres Blatt Papier zu setzen und regelmäßig eine bestimmte Wortanzahl zu schreiben. Hinterher kommt doch nur ein holpriger Text dabei heraus, den ich an guten Tagen in der Hälfte der Zeit und in doppelter Qualität hätte schreiben können.

Es ist wahrscheinlich überflüssig zu erwähnen, dass diese Maßnahmen für mich hervorragend funktionieren mögen, aber insbesondere von Berufs-Autoren oder solchen die es werden wollen, eher mit einem Augenzwinkern zu betrachten sind. Nichtsdestotrotz habe ich mir in diesem Artikel einiges von der Seele geschrieben und hoffe damit Gleichgesinnten aus der selbigen zu sprechen.

 




15 Dinge, die mich Leute zu meinem Leben in Irland fragen

Ein “Auswanderer-Steckbrief”

Ich habe meinen Irland-Blog unter anderem ins Leben gerufen, um meine Auswanderer-Erfahrungen zu teilen und gegebenenfalls anderen bei der Entscheidung zu helfen, ob sie ebenfalls diesen Schritt wagen sollen oder nicht. So wie wahrscheinlich jeder, habe auch ich mir im Vorfeld reichlich Gedanken gemacht und hatte viele Fragen im Kopf. Für mich haben sie sich inzwischen alle beantwortet. An dieser Stelle auch noch einmal vielen Dank an alle, die mir während dieser Zeit mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben!

Nun bekomme ich alle möglichen Fragen gestellt – nicht nur von potenziellen Auswanderern, sondern auch von Freunden, Bekannten und allgemein Interessierten. Einige davon, mehr praktischer Natur, habe ich bereits in meinem Artikel Nochmal nach Irland auswandern? beantwortet. Hier möchte ich etwas persönlichere Dinge aufgreifen, die ich in den fünfeinhalb Jahren, die ich nun in Irland lebe, so gefragt wurde.

Bist du der Liebe wegen nach Irland ausgewandert?

Nicht im klassischen Sinne wegen eines Mannes. Allerdings bin ich der Liebe wegen nach Irland ausgewandert. Der Liebe zum Land, in das ich mich lange bevor ich letztendlich den Schritt wagte, verliebte. Es war eine ganz bewusste Entscheidung und nicht an irgendeinen praktischen Umstand geknüpft.

Hattest du einen Arbeitsvertrag in der Tasche bevor du ausgewandert bist?

Ja, hatte ich. Die Zusage auf meine Bewerbung war die nötige Voraussetzung für mich meine Pläne in die Tat umzusetzen.  Es war zudem ein Job, in dem ich zu diesem Zeitpunkt wirklich arbeiten wollte und nicht nur eine Zwischenlösung um Geld zu verdienen.

Hast du oft Heimweh?

Ich habe kein Heimweh, aber bedauere es hin und wieder, dass Familientreffen etwas komplizierter sind als vorher und von langer Hand geplant werden müssen. Insbesondere seit sich unsere Familie erweitert hat, finde ich das Reisen aufwändig und bin diesbezüglich noch weniger spontan geworden. Videotelefonate weiß ich nun noch mehr zu schätzen.

Wie oft bist du in Deutschland?

Ich versuche circa zweimal im Jahr nach Deutschland zu fliegen, um meine Familie zu besuchen. Damit es sich lohnt, bleibe ich jedes Mal mindestens 1 Woche. Bei besonderen Anlässen schiebe ich auch schon mal einen Extra-Besuch ein.

Wo feierst du Weihnachten?

Die ersten Jahre haben wir Weihnachten mit meiner Familie in Deutschland verbracht. Dann war die irische Heimat meines Mannes mal wieder an der Reihe. Und seit wir zu dritt sind, halten wir Weihnachten recht simpel und wollen unsere kleine Tradition mit unserem Nachwuchs in den eigenen vier Wänden aufbauen. Das heißt aber nicht, dass wir uns das opulente Weihnachtsessen meiner Schwägerin entgehen lassen, das sie jedes Jahr am 1. Weihnachtsfeiertag bei sich zu Hause veranstaltet!

Was vermisst du am meisten an Deutschland?

Es gibt nichts, was ich an Deutschland an sich vermisse. Manchmal stelle ich mir vor bei Sonnenschein im Garten meiner Eltern zu sitzen. Insbesondere wenn sie dort gerade ein Familiengrillen veranstalten und ich nicht dabei sein kann.

Gibt es Sachen, die du dir noch aus Deutschland mitbringen lässt?

Das ist eine Frage, die ich für gewöhnlich nur Freundinnen beantworte und die etwas privat ist. Also ich lasse mir tatsächlich eine bestimmte Marke weiblicher Hygieneartikel importieren, die ich hier nirgendwo bekommen kann. Abgesehen davon, gibt es in Irland wirklich alles zu kaufen – nicht zuletzt dank Lidl, Aldi & Co. Selbst mit Kräutertees muss ich mir nach einem Deutschlandbesuch nicht mehr die Taschen vollstopfen. Danke nochmal an alle, die immer fleißig Verpflegungspäckchen geschickt haben!

Sprichst du deutsch mit deinem Kind?

Ja, ich rede ausschließlich deutsch mit unserem Kind. Anfangs war es in Familie etwas schwierig, da mein Mann kein deutsch spricht und der Kleine noch nichts verstanden hat. Da habe ich es immer noch einmal für meinen Mann übersetzt. Inzwischen hat sich mein Mann ein kleines Vokabular angeeignet bzw. weiß von der Reaktion unseres Sohnes, was gemeint ist. Das klappt ganz gut. Mit fast zwei Jahren spricht unser Zwerg nun eindeutig mehr deutsch als Englisch, was sich aber schlagartig ändern wird, sobald er mit drei in die Vorschule kommt. Ich bin sehr zufrieden wie es bisher läuft und hatte mir das mit der zweisprachigen Erziehung weitaus schwieriger vorgestellt.

Sprichst du Irisch?

Sprachen sind zwar mein Steckenpferd, aber ein Sprach-Genie bin ich nun auch wieder nicht. Wer Irisch oder auch Gaelic (Gälisch) spricht bzw. es noch so nebenbei erlernt ohne damit groß geworden zu sein, den kann ich nur bewundern. Für mich ist es – ohne das abwertend zu meinen – eine Aneinanderreihung nahezu unaussprechlicher Laute, die keiner anderen mir bekannten Sprache ähnelt, außer vielleicht dem schottischen Gälisch. Neben Englisch ist Irisch Amtssprache in Irland. Das heißt offizielle Dokumente, Verkehrsschilder etc. sind immer zweisprachig ausgewiesen. In den Gaeltacht Kommunen sogar nur auf Irisch. Mir selber reicht Englisch vollkommen aus und ich liebe die vielen verschiedenen Akzente, die es auf der Insel gibt! (Siehe dazu auch mein Artikel Verräterische Akzente.)

Träumst du manchmal auf Englisch?

Ich habe mal gehört, dass wenn man in einer Fremdsprache träumt, endgültig in dem entsprechenden Land angekommen ist bzw. sich dort heimisch fühlt. Ich kann das nur bestätigen. Es hat eine Weile gedauert, aber nun träume ich manchmal auf Englisch. Es kommt darauf an, welche Sprache die Personen in meinem Traum sprechen.

Was nervt dich an den Iren am meisten?

Gefährliche Frage, da ich hier garantiert in den Stereotypen-Fettnapf trete. Aber mich nervt schon, dass es manche mit der Zuverlässigkeit nicht so genau nehmen. Gerade zu lockeren Verabredungen wird mal eben gar nicht erschienen oder in letzter Minute abgesagt. Dass die Aussage „Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen“ so gut wie nie ernst gemeint ist, habe ich mittlerweile gelernt. Viele meinen es auch gar nicht böse, wenn sie eine Verabredung verschwitzen. Sie haben meistens einen triftigen Grund oder haben sich schlichtweg zu viel vorgenommen. Ob das dann eher von schlechter Planung oder Unzuverlässigkeit zeugt, darüber lässt sich streiten. In meinem Artikel Typisch irisch habe ich bereits dazu argumentiert.

Wie kommst du mit dem Linksfahren zurecht?

Mittlerweile komme ich sehr gut mit dem Linksfahren zurecht und es ist wirklich in Fleisch und Blut übergegangen. Wenn ich jetzt wieder mal wieder in einem „Linkslenker“ sitze und schalten möchte, stoße ich mir zunächst die Hand an der Tür. Im deutschen Straßenverkehr muss ich aufpassen, dass ich nicht falsch herum in den Kreisverkehr hineinfahre. Alles eine Sache der Gewöhnung! Ansonsten fahre ich routiniert sowohl auf der linken als auch der rechten Seite der Straße. Ich darf halt nur nicht vergessen, in welchem Land ich gerade unterwegs bin…

Ist die irische Küche wirklich so schlecht?

Wenn ich diese Frage gestellt bekomme, gehe ich davon aus, dass Irland entweder mit dem Ruf der englischen Küche assoziiert wird oder diese Person seit Ewigkeiten nicht mehr in Irland gegessen hat. Wenn dann wahrscheinlich in einem schlechten Restaurant. Ich mag das irische Essen. Wenn man so wie ich auf deftige Hausmannskost mit vernünftigen Portionen steht, kann man  schnell ein Freund des Pub-Essens werden.

Wie erträgst du das irische Wetter?

Ganz ehrlich, wenn wir im Februar die dritte Woche in Folge tristes Wetter und viel Regen haben, frage ich mich das auch. Sobald die erste Frühlingssonne herauskommt, alles in tollen Farben leuchtet und die Menschen bei 17 Grad gut gelaunt und in kurzen Hosen & Flip Flops unterwegs sind, sind die dunklen, langen Wintertage (fast) vergessen. Manchmal sehne ich mich ein wenig nach Deutschland, wenn der Sommer so ganz ausbleibt und die Temperaturen einfach nicht über 20 Grad klettern wollen. Höre ich dann allerdings von 40 Grad im Schatten und Trockenheit andernorts, reichen mir die milden, irischen Temperaturen vollkommen aus!

Hast du vor für immer in Irland zu bleiben?

Für mich gibt es kein Zurück mehr. Ich bin hier, wie man so schön sagt, sesshaft geworden. Mir fehlt es an nichts, es ist das Zuhause meiner Familie und ich fühle mich wohl. Kurz um, ja!

Ich werde also auch in Zukunft weitere Erfahrungen in Irland sammeln, sie mit meiner immer noch deutsch eingefärbten Sichtweise verarbeiten und gern mit interessierten Landsmännern und -frauen teilen! Wer auf der Suche nach eher praktischen Tipps zum Thema Krankenversicherung, Wohnungssuche etc. ist, dem möchte ich gern noch einmal meinen Artikel Nochmal nach Irland auswandern? ans Herz legen, der hoffentlich einige Fragen dazu beantworten kann. Ansonsten schickt mir doch gern eine persönliche Nachricht, ich würde mich freuen!




Typisch irisch

Man kennt, belächelt oder verteufelt sie – Klischees. Doch wieviel ist dran an Klischees und Stereotypen, die oft einer ganzen Nation angeheftet werden und nur selten wieder loszukriegen sind? Ein umfangreiches Thema mit dem ich mich sicherlich nicht das letzte Mal beschäftigen werde. Hier zunächst einige persönliche Anekdoten zu den der bekanntesten irischen Klischees.

Wissenslücken mit Klischees füllen

Bevor ich 2008 das erste Mal für ein 6-monatiges Praktikum nach Irland ging, wollte ich mich im Voraus ein wenig über Land & Leute informieren. Irland war bis dato ein weiβer (oder wohl eher grüner) Fleck auf der Landkarte für mich gewesen. Ich wusste dass man dort u.a. Englisch sprach – das reichte mir für die Entscheidung mein Auslandssemester dort zu verbringen. Wenn so man gar nichts über ein Land weiβ, sind Klischees irgendwie ein amüsanter Einstieg. Irland – ah die Insel, wo alle rote Haare haben und es mehr Schafe als Menschen gibt.

Humor ist wenn man trotzdem lacht

Dann ging alles so schnell, dass mir gar nicht viel Zeit für eine angemessene Vorbereitung auf mein bevorstehendes Abenteuer in Irland blieb. Auf dem 2-stündigen Flug ins Ungewisse, von groβer Aufregung geplagt, lenkte ich mit dem Buch “Gebrauchsanweisung für Irland” von Ralf Sotschek ab. Vor kurzem und nachdem ich nun seit 5 Jahren in Irland lebe, habe ich es noch einmal gelesen. Heute kann ich über vieles schmunzeln. Damals verursachten einige “irische Eigenarten” (Klischees?) eher ein mulmiges Gefühl.

#1: Irische Gelassenheit

Eines davon war die “Mañana-Mentalität”, die Ralf Sotschek in seinem Buch beschreibt. Ich war gerade von einem Auslandsaufenthalt aus Spanien zurückgekommen und war dort eigentlich ganz gut mit dieser Lebensart klargekommen. In Irland wurde sie mir in meinen ersten Wochen zum Verhängnis.

Holpriger Start

Nach über 1 Woche im Hostel – meine Arbeit bei einem Reiseveranstalter hatte bereits begonnen – war mir der schon mehrmals versprochene Schlüssel für mein angemietetes Apartment immer noch nicht ausgehändigt worden. Zu den vereinbarten Übergabeterminen, die für mich jedes Mal mit allerlei Strapazen verbunden waren, war niemand erschienen. Nach mehreren Anläufen, einer unseriösen Ausquartierung in ein Ersatzapartment und ein paar Tagen “Unterschlupf” bei einem Fremden im Nachbarhaus meines zukünftigen Apartments konnte ich endlich einziehen.

Irische Gelassenheit oder doch eher Unzuverlässigkeit?

Es hat lange gedauert bis ich über diese Geschichte schmunzeln konnte. Aber ich muss dazu sagen, dass ich so einen Fall von “irischer Unzuverlässigkeit” nie wieder erlebt habe. Deshalb möchte ich die irische Gelassenheit keinesfalls verteufeln oder gar als Unzuverlässigkeit verallgemeinern. Ich sehe sie immer noch als etwas durchaus positives. Nur manchmal, wenn der Klempner mal wieder 2h später als vereinbart erscheint. Oder einfach gar nicht kommt ohne anzurufen. Dann verfluche ich die irische Gelassenheit. Vielleicht nenne ich sie dann manchmal auch “irische Unzuverlässigkeit”. Ganz selten. Und nur ganz kurz. Auch auch nur ganz leise in mich hinein murmelnd.

#2: Irische Geselligkeit

Einher mit der Gelassenheit geht oft auch die irische Geselligkeit. Das gemütliche Zusammensitzen im Pub, das miteinander Musizieren bei jeder Gelegenheit und die Bereitschaft gemeinsam mit Kollegen “nur einen” trinken zu gehen (wobei ich den Stereotyp des trinkenden Iren hier gern auβenvor lassen möchte).

Perfekt für Alleinreisende

Reist man durch Irland, bleibt man nicht lange allein. Schnell wird man in ein freundliches Gespräch verwickelt. Ehrlichgemeintes Interesse lässt beim irischen Gegenüber nicht lange auf sich warten. Irland ist das einzige Land, in das ich alleine gereist bin und mich nie einsam gefühlt habe.

Urlaubsbekanntschaft vs. Langjährige Freundschaft

Doch wie sieht es aus, wenn man seinen Lebensmittelpunkt nach Irland verlagert? Lässt sich ebenso schnell ein Bekanntenkreis aufbauen, der einem auf Dauer erhalten bleibt? Das kann ich persönlich leider nicht bestätigen.

Als ich 2014 nach Irland auswanderte, waren es vor allem die ebenfalls Zugereisten auf meiner Arbeit, die sich um mich bemühten. Dank eines internationalen Teams konnte ich sehr schnell Kontakte knüpfen. Der “irische Anschluss” blieb zunächst aus. Selbst als wir uns unter das (irische) Volk mischten, war mehr als eine unverbindliche Unterhaltung mit Einheimischen oft nicht drin. Ich fühlte mich nicht aktiv ausgegrenzt, aber auch weit entfernt von integriert.

Die Liebe als Türöffner

Mein jetztiger Mann und ich kamen zufällig ins Gespräch, als wir in Dublin im selben Haus wohnten. Zwar ist er Ire, lebte aber lange Zeit in Amerika und war selbst kurz vorher erst wieder nach Irland zurückgekehrt. Er konnte mein Problem daher sehr gut nachvollziehen und gemeinsam (re-)integrierten wir uns beide erfolgreich. Die Anzahl unserer irischen Freunde ist nach wie vor eher begrenzt. Heute jedoch gewollt – Qualität über Quantität wie man so schön sagt.

#3 Der rothaarige Ire

Mindestens so weit verbreitet wie die Schafe in Irland ist das Klischee des “rothaarigen Iren”. Ein Ir(r)glaube? So viele rothaarige Iren wie man vielleicht denkt, gibt es auf der Insel nicht. Nur 10% der Iren sind Rotschöpfe. Betrachtet man jedoch den weltweiten Anteil mit 1-2% und den europäischen mit ca. 4%, ist es schon eine beachtliche Zahl (Quelle: irlandnews.com).

Klischee erfüllt

Meine “Dublin-Mädels”, mit denen ich vor 10 Jahren mein Praktikum in Irland verbrachte, sagten damals schon, dass ich mal einen rothaarigen Iren heiraten würde. Offensichtlich bedienten sie sich da eines Klischees – zumindest was die Haarfarbe meines Zukünftigen anging. Wer konnte ahnen, dass sie damit gar nicht soweit daneben liegen würden. Zwar heiratete ich einen dunkelharigen Iren, aber die Gene zur “erdbeerblonden” Haarfarbe setzen sich letztendlich in unserem Sohn durch. Immerhin tragen mehr als 30% der Iren die rezessiven Erbanlagen dafür in sich. So auch mein Mann.




Weihnachtszauber in der Ferne

Weihnachten in der Ferne war für mich als Kind undenkbar. Es musste zu Hause und nur in Familie gefeiert werden. Wenn wir über die Feiertage das Haus verlieβen, dann nur zum traditionellen Spaziergang durch den Winterwald. Schnee gab es zwar nicht immer, aber zumindest auf die klirrende Kälte konnte man sich in unseren Breitengraden fast immer verlassen.

Die liebe Tradition

Erst als Erwachsene wurde mir bewusst, wie wichtig mir Tradition, insbesondere um die Weihnachtszeit herum, offensichtlich schon immer war. Ich liebte unseren Weihnachtsschmuck, der jedes Jahr aus verstaubten Kisten hervorgeholt und immer am gleichen Ort aufgestellt wurde. Alles hatte seinen Platz. Der bunte Klingelbaum stand auf dem Küchentisch und lieβ bei jeder Mahlzeit sein blechernes Bimmeln ertönen. Auf die Weihnachtsbaumspitze gehörte ein schon etwas abgegriffener Engel, den ich wegen seiner weiβen Haare nach einer alten Tante getauft hatte. Von meinen Lieblingsweihnachtsbaumkugeln blätterte allmählich die Farbe ab, aber auch sie fanden jedes Jahr wieder ihre Daseinsberechtigung am Baum. Neue Dekoration war bei mir ebenso wenig willkommen wie spontaner Besuch über die Festtage, der den “familiären Ablauf” unterbrach.

Veränderungen sind nicht mein Ding

Im Laufe der Zeit veränderte sich unser Weihnachtsfest. Mal waren es groβe Einschnitte wie das 1.Weihnachten ohne Opa. Mal nur kleine, kaum wahrnehmbare praktische Anpassungen, dass nun der Weihnachtsbaum in einer anderen Ecke es Wohnzimmers stand. Als Oma starb, ging mit ihr auch die Tradition des adventlichen Plätzchenbackens. Fast krampfhaft versuchte ich dennoch an gewohnten Familienritualen festzuhalten.

Die Sicht auf die Dinge

Den Adventskalender aus leeren Klopapierrollen, den Oma immer für uns gebastelt und der jedes Jahr an der Flurtreppe gehangen hatte, bastelte ich nun selbst. Ich bat meine Eltern den Baum wieder an dem Ort aufzustellen, wo er früher immer gestanden hatte. Nach wie vor bestand ich darauf beim Weihnachtsbaum schmücken die russichen Märchenfilme anzuschauen, die wir als Kinder so gemocht hatten. Doch Weihnachten war nicht mehr nicht mehr dasselbe. Ich schob es darauf, dass mein geliebter Klingelbaum, der für mich zum Fest dazu gehörte wie ein echter Baum, das Zeitliche gesegnet hatte.

Was ich auch tat um unsere “Weihnachtstradition” aufrecht zu erhalten, die kindliche Aufregung und das Entgegenfiebern auf den Heiligabend kamen nicht zurück. Ich konnte das Weihnachtsfest einfach nicht mehr mit Kinderaugen sehen – was sicherlich daran lag, dass ich nun kein Kind mehr war. All die “magischen Dinge”, die ich sonst in der Vorweihnachtszeit gesehen hatte, waren der nüchternen Sicht eines Erwachsenen gewichen.

Neue Traditionen

Vor 2 Jahren brach ich mit der Tradition “Weihnachten im Elternhaus”. Nicht weil ich nicht mehr mit meiner Familie feiern wollte, sondern weil ich nun eine eigene Familie hatte. Ich realisierte, dass der Weihnachtszauber für mich nur zurückkommen konnte, wenn ich das Leuchten in den Augen meines Kindes suchte und nicht darauf beharrte, Vergangenes wieder heraufzubeschwören. Ich lernte Weihnachten wieder mit anderen Augen, wenn auch nicht mit, sondern in Kinderaugen zu sehen.

Eins für dich eins für mich

Nun steht das 3. Weihnachten “in der Ferne” vor der Tür und wir sind auf dem besten Weg unsere eigenen Traditionen zu etablieren. (Auf der Suche nach einem Klingelbaum, wie wir ihn damals hatten, bin ich zwar immer noch, aber inzwischen gibt es auch anderen Lieblingsschmuck). Im ersten Jahr galt es zunächst die “Grundregeln” festzulegen – was wird “Deutsch” und was wird “Irisch” gemacht. Ich habe den Klorollen-Adventskalender eingeführt, mein Mann die mit kleinen Geschenken gefüllten Strümpfe (Stocking) am Kamin. An die Bescherung am 25. morgens musste ich mich erst gewöhnen. Dass wir den Weihnachtsbaum nun bereits am 1. Advent schmücken, kam mir allerdings sehr entgegen. An Heiligabend gehen wir zum Singen in die Kirche. Das hatten unsere Groβeltern bereits mit uns gemacht als ich noch nicht einmal wusste, worum es da eigentlich ging. Und so schlieβt sich für mich der Kreis aus alten und neuen, deutschen und irischen Traditionen.

Der Zauber ist wieder da

Die Magie von Weihnachten besteht für mich nun darin, eine ganz besondere Zeit mit der Familie zu verbringen – der “alten” und der “neuen”. Ebenso wie alte Erinnerungen aufleben zu lassen und neue zu schaffen.

In diesem Sinne wünsche ich meiner Familie in Deutschland und Irland sowie allen Lesern ein frohes Weihnachtsfest und bis dahin noch eine besinnliche Adventszeit!

P.S. Wem als Erwachsener auch der Glaube an den Weihnachtszauber abhanden gekommen ist, dem möchte ich den Film “Polarexpress” empfehlen. Meine Schwester schenkte ihn mir vor ein paar Jahren und nun weiβ ich auch warum…




Zorro kommt aus Wexford

Ein etwas anderer Reisebericht

Wexford ist eine hübsche, für irische Verhältnisse mittelgroβe, Stadt im Südosten Irlands. Obwohl sie etwa dreimal so weit weg von uns ist wie Dublin, macht es zeitmäβig keinen Unterschied, wohin wir unseren Sonntagsausflug unternehmen. Daher entscheiden wir uns oft für den verkehrsärmeren Süden als gen Norden in die überfüllte Hauptstadt zu fahren.

Nach Wexford haben mein Mann und ich ganz “frisch veliebt” unseren ersten Ausflug im Zug unternommen. In Wexford kauften meine Schwester und ich die ersten Babysachen für unseren Kleinen. Mit Wexford assoziiere ich daher so einiges. Zorro, der Mann mit Maske, gehörte bislang nicht dazu. Das ist jetzt anders, aber dazu später mehr.

Wexford ist eben nicht Dublin

An einem Sonntag bei wunderschönem Herbstwetter fuhren wir also mal wieder ganz spontan nach Wexford. Wir wollten ein wenig durch die nette kleine Fuβgängerzone bummeln. Dort gibt es allerlei hübsche Läden, in denen man ohne groβes Gedränge einkaufen kann. Zwischendurch in aller Ruhe ein Käffchen trinken, darauf freuten wir uns.

Eben noch das überfüllte Dublin verteufelt, stellten wir bei unserer Ankunft in Wexford fest, dass die Läden an einem Sonntag hier nicht geöffnet hatten. Für Irland ist das eher ungewöhnlich und uns war nicht einmal in den Sinn gekommen, dass das der Fall sein könnte. Die Einkaufsmeile war wie leergefegt und wir konnten lediglich unsere “Kaffeepause” an der Uferpromenade in die Tat umsetzen.

Unser Aufenthalt in Wexford fiel demnach etwas kürzer aus als gedacht. Wir beschlossen stattdessen an der Küstenstraβe entlang zu fahren und uns ein Restaurant mit Aussicht zu suchen. Ich sah uns gedanklich schon auf einer Terrasse unter bunten Sonnenschirmen und mit Blick auf das glitzernde Meer sitzen. Unser ausgeschlafenes Baby ganz brav im Hochstühlchen und “Mama” entspannt mit einem Glas Wein daneben.

Unterwegs durch’s County Wexford

Die Fahrt an der Küste entlang war vielversprechend. Nach wie vor bei strahlendem Sonnenschein hatten wir einen herrlichen Blick auf das Meer zur Rechten und saftig grüne Landschaft zur Linken. Soverän manövrierte uns mein Mann über die immer schmaler werdenden “country roads” während unser Kleiner auf dem Rücksitz und ich vorn vor uns hindösten. Immer mal wieder  tauchten Häuser mit riesigen Grundstücken in der sonst vergleichsweise dünn besiedelten Gegend auf. Lange, blumengesäumte Auffahrten lieβen nur erahnen, welch groβzügiger Landsitz sich wahrscheinlich dahinter verbarg. Ganz anders als bei den effizient gebauten Reihenhaussiedlungen im Ballungsraum Dublin, spielte Platz hier keine Rolle.

Der Beginn einer langen Reise

Mein Tagtraum wurde von meinem Mann unterbrochen. Allmählich sollten wir nach etwas “Pubähnlichem” Ausschau halten, meinte er. Wir waren zuversichtlich, dass sich bald etwas nach unserem Geschmack auftun würde. Immerhin waren wir in einer beliebten Urlaubsgegend und die Saison war noch nicht vorbei. Wir waren gerade durch Curracloe gefahren, wo sich einer der schönsten Strände der Region befindet. Als wir dort und auch im nächsten Ort Blackwater, den mein Mann als beliebtes Tagesziel aus früheren Urlauben in Erinnerung hatte, nichts fanden, schalteten wir das Navi ein. Die gute alte Straβenkarte musste für einen Moment weichen, denn sie half uns nicht dabei dem Knurren unserer Mägen ein Ende zu setzen.

Doch auch der Google-Truck schien länger schon nicht in der Gegend unterwegs gewesen zu sein. Nach zwei möglichen Stopps, die trotz gegenteiliger Aussage geschlossen waren, schraubten wir unsere Ansprüche bezüglich der Nahrungsaufnahme etwas nach unten.

Immer noch auf Nahrungssuche

Nächstes potenzielles Ziel sollte ein gediegenes Restaurant sein, was laut eigener Webseite geöffnet war und eine vielversprechende Menüauswahl anpries. Nach einem Zick-Zack durch Maisfelder und abgelegene Dörfer, fanden wir uns vor einer herrschaftlichen Auffahrt wieder. “Sie haben Ihr Ziel erreicht” lieβ das GPS verlauten. Es hatte uns zu Wells House geführt. Ein viktorianisches Herrenhaus im Tudorstil, das wie ein sich lohnendes Ausflugsziel aussah. Nicht aber, wenn alle Gedanken um’s Essen kreisen und man 1 Stunde vor Schlieβung Eintritt bezahlen soll, um zum Restaurant zu gelangen. Die Suche ging also weiter.

“Grand Finalé”

Wir nahmen es mit Humor – bis unser Kleinster auf der Rückbank aufwachte. Das lieβ uns nur noch mit einem geringen Zeitfenster, bis die Essenssituation zum Problem werden würde. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns nochmals auf das GPS zu verlassen. Mittlerweile waren wir an der Küste schon so weit nördlich angelangt, dass es wahrscheinlich schneller gewesen wäre, bis nach Hause durchfahren und über den heimischen Kühlschrank herzufallen. Aber wir gaben nicht auf und vertrauten erneut auf die Richtungsansweisungen der Dame aus dem Navigationsgerät.

Bis wir plötzlich im wahrsten Sinne des Wortes im Wald standen. “Das Ziel liegt rechts vor Ihnen”, hieβ es dieses Mal. Was wir an der vermeintlichen Stelle sahen, war lediglich das Hinweisschild für Courtown Woodland. Perfekt für einen Sonntagsspaziergang – wenn man ein Picknick im Gepäck hat. Denn abgesehen von ein paar Waldbeeren gab es hier nichts Essbares.

Eine ortskundige Spaziergängerin wies uns den Weg zum angesteuerten Lokal. Und tatsächlich, ein paar hundert Meter die Straβe hinunter hatten wir es dann endlich erreicht. Es hatte geöffnet, wir bekamen sofort einen Tisch, das Essen und der Service waren gut. Unsere Odysee durch Wexford County hatte also doch noch ein glückliches Ende gefunden.

Zorro, der Mann mit den roten Haaren

Das Home Restaurant in Courtown Harbour wurde an dem Tag zu unserem Retter in der Not. Im frühen 17. Jahrhundert wäre es vielleicht Zorro gewesen!? Doch was hat der Mann mit der Maske mit Irland zu tun? War er nicht der “Robin Hood” von Mexiko, der dort die Armen mit Essen versorgte? Auch in meiner Vorstellung hatte Zorro immer einen spanischen Akzent und lateinamerikanisches Temperament gehabt.

Weit gefehlt! Im Jahre 1611 als William Lamport in Wexford geboren, ging Guillén Lombardo später als Zorro in die Geschichte ein. Über Umwege kam der gebildete William erst nach Nordspanien und wurde dann nach Mexiko gesandt. Mit 21 soll er bereits 14 Sprachen gesprochen haben. Bis zu seiner Hinrichtung 1659 lebte er als Gegner der Inquisition ein abenteuerliches Leben. Die eine oder andere Frauengeschichte mag ihm das erleichtert haben. Im späten 19. Jahrhundert entstand die Romanfigur einer leicht abgewandelten Heldengeschichte von Vicente Riva Palacio, die ohne Zweifel auf Guillén Lombardo basiert. (Quelle: Irish Times).

Mehr erfahren?

Aufmerksam auf diese Geschichte wurden wir bei einer Führung durch Selskar Abbey in Wexford Town. Um die Abtei selbst rankt sich eine romantische Legende, die man ebenfalls bei der täglichen Tour um 15 Uhr erfährt (ausgenommen sonntags, Änderungen vorbehalten). Auch die Historie der Region kommt nicht zu kurz. Sehr zu empfehlen!

Meine Tipps für Wexford

Wer länger im County Wexford unterwegs ist, sollte unbedingt dem Hook Lighthouse einen Besuch abstatten. Es ist einer der ältesten, noch funktionierenden Leuchttürme der Welt. Die örtliche Führung ist sehr kurzweilig und schon allein der Blick auf den tosenden Atlantik ist es wert.

Im Wexford Heritage Park kann man gleich durch 9000 (!) Jahre irische Geschichte spazieren. Anschaulich zusammengestellt in einem detailgetreuen Freilichtmuseum ist es die ideale Schönwetter-Variante.

Als kleiner “Zwischenstopp” bietet sich die Robbenauffangstation in Courtown an. Hier kann man sich über die Arbeit der Robbenretter informieren und kommt zudem ganz nah an die kleinen “Patienten” mit den groβen Kullernaugen heran.

Weitere Tipps für Wexford und Irlands historischen Osten gibt es auf der offiziellen Webseite der irischen Tourismuszentrale. Oder schreibt mir einfach eine Nachricht!




Das irische Wetter

Meine Palme die keine ist

Eigentlich erstaunlich, dass ich dem irischen Wetter bislang noch keinen Artikel gewidmet habe. Wo es doch so viele Klischees zu bereinigen und Phänomene zu erklären gibt…Anstoβ hierfür gab mir letztendlich die Palme in unserem Garten bzw. der Besuch meiner Freundin aus Schweden, die ihre Verwunderung zum Ausdruck brachte, dass es im doch recht “kühlen” Irland Palmen gibt. Und auch ich war nach unserem Hauskauf damals erfreut, stolzer Besitzer einer eigenen zu sein, die trotz unermüdlichem “Laubabwurfs” und zum Ärgernis meines Mannes unter meinem persönlichen Schutz steht. Tatsächlich sieht es an der Küste südlich von Dublin bei schönem Wetter aus wie an der französischen Riviera – dank der Cordyline australis, die in Irland und auch Groβbritannien weit verbreitet ist. Dieser aus Neuseeland stammende Baum, der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Europa kam, sieht einer Palme zum Verwechseln ähnlich und wird im Volksmund auch oft als solche bezeichnet. Genau genommen ist der sogenannte Kohlbaum nicht einmal im Entferntesten mit der Palme verwandt. Mit anderen Worten, es gibt leider keine natürlich wachsenden Palmen in Irland, aber es sieht zumindest so aus. Wenn ich meine “Palme” im Vorgarten behalten will, lasse ich das meinen Mann besser nicht wissen…

Exotische (Pflanzen-) Paradiese in Irland

Bleiben wir zunächst bei subtropischen Pflanzen, die es tatsächlich in Irland gibt. Und nicht nur die – selbst Gewächse aus der Arktis und Nordamerika gedeihen auf dem Grünen Fleckchen Erde inmitten des Atlantiks (Quelle: www.ireland.com). Genau dieser ist auch das Geheimnis oder besser gesagt der warme Golfstrom, dem Irland – insbesondere an der südlichen Westküste, das milde Klima zu verdanken hat. Selten sinken die Temperaturen im Winter unter null Grad und die sommerliche Durchschnittstemperatur liegt bei etwa 20 Grad (Quelle: www.irland.com). Wer geballt “Exotisches” in Irland sehen möchte, dem sei Garnish Island empfohlen. Das Inselchen vor der Halbinsel Beara ist von Glengariff aus per Boot zu erreichen und schon die Überfahrt ist ein Erlebnis. Der Robbenfelsen beherbergt eine beachtliche Kolonie photogener Seehunde und die Insel selbst wartet mit allerlei subtropischen Pflanzen auf, die den Eindruck erweckt, man sei irgendwo am Mittelmeer (Quelle: www.garnishisland.com).

Auch in der Landschaft des Burren im County Clare, dessen Name von dem irischen Wort Boíreann abstammt, das soviel wie “felsiger Ort” bedeutet, findet man trotz des kargen Erscheinungsbildes jede Menge mediterrane Gewächse, die dort unter ca. 900 verschiedenen Pflanzenarten und mit subpolaren Exemplaren im Einklang wachsen. Letztere haben wir ausnahmsweise mal nicht dem Golftstrom, sondern eher den Lichtverhältnissen im Burren zu verdanken. Vereinfacht ausgedrückt reflektiert das Kalkgestein das Licht und lässt die “Arktisblüher”, Überbleibsel der letzten Eiszeit, sich wie zu Hause fühlen. Es hat also auch indirekt irgendwie etwas mit dem Wetter zu tun.
Was meine Eltern in Deutschland mühevoll im Topf heranzüchten, gedeiht hier mal eben so auf, wie es scheint, unwirtlichem Geröll. So findet man zum Beispiel im Burren Nationalpark insgesamt 23 von insgesamt 27 in Irland vorkommenden Orchideenarten.

Mein persönlicher Favorit sind die übermannshohen Rhododendronbüsche, die zumeist in einem auffälligen Pink erstrahlen und wie “Gestrüpp” am Wegesrand wachsen. Deshalb muss auch jeder, der uns zur Rhododendronblüte (ca. Mai – Juli) besuchen kommt, mit mir in den Botanischen Garten nach Kilmacurragh, wo es eine Rhododenronallee gibt. Der Ableger des National Botanic Gardens in Dublin liegt beinahe ein wenig versteckt in den Wicklow Mountains und bei uns quasi um die Ecke. An sonnigen Wochenende kann es dort schon mal richtig voll werden, weil viele die ausgedehnten Wiesen mit Blick auf die Berglandschaft für ein Picknick nutzen. Unter der Woche oder in der Nebensaison ist man dort mitunter der einzige Besucher und man bekommt auf jeden Fall einen Platz in dem gemütlichen Café. Einer meiner absoluten Lieblingsorte :-)!

Aus dem “Sprachkästchen”

Aber nun zurück zum Wetter. Eigentlich wollte ich diesen Abschnitt wie folgt beginnen: “So wie die Eskimos ca. 100 verschiedene Worte für Schnee haben, gibt es in Irland ein ähnliches Repertoire um die unterschiedliche Intensität des Regens auszudrücken”. Das musste ich aber verwerfen, denn meine Recherche hat ergeben, dass es ein Irrglaube ist, dass die Inuit so viele Ausdrücke für Schnee haben. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass eigentlich die Schotten Rekordhalter der meisten Schneebezeichnungen sind. Insgesamt 421 sollen es sein und das, obwohl es in Schottland eher selten schneit (Quelle: www.focus.de). Das als kurzer Exkurs und Begründung warum dieser Abschnitt stattdessen nun wie folgt beginnt:

So wie die Schotten 421 verschiedene Wörter für Schnee haben, existiert in Irland ein Wortreichtum für den “flüssigen Sonnenschein”(liquid sunshine), womit wir schon bei Nummer 1 wären. Im Gegensatz zu Schnee in Schottland, ist man auf der Grünen Insel bekanntlich reichlich mit Niederschlag gesegnet. Doch ob man sich dafür in Regenkluft hüllt, hängt davon ab, ob es “runtereimert” (bucketing down) oder nur “spuckt” (spittin’). Drizzle (Niesel) ist nervig für die Brillengläser, aber noch nicht genug, um einen Schirm oder einen Anorak hervorzuholen. “Feuchter Regen” (wet rain) klingt doppelt-gemoppelt, aber die Iren wissen dann, dass man besser nicht das Haus verlässt bzw. sich wasserfest einpackt. Aber es gibt auch dazu noch eine Steigerung und neben “bucketing” ist das mein Favorit, da das Wort schon so klingt, als ob der Regen gegen die Fensterscheibe peitscht: “lashing”. Auf diverse Zwischenstufen und genaue Beschreibung der Tropfenform verzichte ich an dieser Stelle.

Was der Regen mit einem macht

In der Regel regnet es in Irland mindestens 1x am Tag, irgendwann und irgendwo. Manchmal scheint bei uns im Vorgarten die Sonne und im Garten hinter dem Haus regnet es. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dass man selbst bei strahlend blauem Himmel immer einen Regenschirm und eine Jacke einpackt. Wie oft habe ich mich anfangs darauf verlassen, dass bei keinem einzigen Wölkchen am Himmel der Regen an diesem Tag wohl ausbleiben wird und wurde eines besseren belehrt. Und wenn man das weiβ, lebt man gut damit. Denn so schnell wie der Regen kommt, geht er oft auch wieder, es sei denn “it’s down for the day” – es regnet sich ein.

Regnet es in Irland mal länger nicht bzw. herrschen eines Nachmittags auβergewöhnlich hohe Temperaturen in einem ansonsten verregneten Sommer, gibt einem der Arbeitgeber auch schon mal “Hitzefrei”. So erging es mir zumindest vor 2 Jahren als wir in unserem unklimatisierten Büro im Dachgeschoss in der Dubliner Innenstadt fast zerflossen wären. Pünktlich zum Wochenende gab es in diesem verkorksten Sommer wieder Regen und kühle Temperaturen. Unsere Chefin lieβ uns daher an einem besonders heiβen Tag früher gehen mit den Worten “Sonne in Irland muss man nutzen”. Und irgendwie ist das ein Motto, das man hier tatsächlich lebt und was vielleicht auch erklärt, warum manche sonnenhungrige Iren trotz krebsroter Haut dennoch nicht gewillt sind ihren Sonnenplatz aufzugeben.

Auch ich plane meinen Tag um, wenn trotz gegenteiliger Wettervorhersage (was meiner Meinung nach in 90% der Fälle so ist) auf einmal die Sonne scheint. Mein Mann amüsiert sich jedes Mal, wenn ich dann noch schnell eine Extra-Ladung Wäsche wasche, denn immerhin ist “Grand drying weather” (gutes Trockenwetter) und das ist wohl ein Standardsatz irischer Hausfrauen. Anpassung ist alles!

Am Ende will ich noch kurz eine wilde Theorie aufstellen. Die Iren sind ja allgemein als ausgeglichenes, lebensfrohes Völkchen bekannt, mit einer “Mañana-Mentalität” ähnlich der spanischen. Könnte das daran liegen, dass man einfach flexibel bleiben muss, um den Sonnenschein auszunutzen oder, was noch wahrscheinlicher ist, Dinge wegen des Regens aufzuschieben? Ein kurzer Regenschauer lässt sich im Pub gut aussitzen. Wenn es dann doch länger dauert, muss man sich beschäftigen und bei Laune halten. Nur trinken wird schnell langweilig und so kommt eine Gitarre oder Blechflöte ins Spiel (die passt sogar in die Hemdtasche und geht bei Regen nicht kaputt), um für Unterhaltung zu sorgen. Auch Geschichten erzählen oder ein wenig Klatsch & Tratsch austauschen kann ein beliebter Zeitvertreib sein, wenn man sich vor einem Regenguss unterstellen muss. Ob der Regen die Iren zu dem gemacht hat was sie sind oder ob sie sich einfach von nichts aus der Ruhe bringen lassen, ich weiβ es nicht.  Ihr “Geheimrezept” könnte jedoch so manchem gestressten Urlauber helfen. Also ab auf die Insel und die Regenjacke nicht vergessen!

Beste Reisezeit für Irland

Abschlieβend noch ein paar Tipps zu welcher Jahreszeit man Irland meines Erachtens(!) am besten besuchen sollte und zu welcher lieber nicht. Die Saison beginnt in Irland um die Osterfeiertage herum, wo auch die meisten Sehenswürdigkeiten wieder ihre Tore öffnen. Und tatsächlich finde ich den April herrlich, um nach Irland zu kommen. Die Natur erwacht zum Leben, der strahlend gelbe Ginster ist zumeist schon in voller Blüte und in den letzten Jahren kletterten die Temperaturen da bereits in angenehme Höhen. Ebenso ist der Oktober der perfekte Ausklang der Saison – mit weniger Touristen, dafür einer traumhaften Farbenvielfalt in der Natur. Abraten kann ich auf jeden Fall vom August! Erfahrungsgemäβ schleppt sich der Sommer gerade noch vom Juli in die erste Augustwoche und von da an scheint er erst einmal eine Pause einzulegen – zumindest kam es mir in den letzten 3 Jahren so vor. Zudem ist es der Monat, in dem die meisten Einheimischen ihren Urlaub – nicht selten in Irland – verbringen und somit dürften auch die Hotelkapazitäten vielerorts am Limit sein. Wer sich jetzt denkt, je ruhiger desto besser – erkunde ich doch Irland im Januar/Februar – auch der sei gewarnt. Vielleicht ist es zum Teil das Stimmungstief nach der magischen Weihnachtssaison, aber die ersten Monate des Jahres zählen für mich zu den trögsten überhaupt. Aber so wie die Intensität des Regens und das was man aus schlechtem Wetter macht, ist auch das Ansichtssache und wie sagen sowohl irische als auch deutsche Mütter so schön: “Du bist ja nicht aus Zucker!”




Als Tourist in der Heimat unterwegs

Vom Rucksacktouristen zum “Pack-Esel”

Als ich dieses Jahr unseren Urlaub plante, war alles anders. Ich war nie wirklich ein Weltenbummler gewesen, aber anstelle eines schicken Hotels durfte es schon gern mal ein Zelt bzw. Hostel sein und statt eines Autos das Fahrrad. Auβerdem musste nicht alles bis in kleinste Detail geplant oder vorgebucht sein. Am Morgen aufstehen mit nicht mehr als einem groben Plan wohin die Reise gehen sollte, war selbst für mich unspontane Person im Urlaub ein willkommenes Abenteuer.

Beim ersten Familienurlaub mit Kleinkind kann gar nicht genug geplant werden. Alles sollte gut organisiert und so wenig wie möglich dem Zufall überlassen werden. Uns auf ein passendes Reiseziel zu einigen, war da eindeutig die kleinste Herausforderung. Denn was bietet sich besser an als ein Heimatbesuch, bei dem man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt: Ich kenne mich aus und wir ersparen uns die Eingewöhnungsphase; ich zeige meinen beiden Männern meine Heimat, von der sie bislang noch nicht allzu viel gesehen haben; und zu guter letzt besteht die Hoffnung auf ein paar Abende für meinen Mann und mich zu zweit, sobald sich die Groβeltern auf das Enkelkind stürzen.

Eine gröβere organisatorische Hürde stellte hingegen die Frage des Gepäckumfanges dar. Ich hatte mich stets damit gerühmt mit leichtem Gepäck unterwegs zu sein. Alles was auf Reisen nicht absolut notwendig war, blieb zu Hause. Doch selbst wenn ich diesem Grundsatz beim Familienurlaub treu blieb, kamen wir nicht mit weniger als drei Koffern aus. Immerhin kam mir meine Fähigkeit des minimalen Packens zu Gute und unser Reisegepäck fiel überschaubar aus.

Auf völlig unbekanntem Terrain bewegte ich mich allerdings, als es um das Finden einer geeigneten Unterkunft ging. Während ich eher etwas schlichtes, verschlafenes im Sinn hatte, warf mein Mann ein, dass es auf jeden Fall genügend Unterhaltungsmöglichkeiten für uns und den kleinen Racker geben sollte. Denn bei allem Fokus auf kinderfreundlich sollte die Woche, bevor es zu meiner Familie ging, auch für uns Urlaub und ein Tapetenwechsel zum heimischen Garten sein.

Nun war es also an mir die Interessen unserer Kleinfamilie in einem einzigen Ferienobjekt zu vereinen, darüber hinaus die Verwandschaft mit einem angemessen langen Aufenthalt zu bedenken und das alles unter Berücksichtigung vertretbarer Fahrtzeiten bei sommerlichen Temperaturen. Das war trotz jahrelanger Erfahrung in der Reiseplanung meine gröβte Herausforderung.

Wir lassen die Kuh fliegen

Ende Juni war es soweit – nach einer mehr oder minder anstrengenden Anreise kamen wir gegen Abend im Dorfhotel Fleesensee an der Mecklenburgischen Seenplatte an. Auf dem Weg zu unserem Apartment – das Gepäck nebst Kind im eigens dafür zur Verfügung gestellten Bollerwagen im Schlepptau (geniale Idee!) – legten wir direkt einen Stopp an dem hübschen, selbstbedienbaren Kinderkarussell ein. Das erste Highlight für unseren Urlaubsneuling. Unsere Ferienwohnung war sehr geräumig, stilvoll eingerichtet und absolut kindersicher. An Schlafen war trotz fortgeschrittener Stunde mit unserem überdrehten Kind jetzt nicht zu denken. Was soll’s, wir hatten Urlaub und so war auch für uns noch ein erstes Highlight in Form eines gemeinsamen Begrüβungscocktails an der Bar drin.

Das “Erwachen”, im wahrsten Sinne des Wortes, kam am nächsten Morgen beim Frühstück als eine tanzende Kuh die Kinder zum “Clubtanz” abholte. Mein Mann und ich schauten uns schmunzelnd an und ohne dass wir auch nur ein Wort sagen mussten, wussten wir was dem anderen durch den Kopf ging: Statt langer Partynächte und lauter Musik am Abend gab es nun einen fast ebenso hohen Lärmpegel am morgendlichen Familienbuffet und das “Abrocken” erfolgte zu eingängigen Kinderliedern unter Anleitung eines überdimensionalen Maskottchens. Unserem Sohn gefiel’s…

Unterschiedliche Auffassungen von “familienfreundlich”

Um gleich bei den Vorteilen eines Familienhotels zu bleiben, Kinderbetreuung war im Dorfhotel inklusive! Die Chance, für die sonst bei diesem Thema so unentspannte “Mama”, das im Urlaub mal ganz entspannt auszuprobieren. Gesagt, getan – Junior ging am Vormittag für 3 Stunden in den Kid’s Club und die Eltern endlich mal wieder nur als Paar in die angrenzende Therme. Alle waren begeistert, selbst die Betreuerin vom so artigen 1-Jährigen und der wiederum von Spielsachen & Co.

Euphorisch meldeten mein Mann und ich uns auch gleich für den nächsten Tag zum Squash spielen an. Auf dem Weg dorthin klingelte das Handy und die Kinderbetreuerin war dran, im Hintergrund unverkennbar das aufgebrachte Weinen unseres Zwerges. Könnte er schon sprechen, hätte er uns sicherlich verklickert, dass “familienfreundlich” nicht hieβ, dass Aktivitäten fortan ohne ihn stattfänden. Und so gab es uns ab sofort im Urlaub wieder nur im Dreier-Pack.

Verkehrte Welt

Während in Irland eine Hitzewelle das Schlauchverbot auslöste (Leute waren angehalten ihre Nachbarn zu verpfeifen, wenn sie ihren Garten bewässerten), kamen wir strandtechnisch an der Müritz so gar nicht auf unsere Kosten. Neben Wanderungen, Tierparkbesuchen und Bummeln an diversen Hafenpromenaden, hatte ich uns natürlich u.a. Kleckerburgen bauend am Seeufer gesehen. Das kühle Wetter machte uns jedoch einen Strich durch die Rechnung und erst pünktlich zu unserer Abreise aus dem Feriendomizil kroch die Sonne wieder aus ihrem Versteck. Nicht nur dass ich mich wochenlang vorm Urlaub umsonst gesorgt hatte, wie wir es wohl bei 30 Grad ohne Klimaanlage in einem Ferienhaus aushalten würden; nein, wir hatten auch noch die einzige Woche in Irland verpasst, in der es mal wärmer als in den meisten Teilen Europas war. Aber unser Deutschland-Trip war ja noch nicht vorbei und wir freuten uns nun auf den Besuch bei meiner Familie.

Die Geschichte mit der Kartoffel

Um unsere lange Fahrtstrecke ein wenig aufzulockern, schaute ich mich nach passenden Sehenswürdigkeiten en-route um. Nach Möglichkeit sollte es etwas sein, das man als “Tourist” unbedingt gesehen haben muss, wenn man in Deutschland unterwegs ist. Während ich noch grübelte, was sich da auf halber Strecke zwischen Meck-Pomm und meiner Heimat Nordsachsen wohl anbot, tauchte das Schild für die Autobahnausfahrt Potsdam auf und ich beschloss meinen beiden Iren das Schloss von Sanssouci zu zeigen. Mich selbst hatte es schon als Kind immer wieder begeistert und ich erinnerte mich, dass es auch bei meinen Eltern meist auf der Agenda stand, wenn ausländische Gäste zu Besuch waren. Perfekter Ort und perfektes Timing also für einen Stopp. Gedanklich bereitete ich mich darauf vor, stolz die Rolle des Reiseleiters zu übernehmen und meinem Mann ein paar Fakten über die Geschichte meines Heimatlandes anhand dieses herrlichen Bauwerkes näherzubringen. Ein paar zusammenhangslose “Brocken” und Jahreszahlen schossen mir in den Kopf, nichts womit ich jemanden hätte beeindrucken können. Dann fiel mir die Geschichte mit den Kartoffeln ein, die immer verstreut auf der Grabplatte Friedrichs des Groβen im Schlosspark lagen. Auf die Frage hin, warum das denn so sei, antwortete ich meinem Mann wie aus der Pistole geschossen “Na weil er sie erfunden hat”. Und erneut waren wir uns einig, dass ich als Touristikerin wohl die schlechteste Reiseleiterin überhaupt bin.

Loslassen

Trotz meiner verstärkten Übersetzertätigkeit am Familientisch war der Besuch bei meinen Eltern für mich zwanglos und entspannend. Die Temperaturen waren inzwischen wieder in sommerliche Höhen geklettert und der paradiesische Garten meiner Eltern bot genügend Platz zum Zurückzuziehen. Auch das Gefühl, dass ich ständig die Augen nach unserem agilen Zwerg aufhalten musste, fiel langsam von mir ab. Sobald ich mich nach ihm umschaute, stellte ich beruhigt fest, dass Oma und Opa sich ganz vertieft mit ihm beschäftigten. Es war ungewohnt für mich einfach so aufstehen zu können und mich kurz vom Junior zu entfernen, ohne die Umgebung nach möglichen Gefahrenquellen abzuscannen. Mit der Zeit wurde ich mutiger und am Ende schafften mein Mann und ich es sogar zweimal abends allein auszugehen. Danke nochmal an die Groβeltern!

Wenn die Heimat nicht mehr das Zuhause ist

Wenn ich in meiner Heimatstadt Torgau unterwegs bin, habe ich oft das Gefühl ein Gast in einer gewohnten Umgebung zu sein. Andererseits ist es wie eine Reise in die Vergangenheit, die an jeder Ecke Erinnerungen hervorbringt.

Als mein Mann und ich abends zum Essen ausgingen, steuerte ich wie selbstverständlich auf die Sparkasse am Markt zu, die 24 Stunden geöffnet hat und mir früher öfter zu einem letzten Absacker verhalf, wenn ich als Teenager auf Kneipentouren mal wieder nicht genug Bargeld dabei hatte (sie lag praktisch auf dem Weg zwischen meinen Stammkneipen). Erst als sich die Tür nicht wie gewohnt öffnen lieβ, bemerkte ich das Schild, dass die Filiale bereits seit 2017 geschlossen war. Eigentlich keine groβe Sache, aber ich war ganz kurz wie vor den Kopf gestoβen. Sie war quasi eine Institution für mich, in der ich oft noch schnell Geld gezogen hatte, obwohl ich schon spät dran war, um mich mit einer Freundin auf einen Kaffee zu treffen. Nicht selten hatte ich hier verdutzt auf meinen Kontoauszug geschaut um die eine oder andere Abhebung aus den frühen Morgenstunden nachzuvollziehen. Manchmal ging ich nur hinein, um nicht in der Kälte warten zu müssen oder die verspiegelte Wand für einen letzten Check vor dem Ausgehen zu nutzen. Und jetzt war der kleine, eigentlich unbedeutende Raum mit dem Geldautomaten in der Mitte zu. Und das schon seit fast 1 Jahr, was demnach bedeutete, dass ich schon länger nicht mehr vor dieser Tür gestanden hatte – wie die Zeit vergeht!

Für den Moment hatten wir aber genug Geld dabei, um in einem meiner ehemaligen Stammlokale noch einen Drink in der Abendsonne zu genieβen. Der Biergarten mit dem herrlichen Blick über die Elbe war wie immer. Allerdings sah ich, nicht wie sonst, auch nur ein einziges bekanntes Gesicht, abgesehen mal von den Kneipenwirten. Wenigstens hörte ich um mich herum den mir vertrauten Dialekt. Ich wendete mich den Leuten am Nachbartisch zu um sie etwas zu fragen. Als ich ihre Antwort akustisch nicht auf Anhieb verstand und sie bat sie zu wiederholen, hörte ich plötzlich jemand anders sagen: “Du musst Englisch sprechen, die verstehen dich nicht.”. Mir verschlug es im wahrsten Sinne des Wortes kurz die Sprache und die noch nicht einmal richtig zustande gekommene Unterhaltung war abrupt beendet. Noch nie war ich mir mehr wie ein Tourist in meiner eigenen Heimatstadt vorgekommen als in diesem Moment…




Das Meer – mein ständiger Begleiter

Als geborener “Binnenländer” bleibt das Meer für einen irgendwie immer etwas besonderes, selbst wenn man es irgendwann direkt vor der Nase hat.

Ich erinnere mich wie mir als Kind meine Groβeltern immer von ihren Ostseeurlauben vorschwärmten. Sie schien für mich unerreichbar bzw. fünf lange Autostunden im (unklimatisierten) Trabant von Zuhause entfernt. Es sollte noch einige Jahren dauern bis ich die Ostsee selbst zu Gesicht bekam…

Letzendlich machte ich zuerst mit dem Mittelmeer Bekanntschaft, wo ich mehrere tolle Sommerurlaube mit meiner Familie verbrachte. Allein die Erinnerung an die warme Luft, leicht angereichert mit dem Duft von Sonnencreme und das gleichmäβige Rauschen der Wellen lösen noch heute ein wohliges Gefühl in mir aus. Das war der Beginn einer lebenslangen Faszination.

Durch glückliche Umstände verschlug es mich Jahre später zum Studieren an die Ostseeküste nach Stralsund. “Studieren wo andere Urlaub machen” heiβt der stolze Slogan der Hochschule. Wie oft haben meine Mitstudenten und ich ihn verflucht, wenn wir statt am Strand auf dem Campus zum Lernen saßen. Doch manchmal, wenn ich an der Sundpromenade mit Blick auf das spiegelglatte Wasser entlang radelte, lächelte ich zufrieden vor mich hin und dachte: “Kaum zu glauben, ich wohne am Meer!”

Danach zog ich in das auch irgendwie maritime Hamburg. Perfekt zwischen Nord- und Ostsee gelegen, war da immer noch der eine oder andere Wochenendausflug an die Küste drin.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Herbstausflug mit einer sehr guten Freundin nach St. Peter Ording, dessen Ruf als Traumstrand ihm vorauseilte und wovon wir uns unbedingt selber überzeugen wollten. Schön warm eingemummelt trotzten wir der steifen Brise und belohnten uns im Anschluss an den Spaziergang mit einem heiβen Kakao in einem reetgedeckten Café hinterm Deich. Auch das ist “Strandurlaub”.

 

Nach ein paar Jahren Hamburg ging es dann für mich nach Dublin. Zwar nicht des Meeres wegen, aber auf einer Insel zu leben, wo es so viele malerische Sandstrände, spektakuläre Steilküsten und einsame Buchten gibt, hat schon etwas für sich. Inzwischen sind wir aus der Stadt noch weiter in Richtung Meer gezogen und nun ist es mein Mann, der immer sagt, “Wir leben da, wo andere Urlaub machen” und ich denke mir, recht hat er!

Lieblingsstrände

Schon bei meinen Kurzbesuchen in Dublin, bevor ich auswanderte, musste neben Groβstadtleben und Pub mindestens ein Strandspaziergang drin sein. Und das ist auch gar nicht so schwierig zu vereinbaren. Innerhalb von wenigen Minuten ist man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an einen der breiten Sandstrände vor den Toren der Stadt gefahren. Ich möchte euch hier  einige meiner persönlichen Lieblingsstrände in Dublin und Umgebung vorstellen.

Der Strand der mein Leben veränderte

Ich erinnere mich gut an einen verregneten Oktobermorgen, an dem ich ein wenig deprimiert im Hotel auf einem meiner alljährlichen Kurztrips nach Dublin saß. Für das verlängerte Wochenende war eigentlich ein Treffen mit der Mädels-Clique aus meinem Irland-Praktikum geplant, was aus diversen Gründen leider nicht stattfinden konnte. Und so strandete ich allein in besagtem Hotelzimmer. Ich gab mir gedanklich einen kräftigen Tritt in den Hintern und nahm trotz Regen und Stimmungstief den nächsten Zug zu dem meist menschenleeren Kieselstrand von Killiney, den ich schon von vorherigen Besuchen kannte. An diesem wettertechnisch miesen Tag war er besonders einsam, doch mit jedem Schritt hob sich die Laune unter meinem großen Regenschirm. Ich hing meinen Gedanken nach, grübelte über Vergangenes und die Zukunft und das war der Moment als ich beschloss, nach Irland auszuwandern. Wenn es mir hier trotz fehlender Gesellschaft und tristem Wetter so gut ging, war das schon mal eine positive Voraussetzung. Und es stellte sich heraus, dass ich meine Entscheidung nicht bereuen würde.

Strand ohne Meer

Der Strand von Sandymount war lange Zeit unser persönlicher “Hausstrand”, als mein Mann und ich noch in Dublin wohnten. Seine “Wahrzeichen”, die zwei rot-weißen Industrieschornsteine, werden liebevoll die “Twin Towers” genannt und stehen meines Erachtens jetzt sogar unter Denkmalschutz. Bei Ebbe bietet der eigentlich vergleichsweise kurze Strandabschnitt jede Menge Platz für einen ausgedehnten Spaziergang – es sei denn man legt Wert darauf das Meer auch zu Gesicht bekommen. Das passiert manchmal allerdings schneller als einem lieb ist – so wie uns bei einem Neujahrsspaziergang als wir ganz plötzlich von eiskaltem Wasser umringt waren. Das bekamen unsere dann zwangsläufig nackten Füβe gnadenlos zu spüren. Immerhin entstanden so seltene Aufnahmen von mir in der Irischen See, was so schnell nicht wieder vorkommen sollte.

Strand der tausend Muscheln

Selbst vor Kälte fast taube Finger können mich nicht davon abhalten am Strand Muscheln zu sammeln. Und so hüpfte ich an einem kalten Wintertag am Strand von North Bull Island, den Blick nach unten gerichtet, von Muschel zu Muschel bis sich meine Hosentaschen schwer und durchgeweicht nach auβen wölbten. Es musste vorher einen Sturm gegeben haben, denn der Boden war nur so von Muscheln übersät. Es ist als käme da ein kindlicher Sammeltrieb in mir durch. Immer wieder entdecke ich eine, die noch schöner ist als die andere oder einfach mit muss, weil sie so auβergewöhnlich aussieht. Zu Hause landen sie zumeist in einer Kiste oder ich verschenke sie weiter, weil mein Mann kein groβer Fan von Muschel-Deko ist. Aber irgendwie geht es auch gar nicht darum sie zu besitzen. Es ist vielmehr die Freude sie zu finden, wie sie da so über den ganzen Strand verteilt liegen. Kleine “Schätze der Natur”, die mir jedes Mal ein Lächeln auf’s Gesicht zaubern so wie an jenem frostigen Wintertag.

“Na das ist doch dein Junggesellinnenabschied”

Im Norden von Dublin liegt die Halbinsel Howth, die man oft schon beim Landeanflug auf die Stadt sehen kann. Hier gibt es zwar auch einen Strand, aber das eigentliche Highlight ist für mich der Küstenwanderweg bzw. Howth Summit, von dem aus man einen Wahnsinnsblick über die gesamte Dubliner Bucht hat. Der vorgelagerte Leuchtturm ist mein persönliches Lieblingsfotomotiv (und sicherlich nicht nur meins). Auβerdem mag ich Howth wegen seiner (Fisch-) Restaurants und kleinen Cafes, wo man sich nach einem Spaziergang nett was gönnen kann. Das wollten wir auch unserer Hochzeitsgesellschaft nicht vorenthalten und beschlossen das Abendessen am Vorabend unserer “Spontan-Trauung” in Howth stattfinden zu lassen. Nach einem gelungenen Dinner erhaschten wir im Halbdunkel noch kurz einen Blick auf den Leuchtturm und die herrliche Steilküste. Die dabei entstandenen Bilder sind eine wunderbare Erinnerung an einen ausgelassenen Abend und meine Freundin kommentierte sie mit den Worten: “Jetzt hattest du wenigstens noch so etwas wie einen Junggesellinnenabschied.”

 

Karibik, Australien? Nein, Brittas Bay!

Wenn wir am Wochenende die Strandtasche für einen Ausflug nach Brittas Bay packen, sind Badesachen etwas, was garantiert nicht hineinkommt. An den Strand gehen heiβt in Irland, dass man dort ein nettes Picknick macht, Sandburgen baut und sich  – wenn man keinen Pullover braucht – ganz dick mit Sonnencreme einschmiert. Auch ich habe die irische Sonne, gepaart mit der kühlen Brise am Wasser, schon des öfteren unterschätzt.

Bislang macht der Sommer in diesem Jahr temperaturtechnisch so einiges gut, was der lange, verregnete Winter “verbockt” hat. Dennoch habe ich in Brittas Bay nie mehr als eine Handvoll Leute angetroffen, die man an dem langen, breiten Strand kaum wahrnimmt. Die hohen Dünen bieten sowohl Wind- als auch Sichtschutz und mein junggebliebener Ehemann nutzt sie gern, um sich herunterrollen zu lassen. Das blieb beim letzten Mal nicht unnachgeahmt. Brittas Bay daher meine Empfehlung für den perfekten Sonntagsausflug für Jung, Alt und alles was dazwischen liegt so wie mein Mann und ich ;-).

Ich kehre gern zu den Stränden zurück, mit denen ich positive Erlebnisse verbinde. Hin und wieder entdecke ich auch neue kleine “Paradiese”, sodass hoffentlich viele weitere schöne Erinnerungen auf meiner Lieblingsinsel hinzukommen werden.




Zwei Hochzeiten und zum Glück kein Todesfall

Wenn wir Leuten von unserer Hochzeit erzählen, bekommen wir oft gesagt, dass das die Geschichten seien, die man später mal seinen Enkelkindern erzählt. Warum also so lange warten?

Wann und wie wir heiraten wollten, war meinem Jetzt-Mann und mir schnell klar: möglichst bald und eher unauffällig klein. Die passende Location war schnell gefunden, Details besprochen, eine Anzahlung geleistet, Einladungen verschickt. Nur der unangenehme Papierkram stand noch aus, bei dem wir allerdings auch keinerlei Schwierigkeiten erwarteten – Fehler Nummer 1. Denn wer hätte gedacht, dass es “Beamtendeutsch” und unnötige Bürokratie auch in Irland gibt. Bei der Antragstellung im Standesamt wurde uns gesagt, dass es aller Voraussicht nach Probleme mit den amerikanischen Scheidungspapieren meines Zunkünftigen geben wird. Auf unsere Nachfrage hin, was genau und was zu tun sei, konnte bzw. wollte man uns vor Ort keine Antwort geben, sondern ließ uns dennoch den Antrag ausfüllen, auf den wir dann von “offizieller Stelle” eine Antwort bekommen sollten. Dies dauerte seine Zeit, aber schlussendlich bekamen wir Bescheid und wurden aufgefordert weitere Unterlagen nachzureichen, die das Problem beheben sollten. Als dieser Antrag auf Eheschließung nach nochmaliger Wartezeit ebenfalls abgelehnt wurde, traf uns das erstmal wie ein Schlag. Es stellte sich heraus, dass das ganze Unterfangen von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, da die Scheidungspapiere aus den USA nur dann in Irland anerkannt werden könnten, wenn mein Verlobter dort nach wie vor seinen Wohnsitz hätte. Eine völlig sinnfreie Regelung…

Nach einem Informationsgespräch mit einer darauf spezialisierten Anwältin hieß es jedoch,  dass das ein nicht selten vorkommender, schnell zu lösender Prozess sei und wir atmeten auf – Fehler Nummer 2.

Hotels für unsere Gäste wurden reserviert, Freunde und Familie buchten Flüge aus Deutschland und Amerika, um bei dem freudigen Ereignis dabei zu sein. Nur dass uns die Planung allmählich so gar keine Freude mehr bereitete, denn zunächst galt es die längst neu verheiratete Ex-Frau meines Verlobten nach 13 Jahren Funktstille aufzuspüren, um ihr noch einmal eine Unterschrift für die Scheidungspapiere abzuringen. So hatte es die Anwältin uns erklärt und wir vertrauten ihrer Kompetenz – Fehler Nummer 3.

Zwei Ja’s und ein Nein

Knapp 3 Monate vor dem geplanten Hochzeitstermin – wir waren immer noch zuversichtlich, dass alles seinen Gang gehen würde – erfuhren wir, dass der Richter der Anerkennung einer amerikanischen Scheidung nur hätte stattgeben können, wenn dieser Verfahrensweg voher durch unsere Anwältin angekündigt worden wäre. Da dies nicht geschehen war, bliebe uns nur die Möglichkeit einer erneuten Scheidung – dieses Mal nach irischem Recht – was sich dann allerdings noch etwas länger hinziehen würde. Ein kleinlautes “ Sorry” unserer Anwältin des Vertrauens tröstete uns nur wenig über eine allem Anschein nach nicht stattfindende Eheschlieβung hinweg.

Um das finanzielle Disaster im Rahmen zu halten, stornierten wir das Hochzeitshotel und informierten unsere Gäste über die Situation, die nun auf Flugtickets zu dem wohl deprimierendsten Ereignis des Jahres saβen – einer geplatzten Hochzeit.

Tagesausflug statt Hochzeitsfeier

Immerhin hatten wir nun noch etwa 2 Monate Zeit uns damit abzufinden, dass wir am 7. Mai 2016 nicht heiraten würden, aber dennoch einen Ansturm von Freunden und Familie zu erwarten hatten, die die Gelegenheit für einen Kurzurlaub in Irland nutzen wollten. Nun war es also daran das Beste aus der Situation zu machen und uns allen eine schöne Zeit zu bescheren, anstelle Trübsal zu blasen. Schnell war ein Reisebus organisiert und ein zünftiges Pub-Essen gebucht. Zwischendurch eine Tour zum touristischen Highlight Glendalough in den Wicklow Mountains sollte auch “Irland-Neulingen” Geschmack auf einen nochmaligen Besuch machen – zum potenziellen neuen Hochzeitstermin.

Kalte Füβe

Doch so weit sollte es gar nicht kommen. Eine Woche vor unserem usprünglich geplanten Termin war nun auch offiziell die irische Scheidung durch. Allerdings viel zu spät um eine Heirat beim Standesamt anzumelden, geschweige denn eine Hochzeitsfeier auf die Beine zu stellen. Wären da nicht die ermunternden Worte unseres örtlichen Pfarrers gewesen, der bereit war für unsere Gäste, allen voran aber für uns, die kirchliche Trauung durchzuführen. Er kannte uns gut und wusste wie wichtig die religiöse Zeremonie für uns war und auch, dass Familie und Freunde extra anreisten, die mitunter nicht so schnell wieder nach Irland kommen würden. Also beschlossen wir kurzer Hand unsere bisherigen Vorstellungen der Hochzeitsfeier über Bord zu werfen und uns dennoch im Kreise unserer Lieben das Ja-Wort zu geben. Somit stand 3 Tage vor dem 7. Mai die Hochzeit wieder auf dem Plan und eine leichte Nervosität stellte sich ein…

Unbezahlbare Hochzeitsplaner

Wenn man nur 3 Tage Zeit hat, um eine komplette Hochzeit zu planen, sind die Möglichkeiten begrenzt. Man könnte meinen, dass das dem angeblich schönsten Tag im Leben Abbruch tut, aber in unserem Fall war es das Beste, was uns passieren konnte. Statt Sightseeing mit den Verwandten hieβ es nun Ärmel hochkrempeln und loslegen. Alle früher angereisten Gäste bekamen eine Aufgabe zugeteilt und alles fügte sich zusammen als hätte es nie anders sein sollen. Es tat so gut zu sehen, dass alle nach dem ganzen Auf & Ab mit soviel Herzblut dabei waren, um uns einen unvergesslichen Tag zu bereiten.

Der schönste chaotischste Tag in meinem Leben

Der Hochzeitstag begann für mich auf einem zusammengesunkenen Luftbett zu Füβen meines eigenen, in dem ich meine Freundin einquartiert hatte. Hätte ein Fotograf am Morgen Fotos von der “Braut beim Ankleiden” machen wollen, hätte er sich den Weg durch mein kleines und mit Sachen vollgepacktes Apartment bahnen müssen, in dem ich mit Hilfe meiner zwei “Brautjungfern” lachend in mein Kleid stieg. Das obligatorische schwarz-weiβ Bild meines Brautkleides auf dem Kleiderbügel habe ich dank meiner “Starfotografin” Susanne aber trotzdem bekommen – allerdings mit dem an die Wand gelehnten Luftbett im Hintergrund. Und ich hätte es nicht anders haben wollen, denn alles war so herrlich imperfekt, was meiner Perfektionistenseele überraschenderweise unheimlich guttat.

Die Trauung in der Kirche hingegen war dann absolut perfekt – eine wunderschöne Zeremonie im engsten Kreis mit herzerwärmender gesanglicher Untermalung, meinem emotionalen Papa, der mich zum Altar führte, meiner Schwester, die als Trauzeugin in der wenigen Zeit einen groβartigen Job geleistet hatte, einem wunderbar unkonventionellen Pfarrer und seinen wohlgewählten Eröffnungsworten, die meine Freundin Claudia trotz ihrer Kirchenvorbehalte spontan ins Deutsche übersetzte und somit die Sprachbarriere überbrückte.

Unsere kleine “Touristenfuhre” durch die Berge und nach Glendalough fand im Anschluss an die Trauung wie geplant statt – nur dass ich statt Wanderschuhen ein Hochzeitskleid und einen neuen Nachnamen trug. Im Bus gab’s Dosenbier, Knabbereien und Sandwiches, die meine Eltern auf dem Weg zur Kirche noch schnell aus dem Supermarkt geholt hatten. An einem der für mich schönsten Aussichtspunkte Irlands, Sally’s Gap, gab es Sekt aus Plastikbechern und die ersten Hochzeitsbilder mit im Wind wehenden Haaren wurden geschossen. Für die Rede des Brautvaters bot sich ein kleiner Erdhügel mit Blick auf den im Tal liegenden See geradezu an. In Glendalough, vor perfekter irischer Kulisse, entstanden dann unsere offiziellen Hochzeitsfotos. Zurück im Bus ging es beschwingt zum Johnnie Fox’s Pub. Als ich dort aus dem Bus stieg, erwarteten mich regelrechte Begeisterungsstürme, denn offensichtlich mischt sich eine Braut nicht allzu oft unter das “gemeine Pubvolk” in rustikalem Ambiente.

Das Versprechen – eine unendliche Geschichte

Nicht nur mein Mann und ich hatten uns am 7. Mai ein Versprechen gegeben, sondern auch wir dem Pfarrer, dass wir die standesamtliche Trauung unverzüglich in Angriff nehmen würden. Dass es noch einmal fast ein ganzes Jahr dauern würde, ahnten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Als wir dann endlich vor die Standesbeamtin traten, zeigten uns ihre Schweissperlen auf der Stirn und ihr leicht nervöses Lächeln, dass sie sich an uns und unsere Geschichte sehr wohl erinnerte. Mein “Nun-bald-auch-offiziell-Ehemann” versetzte die ganze Angelegenheit noch immer so in Rage, dass wir froh sein können, dass sich zu den 3 Scheidungen und 2 Hochzeiten letztendlich kein Todesfall gesellte.




Dublin für Wiederkehrer

Nachdem man sich beim ersten Dublinaufenthalt durch die “obligatorischen” Sehenswürdigkeiten gearbeitet hat, kann man’s beim zweiten Besuch ein wenig gelassener angehen lassen bzw. je nach Interesse noch etwas tiefer in die Materie eintauchen.

Wie in jeder Groβstadt gibt es auch in Dublin die unterschiedlichsten Stadtführungsangebote. Ich persönlich kann wärmstens die 1916 Rebellion Walking Tours mit dem Historiker und Buchautor Lorcan Collins empfehlen. Zum einen weil sich diese nicht erst (so wie viele andere) im Rahmen des 100-jährigen Jahrestages des Osteraufstandes, dem Befreiungsversuch Irlands von der britischen Krone, etabliert hat. Zum anderen ist sie keinesfalls staubtrocken, sondern höchstinteressant und unterhaltsam. Mit einem angemessen Sinn für Humor ist sie etwas mehr als nur eine Einführung in die Konflikt-Geschichte Irlands, aber ohne dass einem im Anschluss der Kopf vor lauter Jahreszahlen und Namen schwirrt.

Museen müssen nicht langweilig sein

In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch einmal kurz auf die recht neue Ausstellung (eröffnet in 2016) im General Post Office auf der O’Connell Street verweisen, die ich bereits in Dublin für Einsteiger erwähnt habe. Auch hier kann man sich einen guten Überblick zu den Ereignissen des Osteraufstandes von 1916 verschaffen oder mittels Audio-Guide sogar zum “Geschichtsexperten” werden.

Einen ca. 15-minütigen Fuβweg von der O’Connell Street entfernt, am Nordufer des Liffey, befindet sich Epic Ireland. Ebenfalls 2016 eröffnet, beschäftigt sich diese Ausstellung mit irischen Auswanderern und ihren Schicksalen in den Zielländern, vornehmlich Amerika. Das klingt erst einmal nicht ganz so spannend, aber allein die Aufmachung des Museums ist einen Besuch wert. Ich war inzwischen zweimal dort und bin begeistert. Auch für Kinder lässt sich der Aufenthalt hervorragend gestalten, denn allein das Stempel sammeln für den “Reisepass”, den man am Einlass erhält, leitet originell durch die einzelnen Räume. Die 20 Galerien selbst sind sehr interaktiv gestaltet und mit den neuesten multimedialen “Spielerein” ausgetattet. Sie behandeln verschiedene Bereiche rund um das Thema Auswandern bzw. das Schicksal der Auswanderer. Während es sich anfangs zunächst viel um geschichtliche Hintergründe, Zahlen und Fakten dreht, geht es im zweiten Teil weitaus “lockerer” zu. Hier kann man sich beispielsweise in irischem Tanz üben oder sein Wissen beim Pub-Quiz testen. Eine perfekte Kombination aus Information und Unterhaltung!

Geldbeutel schonen geht auch in Dublin

Wer beim Sightseeing schon genug Geld ausgegeben hat und trotzdem irgendwo hineingehen möchte, weil es mal wieder regnet, dem sei das Nationalmuseum (National Museum) und die Nationalgalerie (National Gallery) empfohlen. Hier ist der Eintritt frei und man kann sich Stunden darin aufhalten. Es erwarten einen solide, tiefgründige Ausstellungen und es gibt soviel zu sehen, dass man selbst einen der insgesamt vier Dubliner Standorte auf mehrere Regentage aufteilen kann.

Eine meiner Lieblings-Sehenswürdigkeiten in Dublin ist der Glasnevin Cemetery. Es ist ein wenig eigenartig einen Friedhof eine “Sehenswürdigkeit” zu nennen, denn immerhin liegen hier über 1,5 Millionen Menschen begraben. Etliche davon waren berühmte Persönlichkeiten, denen nun thematische Führungen gewidmet sind, die den “Ort der Ruhe” dann schon irgendwie zu einer Touristenattraktion machen. Auch das angegliederte Museum ist sehr informativ und angemessenerweise nicht auf Profit ausgerichtet, sondern dient lediglich dem Erhalt des Friedhofs. Obwohl ich die geführten Touren – bei denen man übrigens auch einen Blick in die Gruft von Daniel O’Connell werfen kann – sehr interessant finde, gehe ich am liebsten wegen der unzähligen keltischen Hochkreuze und kunstvollen Grabststatuen nach Glasnevin. Und trotz des Hop-on Hop-off Busses, der den Friedhof als Stop anfährt, findet man auf dem riesigen Gelände auch Ecken, wo es still ist wie auf einem “richtigen” Friedhof.

Unweit von Glasnevin liegt der National Botanic Garden, dessen Eintritt ebenfalls frei ist. Als ich das erste Mal für ein 6-monatiges Praktikum in Dublin war, habe ich ganz in der Nähe gewohnt und ihn oft für einen Sonntagsspaziergang genutzt. Ich kenne ihn allerdings nur im Herbst/Winter und mochte besonders gern die frechen Eichhörnchen, die dort ganz zutrautlich den Leuten vor der Nase herumturnen. Und wenn es dort sogar im grauen November und matschigen Januar schön ist, sollte der Garten im Frührjahr bzw. Sommer auf jeden Fall einen Besuch wert sein (und im Herbst natürlich bei groβartiger Laubfärbung!).

Ausdauernden Spaziergängern, denen ein Garten zu klein und ein Friedhof zu düster ist, möchte ich noch kurz den Phoenix Park im Nordwesten vom Dubliner Stadtzentrum vorstellen. Es handelt sich dabei um eine der gröβten, geschlossenen Parkanlagen Europas. (Wer sich in Dublin City nicht verläuft, der tut es hier!). Das freilaufende Dammwild, das man dort gut aus nächster Nähe beobachten kann, ist ein hübsches “Beiwerk” zum Spaziergang im Wald inmitten des Groβstadtdschungels. Ich persönlich bevorzuge die Gegend um Farmleigh House , nicht zuletzt wegen des Cafés am See direkt daneben :-).

Für jeden Geschmack etwas

Nach den ganzen Spaziergängen im Freien, hier noch ein paar persönliche Restaurantempfehlungen, wenn man einem Wolkenbruch oder dem “Hungertod” entkommen möchte.

Etwa 15 – 20 Minuten zu Fuβ vom Stadtzentrum, im hippen Stadtviertel Rathmines, haben mein Mann und ich unser Lieblingsrestaurant. Es heiβt Tippenyaki und dürfte eine willkommene Abwechslung zu “Irish Stew & Co.” sein.  Es hat eine ausgezeichnete asiatische Küche, die sich sehen lassen kann. Und das tut sie auch, denn selbige befindet sich direkt hinter der Bar und für die Gäste gibt es neben dem normalen Schaukochen ordentlich was zu sehen. Mit spektakulären Stichflammen und allerlei “Messerakrobatik” wird einem so die Wartezeit auf das Essen verkürzt. Das ist nur noch durch die Gesangseinlagen der Kellner und Küchencrew zu toppen, die dafür mal kurzzeitig alles stehen und liegen lassen. Von persönlichen Geburtstagsständchen bis hin zu bekannten Klassikern haben sie einiges im Repertoire. Als krönendes Highlight bekommt man dann das beste Sushi – kulinarisch und optisch, das es meines Erachtens in ganz Dublin gibt.

Wer nicht allzu viel Zeit beim Essen verbringen und nur kurz in der Stadt etwas “snacken” möchte, der kann im Powerscourt Shopping Centre einkehren. Überdacht aber dennoch von Tageslicht durchflutet gibt es im Bistro im Innenhof alles was das Herz begehrt. Manchmal etwas geräuschintensiv und geschäftig, aber in jedem Fall eine gute Wahl für schmackhaftes Essen.

Ebenfalls eine nennenswerte Adresse ist das vegetarische Selbstbedienungsrestaurant Cornucopia, das auch im Shoppingviertel von Dublin gelegen ist. Bei der leckeren und vielfältigen Auswahl der tagesaktuellen Gerichte fällt mir zumeist gar nicht auf, dass da eigentlich das Fleisch “fehlt” :-).

Apropos Shoppingviertel, auf dem Titelbild ist das St. Stephen’s Green Shopping Centre zu sehen, das ich mit einkaufsfreudigen Besuchern immer gern wegen der beeindruckenden Architektur ansteuere. Es gibt genügend attraktive Geschäfte, die das Shopper-Herz höher schlagen lassen und ich kann mich am blauen Himmel erfreuen, wenn er denn so wie an jenem Tag durch das Glasdach schimmert.




Nochmal nach Irland auswandern?

Persönliches Fazit & Tipps für Auswanderer

Inspiriert von etlichen Anfragen zum Thema Auswandern nach Irland, habe ich mir obige Frage nach nun genau 4 Jahren, die ich in Irland lebe, noch einmal ganz objektiv gestellt. Insofern das möglich ist, denn in meinem Artikel Warum Irland? habe ich ja schon erläutert, weshalb eine Pro- und Kontraliste bei mir nicht wirklich Sinn macht. Und wer Mein Gott und die Welt gelesen hat, weiβ auch, dass meine subjektive Antwort definitiv “Ja” lauten würde.

Das nützt jedoch potentiellen Auswanderern nicht viel, die mich fragen, ob ich Irland zum Leben empfehlen kann. Deshalb möchte ich versuchen, das Ganze noch einmal neutral zu betrachten und hoffentlich hilfreiche Tipps zum Auswandern zu geben.

Urlaub versus Alltag

Meiner Meinung nach ist es ein Unterschied, ob man ein Land nur vom Reisen her kennt oder auch mal etwas länger dort verbracht hat. Sobald man sich um eine Wohnung kümmern musste, kleinere Behördengänge erledigt hat, Geld verdient und den einen oder anderen Arztbesuch hinter sich gebracht hat (letzteres bitte nicht auf Teufel komm raus!), weiβ man, wie die Uhren so ticken. Aus diesem Grund würde ich persönlich keine überstürzte Entscheidung nach einem beflügelnden Urlaubserlebnis treffen, sondern mich zunächst intensiv mit Land und Leuten auseinandersetzen.

Dabei ist es natürlich auch von Vorteil sich selbst gut zu kennen. Wie wichtig sind mir “deutsche Tugenden” und kann ich auf Dauer damit leben, dass gewisse Dinge anders (nicht unbedingt schlechter!) als in Deutschland sind. Auch ich habe mich anfangs oft sagen hören: “Das wäre aber in Deutschland nicht passiert” oder “Hier ist das aber viel teurer.” Inzwischen schätze ich gewisse Sachen hier, die es in Deutschland nicht gibt. Und es gibt kaum noch etwas, das ich mir von Familie oder Freunden aus Deutschland mitbringen lasse. Für mich war das ein entscheidender Schritt, angekommen zu sein. Denn ich lebe in Irland mit allem was dazu gehört und möchte nicht mehr gedanklich zwischen zwei Ländern hin und her pendeln.

Irland = Träume verwirklichen?

Die meisten Auswanderer haben ihre Gründe das Heimatland zu verlassen. Dabei unterscheidet sich, ob man einfach nur weg will, egal wohin oder ob man sich Irland ganz bewusst aussucht. In jedem Fall hat man jedoch mit Sicherheit eine (Wunsch-)vorstellung wie das neue Leben aussehen bzw. was im Vergleich zu Deutschland anders laufen soll. Und dann sollte man sich die Frage stellen, wie wahrscheinlich ist es, dass sich gerade das in Irland umsetzen lässt.

Das ist natürlich sehr individuell und ein “Lebensgefühl” lässt sich auch nur schwer auf einer Checkliste bewerten. Aber Traumland hin oder her, man sollte dennoch realistisch im Rahmen seiner Mittel und Möglichkeiten bleiben, um sich selbst vor Enttäuschungen zu bewahren.

Job und Wohnung – das A und O

Nachdem man sich also gefühlsmäβig soweit vorstellen kann in Irland zu leben, würde ich den praktischen Teil ganz klar mit der Jobsuche beginnen. Ich persönlich fände es zu riskant ohne einen Arbeitsvetrag in der Tasche nach Irland zu kommen. Oder sagen wir mal so, ich hätte mich nicht allzu lange ohne ein Einkommen über Wasser halten können. Auβerdem ist es auch hilfreich zu wissen, ob/wo Arbeitskräfte benötigt werden, um seine eigenen Chancen einzuordnen. Als Deutschsprachiger sind diese derzeit gar nicht so schlecht. Auf der Webseite www.jobs.ie lässt es sich gut nach verschiedenen Branchen sortiert suchen. Das irische Durchschnittsgehalt liegt etwas über dem Deutschen, aber ebenso auch die Lebenshaltungskosten. Als Nichtraucher und bei mäβigem Alkoholkonsum kommt man mit Aldi und Lidl aber auch in Irland ganz günstig davon :-).

Nicht so allerdings, wenn es um das Dach über dem Kopf geht. Die derzeitige Wohnraumsituation in Irland ist ein Dilemma. Die Mieten im Groβraum Dublin sind horrende, aber nur hier gibt es Jobs. Seit 2013 sind die Mieten in Dublin jedes Jahr um mind. 10% gestiegen (auβer in 2015 nur um 8,2%; Quelle: Irish Rental Price Report). Im Landesinneren kann man sich vielleicht ein hübsches Häuschen leisten, aber das Pendeln wird zum Albtraum. Das bringt mich wieder zu vorheriger Frage zurück – was will ich? Kann ich mich für meinen Traum in Irland zu leben mit einem kleinen, überteuerten Apartment in der Stadt, meist weit unter dem deutschen Standard, arrangieren? Oder lege ich wert auf ein gemütliches Zuhause und bin dafür bereit tief in die Tasche zu greifen oder einen langen Arbeitsweg auf mich zu nehmen? Die Wohnungssuche lässt sich besser vor Ort gestalten, aber es schadet nicht sich schon einmal vorab zu informieren, z.B. auf www.daft.ie oder www.myhome.ie. Ihr dürft geschockt sein!

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Häufig werde ich zum Thema Krankenversicherung in Irland gefragt, weswegen ich das hier kurz erwähnen möchte. Gesetzlich krankenversichert ist man in Irland nicht automatisch. Einige groβe Firmen bezahlen ihren Arbeitnehmern eine private Krankenversicherung, ansonsten kann man diese auch eigenständig abschlieβen. Der Jahresbeitrag variiert stark, je nach Anbieter und was man inkludiert haben möchte. Ich habe bisher ganz gut ohne eine Krankenversicherung gelebt (und beim Schreiben dieser Zeile mal eben kräftig auf Holz geklopft). Man bezahlt ganz einfach wenn man zum Arzt geht (Hausarzt so zwischen €50 – €80 pro Konsultation, Kinder unter 6 Jahren frei). Facharzttermine mit Überweisung sind kostenfrei. Allerdings kann es sein, dass man als Nicht-Privatpatient lange auf einen Termin warten muss, was dann eher für eine Krankenversicherung spricht. In Notfällen bezahlt man einen Pauschalbetrag von derzeit €100 sowie Krankenhaustagegeld. Alle Leistungen für werdende Mütter im Rahmen der Schwangerschaft sind kostenfrei. Weiterführende Informationen zu diesem Thema gibt es hier.

Kinderbetreuung spielt seit kurzem auch für uns eine Rolle. Aus diversen Gründen haben wir uns entschieden, dass ich zunächst mit unserem Kind zu Hause bleibe und wir keine Fremdbetreuung in Anspruch nehmen. Obwohl dies eine gewollte Entscheidung war, hätte es auch finanziell für mich nicht allzu viel Sinn gemacht, wieder in meinen alten Beruf einzusteigen. Bei meinen Recherchen wurden mir Gebühren von €850 – €1650 monatlich für einen Vollzeit-Kinderkrippenplatz genannt. Unter Berücksichtigung des Arbeitsweges und der Öffnungszeiten der Kindereinrichtung hätte ich verkürzt arbeiten müssen und was da am Ende des Monats übrig bleibt, ist den Aufwand nicht wert. Träumt man also von Groβfamilie und Karriere, sollte man lieber nicht nach Irland auswandern.

Was die Schul- bzw. Ausbildung angeht, gibt es staatliche, also kostenfreie Schulen sowohl in der Primär- als auch in der Sekundarstufe, es sei denn man entscheidet sich für eine Privatschule. Einschulungsalter in Irland ist 4 bzw. 5 Jahre. Ab dem 3. Lebensjahr kann ein kostenloser Vorschulplatz in Anspruch genommen werden. Für staatliche Universitäten bezahlt man derzeit eine fixe Studiengebühr von €3,000 pro Jahr. Diese Zusammenfassung des irischen Bildungssystems finde ich zu diesem Thema sehr hilfreich.

Irland ja oder nein?

Beim Beantworten der Fragen potentieller Irland-Auswanderer ist mir bereits aufgefallen, dass ich nicht gerade ein positives Bild der Grünen Insel zeichne. Und tatsächlich spricht vor allem die finanzielle Bilanz nicht gerade für mein Traumland. Nach wie vor schätze ich, was mich nach Irland gelockt hat: die freundliche und offene Art der Menschen, die herrliche Natur, die Sprache. Aber ich weiβ auch zu schätzen, dass ich unbewusst den richtigen Zeitpunkt zum Auswandern abgepasst habe. Wahrscheinlich würde ich auch heute noch einmal nach Irland auswandern. Ob ich es mir leisten könnte, ist eine andere Frage.




Im Moment bin ich glücklich

Gerade eben bin ich von einem Spaziergang zurück, bei herrlichem Sonnenschein und fast 13 Grad. Und das erste Mal roch die Luft anders, so als stünde der Frühling vor der Tür. Wenn es doch nur schon Frühling wäre, dachte ich, dann fängt endlich wieder alles an zu blühen und es riecht immer so frisch.

Einen ähnlichen Gedanken hatte ich, als ich im Dezember durch unseren Ort lief und das erste Mal die Weihnachtsbeleuchtung eingeschaltet war: Endlich ist es soweit – so lange habe ich mich schon auf die Adventszeit gefreut, in der wir es uns vorm Kamin gemütlich machen können. Aber bald wird dann auch der deprimierende Januar ran sein, schoss mir gleich als nächstes durch den Kopf.

Vergangenes Wochenende waren wir in sämtlichen Baumärkten und Innenausstattern unterwegs – die Renovierung unseres Wohnzimmers steht an. Wir haben uns Wandfarben ausgesucht, eine Vorauswahl der dazu passenden Vorhänge getroffen und im Kopf Möbel gerückt. Seither juckt es mir in den Fingern und ich möchte am liebsten sofort loslegen. Plötzlich sehe ich in nur noch die verblasste Farbe an der Wand und die Ecken, die ausgebessert werden müssen. Dabei ist es doch immer noch das gleiche, gemütliche Wohnzimmer.

Unser kleiner “Sonnenschein” ist inzwischen 8 Monate und verändert sich jeden Tag. Die ersten Zähnchen gucken und er brabbelt munter vor sich hin. Oft ertappe ich mich dabei, wie ich stolz jemandem erzähle, dass er nun schon “Da-da” für Daddy sagt, oder ich mich erkundige, wie viele Zähne ein gleichaltriges Baby denn hat. Und sollte er nicht jetzt auch schon richtig krabbeln können? Die Zeit mit ihm vergeht so schon wie im Flug, warum wünsche ich mir also, dass alles noch schneller geht?

Auf neudeutsch heiβt es Mindfulness

Alle diese Beispiele haben eines gemeinsam: sie befördern mich gedanklich aus der Gegenwart in die Zukunft. Mir fällt es unheimlich schwer, einfach mal im Moment zu sein und das zu genieβen, was ich habe. Selbst wenn alles nahezu perfekt ist (wenn man mal von einem unrenovierten Wohnzimmer absieht), bin ich manchmal grummelig oder ungeduldig, weil mir ein mögliches Szenario in der Zukunft die Laune vermiest oder ich etwas nicht erwarten kann.

Oft habe ich schon darüber nachgedacht, mal einen Mindfulness-Kurs zu besuchen. Dabei ist das Konzept, seinen Fokus bewusst auf den Augenblick zu richten, simpel – lediglich für mich nicht einfach umzusetzen. Bei unangenehmen Haushaltsarbeiten muss eben immer eine mehr oder weniger stumpfsinnige Fernsehsendung laufen, als dass ich mich auf das Hier & Jetzt konzentriere. Wobei es beim Wäsche zusammenlegen ja noch verständlich ist, dass man sich in eine andere (Gedanken-)Welt wünscht…

Ich komme daher zu der Erkenntnis, dass ich nicht gern mit meinen Gedanken alleine bin. Oder bin ich es einfach nicht mehr gewohnt? Habe ich mal 5 Minuten Leerlauf, wird gleich das Handy gezückt. Nicht dass ich denke, es hat sich seit dem letzten Mal soviel getan, dass ich etwas verpassen könnte. Nein, ich hoffe darauf – irgend etwas wird mich schon “unterhalten”. Dabei weiβ ich schon vorher, dass nichts auf Facebook & Co. so wichtig ist wie das echte Leben.

Verspätete Neujahrsvorsätze

Wenn ich das nächste Mal in der Wintersonne spazieren gehe, die Bäume noch kahl sind und es nach Frühling riecht, werde ich mich daran erfreuen und mir nicht den Frühling herbeiwünschen. Und im Frühling dann nicht den Sommer, im Herbst nicht Weihnachten usw.

Anstelle mir ein langersehntes Ereignis bereits mit Gedanken daran zu vermiesen, dass es bald vorbei sein wird, werde ich versuchen jeden Moment bis dahin zu genieβen und mir ein kleines Highlight für danach zu setzen. Positives Denken kann nicht schaden :-).

Eine meiner gröβeren “Baustellen”, an der ich arbeiten möchte, ist es mich darauf zu besinnen, was ich habe und nicht ständig nur das zu sehen, was gerade fehlt oder besser sein könnte. Leichter gesagt als getan, aber es wären ja keine Neujahrsvorsätze, wenn sie einfach umzusetzen wären.

Kein Problem wird es hingegen für mich sein, jeden Moment mit unserem kleinen Sohn zu genieβen, ohne ständig zu bewerten, was er in seinem Alter jetzt eigentlich schon können sollte oder nicht. Manchmal lasse ich mich da wohl von Gesprächen mit anderen Müttern etwas verrückt machen. Aber er ist perfekt so wie er ist und ich werde jede Veränderung an ihm, wann immer sie kommt und wie lange sie auch dauert, ganz bewusst genieβen.

Und einen Vorsatz kann ich direkt von der Liste streichen – nämlich diesen Artikel so schnell wie möglich online zu stellen, um meine Neujahrsvorsätze offiziell zu machen und sie nicht länger ignorieren zu können.

 

 




In Wicklow angekommen

Unser erster Sommer im eigenen Haus neigt sich dem Ende und voller Vorfreude sehen wir gemütlichen Herbstabenden am Kamin entgegen. Dennoch trauere ich dem entschwindenden Sommer ein wenig nach, der wie ich finde  – für einen irischen – ausgzeichnet war. Zugegeben sind die Kriterien dafür hier ein wenig anders, aber immerhin kamen kurze Hosen, ein aufblasbarer Swimming Pool im Garten und Sonnencreme darin vor.

Beflügelt vom guten Wetter haben wir enthusiastisch unseren neuen Wohnort nebst Umgebung erkundet und waren wir recht viel unterwegs, im County Wicklow. Dabei haben wir ein paar echte „Perlen“ entdeckt.

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Dublin für Einsteiger

Ankunft am Flughafen

Der Dubliner Flughafen ist meines Erachtens recht übersichtlich und auch gut beschildert – in der Landessprache Irish (Gaeilge) und in Englisch. Mit der irischen Fluggesellschaft Aer Lingus kommt man im neueren Terminal 2 an und mit Ryanair im Terminal 1. Folgt man von der Ankunftshalle aus den Beschilderungen zum Bus, hat man die Wahl zwischen dem Linienbus (Nummer 16 und 41), der einem im Schneckentempo und mit unzähligen Stopps für derzeit €3,30 bis ins Stadtzentrum bringt, dem Airlink und dem Aircoach. Mit letzteren dauert die Fahrt ins Stadtzentrum nur ca. 25 Minuten und das Ticket kostet €7 pro Person und Strecke. Wer plant und online bucht bzw. gleich ein Rückfahrticket mitkauft, kann noch einmal ein paar Euro sparen.  Daher sind sie eine super Alternative zum wesentlich teueren Taxi, das etwa genauso lange benötigt.

Dublin – ein paar Fakten

Ich bin von dem ganzen Gewusel und dem Geräuschpegel in der Innenstadt von Dublin immer etwas überwältigt. Abgesehen davon, ist Dublin eine vergleichsweise kleine Metropole, in dessen Großraum ca. 1,3 Mio. Menschen leben (Quelle: Dublin Chamber). Sie liegt an der Ostküste Irlands im gleichnamigen County und verfügt über einen Hafen, in dem u.a. Fähr- und Kreuzfahrtschiffe anlegen. Der Name Dublin kommt aus dem Gälischen von dubh linn, was soviel wie “schwarzer Pfuhl” bedeutet. Sein moderner Name in Landessprache ist Baile Áth Cliath, das “Stadt an der Hürdenfurt” heißt und keineswegs so ausgesprochen wird wie man es schreibt. Dieser gälische Name Dublins steht übrigens auch an den Bussen – also nicht davon verwirren lassen.

Trinity College & Co.

Es gibt gewisse Sehenswürdigkeiten, die dürfen auf einer Dublin-Tour nicht fehlen dürfen und sind daher “Standard” bei jeder Rundreise. Und auch ich habe sie alle besucht, als ich die ersten Male nach Irland kam. So zum Beispiel das Trinity College, an dem man, selbst bei einer reinen Shopping-Tour, mindestens einmal vorbeiläuft. Es wurde 1592 von Queen Elizabeth I als Universität für die protestantische Elite gegründet; später waren dann auch katholische und andere Studenten zugelassen. Heute gibt es dort ca. 17,000 Studenten verschiedener Nationen. Zu berühmten Absolventen zählen u.a. Oscar Wilde, der Literatur-Nobelpreisträger Samuel Beckett und Bram Stoker (der mit dem Dracula :-)).
Ein Touristenmagnet ist das Trinity College vorrangig wegen des Book of Kells, einem kunstvollen Manuskript, das im frühen 9. Jahrhundert von Mönchen angefertigt wurde. Ebenfalls sehr beeindruckend ist der Long Room, die Bibliothek und wohl bekannteste Innenansicht des Trinity College, mit ihren unzähligen Werken. Mir persönlich hat die von Trinity Studenten geführte Tour über den Campus sehr gut gefallen.
Wer sich mehr für alte (christliche) Schriftstücke als für das Gebäude selbst interessiert, dem sei die Chester Beatty Library empfohlen. Dort ist der Eintritt frei und es gibt genug historische Manuskripte zum Sattsehen.

Zu den geschichtsträchtigen Gebäuden der Stadt zählt außerdem das General Post Office (GPO), das Hauptpostamt. Es war während des Osteraufstandes 1916 strategischer Mittelpunkt und Hauptquartier der Aufständischen, die für ein unabhängiges Irland von der britischen Krone kämpften. Man sollte auf jeden Fall einen Blick auf die Architektur, v.a. im Inneren des GPO werfen. Wer mehr über die Rebellion und die Freiheitskämpfer erfahren möchte, der kann sich das kürzlich eröffnete Museum anschauen, das sich ebenfalls im Gebäude befindet.

Die Straße auf der sich das GPO befindet, ist die O’Connell Street und als breiteste Straße quasi die Hauptader der Innenstadt. Als “Flaniermeile” kann man sie nicht gerade bezeichnen, denn leider wurde in den 70er Jahren die Viktorianische Architektur größtenteils durch weitaus unschönere Häuser ersetzt. Am Kopfende der Straße, kurz vor der O’Connell Bridge, trohnt eine Statue des Namensgebers Daniel O’Connell, der in Irland ein bisschen so was wie ein Nationalheld ist.

Die O’Connell Bridge, die über den Liffey Fluss führt, bringt einen in den “Südteil” der Stadt. Der Fluss ist dabei die strikte Grenze und es gibt sogar eine Rivalität zwischen Nord und Süd, wobei ein Nordstädter niemals (oder nur ungern) im südlichen Dublin wohnen würde und umgekehrt. Im Süden der Stadt, den man auch über die pittoreske und weitaus bekanntere Ha’ Penny Bridge erreicht, befindet sich der großzügige St. Stephen’s Green Park, eine grüne Oase direkt neben dem Shopping-Paradies der Grafton Street und des St. Stephen’s Green Shopping Centre. Selbst wenn der Park bei schönem Wetter gut besucht ist, findet man immer noch ein Plätzchen, wo man in der Sonne liegen oder in aller Ruhe Enten füttern kann :-).

Etwa 10 Gehminuten von dort entfernt, befindet sich Merrion Square, den ich immer als Paradebeispiel für die Georgianische Architektur mit den typisch bunten Türen empfehle. Man fühlt sich dort beinahe wie in eine andere Zeit zurückversetzt und kann ganz nebenbei noch Oscar Wilde, oder zumindest seiner Statue einen Besuch abstatten.

Christchurch Cathedral vs. St. Patrick’s Cathedral

Die Christchurch und die St. Patricks Kathedrale sind die meistbesuchtesten Kirchen der Stadt, wobei mir persönlich letztere ein wenig besser gefällt. Beide sind protestantisch, was mich anfangs im katholischen Irland ein wenig überrascht hat . Man kann in beiden Kirchen an geführten, sehr interessanten Touren teilnehmen, bei denen man etliches an Hintergrundwissen und zur (Stadt-)geschichte erfährt, was einem sonst verborgen bliebe. Als Tourist und wenn man sich ordentlich umschauen möchte, sollte man die derzeit €6,50 in Christchurch und €5,00 Eintritt in St. Patricks bezahlen, die ja auch dem Erhalt der Gebäude dienen. Zu den Gottesdiensten muss man zwar keinen Eintritt zahlen, aber kann eben auch nicht umherlaufen.

Bier und Whiskey…

…wird man früher oder später auf jeder Irlandreise begegnen. Warum also nicht gleich in Dublin damit anfangen? Und wenn man Bier oder Whiskey in einem Museum trinkt, ist es dann nicht irgendwie auch Kultur? Im Guinness Storehouse kann man in einer dynamischen Ausstellung auf 7 Stockwerken alles über das “schwarze Gold” erfahren, vom Brauvorgang bis zur Vermarktung. Obendrein lernt man den perfekten Pint zu zapfen und dieser ist schon im Eintrittspreis inbegriffen. Genießen kann man ihn dann in der Gravity Bar hoch über den Dächern Dublins, wofür es sich allein schon lohnt das Guinness Storehouse zu besuchen.

Wem es eher der irische Whiskey angetan hat – den man übrigens mit “e” schreibt, also Whiskey und nicht Whisky wie den schottischen – der hat in Dublin mehrere Möglichkeiten. Es gibt die Jameson Distillery, die etwas jüngere Teeling Distillery und das Irish Whiskey Museum. Für welche man sich entscheidet, ist im wahrsten Sinne des Wortes Geschmacksache, denn eine Kostprobe gibt’s in jedem Fall.

“Erlebnisgastronomie” vom Feinsten

Der Begriff Erlebnisgastronomie hat in Dublin eine ganz neue Bedeutung, denn irgendwie sind hier fast alle Pubs ein Erlebnis. Das liegt nicht zuletzt an der Live-Musik, die in einigen Lokalitäten bereits ab Nachmittag zu hören ist. Das natürlich vorangig im (Touristen-)Ausgehviertel Temple Bar, das ich, ausgenommen der Preise, durchaus empfehlen kann. Gerade wenn man nur kurz in Dublin ist, braucht man hier nicht lange suchen und bekommt irische Musik mit Pint an jeder Ecke geboten. Das ganze Viertel nennt sich Temple Bar, wobei es auch das Temple Bar Pub gibt, was sich selbstverständlich dort befindet und sozusagen sein “Flaggschiff” ist.
Was wir Deutschen uns unter einem irischen Pub vorstellen – also so richtig urig mit allerlei Krims-Krams wie Postkarten oder alten Wagenrädern an der Wand – ist im Übrigen gar nicht so typisch irisch. Von meinem Mann weiß ich, dass es in den 80er Jahren eher nicht so gemütlich in den Pubs zuging, sondern diese vielmehr schmucklose Trinkhallen waren.

Wer erst einmal ganz gepflegt mit einer Mahlzeit durchstarten möchte, dem kann ich das J.W. Sweetman direkt an der O’Connell Bridge empfehlen. Es ist recht groß und verwinkelt; demnach findet man fast immer einen Platz und sitzt trotzdem kuschelig unter sich mit Blick auf den Liffey. Das Warten auf’s Essen kann man sich mit dem Lesen amüsanter Wandsprüche irischer Prominentenrvertreiben. Außerdem hat das J.W. Sweetman seine eigene Mikrobrauerei und man kann eine recht amüsanten Bierverkostung im Voraus buchen. Nachdem ich jegliche Biersorten von fruchtig-süß bis herb-rauchig durchprobiert habe, kann ich guten Gewissens sagen, dass ich definitiv kein Biertrinker bin.

Zwei Restaurants möchte ich nur mal kurz erwähnen, weil ihr Ambiente so speziell ist und die Räumlichkeiten einst einem ganz anderen Zweck dienten: Zum einen The Bank on College Green und The Church. Bei den Namen ist es glaube ich überflüssig zu erläutern, was die beiden jeweils vorher waren :-). Bezüglich des Essens kann ich mir kein Urteil erlauben, aber man muss sich ja dort auch nur mal ein Getränk gönnen, um sich in Ruhe umschauen zu können.

Fortsetzung folgt…

 




“Mein” Gott und die Welt

Ich bin nicht gläubig oder sollte ich eher sagen, noch nicht? Denn vielleicht ist es für mich an der Zeit, alte Ansichten zu revidieren. Normalerweise werden die Sichtweisen der Kirche oft als verstaubt und nicht mehr ganz zeitgemäß betrachtet. Für mich persönlich sind sie jedoch völlig neu. Und auch das Konzept einer „höheren Macht”, die Dinge leitet und nicht kontrollierbar ist, finde ich nicht mehr so abwegig wie noch vor ein paar Jahren.

Ich wurde in der ehemaligen DDR geboren und da war Religion nicht gerade an der Tagesordnung. Meine Eltern legten Wert darauf, uns christliche Moralvorstellungen als Bestandteil der abendländischen Kultur mit auf den Weg zu geben, aber der Fokus lag dabei mehr auf historischen Aspekten als auf spirituellen. Passierten unvorhersehbare Dinge, war von Schicksal die Rede, aber ich kam nicht auf die Idee, mich bei “jemandem” zu bedanken, geschweige denn um Hilfe zu bitten. Das fällt mir nach wie vor schwer, aber meine streng atheistische Teenager-Meinung von damals scheint langsam zu bröckeln.

Immer öfter stelle ich mir die Frage, was eigentlich so falsch daran sein kann, sich mit seinen Ängsten und Nöten an eine höhere Macht zu wenden, wenn es einem Hoffnung und Kraft gibt. Und, ist es wirklich immer nur Glück, wenn alles “rund läuft” ohne großes Zutun?  Oder andersherum, wenn einem trotz Bemühungen gewisse Sachen nicht gelingen und man später feststellt, dass man nur vor etwas bewahrt wurde, das nicht gut für einen gewesen wäre. Und würde einem der Gedanke eines vorbestimmten Weges nicht auch helfen Gegebenheiten zu akzeptieren, die man nicht ändern kann ohne deswegen ewig mit dem Schicksal zu hadern? Zu wissen, dass nur das, was für einen bestimmt ist, einen glücklich machen und ausfüllen kann bzw. dass alles was geschieht einen Sinn hat? Und ist es dann nicht auch nur fair, sich mal “irgendwo” zu bedanken für das was man erreicht hat, wovor man beschützt wurde und wohin es einen geführt hat? Ob man diesen Dank an das “Schicksal” richtet oder sich tatsächlich an (einen) Gott wendet, sei erst einmal dahingestellt.

Spiritueller Laie trifft auf sattelfesten Katholiken

Diese Gedanken kommen nicht von ungefähr, sondern inzwischen ist Religion ein Teil meines Alltages: mein Mann ist Katholik und das nicht nur laut Taufschein. Er lebt seinen Glauben aktiv mit allem was dazugehört. Und um ehrlich zu sein bin ich manchmal etwas neidisch, wie viel es ihm gibt und wieviel Kraft er daraus schöpft. Warum sollte ich mich also nicht auch einmal darauf einlassen?

Ich werde von ihm wiederum um meine Intuition beneidet; angeblich hätte ich einen viel besseren Draht zu Gott, sagt er. Und das hat ebenfalls seine Gründe: trotz meiner Angst vor großen Entscheidungen und davor  Verantwortung zu übernehmen, habe ich bereits etliche lebensverändernde Schritte gewagt; einzig und allein auf einem “Bauchgefühl” basierend und oft entgegen aller Warnungen anderer und jeglicher Schwarzmalerei. Zugegeben, ich habe mich mit den meisten davon sehr schwergetan, aber letztendlich immer einzig und allein darauf vertraut, dass es sich richtig anfühlt. Und mein Mut wurde belohnt – mit vielen positiven Wendungen in meinem Leben, die mir einfach so zugeflogen zu sein scheinen.

Wer(s) glaubt…

Also entweder bin ich so clever und weiß immer, was das Richtige für mich ist oder es gibt tatsächlich einen Gott. Einen Gott, der es mir mit nur einer Jobbewerbung ermöglicht hat, in mein Traumland auszuwandern. Einen Gott, der mir bei der doch recht bescheidenen Auswahl an bezahlbarem Wohnraum in Dublin geholfen hat, die Wohnung zu finden, wo mein jetziger Ehemann als Nachbar wohnte und uns kurz darauf auf romantische Art & Weise zusammenbrachte. Einen Gott, der mir ohne mein Zutun zu einem Karriereschub verholfen hat, welcher mich wiederum davor bewahrte, meine eisernen Reserven restlos aufzubrauchen und somit in meiner neuen Wahlheimat bleiben zu können. Einen Gott, der mir nach unglaublich kurzer Suche das perfekte Auto und mit dessen Hilfe mein Traumhaus quasi vor die Füße gelegt hat, von dem ich nicht einmal gehofft hatte, es irgendwann zu besitzen. Keine endlose Suche und Kampf um Gebote beim Kaufpreis, was hier Standard ist. Nein, einfach so, die allererste Besichtigung, Blick auf’s Meer inklusive.

Auch mir werden ab und zu Steine in den Weg gelegt, so ist das nicht. Die Organisation unserer Hochzeit, zum Beispiel, lief nicht ganz so reibungslos ab. Im Gegenteil – alle unsere Pläne wurden von Problemen mit den Formalitäten durchkreuzt. Doch auch hier hat uns der scheinbare Rückschlag und die Absage unserer “Traumhochzeit” die wohl spontanste Hochzeit in der irischen Geschichte beschert, die rückblickend betrachtet viel mehr in unserem Sinne war als die zuvor angedachte, perfekt durchorganisierte Riesenfeier.

Und ich könnte jetzt noch eine Weile so weitermachen mit Aufzählungen großer und kleiner glücklicher Fügungen in meinem Leben. Oft hört man dann „es hat halt so sollen sein“, was mich wieder zu meinen Anfangsfragen zurückbringt: Wer oder was bestimmt, ob einem etwas ohne große Anstrengung gelingt oder man sich daran die Zähne ausbeißt und es letztendlich doch erfolglos bleibt? Gibt es also diesen einen vorbestimmten Plan und demnach etwas Überirdisches, was einen lenkt und einem ein gutes Gefühl bei Dingen gibt, die „richtig“ sind und Gewissensbisse bzw. Zweifel bei falschen Entscheidungen?

Ich habe jedenfalls das Gefühl, genau dort angekommen zu sein, wo ich zum jetzigen Zeitpunkt in meinem Leben sein soll. Alles fühlt sich richtig und gut an. Ich denke das ist einer der Gründe, warum ich derzeit verstärkt nach einer Antwort suche, wer oder was mich hierher geführt hat.

Der Glaube kommt nicht über Nacht

Mein “Experiment” läuft seit ca. 2 Jahren: mein Mann und ich gehen gemeinsam in die Kirche und ich mag unser “Sonntagsritual”. Anfangs habe ich noch gewitzelt und wollte mir eine Art „Pilgerpass“ zulegen, in dem ich dann einen Stempel für jede neue Kirche bekomme, in der ich einen Gottesdienst besucht habe. Inzwischen betrachte ich es mit ein wenig mehr Ernsthaftigkeit, was konkret für mich erst einmal heißt, dem Ganzen offen und unvoreingenommen gegenüberzustehen, ergo Vorurteile abzustreifen. Die Predigten sind tagesaktuell, regen zum Nachdenken an und bieten eine hervorragende Diskussionsgrundlage für meine Fragen rund um Religion und Glauben, die mein Mann danach jedes Mal geduldig beantwortet.

Wir haben uns katholisch trauen lassen. In erster Linie habe ich einer kirchlichen Hochzeit zugestimmt, weil ich wusste, wieviel es meinem Mann bedeutet. Andererseits konnte ich auch für mich persönlich nichts finden, was dagegen gesprochen hätte.

Theoretisch bin ich also schon irgendwie auf einer spirituellen Reise. Bei der praktischen Umsetzung steht mir mein rationeller Dickschädel noch ein wenig im Weg.

 

Passend zum Thema habe ich kürzlich diese interessante Reportage in der ARD gesehen.




Gräbt sich Irland das Wasser ab?

Zwei Meldungen über Irland haben im vergangenen Jahr die Touristikerin in mir aufhorchen lassen:

Laut einer Umfrage des renommierten US-Magazins Condé Nast Traveler, sind zwei irische Städte unter den Top 6 der freundlichsten Städte weltweit – Dublin auf Platz 3 und Galway auf Platz 6 (Quelle: Tourism Ireland).

Die andere war in der Irish Times Mitte August zu lesen – Dublin ist nun nach Aussage des Hotelbuchungsportals HRS zweiteuerste Stadt was Unterkünfte in Europa betrifft. Vielleicht keine 100% repräsentative Studie, aber allein der Fakt, dass der durchschnittliche Übernachtungpreis dort bei €188,- liegt und demzufolge die Nachfrage da ist, ist meiner Meinung nach aussagekräftig genug.

Und apropos Nachfrage, die Besucherzahlen sind in der ersten Hälfte des Jahres 2016 um 14% im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr gestiegen. In Zahlen sind das ca. 420.000 Besucher mehr als in 2015 (Quelle: Tourism Ireland). Zurecht ist man stolz auf ein solches Ergebnis; die Wirtschaft boomt wieder und die Krise scheint endlich überwunden.

Bedenken einer begeisterten Auswanderin

Ich beobachte diese Entwicklung, die auf diversen Reise‑Workshops immer wieder freudig präsentiert wird, jedoch mit ein wenig Sorge. Einerseits aus der ganz egoistischen Befürchtung, die Insel selbst bald nur noch mit großen Menschenmengen und endlosen Warteschlangen in den Sommermonaten erleben zu können. Zum anderen habe ich rein pragmatische Bedenken – wohin mit der enormen Anzahl zusätzlicher Besucher in einem Land, das limitiert durch das Meer, nur über begrenzt Platz bzw. touristische Infrastruktur verfügt. Die logische Konsequenz wäre, soweit eben möglich, mehr Unterkünfte etc. zu schaffen, um dem den Prognosen nach auch 2017 zu erwartenden Ansturm gerecht zu werden.

Aber halt, hatten wir das nicht schon einmal? Einen Bau-Boom in der Euphorie des Celtic Tigers Mitte der 1990er Jahre? Mehr Hotels, mehr Visitor Centre, mehr Restaurants, um dem internationalen Gast etwas zu bieten? Oder war es doch eher das Interesse am eigenen Profit, was im Vordergrund stand, bevor 2008 alles gehörig nach hinten losging und das „Kartenhaus“ zusammenbrach. Egal, denn die Touristen wurden weniger. Und wenn man wiederum anderen Umfragen Glauben schenkt, kommen die meisten ohnehin nicht wegen etwaiger massiver Neubauten, sondern paradoxerweise gerade dem Gegenteil – etwas, das die Grüne Insel auch so (zumindest noch) zu bieten hat: viel Natur und Ursprünglichkeit.

Der Ast auf dem ich sitze…

Keinesfalls möchte ich alle Iren als habgierig und profitorientiert hinstellen. Ebenso liegt es mir fern, mich als „Wirtschaftsorakel“ zu versuchen. Aber so viel kann ich sagen: in meiner eigenen kleinen Welt, d.h. im Büro, wo ich täglich gemeinsam mit zahlreichen Vertretern der irischen Tourismusindustrie diverse Gruppenreisen über die Insel konzipiere (ja, ich bin auch aktiv an der Steigerung der Besucherzahlen beteiligt und stehe ihr dennoch kritisch gegenüber), schlägt mir zunehmend ein neuer Ton entgegen. Ein Hoch auf die Hotels, die uns nach wie vor als gleichgestellten Partner betrachten und das Geschäft, das wir ihnen seit Jahren bringen, wertschätzen. Das sind leider die wenigsten. Habgier und Arroganz bestimmen derzeit meinen Arbeitsalltag. Ein wahrhaft undankbarer Zustand. Kaum im wirtschaftlichen Aufschwung angelangt, sehen meine Kollegen und ich nahezu hoffnungsvoll der Kehrtwende entgegen, die einige Überflieger wieder zurück auf den Boden bringen sollte. Schade, wenn das nur über Extreme zu bewerkstelligen ist; ein gesundes Mittelmaß wäre hier wünschenswert.

Zumindest der Gast bekommt von dem derzeit leicht unterkühlten Verhältnis anscheinend nichts mit, denn immerhin sind „wir“ unter die freundlichsten Städte der Welt gewählt worden. Aber wenn wir schon einmal dabei sind, bekommt auch diese Statistik von mir ihr Fett weg. Erst kürzlich habe ich mich mit meinem Mann genau darüber unterhalten und er als Einheimischer erinnert sich noch an ein ganz anderes Dublin. Auslöser für unsere Debatte war ein kleiner “Schnack” mit einer Verkäuferin in einem Laden in Wexford, einer Stadt an der Süd-Westküste Irlands. Er meinte, dass man das, was früher Gang und Gäbe war, kaum noch in Dublin erlebt: einfach mal ganz gemütlich über’s Wetter plaudern ohne das hinter einem gleich einer mit den Augen rollt. Und das ist kein Vorwurf an Unbekannt, sondern auch ich zähle mich zu denjenigen, die oftmals nur noch mit Tunnelblick durch die Stadt stratzen ohne wahrzunehmen, was rundherum passiert. Trotz der Statistik, wonach die irische Hauptstadt die drittfreundlichste Stadt der Welt ist, habe ich persönlich das Gefühl, dass es im schnelllebigen Dublin kaum noch Zeit für außerordentliche Freundlichkeit und die berühmte „irische Gelassenheit“ gibt. Verständlicherweise, denn welche(r) Kassierer(in) im Supermarkt oder in den vollen Läden der Innenstadt erkundigt sich schon nach dem Befinden, während sie/er gleichzeitig von duzenden genervten Blicke der Wartenden durchbohrt werden. Neulich im überfüllten Bus auf dem Weg zur Arbeit drohte eine Frau zu kollabieren. Sie fragte, ob jemand den Halteknopf für sie betätigen könnte und am nächsten Stopp stieg sie im Sog der Menge aus, um sich dann allein in die Ecke des Bushäuschens zu kauern. Ich fühlte mich schrecklich, denn auch ich war nicht ausgestiegen, um ihr Hilfe anzubieten.

Reif für die Insel auf der Insel

Stellt sich die Frage, Huhn oder Ei, was kam zuerst – die hektische Großstadt, die es schwer macht die „alten (irischen) Tugenden“ aufrecht zu erhalten oder sind wir es mit Smartphone & Co., die sich davon abhalten dem Zwischenmenschlichen gesteigerte Aufmerksamkeit zu schenken und Dublin mehr und mehr in eine anonyme Metropole verwandeln?

Das sind jedoch nur Denkansätze von mir und im Gegensatz zu den anderen Tatsachen nicht durch eine Studie zu belegen. Mag sein, dass da gar nichts dran ist und ich nach meinem jahrelang gehegten und letztendlich erfüllten Wunsch in einer vibrierenden Großstadt zu leben, nun einfach an einem Punkt angekommen bin, an dem es Zeit ist, mich in ruhigere Gefilde zurückzuziehen. Wenn mir im Dorfladen zum wiederholten Male ein Gespräch ans Bein gebunden wird und ich es doch dann gerade eilig habe, revidiere ich meine Meinung gern.

Wer sich nun fragt, wie ich mit einem Blog über Irland Erfolg haben möchte, wenn ich doch (derzeit) so negativ darüber denke, dem soll gesagt sein, dass eine Liebesbeziehung auch mal Kritik abkönnen muss.




Verräterische Akzente

Als ich in die Schule kam und schreiben lernte, konnte ich es kaum erwarten endlich meine ganz eigene Handschrift zu haben. Ich wollte schreiben „wie die Großen“ und fragte ungeduldig immer wieder meine ältere Schwester, wann es denn endlich so weit sein würde mit der „Erwachsenen-Schreibschrift“ und wie lange ich dafür noch üben müsse.

Wie kindisch, denke ich heute rückblickend, denn irgendwann war sie natürlich ohne großes Zutun da, meine individuelle Handschrift und heute wünsche ich mir manchmal, sie würde sich noch einmal ändern, aber das steht auf einem anderen Blatt.

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Hellfire Club – Dublins Nachtclub der anderen Art

In Dublin gibt es zweifelsohne zahlreiche Orte, an denen man sich zu einem romantischen Date verabreden kann: im Park von St. Stephen’s Green, an der berühmten Ha’Penny Bridge, an einem der stadtnahen Strände oder einfach in einem kuscheligen kleinen Café. Bei mir darf es allerdings eher etwas mit „Gruselfaktor“ sein.

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Woanders ist das Gras grüner…

…als in Irland? Wohl kaum!

Aber wie ist es eigentlich, wenn man sich seinen Traum erfüllt und in das Land auswandert, das man bislang weitestgehend nur aus dem Urlaub kennt? Für gewöhnlich mit einem ordentlichen Budget ausgestattet, um es sich richtig gutgehen zu lassen. Für zwei Wochen im Sommer mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auf gutes Wetter. Die wichtigsten Vokabeln aufgefrischt, um sich durch die Speise- und Getränkekarte zu fragen und notfalls, mit viel Mut, einen Einheimischen nach dem Weg.




Warum Irland?

Als ich vor 2 Jahren nach Irland ausgewandert bin, bekam ich genau zwei Arten von Reaktionen:

  1. Warum denn gerade Irland? Hättest du nicht nach Spanien gehen können, wo es wenigstens warm ist?
  2. Wow Irland, da wollte ich auch schon immer mal hin. Da ist alles so schön grün und es gibt überall Schafe.

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